Kindeswille

Der Wille des Kindes spielt in familiengerichtlichen Verfahren eine wesentliche Rolle. Hier finden Sie Urteile, in wie weit er Einfluß auf die Gerichtsentscheidungen haben sollte.

Beeinflusster Kindeswille ist im Verfahren nur von Belang, wenn die Äußerungen des Kindes die tatsächlichen Bindungsverhältnisse nicht zutreffend wiedergeben.
BverfG, 02.04.01, FamRZ 01, 105

Kindeswille hat im Sorgerechtsverfahren zwei Funktionen: Er ist Ausdruck für die Bindung des Kindes an Personen und darüber hinaus ein Akt der Selbstbestimmung des Kindes. Je älter das Kind, desto stärker gilt die zweite Funktion, als Grenze für die Fähigkeit zur Selbstbestimmung wird das 14. Lebensjahr angenommen.
OLG Zweibr., 29.06.00, Quelle: FamRZ 01, 186

Kinder haben eigene Grundrechte. Der Entzug der elterlichen Sorge ist zulässig, wenn die Mutter über einen längeren Zeitraum keinen emotionalen Zugang zu den Kindern und ihren Bedürfnissen findet und diese massiv missachtet, um eigene Wertvorstellungen durchzusetzen und die Kinder gegen ihren erklärten Willen in einem religiös geprägtem Internat zu beschulen (Sorgerechtsmissbrauch).
AG München, 05.06.2001, Quelle: FamRZ 02, 690

Bei der Beurteilung des Umgangs kommt es nicht nur auf den geäußerten Willen der Kinder an, sondern auch auf ihr gesamtes Verhalten. Auffälligkeiten können zur Einschränkung des Umgangsrechts führen.
OLG Celle, 07.04.1999, Quelle: FamRZ 00, 48

Auch der beeinflusste Kindeswille kann zu Bindungen führen, die zu berücksichtigen sind. Eine Umgangspflegschaft kann Besorgnisse des Elternteils überwinden helfen, bei dem das Kind lebt. Begleiteter Umgang ist ein geringerer Eingriff in Elternrechte als ein vollständiger Ausschluss des Umgangs.
OLG Hamburg, 26.10.2001, Quelle: FamRZ 01, 566

Kinder sind in Sorgerechtsangelegenheiten auch im 3. Lebensjahr anzuhören. Von der Anhörung kann nur aus schwerwiegenden Gründen abgesehen werden. Die fehlende Anhörung führt zur Aufhebung des Urteils und Zurückverweisung an das Amtsgericht.
OLG Brandenburg, 14.10.2002, Quelle: ZfJ 03, 289

Werden Kinder von dem Elternteil beeinflusst, bei dem sie leben, und entwickelt sich hierdurch eine Störung (hier: PAS), auf Grund derer sie den Kontakt zum anderen Elternteil ablehnen, so kann der geäußerte Kindeswille nur bedingt für die Beurteilung von Umgangskontakten herangezogen werden, wenn die Kinder laut Sachverständigengutachten Beziehungswünsche an den anderen Elternteil haben. Zur Anbahnung der Kontakte ist zunächst ein begleiteter Umgang notwendig.
OLG Zweibrücken, 09.05.2005, FamRZ 06, S. 144

Gefährdet ein Elternteil das Kindeswohl durch  unkontrollierte Wutausbrüche und glaubhafte Suiziddrohungen gegenüber den Kindern auf Grund einer akuten psychischen Belastunssituation, kann ihm das Aufenthaltsbestimmungsrecht im Rahmen einer einstweiligen Anordnung entzogen werden. Die einstweilige Anordnung darf nicht aufgehoben werden, so lange sich keine schwerwiegenden Gründe ergeben, die für die Aufhebung sprechen. Insbesondere kann sie nicht verändert werden, wenn die Kinder dadurch wieder ihren Wohnort wechseln müssten, ohne das gesichert ist, dass sie am neuen Ort bleiben können. Der begründete Wille 13- jähriger Kinder ist dabei von entscheidender Bedeutung.
OLG Hamm, 31.05.2006, FamRZ 06, S. 1478