Weiterentwickelte Empfehlungen des Deutschen Vereins für Öffentliche und Private Fürsorge zur Vollzeitpflege/ Verwandtenpflege

2004 veröffentlichte detaillierte Empfehlungen zur Ausgestaltung des Pflegekinderwesens, auf die sich das Land Sachsen- Anhalt bei seinen Emfehlungen bezieht.
Einleitung

Rechtsgrundlagen

1. Vollzeitpflege als Hilfe zur Erziehung
1. Voraussetzungen für Hilfe zur Erziehung in Vollzeitpflege/ Verwandtenpflege
1.1. Der „erzieherische Bedarf“ als Voraussetzung für Hilfe zur Erziehung nach §§ 27, 33 SGB VIII
1.2. Die Auswahl der Hilfeart nach §§ 27, 33 SGB VIII
1.2.1. Vollzeitpflege nach § 33 SGB VIII als geeignete und notwendige Hilfe i.S.v. § 27 SGB VIII
1.2.2. Abgrenzung zwischen Vollzeitpflege nach § 33 SGB VIII und Heimerziehung/sonstige betreute Wohnform nach § 34 SGB VIII

2. Verhältnis von Adoption und Vollzeitpflege
3. Differenzierung der Vollzeitpflege nach Form und Funktion
3.1. Pflegeformen für die befristete Betreuung von Kindern und Jugendlichen
3.1.1. Kurzzeitige Vollzeitpflege
3.1.2. Interims-Vollzeitpflege
3.1.3. Familiäre Übergangs-/Bereitschaftsbetreuung
3.2. Auf Dauer angelegte Pflegeformen
3.2.1. Allgemeine Vollzeitpflege
3.2.2. Sozialpädagogische Vollzeitpflege
3.2.3. Sonderpädagogische Vollzeitpflege
3.2.4. Exkurs: Abgrenzungsprobleme der besonderen Pflegeformen gegenüber Erziehungsstellen nach § 34 SGB VIII
3.3. Besonderheiten der Großeltern- und Verwandtenpflege
3.3.1. Grundsätzliches zur Großeltern-/Verwandtenpflege
3.3.2. Empfehlungen zur Ausgestaltung der Großeltern- und Verwandtenpflege
3.4. Vollzeitpflege in der Familie des Vormunds oder des Pflegers
3.4.1. Anspruch auf Hilfe zur Erziehung
3.4.2. Pflichten des Jugendamtes

4. Kooperation und Organisation in der Vollzeitpflege
4.1. Verhältnis und Kooperation zwischen freien, öffentlichen und privat-gewerblichen Anbietern
4.1.1. Grundsätzliches zur Kooperation
4.1.2. Rechtliche Bewertung
4.2. Orientierungsrahmen für die Organisation
4.2.1. Aufgabenstellung
4.2.2. Modelle der Aufgabenorganisation
4.2.3. Gewichtungsfaktoren

5. Steuerung des Hilfeprozesses – Hilfeplanung
5.1. Beteiligte
5.2. Dokumentation der Hilfeplanung: Hilfeplan
5.2.1. Kooperation
5.2.2. Lebensperspektiven
5.3. Überprüfung des Hilfeplans

6. Gestaltung des Hilfeprozesses
6.1. Werbung, Erstinformation und Suche nach geeigneten Pflegeeltern
6.2. Qualifizierung von Bewerberinnen/Bewerbern, individuelle Vorbereitung und Eignungsfeststellung
6.3. Die allgemeine Vorbereitung der Inpflegegabe
6.4. Der Vermittlungsprozess
6.5. Die Anbahnung des Pflegeverhältnisses
6.6. Der Beginn des Pflegeverhältnisses
6.7. Die Begleitung laufender Pflegeverhältnisse
6.7.1. Arbeit mit dem Pflegekind
6.7.2. Arbeit mit der Herkunftsfamilie
6.7.3. Arbeit mit der Pflegefamilie
6.7.4. Kontakt- und Umgangsregelungen
6.8. Die Beendigung von Pflegeverhältnissen
6.8.1. Allgemeine Empfehlungen zur Gestaltung von Beendigungsprozessen
6.8.2. Empfehlungen zur Beurteilung und Gestaltung von Rückführungen

7. Sorgerechtliche Aspekte
7.1. Ausgestaltung der sorgerechtlichen Beziehungen bei „freiwilliger“ Inpflegegabe
7.1.1. Gesetzliche Befugnis nach § 1688 BGB
7.1.2. Richterliche Gestaltung nach § 1630 Abs. 3 BGB
7.2. Mögliche zivilrechtliche Folgen bei länger dauernder Vollzeitpflege (Verbleibensanordnung)
7.3. Vollzeitpflege in Folge familiengerichtlicher Sorgerechtsbeschränkung

8. Besondere Aspekte
8.1. Soziale Absicherung der Pflegeeltern
8.2. Risikoabsicherungen für Pflegekinder und Pflegeeltern
8.3. Datenschutz

 

Einleitung

Die Vollzeitpflege, über Jahrhunderte hinweg lediglich ein öffentlich oder privat arrangiertes Versorgungssystem für verwaiste oder uneheliche Kinder armer Mütter, hat sich erst Mitte der 60er Jahre allmählich zu einer erzieherischen Hilfe mit eigenem Profil entwickelt. Um diese Zeit wurde die Pflegefamilie zunächst als Alternative zu den damals noch verbreiteten Säuglings- und Kleinkindheimen mit ihren hospitalisierenden Wirkungen entdeckt. Anfang der 70er Jahre traten neben die – noch heute dominante – allgemeine Vollzeitpflege (damals noch häufig – das Programm kennzeichnend – als „Dauerpflege“ benannt) dann erste Differenzierungsformen. Mit der in Berlin und Bremen entwickelten „heilpädagogischen Pflegestelle“ öffnete sich das Pflegekinderwesen auch älteren, „heimmüden“ und in ihrer Entwicklung beeinträchtigten Kindern. Die Erziehungsstellen des LWV Hessen suchten ebenfalls seit dieser Zeit im Rahmen der damaligen Freiwilligen Erziehungshilfe und Fürsorgeerziehung auch noch für Jugendliche eine Alternative zur Heimerziehung und seit Beginn der 80er Jahre entstanden regional „sonderpädagogische“ Pflegestelle zumeist für behinderte, auch mehrfachbehinderte Kinder. Mit diesen Formen war die Idee der (semi-) professionellen Pflegefamilie mit Konsequenzen auch für die Verfachlichung der Pflegestellenarbeit über die besonderen Pflegeformen hinaus geboren. Mit dem Modellprojekt „Beratung im Pflegekinderwesen“, im Auftrag des BMJFG vom Deutschen Jugendinstitut konzipiert und unter Beteiligung von 32 Jugendämtern und freien Trägern zwischen 1980 und 1985 realisiert, erhielt das Pflegekinderwesen weitere neue Impulse. Sie wurden Ausgangspunkt für – nicht immer emotionslos geführte – Auseinandersetzungen zwischen den Anhängern des auf die Ablösung der Kinder von traumatisierenden Eltern und auf die volle Integration in die Pflegefamilie setzenden „Ersatzerziehungskonzepts“ und des jetzt in die Diskussion gebrachten, an Modellen systemischer Familientherapie orientierten, „Ergänzungsfamilienkonzepts“. Kompromisshaft ging die Kontroverse in die Formulierung des § 33 SGB VIII ein, der die Ausgestaltung von Pflegeverhältnissen als zeitlich befristete oder als eine auf Dauer angelegte Lebensform, jeweils an bestimmte Voraussetzungen gebunden, vorsieht.

Seit dem In-Kraft-Treten des Kinder- und Jugendhilfegesetzes zu Beginn des letzten Jahrzehnts hat es, die Impulse des neuen Gesetzes aufnehmend, insbesondere auch mit Berufung auf § 33 Satz 2 SGB VIII (Schaffung geeigneter Formen der Familienpflege für entwicklungsbeeinträchtigte Kinder und Jugendliche) eine Reihe von weiteren Neuentwicklungen gegeben. Viele von ihnen verstehen sich als professionelle, zum Teil sogar verberuflichte Formen des Pflegekinderwesens: Erziehungsstellen, Bereitschafts- oder Übergangspflegestellen, Pflegeformen für ein besonderes Klientel, z.B. für besonders stark traumatisierte Kinder oder Kinder von HIV-infizierten oder an AIDS erkrankten Personen. Teils unter gleicher Begrifflichkeit, teils mit Kunstnamen versehen, ist eine nur noch schwer überschaubare Vielfalt von Sonderformen, besonderen Konzepten und besonderen Organisationsformen entstanden, eine Entwicklung die durch die Öffnung des Heimsystems für pflegefamilienähnliche Betreuungsformen noch verstärkt wurde.

Überlebt hat darüber hinaus auch die älteste Betreuungsform für die Versorgung „familienloser“ oder „familiengelöster“ Kinder, ihre Versorgung durch Angehörige des erweiterten Familienkreises. Nicht im Wortlaut des Gesetzes, wohl aber in der Gesetzeskommentierung, ist sie als Großeltern- und Verwandtenpflege weiterhin auch rechtlich verankert, in jüngerer Zeit allerdings Gegenstand einer die Anerkennung von Großeltern als Pflegepersonen im Sinne des § 33 SGB VIII erschwerenden höchstrichterlichen Rechtsprechung geworden.

Die an sich begrüßenswerte Vielfalt des Pflegekinderwesens, zu der auch noch Pflegeverhältnisse außerhalb der §§ 27, 33 SGB VIII gehören, nämlich privat arrangierte Pflegeformen mit keiner oder nur mit geringer öffentlicher Aufsicht sowie die Adoptionspflege, beginnt besonders in ihren Randbereichen in Feldern, in denen es Überschneidungen mit Regelungen außerhalb des Unterabschnitts „Hilfe zur Erziehung“ gibt, unübersichtlich zu werden.

Mit diesen fachlichen Empfehlungen wird eine Rückbesinnung auf grundlegende Funktionen des Pflegekinderwesens initiiert und eine gewisse Ordnung in die Vielfalt gebracht. Reagiert wird damit auch auf neuralgische Praxisprobleme, insbesondere auf wechselseitige Anerkennungsfragen nach Wechsel der Zuständigkeit und auf Abgrenzungsfragen zwischen unterschiedlichen familiären Betreuungsformen im Rahmen und außerhalb des Rahmens erzieherischer Hilfen im Sinne der §§ 27 ff. SGB VIII.
Die Gliederung und der Umfang der Empfehlungen mögen zunächst irritieren. Doch kann der Text als „Modulwerk“ genutzt werden – er ist so abgefasst, dass jedes Kapitel für sich Aussagekraft hat und Orientierungen eröffnet.

 

Rechtsgrundlagen

Für die vielfältigen Funktionen der Vollzeitpflege enthält das SGB VIII verschiedene Rechtsgrundlagen. Neben der klassischen Vollzeitpflege als Hilfe zur Erziehung und der dort geregelten Sonderform für besonders entwicklungsbeeinträchtigte Kinder und Jugendliche (§§ 27, 33, 39 SGB VIII) sieht das Gesetz die Vollzeitpflege auch als Form der Eingliederungshilfe für seelisch behinderte Kinder und Jugendliche vor (§ 35a Abs. 1 Satz 2 Nr.3 SGB VIII). Darüber hinaus wird Vollzeitpflege auch eingesetzt im Rahmen der Inobhutnahme (§ 42 Abs. 1 Nr.1 SGB VIII). Zur Betreuung und Versorgung in Notsituationen (§ 20 SGB VIII) kann im Einzelfall auch die Unterbringung bei einer Pflegeperson in Betracht kommen, wenn die vorrangig anzustrebende Versorgung des Kindes im elterlichen Haushalt nicht möglich ist.

Als Rechtsgrundlagen außerhalb des SGB VIII sind insbesondere die Adoptionspflege (§ 1744 BGB) und die Unterbringung in geeigneten Pflegestellen im Rahmen der Eingliederungshilfe für körperlich und geistig behinderte Kinder und Jugendliche (§§ 39 ff. BSHG) zu nennen.

Aus der jeweiligen Funktion der Vollzeitpflege ergeben sich auch spezifische Anforderungen an die Pflegeperson und die Ausgestaltung der Hilfe.

 

1. Vollzeitpflege als Hilfe zur Erziehung, Voraussetzungen für Hilfe zur Erziehung in Vollzeitpflege/ Verwandtenpflege

1.1 Der „erzieherische Bedarf“ als Voraussetzung für Hilfe zur Erziehung nach §§ 27, 33 SGB VIII

Inhaber des Rechtsanspruchs auf Hilfe zur Erziehung nach § 27 SGB VIII ist der Personensorgeberechtigte.

Ein Anspruch auf Hilfe zur Erziehung setzt gemäß § 27 Abs. 1 Satz 1 SGB VIII voraus, dass eine dem Wohl des Kindes oder Jugendlichen entsprechende Erziehung nicht gewährleistet ist.

„Nichtgewährleistung“ einer dem Kindeswohl entsprechenden Erziehung liegt vor, wenn die Personensorgeberechtigten mit ihren Mitteln den Anspruch des Kindes oder Jugendlichen auf Erziehung i. S. v. § 1 Abs. 1 SGB VIII nicht sicherstellen können. Dies ist der Fall, wenn eine Fehlentwicklung bzw. ein Rückstand oder Stillstand der Persönlichkeitsentwicklung festzustellen oder nach fachlicher Einschätzung zu erwarten ist.

Bei der Beurteilung, ob eine defizitäre Erziehungssituation in diesem Sinn vorliegt, ist sowohl auf das erzieherische Handeln bzw. Nichthandeln, d.h. die bewussten und unbewussten pädagogischen Einwirkungen auf das Kind in der Familie, als auch auf das Ergebnis des erzieherischen Verhaltens abzustellen. Der Erziehungsstand des Kindes ist hierbei unter Berücksichtigung seiner konkreten Lebenslage, d.h. seines Alters, seiner Entwicklung und seiner Sozialisationsbedingungen, zu beurteilen.
Dabei kommt es auf die einzelnen Faktoren, die der erzieherischen Defizitsituation zugrunde liegen, nicht an. Soziale, gesundheitliche, psychische oder psychosoziale Belastungen der Familie begründen an sich keinen Anspruch auf Hilfe zur Erziehung Maßgeblich ist vielmehr der Zustand, den sie herbeiführen. Beeinträchtigt dieser die persönliche Entwicklung des Kindes und können ihn die Personensorgeberechtigten ohne Hilfe zur Erziehung nicht beseitigen, ist der Hilfetatbestand des § 27 Abs. 1 SGB VIII erfüllt, ohne dass hierfür eine Gefährdung des Kindeswohls im Sinne von § 1666 BGB festgestellt werden muss.

1.2 Die Auswahl der Hilfeart nach §§ 27, 33 SGB VIII

1.2.1 Vollzeitpflege nach § 33 SGB VIII als geeignete und notwendige Hilfe i.S.v. § 27 SGB VIII

Liegt ein erzieherischer Bedarf vor und ist damit die Voraussetzung der Gewährung einer Hilfe zur Erziehung erfüllt, so muss nach § 27 Abs. 1 SGB VIII die für die Entwicklung des Kindes oder Jugendlichen geeignete und notwendige Hilfe ausgewählt werden.

Die konkrete, jeweils zu gewährende Hilfe muss dem Grundsatz der Verhältnismäßigkeit entsprechend nach Maßgabe des vorliegenden erzieherischen Bedarfs durch Abwägung zwischen den im Einzelfall geeigneten und notwendigen Hilfen ermittelt werden.

Die gewählte Hilfe muss sich für die Erreichung des mit der Hilfegewährung erstrebten Zweckes eignen. Dies ist der Fall, wenn sie die prognostische Einschätzung erlaubt, dass mit ihr am besten die jeweilige erzieherische Mängellage behoben werden kann.

Notwendig ist diejenige Hilfe, die erforderlich ist, um den mit der Hilfegewährung angestrebten Zweck zu erreichen. Das bedeutet, dass die Notwendigkeit einer Hilfe dann gegeben ist, wenn diese zum einen dem erzieherischen Bedarf gerecht wird und zum anderen in ihren Einwirkungen auf die betreffende Familie das schonendste Mittel darstellt.

Geeignetheit und Notwendigkeit der Hilfe orientieren sich demnach am erzieherischen Bedarf, der nicht nur Voraussetzung für die Begründung des Anspruchs auf Hilfe zur Erziehung ist, sondern auch als Maßstab für die Hilfeauswahl und den Hilfeumfang fungiert.

Die Zuordnung eines bestimmten erzieherischen Bedarfs und einer bestimmten Hilfeart vollzieht sich im Wege des in § 36 SGB VIII geregelten Entscheidungsverfahrens.

Vollzeitpflege kann gem. § 33 SGB VIII entsprechend dem Alter und Entwicklungsstandes des Kindes bzw. Jugendlichen, seiner persönlichen Bindungen sowie den Möglichkeiten der Verbesserung der Erziehungsbedingungen in der Herkunftsfamilie entweder eine zeitlich befristete Erziehungshilfe oder eine auf Dauer angelegte Lebensform bieten.

Generell liegt ein dieser Hilfeform entsprechender Bedarf vor, wenn Eltern wichtige Versorgungs- und Erziehungsfunktionen nicht wahrnehmen und die betroffenen Kinder nicht mehr über familienunterstützende Hilfen erreicht werden können.

Da Vollzeitpflege jedoch sowohl auf kurze Zeit als auch auf Dauer angelegt sein kann, muss möglichst schon vor der Inpflegegabe festgestellt werden, mit welcher Perspektive das Pflegeverhältnis einzurichten ist. Es sind Handlungsvorgaben entweder für eine baldige Rückführung des Kindes zu erarbeiten, oder es muss – soweit es für diese Option innerhalb eines am Alter des Kindes orientierten Zeitrahmens nach fachlicher Bewertung keine realistische Grundlage gibt – nach einer auf Dauer angelegten Lösung gesucht werden. Dem Erfordernis einer besonders sorgfältigen, alle Beteiligten einbeziehenden Vorbereitung trägt das SGB VIII durch §§ 36 und 37 Rechnung.

Die Vollzeitpflege nimmt in zweierlei Hinsicht innerhalb der Hilfe zur Erziehung eine Sonderstellung ein:
Ø Als lediglich eine Art der Hilfe zur Erziehung erscheint sie nur, wenn sie der vorübergehenden sozialpädagogischen Hilfeerbringung dient, entweder als zeitlich begrenzte familienergänzende Erziehungshilfe oder als sozialpädagogische Pflegestelle. Bei der Dauerpflege hingegen wird ein neuer Familienzusammenhang begründet, der nicht nur nach jugendhilferechtlichen, sondern auch nach familienrechtlichen Maßstäben zu beurteilen ist.

Ø Der öffentliche Träger der Jugendhilfe bedient sich bei der Gewährung von Vollzeitpflege eines privaten, von der Verfassung geschützten Lebensraumes, nämlich einer Familie. Oftmals besitzen die hilfeerbringenden Personen keine Berufsqualifikation für diese Aufgabe. Sie verfügen aber über genau jenen dichten Sozialisationsrahmen und über Erfahrungen, mit welchen die Defizite des Kindes aufgeholt werden sollen. Für den Erfolg der Hilfe kommt es entscheidend darauf an, dass für das jeweilige Kind mit der ihm eigenen Lebensgeschichte die geeignete Pflegefamilie ausgewählt wird.

1.2.2 Abgrenzung zwischen Vollzeitpflege nach § 33 SGB VIII und Heimerziehung/sonstige betreute Wohnform nach § 34 SGB VIII

Das pädagogische Setting der Hilfen gem. § 34 SGB VIII wird einerseits zunehmend familienähnlich gestaltet, andererseits nehmen sich Pflegefamilien in zunehmendem Maße auch besonders entwicklungsbeeinträchtigter Kinder an. Die Unterscheidung zwischen Hilfe zur Erziehung in einer Familie und Hilfe zur Erziehung in einer Institution gestaltet sich daher zunehmend schwieriger.
Zur Abgrenzung zwischen einer Einrichtung i.S.v. § 45 SGB VIII und einer Pflegestelle i.S.v. § 44 SGB VIII können folgende konstitutive Wesensmerkmale der betreffenden hilfeerbringenden Stellen herangezogen werden:

  • Pflegestelle (§ 33 i.V.m. § 44 SGB VIII)
  • Pflegeeltern sind die Betreuungs- und Bezugspersonen des Kindes und teilen mit ihm den familiären Alltag.
  • Das Betreuungsverhältnis ist an ein bestimmtes Kind gebunden.
  • Es besteht kein Anstellungsverhältnis oder ein sonstiges weisungsgebundenes Verhältnis zu einem Leistungsträger.
  • Die Zahl der Pflegekinder ist nach oben begrenzt.
  • Heim und sonstige betreute Wohnform (§ 34 i.V.m. § 45 SGB VIII)
  • Es ist eine Mindestplatzzahl vorgesehen (nur bei landesrechtlichen Vorgaben).
  • Die Betreuung hat eine Orts- und Gebäudebezogenheit.
  • Die institutionelle Betreuung ist vom Wechsel der Betreuungspersonen unabhängig.
  • Die institutionelle Betreuung ist vom Wechsel der zu betreuenden jungen Menschen unabhängig.
  • Die Betreuungskräfte stehen in einem Arbeitsverhältnis oder sonstigem weisungsgebundenen Verhältnis zum Träger.

2. Verhältnis von Adoption und Vollzeitpflege

Eine Verbindung zwischen der Adoption und einer auf längere Dauer zu leistenden Hilfe außerhalb der eigenen Familie wie der Vollzeitpflege stellt § 36 Abs. 1 Satz 2 SGB VIII her. Mit der Prüfungspflicht des Jugendamtes, ob „vor und während einer langfristig zu leistenden Hilfe außerhalb der eigenen Familie“ die Annahme als Kind in Betracht kommt, räumt das Gesetz der Adoption einen Vorrang gegenüber anderen Formen dauerhafter Fremdbetreuung ein.

Die Entscheidung, ob eine Fremdunterbringung auf Zeit und mit einer Rückkehroption angelegt ist oder dem Kind/Jugendlichen auf Dauer einen Lebensort außerhalb der Herkunftsfamilie sichern soll, ist unter Abwägung aller relevanten Faktoren so früh wie möglich zu treffen. Bei dieser Prognoseentscheidung sind unter Berücksichtigung des Alters des Kindes/Jugendlichen und seiner persönlichen Bindungen die Chancen abzuwägen, die – innerhalb eines im Hinblick auf die Entwicklung des Kindes/Jugendlichen vertretbaren Zeitraums – für eine nachhaltige Verbesserung der Erziehungskompetenz der Eltern gegeben sind; eine Verbesserung, die es den Eltern ermöglicht, das Kind bzw. den Jugendlichen wieder selbst erziehen zu können. Ergibt sich in diesem Klärungs- und Beratungsprozess zwischen Fachkraft und Eltern, dass die Fremdunterbringung auf längere Dauer angelegt ist, ist im Hilfeplanverfahren zunächst die Adoptionsalternative und anschließend die im Einzelfall angezeigte Hilfe außerhalb der eigenen Familie, z. B. Vollzeitpflege, zu prüfen. Gegebenenfalls wird die Adoptionsfachkraft dann in das Verfahren einbezogen. Die Prüfungspflicht erstreckt sich auch auf die Zeit während der Hilfegewährung und ist im Rahmen der Hilfeplanfortschreibung vorzunehmen.

Ein Eltern-Kind-Verhältnis, das in einem Dauerpflegeverhältnis entstanden ist, kann rechtlich abgesichert werden, indem die Pflegeeltern das Pflegekind adoptieren. Hierfür ist erforderlich, dass die leiblichen Eltern in die Adoption einwilligen oder deren Einwilligung ersetzt wird. In der Praxis scheitert diese Umwandlung nicht selten an der fehlenden Einwilligung der Eltern (§ 1747 BGB) bzw. an der Schwelle, die § 1748 BGB für die Ersetzung der Einwilligung vorsieht. Aber auch auf Seiten der Pflegeeltern können Gründe dafür vorliegen, das Pflegekind (noch) nicht zu adoptieren. Viele Pflegeeltern können sich eine Kindesannahme aus finanziellen Gründen nicht leisten. Liegt ein Antrag auf Adoption seitens der Pflegeeltern vor, enden die Leistungen gemäß §§ 33, 39 SGB VIII ab wirksamer Einwilligung der Eltern in die Adoption bzw. deren rechtskräftiger Ersetzung. Die Adoptiveltern sind dann gegenüber dem Kind unterhaltspflichtig.

Wenn aus einem Vollzeitpflegeverhältnis eine Adoption wird, weil Fakten eingetreten sind, die die Adoption z. B. durch die Pflegeeltern ermöglichen (leiblichen Eltern sind einwilligungsbereit), ist eine Adoptionspflege im Sinne des § 8 AdVermiG nicht notwendig. Die Hilfe zur Erziehung und die Leistungen zum Unterhalt werden dann mit der wirksamen Einwilligung der Eltern in die Adoption beendet.

3. Differenzierung der Vollzeitpflege nach Form und Funktion

Vollzeitpflege nimmt ihrer vielfältigen Ausgestaltung wegen innerhalb der Hilfen zur Erziehung eine Sonderstellung ein. Sie kann als eine zeitlich befristete, also vorübergehende Hilfeleistung ebenso ausgestaltet werden wie als eine auf Dauer angelegte Lebensform. Sie bezieht sich auf ein breites Spektrum von Hilfebedarfen und übernimmt damit für das Gesamtsystem erzieherischer Hilfen unterschiedliche Funktionen. Je nach zeitlicher Perspektive, Hilfebedarf und Funktion werden den Pflegepersonen unterschiedliche Qualifikationen abverlangt. Die nachfolgenden Empfehlungen setzen die vier Kriterien in ein Verhältnis zueinander und verknüpfen sie – unter Beachtung der rechtlichen Voraussetzungen und mit Blick auf Praxisentwicklungen – zu sechs unterschiedlichen Pflegeformen.

Nicht unterschieden wird zunächst zwischen Fremd- und Verwandtenpflege, da grundsätzlich auch Verwandte die unterschiedlichen Funktionen ausfüllen können. Da es in der Praxis dennoch erhebliche Unterschiede in Nutzung und Bewertung von Fremd- und Verwandtenpflegestellen gibt, wird auf die Besonderheiten der Verwandtenpflege in einem gesonderten Abschnitt eingegangen.

 

3.1 Pflegeformen für die befristete Betreuung von Kindern und Jugendlichen

Im Rahmen der befristeten Betreuung von Kindern und Jugendlichen werden drei Pflegeformen unterschieden:

  • Kurzzeitige Vollzeitpflege für Kinder oder Jugendlichen, die – bei einem bestehenden erzieherischen Bedarf – wegen eines vorübergehenden Ausfalls der Personensorgeberechtigten von diesen nicht versorgt werden können;
  • eine in Anlehnung an den internationalen Sprachgebrauch als Interims-Vollzeitpflege gekennzeichnete Pflegeform, deren Funktion die zeitlich befristete, aber nicht kurzfristige, Betreuung und Versorgung von Kindern oder Jugendlichen ist, deren Rückführung in die Herkunftsfamilie oder deren Verselbständigung in einem zeitlich befristeten Zeitraum angestrebt wird;
  • die Familiäre Übergangs-/Bereitschaftsbetreuung mit der Funktion der Gestaltung von Übergängen im Leben eines Kindes oder Jugendlichen.

Obgleich sich die drei Formen befristeter Unterbringung in ihren Funktionen voneinander unterscheiden, haben sie hinsichtlich der an die Pflegepersonen gestellten Anforderungen sowie deren Rolle und Aufgabenverständnis ein ähnliches Profil. Dies macht es möglich und je nach örtlichen Bedingungen ggf. auch sinnvoll, die selben Personen mal für die eine, mal für die andere Aufgabe zu gewinnen und die drei Pflegeformen organisatorisch zu verbinden.
3.1.1    Kurzzeitige Vollzeitpflege

Charakterisierung der Pflegeform
Der erzieherische Bedarf erstreckt sich auf die Versorgung und Erziehung eines an seine Herkunftsfamilie gebundenen, in seiner Entwicklung nicht gravierend beeinträchtigten Kindes/Jugendlichen, das bzw. der aber dennoch einer besonderen Zuwendung und einer geplanten erzieherischen Hilfe während des vorübergehenden Ausfalls der Personenberechtigten bedarf.
Typische Fallkonstellationen sind:

  • tatsächliche Verhinderung der Personensorgeberechtigten wegen eines zeitlich eingegrenzten Aufenthalts in einem Krankenhaus, einer therapeutischen Einrichtung, einer psychiatrischen Einrichtung oder einer Haftanstalt
  • eine nach fachlicher Einschätzung in einem überschaubaren Zeitraum überwindbare persönliche Krise eines Sorgeberechtigten
  • ein die Erziehungsfähigkeit in einem erheblichen Umfang einschränkender, vorübergehender Erschöpfungszustand
  • eine nach fachlicher Einschätzung vorübergehende Labilisierung eines familiären Systems, etwa in Situationen von Trennung und Scheidung.

Die Pflegepersonen haben die Aufgabe, während des vorübergehenden Ausfalls der Personenberechtigten die Versorgung und Erziehung des Kindes zu sichern. Sie sind Pflegeeltern auf Zeit mit einem spezifischen Versorgungsauftrag. Je nach Fallkonstellation handelt es sich um eine befristete Unterbringung eines Kindes oder Jugendlichen nach § 33 Satz 1 oder § 33 Satz 2 SGB VIII.

Empfehlungen zur Ausgestaltung
Wie jede Form der Vollzeitpflege nach § 33 SGB VIII ist auch die kurzzeitige Vollzeitpflege an die Anspruchsvoraussetzungen des § 27 SGB VIII gebunden. Anders als die Kurzzeitpflege, mit der auf „einfache“ Anlässe, wie kurzfristige Krankheit oder Kuraufenthalt der Personensorgeberechtigten, reagiert wird und die ihrem Charakter nach unter Beachtung des Nachrangigkeitsgebots gegenüber Sozialleistungen anderer Träger nach § 20 SGB VIII (Betreuung und Versorgung des Kindes in Notsituationen) auszugestalten ist, soll eine kurzzeitige Vollzeitpflege nach § 33 SGB VIII nur dann gewährt werden, wenn das zu versorgende Kind oder der zu versorgende Jugendliche besondere erzieherische Anforderungen an die Pflegepersonen stellt und eine über die Alltagsversorgung hinaus gehende erzieherische oder pflegerische Betreuung und Unterstützung erforderlich ist. Dies kann z.B. auf in der Herkunftsfamilie schlecht (aber noch ausreichend) versorgte Kinder zutreffen, auf Kinder, die wegen einer unsicheren Bindung an die Personen der Herkunftsfamilie während der Trennung besondere Ängste entwickeln, oder auf Kinder, die während der Trennung einer besonderen, z.B. pflegerischen Zuwendung bedürfen.

Obwohl die befristete Vollzeitpflege mehr als eine „einfache“ soziale Notsituation voraussetzt, ist unabdingbare Voraussetzung für eine von vornherein nur für kurze Zeit kalkulierte Versorgung und Betreuung eines Kindes oder Jugendlichen die fachliche Prognose, dass das Kind nach der befristeten Inpflegegabe mit oder ohne Unterstützung des Jugendamtes wieder in seiner Herkunftsfamilie leben kann. Dies kann in der Regel dann angenommen werden, wenn die Personen der Herkunftsfamilie und das Kind oder der Jugendliche hinreichend aneinander gebunden sind und eine längerfristige Trennung von niemandem angestrebt wird.

Die kurzzeitige Unterbringung eines Kindes setzt voraus, dass dem Kind – seinem Alter und Entwicklungsstand sowie den jeweiligen Umständen entsprechend – Gelegenheit  gegeben wird, intensiven Kontakt zu den Personen seiner Herkunftsfamilie zu halten. Die Pflegepersonen müssen bereit sein, dies zu unterstützen.

Insbesondere in Fällen von Erschöpfung und Labilisierung des familiären Systems sind den Personen der Herkunftsfamilie besondere Unterstützungsleistungen durch den Pflegekinderdienst bzw. den Allgemeinen Sozialdienst im Sinne von Krisenintervention anzubieten oder zu arrangieren.

Der Zeitraum der Befristung kann nur unter Berücksichtigung des Gesamts der Umstände im Einzelfall (z.B. Häufigkeit und Qualität der Besuchskontakte) beurteilt werden. Als „Faustregel“ lässt sich sagen, dass eine Befristung um so kürzer sein muss, je jünger ein Kind ist. Auch bei älteren Kindern sollte die Befristung einen Zeitraum von sechs Monaten nicht überschreiten.

Unter vergleichbaren Voraussetzungen ist zu empfehlen, für die kurzfristige Unterbringung Personen im sozialen Umfeld des Kindes oder Jugendlichen zu suchen, um örtliche Trennungen zu vermeiden, Milieuunterschiede zu minimieren und gewachsene Beziehungen „auszunutzen“.
3.1.2    Interims-Vollzeitpflege

Charakterisierung der Pflegeform
Der erzieherische Bedarf erstreckt sich auf die Überwindung einer die Personen der Herkunftsfamilie überfordernden Entwicklungsbeeinträchtigung eines Kindes/Jugendlichen in einem voraussichtlich befristeten, aber nicht kurzen Zeitraum, und/oder die Beseitigung von Faktoren in der Herkunftsfamilie, die zu der pädagogischen Überforderung geführt haben. Von der kurzzeitigen Vollzeitpflege unterscheidet sich die Interims-Vollzeitpflege zum einen hinsichtlich der erwarteten Dauer, zum anderen im Hinblick auf Zielsetzung und Funktion: Sie ist auf die Erlangung oder Wiederherstellung der erzieherischen Kompetenz der Personensorgeberechtigten gerichtet; die Rückführung des Kindes/Jugendlichen in die Herkunftsfamilie wird als mögliche Option betrachtet; die Überwindung eines Entwicklungsrückstandes eines Kindes/Jugendlichen bzw. die Überwindung von „Verhaltensstörungen“ eines Kindes/Jugendlichen erscheinen nach fachlicher Einschätzung in einem befristeten Zeitraum in der Pflegefamilie überwindbar.
Typische Fallkonstellationen sind:

  • in ihrer Familie wegen struktureller erzieherischer Überforderung der Personensorgeberechtigten schlecht versorgte und unzureichend betreute Kinder oder Jugendliche
  • ambivalent an Personen der Herkunftsfamilie gebundene oder unangemessen in die Versorgung der Bezugspersonen eingebundene ältere Kinder oder Jugendliche
  • mit der Erziehung eines Kindes noch überforderte, aber mit Unterstützung stabilisierbare (junge) Mütter

In solchen Fällen übernehmen die Pflegepersonen die pädagogische Verantwortung für das Kind bzw. den Jugendlichen für jenen Zeitraum,

  • der für die Stabilisierung der Personen der Herkunftsfamilie notwendig ist
  • und/oder der notwendig ist, um das Kind so zu fördern, dass eine Rückführung nicht zu einer weiteren pädagogischen Überforderung der Personen der Herkunftsfamilie führt,
  • oder der notwendig ist, um eine (junge) Mutter auf die Übernahme der vollen Verantwortung für ihr Kind vorzubereiten,
  • oder der notwendig ist, um einen Jugendlichen auf die Verselbständigung vorzubereiten.

Die Interims-Vollzeitpflege unterscheidet sich von der kurzzeitigen Vollzeitpflege zunächst durch die gewöhnliche Dauer. Sie füllt mit einer durchschnittlichen Dauer von zwei Jahren eine auch von der Praxis empfundene Lücke zwischen der kurzzeitigen Vollzeitpflege und den auf Dauer angelegten Pflegeformen. Entscheidend ist, dass die Herkunftsfamilie eine besondere Unterstützung durch das Jugendamt erfährt. Sie setzt darüber hinaus aber auch die fachliche Einschätzung voraus, dass die Erziehungsfähigkeit der Sorgeberechtigten mit den tatsächlich verfügbaren Mitteln eines Jugendamtes in einem bestimmten Zeitraum wieder erreicht werden kann. Grundlegende Voraussetzungen hierfür sind das Interesse der Sorgeberechtigten am Wohl des Kindes, ihr Wunsch, die Sorge für das Kind so bald wie möglich wieder selbst zu übernehmen, und ihre Bereitschaft, den Kontakt zum Kind zu halten und im Rahmen ihrer Möglichkeiten zu pflegen sowie mit den Pflegeeltern und dem betreuenden Sozialdienst zu kooperieren.

Die Pflegefamilie hat damit einen auf einen befristeten Zeitraum konzentrierten, spezifischen sozialpädagogischen Auftrag zu erfüllen. Es handelt sich hierbei um eine „sozialpädagogische Pflegestelle auf Zeit“, die  rechtlich eine zeitlich befristete Erziehungshilfe nach § 33 SGB VIII darstellt und in der Regel als eine Erziehungshilfe für besonders entwicklungsbeeinträchtigte Kinder und Jugendliche im Sinne des § 33 Satz 2 SGB VIII ausgestaltet ist.

Empfehlungen zur Ausgestaltung
Verantwortbar ist die Einrichtung einer Interims-Vollzeitpflege nur, wenn alle Beteiligten – Personensorgeberechtigte, Pflegepersonen und Soziale Dienste – die Befristung bewusst tragen und das Pflegeverhältnis entsprechend ausgestalten. Auch das Pflegekind muss, soweit hierzu schon in der Lage, die Befristung kennen.

Die Sozialen Dienste werden in aller Regel eine aktive Rolle bei der Förderung von Kooperationsbeziehungen zu spielen und zusätzliche Leistungen zur Wiederherstellung der Erziehungsfähigkeit der Personensorgeberechtigten zu erbringen haben.

Die befristete (sozialpädagogische) Interimspflege stellt hohe Anforderungen an die Pflegepersonen und bedarf deshalb einer besonderen fachlichen Begleitung und in der Regel auch eines (semi-) professionellen Selbstverständnisses der Pflegepersonen sowie einer entsprechenden Vorbildung. Pflegekinderdiensten ist zu empfehlen, die Pflegeform mit einer eigenen Aufgabenbeschreibung zu versehen. Hierzu können auch besondere Werbemaßnahmen, besondere Schulungen und Fortbildungsveranstaltungen sowie die Planung besonderer Unterstützungsleistungen, z.B. Supervision und „Pflegeelternabende“, gehören.

Auch wenn das befristete Pflegeverhältnis verantwortlich geplant und unterstützt wurde, kann nie garantiert werden, dass sich die Planungen tatsächlich realisieren lassen. Es muss immer damit gerechnet werden, dass etwas anders verläuft als geplant. Die Übernahme eines Kindes aus der befristeten Vollzeitpflege in eine auf Dauer angelegte Lebensform sollte deshalb nicht ausgeschlossen werden. Empfohlen wird, dies – so weit möglich – einvernehmlich zwischen den Beteiligten im fortgeschriebenen Hilfeplan ausdrücklich fest zu stellen.
3.1.3    Familiäre Übergangs-/ Bereitschaftsbetreuung

Charakterisierung der Pflegeform
Der erzieherische Bedarf ergibt sich – mit fließenden Übergängen – daraus, dass ein Kind/Jugendlicher entweder wegen Gefährdung seines Wohls zumindest aktuell nicht bei den Personen seiner Herkunftsfamilie verbleiben kann, es/er selbst um Inobhutnahme nachsucht und/oder Zeit zur Klärung seines weiteren Verbleibs benötigt wird. Bei jeder dieser Fallkonstellationen haben die Pflegepersonen den Auftrag, einen Übergang im Leben eines Kindes oder Jugendliche zu unterstützen und zu begleiten. Diese Funktion unterscheidet die Familiäre Übergangs-/ Bereitschaftspflege von allen anderen befristeten Pflegeformen.

Typische Fallkonstellationen sind somit:

  • (vorübergehende) Inobhutnahme eines in der Herkunftsfamilie oder an einem anderen Lebensort nicht versorgten, aktuell gefährdeten Kindes/Jugendlichen
  • „Flucht“ eines Kindes/Jugendlichen von seinem bisherigen Aufenthaltsort und verweigerter Rückkehr
  • Inobhutnahme eines obdachlosen Kindes/Jugendlichen, z.B. nach Entfernung von seinem bisherigen Lebensort
  • vorübergehende Unterbringung eines Kindes/Jugendlichen in einer Familie bis zum Zeitpunkt der Klärung des endgültigen Aufenthalts

Die Pflegepersonen haben die Aufgabe, dem Kind/Jugendlichen in dem zur Klärung der Situation notwendigen zeitlichen Rahmen „Obhut“ zu geben, es zu versorgen und sich am Klärungsprozess für das Kind zu beteiligen. Charakteristisch ist, dass für das Kind oder den Jugendlichen ein Übergang zu gestalten ist. Rechtlich handelt es sich um eine erzieherische Hilfe gemäß § 33 Satz 2 SGB VIII oder um eine Inobhutnahme von Kindern und Jugendlichen gemäß

§ 42 SGB VIII oder um eine Herausnahme des Kindes oder Jugendlichen ohne Zustimmung der Personensorgeberechtigten gemäß § 43 SGB VIII, wobei die Übergange zwischen einer Maßnahme nach §§ 42, 43 SGB VIII und einer Leistung nach § 33 SGB VIII fließend sein können.

Empfehlungen zur Ausgestaltung
Bei der Entscheidung über die geeignete Rechtsgrundlage sind die rechtlichen Voraussetzungen und Folgen zu überprüfen, insbesondere auch die bei Inobhutnahme oder Herausnahme vom Gesetzgeber verpflichtend vorgeschriebenen Verfahrensweisen. Eine in der Praxis häufig vorkommende Änderung der rechtlichen Grundlage – zumeist die Umwandlung einer Inobhutnahme oder Herausnahme in eine erzieherische Hilfe – ist zu dokumentieren und den an der Unterbringung beteiligten Personen sowie den Personensorgeberechtigten unverzüglich mitzuteilen.

Die zeitliche Perspektive einer Übergangs-/Bereitschaftsbetreuung muss sowohl dem Alter und Entwicklungsstand des Kindes als auch der besonderen Funktion der Pflegeform angemessen sein. Bei Säuglingen und Kleinkindern sollte ein Zeitraum von drei bis vier Monaten, bei älteren Kindern oder Jugendlichen ein Zeitraum von sechs Monaten nicht überschritten werden. Nur eine strenge zeitliche Limitierung kann ein „Festwachsen“ des Kindes/Jugendlichen in der Pflegefamilie und damit eine neue, ggf. traumatisierende Trennung des Kindes von der Pflegeperson verhindern.

An Personen in der familiären Übergangs-/Bereitschaftspflege richten sich  hohe Anforderungen hinsichtlich  ihrer Bereitschaft, sich ausdrücklich als Pflegeeltern auf Zeit zu verstehen, dem Kind oder Jugendlichen Schutz und Versorgung zu bieten und sich am Klärungsprozess zu beteiligen. Hierzu ist von Übergangs-/ Bereitschaftspflegepersonen ein (semi-) berufliches Verständnis ihrer Rolle zu erwarten, was aber nicht grundsätzlich eine besondere, „einschlägige“ berufliche Ausbildung voraussetzt. Der sehr unterschiedlichen Anforderungen wegen, die mit der Pflegeform verbunden sind, ist zu empfehlen, Pflegepersonen mit unterschiedlichen persönlichen und beruflichen Voraussetzungen für die Aufgabe anzuwerben und bereit zu halten.

Dies gilt auch für die der „Bereitschaftspflege“ namengebende ständige Bereitschaft von Pflegepersonen. Die unterschiedliche Zwecke machen es nicht erforderlich, bei allen Übergangs-/ Bereitschaftspflegestellen eine ständige Bereitschaft vorzusehen. Die konkrete Anzahl sollte nach den örtlichen Gegebenheiten bestimmt werden.

Übergangspflegepersonen sind hohen emotionalen, sozialen und familiären Belastungen ausgesetzt. Dem sollte durch Bereitstellung von Supervision und Gewährleistung von Erholungs- und „Auszeit“-Phasen Rechnung getragen werden.

 

3.2    Auf Dauer angelegte Pflegeformen

Die „Vollzeitpflege auf unbestimmte Dauer“, die in der Praxis zumeist mit der Erwartung  verbunden ist, dass sich aus ihr eine „auf Dauer angelegte Lebensform“ entwickeln wird, ist die häufigste Pflegeform. Es ist die Pflegeform, an die Menschen denken, wenn von „Pflegekindern“ und „Pflegefamilien“ die Rede ist. Organisationsmittel der Pflegekinderdienste und Allgemeinen Sozialdienste wie Auswahl- und Beratungsmethoden sind hauptsächlich auf sie konzentriert. Auch Pflegegeldzahlungen orientieren sich im wesentlichen an ihr. Gleichzeitig ist diese Regelform ein in sich höchst differenziertes Gebilde. Vermittelt werden Kinder und Jugendliche aller Altersgruppen und mit unterschiedlichsten biographischen Erfahrungen. In den Herkunftsfamilien der Kinder finden sich all’ jene Probleme, die für Erziehungshilfen überhaupt konstitutiv sind: Erzieherische Überforderung von Eltern/Müttern, Alkohol- und Drogenprobleme, psychische Erkrankungen, Armut und Obdachlosigkeit, unzureichende Versorgung, chronische Vernachlässigung, Überforderung der Kinder durch Übernahme der Elternrolle für Ihre Eltern (Parentifizierung), Misshandlung und sexueller Missbrauch. Häufiger als mit anderen erzieherischen Hilfen gehen hier Sorgerechtsentzüge oder -einschränkungen einher.

So vielfältig der biographische Hintergrund der Kinder und die der Inpflegegabe zugrundeliegende familiäre Problematik sind, so vielfältig sind auch die Struktur der Pflegefamilien, die Persönlichkeit der Pflegepersonen, ihr Bildungsgrad, ihre Berufszugehörigkeit und ihre Motivation zur Aufnahme eines Kindes. Absolute und relative Kinderlosigkeit, „Liebe zu Kindern“, soziale und religiöse Motive, der Wunsch, eine sinnvolle Aufgabe zu übernehmen oder dem Leben einen neuen Sinn zu geben, werden am häufigsten als Motiv genannt.

Entsprechend vielfältig ist auch das Selbstverständnis der Pflegepersonen in ihrer Rolle gegenüber dem Pflegekind und seinen Angehörigen. Viele Pflegepersonen möchten, zumindest „im Geheimen“, ein Kind, das sich ganz in ihre Familie integriert und „wie ein eigenes“ in der Familie aufwächst. Ein Teil versteht sich aber ausdrücklich auch als „Gastfamilie“ für ein Kind.

Unterschiedlich ist auch die Haltung der Pflegepersonen gegenüber Besuchskontakten – von Ablehnung, wenn Kinder mit Angst und Abwehr darauf reagieren, bis zu aktiver Unterstützung, wenn beide Familiensysteme sich nach den Bedürfnissen des Kindes richten.

Häufig erfüllen sich die Wünsche der Pflegepersonen; nicht selten werden sie aber auch enttäuscht. Es kann zu Überforderungen kommen; die rechtliche Situation kann zur Herausgabe des Kindes an die Herkunftsfamilie nötigen; Pflegepersonen und Pflegekind finden möglicherweise keinen Zugang zu einander; es kann zu nicht lösbaren Konflikten zwischen Pflegekindern und eigenen Kindern der Pflegefamilie kommen.

Die verschiedenen Konstellationen und „Schwierigkeitsgrade“, die unterschiedlichen Erwartungen an die Pflegepersonen und Voraussetzungen bei diesen sowie der im Einzelfall ganz unterschiedliche erzieherische Bedarf haben in der Vergangenheit – vom Gesetzgeber durch die Aufforderung zur Schaffung geeigneter Pflegeformen in § 33 Satz 2 SGB VIII  unterstützt – zu verschiedenen Differenzierungen Anlass gegeben.

Hier wird folgende Differenzierung empfohlen, die sich strikt am erzieherischen Bedarf des Kindes/Jugendlichen und an den auf ihn bezogenen Voraussetzungen bei den Pflegepersonen orientiert:

  • Allgemeine Vollzeitpflege für Kinder oder Jugendliche, deren Betreuung und Versorgung alltagspädagogische Kompetenzen von „Laien“ nicht überfordern und im Rahmen einer „Normalfamilie“ realisiert werden können;
  • Sozialpädagogische Vollzeitpflege für Kinder oder Jugendliche mit einem erzieherischen Bedarf, der nur über eine bewusst reflektierende Haltung der Pflegepersonen gedeckt werden kann und
  • Sonderpädagogische Vollzeitpflege, die wegen der Biographie und Persönlichkeitsentwicklung des Kindes oder Jugendlichen eine „professionelle“ Haltung der Pflegepersonen gegenüber der zu leistenden Aufgabe voraussetzt.

Ausdrücklich zu betonen ist, dass die Differenzierung nicht auf den konzeptionellen Streit zwischen einem „Ersatzfamilien-“ und einem „Ergänzungsfamilienkonzept“ eingeht, da jede der Pflegeformen einmal mehr, einmal weniger den jeweiligen, sich im Verlauf von Pflegeverhältnissen ggf. auch verändernden Voraussetzungen in der Herkunftsfamilie entsprechend ausgestaltet werden kann.
3.2.1    Allgemeine Vollzeitpflege

Charakterisierung der Pflegeform
Der erzieherische Bedarf erstreckt sich auf die Versorgung und Erziehung von Kindern und Jugendlichen, die in ihrer Entwicklung nicht oder nur in einem von Laienkräften noch zu bewältigenden Umfang beeinträchtigt sind. Geeignet ist die Pflegeform, wenn ein Kind oder Jugendlicher wegen des dauerhaften Ausfalls der Personensorgeberechtigten in der Herkunftsfamilie nicht mehr versorgt werden kann. Die Einrichtung einer Allgemeinen Vollzeitpflege erfolgt unter den genannten Voraussetzungen, wenn ein Kind – aus welchen Gründen auch immer – in einer Pflegefamilie seinen Lebensmittelpunkt gefunden hat und eine Wegnahme aus der Pflegefamilie das Wohl des Kindes gefährden würde.

Typische Fallkonstellationen sind:

  • Ausfall der Personen der Herkunftsfamilie wegen Tod
  • Langfristiger Ausfall der Eltern oder des alleinerziehenden Elternteils wegen körperlicher Beeinträchtigung/Krankheit, psychiatrischen Versorgung oder Inhaftierung
  • Voraussichtlich auch mit Unterstützung nicht erreichbare Stabilisierung von Personen der Herkunftsfamilie oder gravierende Verletzung des Kindeswohls in der Vergangenheit
  • Rückzug der Personen der Herkunftsfamilie vom Kind/Jugendlichen oder aktive Ablehnung des Kindes/Jugendlichen
  • Entscheidung der Personen der Herkunftsfamilie, das Kind oder den Jugendlichen unbefristet – ggf. aber unter Aufrechterhaltung des Kontakts zum Kind/Jugendlichen – in der Pflegefamilie zu belassen
  • Bindung des Kindes/Jugendlichen an seine Pflegeperson nach einem bereits längeren Aufenthalt in der Pflegefamilie bei gleichzeitiger Entfremdung von den Personen der Herkunftsfamilie

Die Pflegepersonen haben die Aufgabe, für das Kind oder den Jugendlichen die tatsächlich oder faktisch ausgefallene Familie zu ersetzen, wobei dies mit oder ohne Kontakt zu den Personensorgeberechtigten ausgestaltet werden kann. Die Pflegepersonen werden zu einer auf Dauer angelegten Lebensform für das Kind entweder im Sinne des „Ersatzfamilien-Konzepts“ oder des „Ergänzungsfamilien- Konzepts“.

Soweit nicht die Voraussetzungen des § 33 Satz 2 SGB VIII erfüllt sind, handelt es sich um eine auf Dauer oder auf unbestimmte Zeit angelegte „allgemeine Vollzeitpflegestelle“.

Empfehlungen zur Ausgestaltung
Zur Vermeidung von Überforderungen der Pflegepersonen und zur Verringerung des Risikos ungewollter Beendigungen („Abbrüche“) sollte das die Allgemeinen Vollzeitpflege von anderen Pflegeformen abgrenzende Merkmal darin bestehen, dass die zu leistende Aufgabe der Erziehung und Betreuung in einem die Dynamik einer „Normalfamilie“ nicht sprengenden Setting möglich ist und, wenn auch mit Unterstützung und Beratung, laienpädagogische Kompetenzen strukturell nicht überfordert. Sofern darüber hinausgehende Erwartungen an Pflegepersonen zu stellen sind, sollte eine der anderen Pflegeformen gewählt werden.

Ihrem Charakter als Regelform des Pflegekinderwesens entsprechend, sind im Einzelfall sehr unterschiedliche Voraussetzungen bei den Kindern, den Herkunftsfamilien und den Pflegepersonen zu erwarten. Dies verlangt nach einer flexiblen Handhabung der in Kapitel 6 beschriebenen allgemeinen Methoden für die Betreuung und Unterstützung von Pflegepersonen und Pflegekindern, für die Gestaltung von Besuchskontakten und die Arbeit mit den Herkunftsfamilien.

Auch da, wo ein Kind – wie oft in Entwicklungsberichten beschrieben – in die Pflegefamilie „voll integriert“ ist und ein „Eltern-Kind-Verhältnis“ entstanden ist, muss wegen der Besonderheit des Konstrukts „Pflegefamilie“ immer mit spezifischen Krisen und problematischen Situationen gerechnet werden. Den Pflegekinderdiensten verlangt dies eine konzentrierte Aufmerksamkeit im Hinblick auf Entwicklungen und insbesondere neue Konstellationen in der Pflegefamilie ab, z.B. nach Aufnahme eines weiteren Pflegekindes, nach Geburt eines (weiteren) eigenen Kindes, nach Trennung von Pflegepersonen oder nach Beendigung bzw. Neuaufnahme von Kontakten des Kindes zu Personen der Herkunftsfamilie.

Nicht immer als Ergebnis eines an sich wünschenswerten gemeinsamen Entscheidungsprozesses zwischen Herkunftsfamilie, Pflegepersonen und Pflegekind, sondern häufig als Folge der tatsächlichen Entwicklungen  kommen alle Beteiligten, auch die Sozialen Dienste, schon nach relativ kurzer Zeit zu der Überzeugung, dass das Kind seinen dauerhaften Lebensmittelpunkt in der Pflegefamilie finden soll. Unabhängig davon, ob sich diese Überzeugung auch längerfristig halten lässt, entsteht eine neue Ausgangssituation, die auch bei der Ausgestaltung des Pflegeverhältnisses Berücksichtigung finden sollte:

  • Was ihr Selbstverständnis betrifft, so sollte die Pflegeperson jetzt die entscheidende Verantwortung für das aufgenommene Kind tragen. Dem entspricht ein Beratungskonzept der Sozialen Dienste als „kundiger Begleiter“ im Hintergrund. Soziale Dienste sollten sich, auf der Grundlage einer vertrauensvollen Beziehung, einerseits zurücknehmen, andererseits ihr weiteres Interesse durch Telefonate, gelegentliche Hausbesuche und Einladungen zu Pflegeelterntreffen, Schulungen etc. bekunden.
  • Bedeutsam bleibt es, sowohl die Pflegepersonen als auch das Pflegekind (in einer seinem Entwicklungsstand angemessenen Weise) über die „Vorgänge“ in der Herkunftsfamilie zu informieren und mit ihnen die hierauf bezogenen Gefühle zu besprechen. Ein besonderes Augenmerk ist hierbei auf das Pflegekind zu richten.
  • Egal, ob sich die Personen der Herkunftsfamilie bewusst vom Kind gelöst haben oder dies lediglich Ergebnis einer spezifischen Dynamik ist, sie sollten als „abgelöste“ Angehörige auch weiterhin gewürdigt werden. Da es nicht der Realität entspricht, dass die Personen der Herkunftsfamilie ihr Kind einfach vergessen, sondern eher, dass ihre Phantasien um Schuld, Rache, Einsicht und Trotz kreisen, ist es nicht sinnvoll, auf „Vergessen“ zu setzen. Die Personen der Herkunftsfamilie sollten z.B. über persönlich gehaltene Berichte über die Entwicklung des Kindes darin bestärkt werden, dass ihre Entscheidung richtig gewesen ist.

3.2.2    Sozialpädagogische Vollzeitpflege

Charakterisierung der Pflegeform
§ 33 Satz 2 SGB VIII verpflichtet die Jugendämter zur Schaffung besonderer Pflegeformen für besonders entwicklungsbeeinträchtigte junge Menschen. Mit dieser Regelung wollte der Gesetzgeber an zum Teil schon weit zurück liegende Praxisentwicklungen (heil- und sonderpädagogische Pflegestellen; Erziehungsstellen) anknüpfen, aber auch weitere Neuentwicklungen nicht ausschließen. Wenn also zu den bereits tradierten besonderen Pflegeformen weitere hinzugekommen sind, widerspricht dies nicht der Gesetzesintention. Problematisch ist aber, dass häufig  das selbe mit verschiedenen Begriffen oder umgekehrt unterschiedliches mit dem selben Begriff bezeichnet wird. So erhalten heilpädagogische Pflegefamilien diesen Status (und die mit ihm verbundene höhere Honorierung) keineswegs immer, weil sie ein besonders entwicklungsbeeinträchtigstes Kind aufnehmen, sondern allein auf Grund der Tatsache, dass eine der Pflegepersonen über eine – regional sehr unterschiedlich interpretierte – besondere Qualifikation verfügt.

Regional sehr unterschiedlich verläuft auch die Ausgestaltung dieser besonderen Form. Manchmal gibt es spezielle organisatorische Arrangements, spezielle personelle Zuständigkeiten und besondere Beratungsmethoden. In vielen Fällen sind diese Pflegeformen aber Bestandteil des allgemeinen Pflegekinderdienstes ohne besondere Arrangements, wie etwa Supervision oder besondere Pflegeeltern-Treffen. Ähnliches gilt im übrigen auch für Erziehungsstellen, die außerdem zu den gleichnamigen Erziehungsstellen im Rahmen des § 34 SGB VIII in „Konkurrenz“ stehen, ohne dass es klare Abgrenzungskriterien gibt. Dies alles führt dazu, dass entwicklungsbeeinträchtigte Kinder einmal über die allgemeinen Vollzeitpflege, einmal in einer besondere Pflegeform, einmal durch eine Erziehungsstelle nach § 34 SGB VIII betreut werden.

Im Interesse einer terminologischen Vereinheitlichung dieses Bereichs wird empfohlen, die verschiedenen Varianten dieses Typs mit dem einheitlichen Begriff der „sozialpädagogischen Pflegestelle“ zu belegen. Der Begriff signalisiert einerseits einen gewissen fachlichen Anspruch, engt die Pflegeform andererseits aber auch nicht auf eine professionelle Ausübung der Familienpflege ein. Darüber hinaus soll der Begriff den Blick auf besondere, über alltagspädagogische Kompetenzen hinaus weisende, bewusst zu gestaltende sozialpädagogische Prozesse erweitern. Der erzieherische Bedarf resultiert – vor dem Hintergrund unterschiedlicher Konstellationen in der Herkunftsfamilie – aus Entwicklungsbeeinträchtigungen des Kindes oder Jugendlichen, die mit laienpädagogischen Mitteln nicht „angegangen“ werden können oder die Dynamik einer „Normalfamilie“ überfordern. Gleichzeitig liegen die der Allgemeinen Vollzeitpflege zugrundeliegenden Voraussetzungen vor.

Typische Fallkonstellationen sind:

  • Das Kind oder der Jugendliche ist in einem erheblichen Umfang „verhaltensgestört“ oder in seiner Entwicklung beeinträchtigt und bedarf einer besonderen sozialpädagogischen Zuwendung und Unterstützung.
  • Das Kind oder der Jugendliche bedarf einer besonderen Unterstützung bei der sozialen, ggf. auch der schulischen Integration.
  • Das Kind oder der Jugendliche benötigt wegen einer angeborenen oder einer chronischen Erkrankung oder einer leichteren Behinderungsform einer besonderen pflegerischen und erzieherischen Zuwendung.
  • Das Kind oder der Jugendliche ist ambivalent an seine Herkunftsfamilie gebunden und es bedarf der Klärung von Fragen der Identität.
  • Es gibt andere erschwerende Bedingungen etwa wegen des Alters des Kinder/Jugendlichen, wegen der Notwendigkeit besonders intensiver Elternkontakte, wegen komplizierter Kontakt- und Umgangsregelungen in einem verzweigten Familiensystem oder wegen der Aufnahme von Geschwistergruppen.

Die Pflegepersonen haben die Aufgabe, geeignete Mittel zu einer „nachholenden“ und positiven Sozialisation und zur Überwindung von Entwicklungsbeeinträchtigungen bzw. anderen Beeinträchtigungen bereit zu stellen oder zu arrangieren. Sie müssen bereit und in der Lage sein, die hiermit – ggf. einschließlich der mit der Kontaktpflege zur Herkunftsfamilie – verbundenen Aufgaben zu übernehmen. Sofern der Auftrag nicht befristet werden kann, handelt es sich um eine auf Dauer angelegte Vollzeitpflegestelle für besonders entwicklungsbeeinträchtigte Kinder oder Jugendliche nach § 33 Satz 2 SGB VIII.

Empfehlungen zur Ausgestaltung
Obwohl eine „einschlägige“ berufliche Vorbildung der Pflegepersonen in vielen Fällen hilfreich sein kann, wird empfohlen, diese nicht generell und ausschließlich als zwingende Voraussetzung für diese Pflegeform zu betrachten. Entscheidendes Kriterium für die Anerkennung sollte die Bereitschaft und Befähigung der Pflegepersonen sein, besonders beanspruchende Belastungen und die hiermit verbundenen Verpflichtungen gegenüber den jeweiligen Kooperationspartnern zu tragen.

Soweit an Pflegepersonen besondere erzieherische Anforderungen gestellt werden, sollte ihnen auch eine besondere Unterstützung durch den Sozialdienst zuteil werden. Es empfiehlt sich deshalb, die Pflegeform besonders auszugestalten und – umgekehrt – an die Pflegepersonen besondere Erwartungen, z.B. Teilnahme an regelmäßigen „Elternabenden“, an besonderen Schulungsmaßnahmen und an Supervision, zu richten. In kleineren Jugendämtern wird sich dies nur im Einzelfall in speziellen organisatorischen Arrangements niederschlagen können, kann aber durch individuelle Einzelfalllösungen unterstützt werden.

Ein faktisch nicht befriedigend lösbares, in der Praxis aber immer wieder zu Entscheidungsunsicherheiten führendes Problem stellt dar, dass die Gewährung eines besonderen Status an bestimmte Entwicklungsbeeinträchtigungen eines Kindes zu Beginn des Pflegeverhältnisses gebunden wird. Gerade die qualifizierten Bemühungen der Pflegepersonen können im zeitlichen Verlauf dann aber zur – oft nur scheinbaren – Behebung der Beeinträchtigung führen, so dass die „Anspruchsvoraussetzung“ damit eigentlich entfällt. Empfohlen wird, dennoch keinen Statuswechsel vorzunehmen: Zum einen, um einem erneuten Aufbrechen von Entwicklungsbeeinträchtigungen vorzubeugen, zum anderen, weil es den Pflegepersonen nicht zumutbar ist, für ihr erfolgreiches Handeln „bestraft“ zu werden.

Nicht selten gibt es auch den umgekehrten Fall: Erst nach Aufnahme des Kindes, ggf. erst nach einem längeren Zeitraum, werden vorher nicht bekannt gewordene erhebliche Entwicklungsbeeinträchtigungen erkennbar oder es treten andere nicht vorhersehbare Komplikationen auf, die für die Pflegepersonen eine erhebliche zusätzliche Belastung bedeuten und insoweit auch eine besondere Unterstützung erforderlich machen. Für diese Fallgruppe sollte je nach den Voraussetzungen im Einzelfall ein Wechsel zum Status „sozialpädagogische Pflegestelle“ ermöglicht oder ein – ggf. befristeter – Zuschlag zum allgemeinen Pflegegeld gewährt werden.
3.2.3    Sonderpädagogische Vollzeitpflege

Charakterisierung der Pflegeform
Im Zuge der Ausdifferenzierung des Pflegekinderwesens, aber auch im Zuge neuerer wissenschaftlicher Erkenntnisse über die Auswirkungen frühkindlicher und anderer Traumatisierungen, wurden regional zum Teil sehr anspruchsvolle Formen der Betreuung für diese Kinder oder Jugendlichen entwickelt. Herausgebildet haben sich auch Sonderformen für Kinder und Jugendliche, die aus anderen Gründen einer besonders intensiven und zeitaufwendigen pflegerischen oder psychologischen Betreuung zumeist auf Dauer bedürfen. Gemeinsam ist den verschiedenen Fallgruppen, dass von den Pflegepersonen langfristig und ohne Aussicht auf Behebung Problembereiche zu ertragen“ sind. Dies entspricht den Aufgaben von Sonderpädagogen, so dass eine Bezeichnung der Pflegeform als „sonderpädagogische Vollzeitpflege“ empfohlen wird.

Der erzieherische Bedarf basiert in dieser Pflegeform auf Beeinträchtigungen des Kindes, die auch mit einer besonderen und gezielten sozialpädagogischen Zuwendung nicht vollends behebbar sind, weil sie zu einer grundlegenden Persönlichkeitsstörung geführt haben oder weil es sich um eine schwere Behinderung oder Erkrankung handelt.

Typische Fallkonstellationen sind:

  • Infolge einer Alkoholembryopathie oder einer anderen neurologischen bzw. hirnphysiologischen Funktionsstörung dauerhaft geschädigte oder behinderte Kinder
  • Auf der Basis von „Hospitalismus“ oder chronischer Vernachlässigung in der Familie frühkindlich traumatisierte Kinder sowie durch Misshandlung, sexuelle Gewalt oder andere biographische Erfahrungen traumatisierte Kinder oder Jugendliche.
  • Dissoziale, stark suchtgefährdete Jugendliche oder Jugendliche mit erheblichen psychosomatischen Reaktionsweisen oder psychologischen Auffälligkeiten, auch bei gemeinsamer Mutter-Kind-Unterbringung
  • Spezielle Problemkreise wie krebskranke oder sterbende Kinder, mit Hepatitis C oder HIV infizierte Kinder sowie an AIDS erkrankte Kinder oder Jugendliche
  • schwer – und mehrfachbehinderte Kinder.

Aufgabe der Pflegefamilie ist die Bereitstellung eines Rahmens, in der ein dauerhaft geschädigtes oder traumatisiertes Kind leben und – unter Berücksichtigung der Art der Entwicklungsbeeinträchtigung – nur mit therapeutischer Unterstützung kompensierende Entwicklungsfortschritte erzielen kann. Die Pflegepersonen erfüllen insoweit therapeutische oder therapieunterstützende Funktionen. Sie müssen in der Regel über eine besondere, dem Problembereich angemessene fachliche Voraussetzung verfügen.

Rechtliche Grundlage ist § 33 Satz 2 SGB VIII, ggf. i.V.m. § 35 a SGB VIII.

Empfehlungen zur Ausgestaltung
Sonderpädagogische Pflegestellen verlangen nach einer gezielten Suche nach geeigneten Pflegepersonen. Sie lassen sich in Fällen von Traumatisierungen in der Regel nur in Kreisen von beruflich vorgebildeten und interessierten Personen finden;

in Fällen von Schwerbehinderung und unheilbarer Krankheit aber auch in Laienkreisen. Zu suchen ist auf jeden Fall nach Personen, die bereit sind und deren familiäre Konstellation und Dynamik es zulässt, sich ganz auf ein Kind oder einen Jugendlichen einzulassen und ihm ungeteilte Aufmerksamkeit zu schenken.

Die Förderung eines im beschriebenen Sinne entwicklungsbeeinträchtigten Kindes oder Jugendlichen setzt in aller Regel eine enge Kooperation mit Spezialisten – Fachärzten, Therapeuten, ggf. besonderen Zentren für Diagnostik und Therapie und besonderen Vorschul-, Bildungs- und Integrationseinrichtungen – voraus. Sonderpädagogische Pflegestellen können deshalb nur unter der Voraussetzung einer Zugänglichkeit zu entsprechenden Einrichtungen und Diensten verantwortlich eingerichtet werden.

Die Sorge um ein schwer entwicklungsgestörtes, behindertes oder krankes Kind bedeutet für die Pflegepersonen eine hohe Alltagsbelastung. Die Einrichtung und Ausgestaltung sonderpädagogischer Pflegestellen sollte deshalb besondere Arrangements zur Entlastung und Erholung der Pflegepersonen (z.B. Babysitter-Dienste, ggf. getrennte Erholungsurlaube), zur Bearbeitung und Lösung von Krisen (z.B. über Supervision) sowie zur regelmäßigen Schulung und Fortbildung vorsehen. Zu empfehlen ist deshalb auch, sonderpädagogische Pflegestelle in einem Verbund mit eigenständiger fachlicher Leitung zu organisieren.
3.2.4    Exkurs: Abgrenzungsprobleme der besonderen Pflegeformen gegenüber Erziehungsstellen nach § 34 SGB VIII

Zu Irritationen in der Praxis hat geführt, dass der Begriff „Erziehungsstellen“ sowohl der Kennzeichnung von Pflegeformen, die hier als entweder sozialpädagogische oder als sonderpädagogische Pflegestelle charakterisiert werden, als auch von familiären Betreuungssettings im Rahmen des § 34 SGB VIII dient. Es wird deshalb empfohlen, den Begriff „Erziehungsstellen“ künftig ausschließlich für die Differenzierungsform im Rahmen des § 34 SGB VIII zu verwenden, zumal sich der Begriff „Erziehungsstellen“ inzwischen erfolgreich als Variante im Regelungsbereich des § 34 SGB VIII durchgesetzt hat, insbesondere aber auch, weil der Begriff eher das Anliegen der Heimerziehung als das des Pflegekinderwesens trifft.

Auch inhaltlich-konzeptionell stellt die Abgrenzung von besonderen Pflegeformen gegenüber Erziehungsstellen nach § 34 SGB VIII ein Problem dar, zumal Entscheidungen für das eine oder das andere in der Praxis oft eher nach Verfügbarkeit als aufgrund fachlicher Erwägungen getroffen werden.
Folgende Anhaltspunkte können für eine Erziehungsstelle nach § 34 SGB VIII sprechen:

  • Aufgrund der besonderen Problematik eines Kindes ist eine enge Bindung an Pflegepersonen nicht indiziert; das Kind selbst oder seine personensorgeberechtigten Angehörigen wünschen eine eher neutrale Rolle der Betreuungspersonen. Eine solche Haltung wird in der Regel nicht bei Kleinkindern, sondern nur bei Kindern jenseits des Vorschulalters bzw. Jugendlichen und nur bei Personensorgeberechtigten, die weiterhin eine aktive Rolle im Leben ihres Kindes spielen möchten, anzutreffen sein.
  • Die besondere Problematik des Kindes sprengt die Möglichkeiten eines privat-familiären Arrangements. Dies gilt insbesondere für Konstellationen, in denen z.B. Konflikte zwischen gemeinsam vermittelten Geschwisterkindern oder einem aufgenommenen Kind und eigenen Kindern einer Pflegefamilie prognostizierbar sind.
  • Es erscheint sinnvoll, die „Arbeit“ mit dem Kind und seiner Herkunftsfamilie in einem organisierten größeren Rahmen zu erbringen. Dies kann z.B. dann der Fall sein, wenn das Kind therapeutische oder schulische Einrichtungen eines Jugendhilfeträgers bzw. entsprechende vom Träger regelhaft arrangierte und bereit gestellte Leistungen mitnutzen soll oder wenn vom Jugendhilfeträger familientherapeutische Maßnahmen angeboten werden.
  • Darüber hinaus ist eine entscheidende Voraussetzung, dass Pädagoginnen und Pädagogen auch in ihrer persönlichen Haltung darin entschieden sind, eine berufliche Rolle dem Kind gegenüber einnehmen zu wollen. Dem Kind darf keineswegs vermittelt werden, es sei ein (künftiges) Familienmitglied; vielmehr ist der Betreuungscharakter auf Zeit in einem institutionellen Rahmen zu betonen.
3.3    Besonderheiten der Großeltern- und Verwandtenpflege

3.3.1    Grundsätzliches zur Großeltern-/Verwandtenpflege

Noch bis zum Ende des 19. Jahrhunderts war die Versorgung von „familienlosen“ Kindern oder von Kindern, deren Mütter/Eltern ihre Versorgung nicht übernehmen konnten, in der Mehrheit der Fälle eine Sache der Großfamilie, zumeist der Großeltern. In vielen Teilen der Erde ist dies auch heute noch so. Nachdem die Verwandtenpflege im Rahmen der Professionalisierung der Sozialarbeit, insbesondere nach dem Zweiten Weltkrieg, in den fortgeschrittenen Industriestaaten westlicher Prägung allmählich in Vergessenheit geriet und jedenfalls nicht mehr als eigenes Subsystem der Kinder- und Jugendhilfe betrachtet worden war, haben einige hoch industrialisierte Staaten – allen voran die USA und die Niederlande – in jüngerer Zeit wieder ein erhöhtes Interesse daran gezeigt.

Obgleich es in Deutschland in den letzten Jahrzehnten einen kontinuierlichen Rückgang an Verwandtenpflegestellen gab (nach dem Einigungsvertrag auch in den Neuen Bundesländern, in denen zur Zeit der DDR die Großelternpflege noch eine nicht unerhebliche Rolle spielte), werden nach Mikrozensusdaten auch heute noch rund 72.000 Kinder und Jugendliche von Großeltern und Verwandten bis zum dritten Grad versorgt, davon rund 10.000 im Rahmen einer erzieherischer Hilfe nach § 33 SGB VIII. Für weitere etwa 10.000 junge Menschen, die bei ihren Großeltern/Verwandten leben, werden Sozialhilfeleistungen und – regional im unterschiedlichen Umfang – Beratungsleistungen erbracht; bei den übrigen handelt es sich um den Jugendämtern nicht bekannte, privat zwischen Eltern und Verwandten arrangierte Betreuungsverhältnisse.

In fachlicher Hinsicht stößt die Großeltern-/Verwandtenpflege in der Praxis auf eine Reihe von Bedenken und Vorbehalten: Bei der Verwandtenpflege handelt es sich häufig um vom Jugendamt nur noch „nachvollziehbare“ Inpflegegaben, da ein Antrag auf erzieherische Hilfe bzw. auf Sozialhilfeleistungen oft erst gestellt wird, wenn das Kind bereits geraume Zeit bei den Großeltern/Verwandten lebt. Dies führt zu Problemen bei Eignungsfeststellungen und in deren Folge im Einzelfall zu fachlichen Bedenken. Dieses Problem wird als besonders gravierend empfunden, weil es in vielen Fällen Zweifel an der persönlichen Eignung der Großeltern/Verwandten gibt. Insbesondere gegenüber Großeltern bestehen häufig Bedenken, ob sie den Schutz des Pflegekindes gegenüber Angehörigen der Herkunftsfamilie gewährleisten können; es werden intergenerative Komplikationen vermutet; die Sicherheit des Kindes erscheint wegen des Alters der Pflegepersonen nicht immer gewährleistet und Großeltern/Verwandte gelten als weniger bereit zu einer vertrauensvollen Kooperation mit dem Jugendamt als andere Pflegefamilien.

Dem gegenüber werden aber auch, durch Forschungen bestätigte, besondere Vorteile der Großeltern-/Verwandtenpflege benannt. Zu ihnen gehören insbesondere die „originäre“ familiäre Verbundenheit, die Vertrautheit der Verwandten mit der Biographie des Kindes, ihre soziale Nähe zum Kind und ihre Bereitschaft, auch in schwierigen Situationen zu dem Kind zu stehen. Mit Blick auf die Kinder wird hervorgehoben, dass sie die Versorgung durch Angehörige ihrer Familie weniger als Identitätsbruch erleben als die Unterbringung in einem fremden Familie.

Die fachlichen Vorbehalte ebenso wie ihre Vorteile verweisen darauf, dass die Großeltern-/ Verwandtenpflege – jedenfalls soweit es sich um Verwandtenpflegearrangements handelt, die dem Jugendamt bekannt werden – ihrem Charakter nach in mancherlei Hinsicht nicht mit den Gegebenheiten der „Fremd“-Pflege vergleichbar ist. Die Pflegeverhältnisse werden in der Regel nicht bewusst arrangiert, sondern entwickeln sich fließend von der gelegentlichen Mitbetreuung des Kindes bis zur endgültigen Inpflegenahme. Nicht selten kommt es auch vor, dass ein Kind zu seinen Großeltern/Verwandten/älteren Geschwistern „flüchtet“ und sich dort „festsetzt“. Die Großeltern/Verwandten sind nicht an einem „Pflegekind“ interessiert, sondern sie beschließen – zumeist angesichts gravierender Probleme in der Geburtsfamilie des Kindes – die Verantwortung für ein spezifisches, ihnen familiär und emotional verbundenes Kind zu übernehmen. Die Verhältnisse des Kindes, seine Familiengeschichte und seine Biographie sind ihnen in der Regel „intim“ vertraut; oft sind sie selbst deren Teil. Dies sind einige der Gründe dafür, dass sie sich nicht vor der Inpflegenahme melden, sich im Wissen über das Kind den Sozialen Diensten überlegen fühlen und sich nicht so gerne „in die Karten gucken lassen“ möchten, aber auch dafür, dass sie sich im Kreis von „richtigen“ Pflegeeltern, in Schulungen, bei Pflegeelterntreffen und in formellen Beratungssettings nicht aufgehoben fühlen. Charakteristisch ist ferner, dass Großeltern/Verwandte durchschnittlich aus bildungsferneren Schichten als andere Pflegepersonen kommen und ihre sozialen Verhältnissen und ihre finanzielle Situation durchschnittlich schlechter ist. Man kann Großeltern/Verwandten deshalb nur dann gerecht werden, wenn man ihre Besonderheiten berücksichtigt.

Dass Großeltern/Verwandtenpflegeverhältnisse anders sind als „Fremd“- Pflegeverhältnisse, bedeutet nicht, dass es Großeltern/Verwandte leichter hätten als andere Pflegepersonen. Sie haben es mit ähnlichen Kindern und ähnlichen Problemen zu tun. In dem „großfamiliären“ Arrangement sind Schwierigkeiten und Probleme aber anders „eingefärbt“. Die intime Kenntnis von Biographie und Familiengeschichte provoziert Vergleiche mit Verhaltensweisen der leiblichen Eltern und revitalisiert Familientraditionen und Familiengeheimnisse. Biographisch verquickt sind Großeltern/Verwandte – insbesondere, wenn das Kind mütterlicher- oder väterlicherseits Enkelin oder Enkel ist – auch über das häufig konstatierte „Versagen“ des eigenen Kindes oder Schwiegerkindes. Die Konstellation ist nicht selten Anlass für Schuld- und Schamgefühle sowie Selbstvorwürfe und verknüpft die Großeltern manchmal unheilvoll mit den ungelösten Konflikten der eigenen Kinder. Auch Besuchskontakte sind nicht Begegnungen unter Fremden, sondern „Familientreffen“, in denen die „alten Konflikte“ wieder hervorbrechen können. Überhaupt sind Auseinandersetzungen mit den Eltern des Kindes in eine lange gemeinsame Geschichte eingebettet und im Bewusstsein der Großeltern/Verwandten allgegenwärtig. Hieraus resultieren das besondere Verantwortungsgefühl der Großeltern/Verwandten und ihre Bereitschaft, auch schwierige Situationen zu „ertragen“ genauso, wie zerstörerische intergenerative, ggf. auch auf das Verhältnis zum Kind ausstrahlende Konflikte. Einen weiteren Problembereich bildet die Tendenz mancher Großeltern, sich gegenüber der sozialen Umwelt und Außeneinblicken in das binnenfamiliäre Geschehen abzuschotten, was in der Konsequenz dann zu Gefühlen der Überforderung und dem Gefühl, mit einem Übermaß an Problemen allein gelassen zu werden, führen kann. Zusammengefasst: Großeltern/Verwandte brauchen in der Regel nicht weniger Beratungs- und Unterstützungsleistungen als „Pflegefamilien“. Diese müssen allerdings anders „eingefärbt“ sein und den spezifischen Besonderheiten gerecht werden.

3.3.2 Empfehlungen zur Ausgestaltung der Großeltern- und Verwandtenpflege
Großeltern bzw. Verwandte müssen bereit und in der Lage sein, den Hilfebedarf in Kooperation mit dem Träger der öffentlichen Jugendhilfe nach Maßgabe der §§ 36, 37 SGB VIII zu decken und insoweit die Rechte und Pflichten von nicht-verwandten Personen wahrnehmen.

Eine Überprüfung ihrer Eignung als Pflegepersonen in diesem Sinne sollte sich an folgenden Maßstäben, die lediglich als Minimalkriterien zu verstehen sind, orientieren:

  • Die Pflegepersonen müssen eine dem Wohl des Kindes entsprechende Erziehung und Betreuung gewährleisten können.
  • Sie müssen Gewähr für den Schutz des Kindes oder Jugendlichen, auch vor deren Entwicklung gefährdenden Übergriffen aus der Geburtsfamilie, bieten können.
  • Sie müssen zur Kooperation mit dem Jugendamt bereit sein und eine entsprechende Verpflichtung eingehen. Hierzu gehört auch die Bereitschaft, unterstützende Leistungen anzunehmen.
  • Im Falle einer nachvollziehenden Hilfebewilligung muss zum Zeitpunkt der Entscheidung deutlich sein, dass das Kind oder der Jugendliche den Verbleib bei den Großeltern/Verwandten wünscht und keine offensichtlichen Entbehrungen erleidet.
  • Die Eltern widersprechen der Betreuung des Kindes/Jugendlichen nicht ausdrücklich.

Besondere Probleme im Kontext der Eignungsfeststellung tun sich dann auf, wenn sich das Kind bei Antragstellung der Personensorgeberechtigten auf Gewährung einer erzieherischen Hilfe bereits seit längerer Zeit in der Großeltern- oder Verwandtenfamilie befindet, dort bereits seinen Lebensmittelpunkt gefunden hat und Bindungen an die Pflegepersonen eingegangen ist, die Bereitschaft und Befähigung der Pflegeperson aber zur Zusammenarbeit mit dem Träger der öffentlichen Jugendhilfe angezweifelt wird.

Auch in einem solchen Fall sollten einer vorgängige wie eine nachvollziehende Anerkennung die genannten Maßstäbe zugrunde gelegt werden.

Wenn Großeltern und Verwandte die Minimalvoraussetzungen nicht in ihrem Gesamtumfang erfüllen, sollte von der Bewilligung einer erzieherischen Hilfe nach § 33 SGB VIII abgesehen werden. Sofern dennoch der Schutz des Kindes und eine mindestens einfachen Standards sowie den Bedürfnissen des Kindes entsprechende Erziehung gewährleistet ist , wird – wie auch in der Praxis üblich – empfohlen, das Betreuungsarrangement bei Bedarf durch familienunterstützende Leistungen nach dem Zweiten Kapitel, Zweiter Abschnitt SGB VIII (Förderung der Erziehung in der Familie), durch niedrigschwellige zusätzliche Hilfen (wie etwa Schularbeitshilfen für das Kind), ggf. auch durch zusätzlich zu gewährende Hilfen aus dem Hilfekatalog der §§ 27 ff. SGB VIII abzusichern. Die Jugendämter sollten ferner, Großeltern und anderen Verwandten – auch wenn diese sich zunächst zurückhaltend geben – wiederkehrend Beratungsangebote machen und den Schutz des Kindes in der Familie überprüfen.

Die Notwendigkeit eines eigenständigen Beratungs- und Unterstützungskonzepts für die Verwandtenpflege legt es nahe, dort, wo die Fallzahlen dies ermöglichen, die Betreuung von Verwandtenpflegestellen unabhängig von der rechtlichen Zuordnung organisatorisch als eigenständigen Bereich bzw. als Vertiefungsgebiet einer/eines Mitarbeiters/in zu betrachten und auszugestalten. Ein solcher spezieller Dienst kann sich sinnvoll auch auf solche Pflegeverhältnissen erstrecken, in denen die Pflegepersonen zwar nicht mit dem Kind/Jugendlichen verwandt sind, ihm aber aus anderen nicht-professionellen Kontexten, etwa Nachbarschaftsbeziehungen, besonders vertraut sind; ein Sachverhalt, der weit häufiger gegeben ist, als dies gemeinhin thematisiert wird, und in mindestens jedem 10. Pflegeverhältnis Hintergrund der Inpflegenahme eines Kindes ist.

3.4    Vollzeitpflege in der Familie des Vormunds oder Pflegers

3.4.1    Anspruch auf Hilfe zur Erziehung

Dem Anspruch auf Hilfe zur Erziehung steht nicht entgegen, dass Pflegeeltern zugleich Vormund oder Pfleger für das Kind oder den Jugendlichen sind. Ist die Anordnung der Vormundschaft oder Pflegschaft Folge eines (teilweisen) Entzugs der elterlichen Sorge, so ist die Rückkehr in die Herkunftsfamilie weiterhin denkbar.

Hilfe zur Erziehung in Vollzeitpflege kommt jedoch auch dann in Betracht, wenn die Vormundschaft oder Pflegschaft wegen des Todes der Eltern angeordnet worden ist, eine Herkunftsfamilie also nicht mehr besteht.

In seiner Entscheidung vom 15. Dezember 1995 bestimmte das Bundesverwaltungsgericht allerdings, dass der Vormund oder Pfleger ein Wahlrecht dahingehend hat, ob er die tatsächliche Betreuung und Erziehung des Kindes/Jugendlichen im Rahmen der Personensorge übernimmt, wozu er nicht verpflichtet ist, oder ob er die Betreuung im Rahmen von Hilfe zur Erziehung leistet.

Das Gericht vermischt hier die Frage des (primären) Hilfebedarfs für den Personensorgeberechtigten mit der Frage der Sicherstellung des Lebensunterhalts für das Kind oder den Jugendlichen.

Der Ansatzpunkt für die Gewährung von Hilfe zur Erziehung muss bei der Erziehungssituation der Herkunftsfamilie gewählt werden. Bedürfen die Eltern zur Wahrnehmung ihrer Erziehungsaufgaben der Hilfe zur Erziehung außerhalb des Elternhauses, so kann es für das Bestehen des Anspruchs auf Hilfe zur Erziehung weder auf die tatsächliche noch auf die rechtliche Situation in der Pflegefamilie ankommen.

Die Übernahme der Pflegschaft oder Vormundschaft durch die Pflegeeltern ist nicht die Voraussetzung, sondern ausnahmslos die Folge ihrer Bereitschaft, ein fremdes Kind in Pflege zu nehmen. Sie setzt die zusätzliche Bereitschaft und Eignung der Pflegeeltern voraus, auch rechtliche Verantwortung für das Kind zu übernehmen – eine Lösung, die im Interesse des Kindes oder Jugendlichen in der Regel einer Amtsvormundschaft bzw. –pflegschaft vorzuziehen ist. Deshalb können an diese Bereitschaft der Pflegeeltern weder Konsequenzen im Hinblick auf den Wegfall eines bis dahin erzieherischen Bedarfs noch im Hinblick auf Leistungen zum Unterhalt des Kindes oder Jugendlichen geknüpft werden.

3.4.2 Pflichten des Jugendamtes (§ 53 Abs. 2 und 3 SGB VIII)
Die Führung der Vormunschaft bzw. Pflegschaft erfordert erzieherische Fähigkeiten, Kenntnis der einschlägigen Rechtsvorschriften und Selbstsicherheit im Umgang mit Behörden. Vormund und Pfleger haben daher nach § 53 Abs. 2 SGB VIII einen Rechtsanspruch auf regelmäßige und dem jeweiligen erzieherischen Bedarf entsprechende Beratung und Unterstützung durch das Jugendamt. Diese Aufgabe umfasst Anleitung und Schulung unabhängig von einer bestimmten Ratsuche und bezieht sich auf rechtliche, erzieherische und wirtschaftliche Aspekte der Führung der Vormundschaft und Pflegschaft.

Nach § 53 Abs. 3 Satz 1 SGB VIII ist das Jugendamt verpflichtet, darauf zu achten, dass bestellte Pfleger und Vormünder im konkreten Einzelfall ihre Pflichten im Hinblick auf die Personensorge wahrnehmen. Das Jugendamt ist allerdings nicht befugt, in die Rechtsphäre des Vormunds/Pflegers einzugreifen. Werden konkrete Mängel bei der Ausübung der Personensorge festgestellt, kann es lediglich im Wege der Beratung auf die Beseitigung der Mängel hinwirken (§ 53 Abs. 3 Satz 2 SGB VIII). Bleiben die Versuche einer eingehenden Beratung und Unterstützung erfolglos, muss das Jugendamt dies dem Vormundschaftsgericht mitteilen, wenn eine gerichtliche Intervention in Betracht kommt (§ 53 Abs. 3 Satz 3 SGB VIII), also bei erheblichem pflichtwidrigem Verhalten.

 

4. Kooperation und Organisation in der Vollzeitpflege

4.1 Verhältnis und Kooperation zwischen freien, öffentlichen und privatgewerblichen Anbietern

4.1.1 Grundsätzliches zur Kooperation
Das Engagement freier Träger und deren partnerschaftliche Zusammenarbeit mit den Trägern der öffentlichen Jugendhilfe gehört zu den Charakteristika der Jugendhilfe in Deutschland. Die Vielfalt von Trägern unterschiedlicher Wertorientierungen, inhaltlicher Zielsetzungen, Methoden und Arbeitsformen ist ein Strukturprinzip der Jugendhilfe. Ein plurales Angebot erzieherischer Leistungen ist die Voraussetzung für die Ausübung des Wunsch- und Wahlrechts und der Berücksichtigung individueller Erziehungsziele der Eltern.

In den letzten Jahren hat sich die Trägerlandschaft allerdings stark gewandelt. Über Jahrzehnte waren es freigemeinnützige, zum großen Teil weltanschaulich profilierte Organisationen, die sich auf diesem Feld engagierten. Inzwischen engagieren sich, vor allem im Bereich der erzieherischen Hilfen, immer stärker auch privatgewerbliche Träger. Wie in anderen Feldern staatlicher Sozialleistungen werden auch in der Jugendhilfe zunehmend fachliche Dienste aus den behördlichen Strukturen ausgegliedert und Fachkräfte freiberuflich tätig. Diese Entwicklung wird durch verschiedene Faktoren begünstigt. So erlangt insbesondere der Einsatz der Entgeltfinanzierung anstelle der Förderungsfinanzierung in der Praxis eine immer größere Bedeutung und damit die Einführung von Wettbewerbselementen in das Recht der Leistungserbringung.

Der Blick in die Praxis zeigt unterschiedliche Organisations- und Kooperationsformen zwischen freien und öffentlichen Trägern, so zum Beispiel:

  • Wahrnehmung des Pflegekinderdienstes für eine Kommune bzw. einen Landkreis durch einen freien Träger;
  • Angebot eines Pflegekinderdienstes durch freie und öffentliche Träger;
  • Pflegekinderdienstverbund von verschiedenen freien Trägern und öffentlichem Träger;
  • Wahrnehmung spezieller Aufgaben durch freie Träger für den Pflegekinderdienst des öffentlichen Trägers, z.B. Begleitung von Besuchskontakten, Öffentlichkeits- oder Schulungsarbeit.

Solche Entwicklungen machen eine Neubestimmung des Verhältnisses von öffentlichen zu freien und privatgewerblichen Trägern, insbesondere auch zur rechtlichen Bestimmung von Möglichkeiten und Grenzen der Aufgabenübertragung erforderlich. Da die Qualität und der Erfolg des Hilfeprozesses sehr wesentlich mit einer gelingenden Kooperation zwischen den Trägern verbunden ist, ist dies auch im Interesse einer Optimierung von Kooperationsbeziehungen geboten.

4.1.2 Rechtliche Bewertung
Im Leistungserbringungsrecht wird unterschieden zwischen der Entscheidung über die Leistungsgewährung einschließlich der Steuerung des Hilfeprozesses einerseits und der Leistungserbringung andererseits. Bei der Vollzeitpflege erfolgt die Leistungserbringung in erster Linie durch die Pflegepersonen (Pflegeeltern). Deren Tätigkeit wird allerdings gestützt und flankiert durch verschiedene Leistungselemente, wie z.B. die Vermittlung des Kindes, die Beratung der Herkunfts- und der Pflegeeltern und den Schutz des Kindeswohls in der Pflegefamilie.

Die Entscheidung über die Gewährung der geeigneten und notwendigen Hilfe zur Erziehung und die verantwortliche Steuerung des Hilfeprozesses auf der Grundlage einer Prognose über die Hilfeperspektive ist Aufgabe des Jugendamts bzw. seiner sozialen Dienste. Weitere Elemente der Gesamtleistung ( wie z.B. Vermittlung, Beratung und „Aufsicht“) können durch nichtstaatliche Leistungsanbieter erbracht werden. Dies setzt jedoch entsprechende Vereinbarungen und – im Hinblick auf die Steuerungsverantwortung – eine enge Kooperation mit dem Jugendamt voraus.

Wenn die Aufgaben des Pflegekinderdienstes vom Jugendamt übernommen werden, ist zu beachten, dass in solchen Konstellationen der Träger der öffentlichen Jugendhilfe in zwei unterschiedlichen Funktionen tätig wird: in der Funktion des Leistungsgewährers, der die Verantwortung für den Hilfeplanungsprozess hat, und in der Funktion des Leistungserbringers, der die sozialpädagogischen Beratungs- und Unterstützungsaufgaben für die einzelnen Beteiligten (Pflegekind, Pflegeeltern, Herkunftseltern) realisiert. Zwischen beiden Funktionen bestehen Unterschiede, die möglicherweise auch Spannungen beinhalten. Es muss organisatorisch sichergestellt sein, dass beide Funktionen im Jugendamt differenziert wahrgenommen werden.

  • Die Vermittlung von Pflegeeltern kann von einem nichtstaatlichen Leistungserbringer übernommen werden, die Letztentscheidung darüber, ob die vermittelte Pflegeperson den Hilfebedarf erfüllt und damit die Grenzen des Wahlrechts eingehalten werden, verbleibt aber beim Träger der öffentlichen Jugendhilfe.
  • Die Begleitung und Förderung des Hilfeprozesses durch Arbeit mit den Herkunftseltern, die Beratung der Pflegeeltern/Pflegeperson sowie die Vermittlung zwischen Pflegeeltern und Herkunftseltern kann ebenfalls durch nichtstaatliche Leistungserbringer übernommen werden. Handlungsgrundlagen sind dabei die Feststellungen im Hilfeplan. Durch Vereinbarungen ist der Leistungserbringer zu verpflichten, über seine Aktivitäten regelmäßig in den Hilfeplankonferenzen zu berichten. Nehmen Pflegepersonen die Beratung eines freien Trägers in Anspruch, so können sie sich nicht auf das Wahlrecht (§ 5 SGB VIII) berufen, da sie nicht Leistungsberechtigte (im Hinblick auf die Gesamtleistung „Hilfe zur Erziehung in Vollzeitpflege“) sind. Eine Übernahme der entstandenen Kosten ist nur möglich, wenn der freie Träger vom Jugendamt mit der Leistungserbringung betraut worden ist.
  • Entsprechendes gilt – bei einer geplanten Beendigung der Hilfe – für die Rückführung des Kindes in die Herkunftsfamilie und/oder die Vermittlung von Anschlusshilfen bzw. die Vorbereitung einer (rechtlichen) Absicherung des Aufenthalts in der Pflegefamilie. Die rechtliche Absicherung des Aufenthalts des Kindes in der Pflegefamilie bleibt allerdings dem Familiengericht überlassen, so dass nichtstaatliche Leistungsanbieter insoweit in gerichtlichen Verfahren nach Maßgabe von § 76 SGB VIII und auf der Grundlage der aktuellen Hilfeplanung agieren könnten.
  • Erteilung der Pflegeerlaubnis nach § 44 SGB VIII, die weder für die Verwandtenpflege noch für die Betreuung im Rahmen von Hilfe zur Erziehung notwendig ist (§ 44 Abs. 1 Nr. 1 und 3 SGB VIII), ist dem Träger der öffentlichen Jugendhilfe vorbehalten. Eine Mitwirkung freier Träger bei der Erlaubniserteilung, der örtlichen Prüfung oder der Zurücknahme der Erlaubnis ist für nichtstaatliche Organisationen in § 76 SGB VIII nicht vorgesehen.
  • In der Sache gilt dies auch für die Befugnis des Jugendamts zur Überprüfung der Pflegestelle nach § 37 Abs. 3 SGB VIII, die zwar systematisch in die Erbringung der Hilfe zur Erziehung in Vollzeitpflege eingebettet ist, ihrer Natur nach aber Interventionscharakter hat und als Ausprägung des staatlichen Wächteramts aufzufassen ist. In der Praxis wird diese Aufgabe jedoch regelmäßig in der Weise erfüllt, dass das Jugendamt mit der Pflegefamilie regelmäßige Besuche vereinbart. Die Wahrnehmung solcher „vereinbarter“ Kontrollen kann aber ohne Weiteres auch durch nichtstaatliche Leistungserbringer erfolgen. Diese sind allerdings vertraglich dazu zu verpflichten, die Ergebnisse ihrer Besuche in die Hilfeplankonferenz einzubringen bzw. in den Fällen, in denen sich Anhaltspunkte für eine Kindeswohlgefährdung ergeben, unverzüglich das Jugendamt zu informieren, damit dieses ggf. notwendige Schritte, wie Inobhutnahme bzw. Anrufung des Familiengerichts einleiten kann.
4.2 Orientierungsrahmen für die Organisation

4.2.1 Aufgabenstellung
Pflegeverhältnisse sind wegen der Beteiligung zweier Familiensysteme und unterschiedlicher Interessen und Erwartungen besonders sensibel und konfliktanfällig. Dabei besteht die Gefahr, dass Konflikte zwischen den Eltern immer wieder auf die Handlungsebene zum Kind durchschlagen. Der Hilfealltag vollzieht sich im privaten Raum der Familie. Pflegeeltern müssen diesen Alltag – meist ohne fachliche Ausbildung und ohne fachlichen Austausch – weitgehend allein bewältigen und sollen Wege der Kooperation mit den Herkunftseltern finden. Für die Erfüllung des Hilfeauftrags in diesem familiären Rahmen bedeutet dies, dass mit dem Kind als aktivem Protagonisten und zwei Elternsystemen zu arbeiten ist – und zwar in mehrfacher Hinsicht:

  • einmal, indem beide Elternsysteme für ein gemeinsames Hilfekonzept und dessen Umsetzung zu gewinnen sind,
  • zum anderen, indem für Eltern und Pflegeeltern Beratung und Unterstützung bei der Bewältigung ihrer spezifischen Aufgaben geleistet werden müssen und
  • schließlich, indem Wege der Konfliktschlichtung und des Ausgleichs zwischen beiden (rivalisierenden) Elternsystemen gefunden werden müssen.

Die Träger der öffentlichen Jugendhilfe sind verpflichtet, die Pflegeeltern – gerade wegen ihrer institutionellen Unabhängigkeit – zu unterstützen.

4.2.2 Modelle der Aufgabenorganisation
Zur Bewältigung dieser Anforderungen werden unterschiedliche Modelle der Aufgabenorganisation diskutiert und praktiziert (z.B. Trennung der Arbeit mit der Herkunftsfamilie von der mit der Pflegefamilie, Beteiligung freier Träger). Da die Entscheidung für ein bestimmtes Modell in die Organisationsgewalt des jeweiligen Jugendamts fällt, enthält das Gesetz dazu keine Aussagen. Wer den Fokus auf die Parteinahme für Eltern bzw. Pflegeeltern richtet, wird eine personelle und organisatorische Trennung befürworten, muss dann aber auch auf die Frage Antwort geben, wer dann für das Pflegekind Partei ergreift. Wer den Fokus auf die Interessen des Kindes richtet und diesen die Interessen der Herkunftseltern und der Pflegeeltern nachordnet, der wird stärker für einen Dienst plädieren, der das gesamte Pflegeverhältnis mit all’ seinen Facetten begleitet und unterstützt. Dann müssen allerdings Rolle und Funktion der in diesem Dienst tätigen Fachkräfte klar bestimmt werden. Wenn die Interessen des Kindes Leitlinie für die Organisation sind, ist der zweitgenannten Variante der Vorzug zu geben. In jedem Fall bedarf es einer gemeinsamen Konzeption als Arbeitsgrundlage und der Verpflichtung auf die Umsetzung des Hilfeplans.

4.2.3 Gewichtungsfaktoren
Die fachlichen Anforderungen, denen Fachkräfte in den sozialen Diensten im Hinblick auf Kinder in Vollzeitpflege gerecht werden sollen, haben auch unmittelbare Folgen für die (personelle) Ausstattung der sozialen Dienste. Eine zielgerichtete Steuerung des Hilfeprozesses, wie sie den §§ 27, 33, 36, 37 SGB VIII zugrunde liegt, ist zeitaufwendig. Hinzu kommen Zeitanteile für die Beratung der Herkunftsfamilie und die Beratung der Pflegefamilie. Besonders zeitaufwendig ist die Elternarbeit – unabhängig davon, ob die Rückkehroption oder die Verbleibensoption Grundlage des Hilfeprozesses ist.
Die einzelnen „Module“ der Gesamtleistung „Hilfe zur Erziehung in Vollzeitpflege“ können bei einem sozialen Dienst konzentriert oder auf verschiedene Dienste bzw. auf freie Träger verlagert sein. Richtwerte für eine angemessene Betreuung von Pflegefamilien müssen im Rahmen eines Aushandlungsprozesses zwischen den Trägern der Jugendhilfe festgelegt werden.

Wegen der besonderen Bedingungen der Vollzeitpflege muss die insgesamt einzusetzende Personalkapazität jedoch deutlich höher sein als für die Steuerung und Begleitung von Hilfe zur Erziehung in einer Einrichtung. Dabei wird zu differenzieren sein

  • zwischen fachlichen Anforderungen zur Umsetzung einer Rückkehrperspektive, die im Hinblick auf das kindliche Zeitempfinden zeitlich konzentrierte, intensive Elternarbeit zur Verbesserung der Erziehungsbedingungen in der Herkunftsfamilie sowie die Vorbereitung und Begleitung der Rückführung des Kindes verlangt,
  • und fachlichen Anforderungen zur Begleitung eines Pflegeverhältnisses, das einvernehmlich oder gestützt auf eine gerichtliche Entscheidung auf den Verbleib des Kindes in der Pflegefamilie ausgerichtet ist.

5. Steuerung des Hilfeprozesses – Hilfeplanung

Auf der Grundlage der Hilfeplanung nach § 36 SGB VIII schreibt der Gesetzgeber für alle Hilfen zur Erziehung nach § 27 SGB VIII ein verbindlich geregeltes Hilfeverfahren vor. Daher ist hier dieses Verfahren mit den Besonderheiten der Vollzeitpflege detailliert beschrieben.

Im Gesetz wird ein von sämtlichen Beteiligten gemeinsam zu gestaltender Hilfeprozess umschrieben, dem eine umfassende Beratung der Leistungsadressaten vorausgeht, der bei längerfristigen Hilfen durch kollegiale Beratung fachlich stimuliert wird und der aufgrund einer gemeinsamen Klärung der Lebenssituation und einer Verständigung über die weiteren Schritte zeit- und zielgerichtet ausgestaltet und in einem Hilfeplan dokumentiert wird.

Sowohl die Herbeiführung einer Entscheidung mit Unterstützung eines Teams bezüglich der konkreten Hilfeauswahl als auch die Aufstellung eines Hilfeplans setzen voraus, dass die jeweilige Hilfe „voraussichtlich für längere Zeit“ zu leisten ist. Vor dem Hintergrund sozialwissenschaftlicher Erkenntnisse zum kindlichen Zeitempfinden scheidet eine Konkretisierung des unbestimmten Rechtsbegriffs „voraussichtlich für längere Zeit“ im Sinne allgemein gültiger, absoluter Zeiträume aus. Da die einzelnen Hilfearten sich in ihrer Intensität der Einflussnahme auf die betreffende Familie und auch zeitlichen Veranlagung unterscheiden, erscheint es aus Gründen der Verhältnismäßigkeit geboten, die Bestimmung des Zeitraumes sowohl an der individuellen Hilfe als auch am Alter des Kindes auszurichten.

Hilfen außerhalb der Herkunftsfamilie (§§ 33, 34, 35 SGB VIII) stellen intensive, in die private Lebenssphäre der betreffenden Familie stark einwirkende Maßnahmen dar, die oft einige Jahre dauern. Diese Hilfeformen sind deshalb grundsätzlich als „längerfristig“ im Sinne von § 36 Abs. 2 Satz 1 SGB VIII zu betrachten.

Ist auch nach einer an individueller Hilfeform und Alter des Kindes ausgerichteten Abwägung noch unklar, ob eine Hilfe „für längere Zeit“ zu bejahen ist, so muss im Zweifel stets ein Hilfeplan erstellt werden. Denn trotz des hierfür erforderlichen personellen und zeitlichen Aufwandes kann durch frühestmögliche Vorbereitungen für eine zeit- und zielgerichtete Intervention die Gefahr fehlender Transparenz und Koordinierung und damit eines wesentlichen größeren Zeitverlustes vermieden werden.

5.1 Beteiligte

Von grundlegender Bedeutung für die Hilfeplanung ist die Beteiligung der personensorgeberechtigten Eltern. Diese sind nicht nur leistungsberechtigt nach § 27 SGB VIII, sondern auch Zieladressaten der Erziehungshilfen für ihre Kinder. Denn Hilfe zur Erziehung soll sie in ihrer grundrechtlich geschützten Erziehungsverantwortung unterstützen und in die Lage versetzen, diese gegenüber ihren Kindern wahrzunehmen.

  • Als andere Personensorgeberechtigte (§ 7 Abs. 1 Nr. 5 SGB VIII) sind anstelle der Eltern der Vormund (§ 1793 BGB) und der Pfleger (§ 1909 BGB ) zu beteiligen. Der dem Pfleger vom Gericht übertragene Wirkungskreis muss allerdings das Recht, Hilfe zur Erziehung zu beantragen sowie bei der Hilfeplanung mitzuwirken, umfassen. Er nimmt dann bei der Mitwirkung und Beteiligung im Hilfeplanungsverfahren die Position der sorgeberechtigten Eltern ein. Dies gilt auch für Pflegepersonen, denen das Familiengericht Angelegenheiten der elterlichen Sorge nach § 1630 Abs. 3 BGB auch insoweit übertragen hat. Ansonsten beschränkt sich deren Beteiligungsstatus auf § 36 Abs. 2 Satz 3 SGB VIII.
  • § 36 SGB VIII sieht zwar eine Beteiligung nicht sorgeberechtigter Eltern nicht explizit vor. Dennoch sollten Eltern, denen das Sorgerecht entzogen ist, in die Hilfeplanung einbezogen werden. Dies kann aus sozialpädagogischen Gründen zur Aufrechterhaltung der Eltern-Kind-Beziehung oder im Hinblick auf eine mögliche Rückkehroption in die Herkunftsfamilie und Rückübertragung des elterlichen Sorgerechts geboten sein, insbesondere im Hinblick auf die Kooperationspflichten nach § 37 Abs. 1 SGB VIII.
  • Kinder und Jugendliche sind, obwohl bei Hilfe zur Erziehung nicht leistungsberechtigt, als Leistungsempfänger am Hilfeprozess zu beteiligen. Dies bestimmt grundsätzlich bereits § 8 Abs. 1 SGB VIII und wird in § 36 SGB VIII konkretisiert. Die Interessenwahrnehmung des Kindes/Jugendlichen muss im Mittelpunkt stehen, weil seine Lebenssituation bei allen Hilfen, insbesondere aber bei Hilfen außerhalb der eigenen Familie, am gravierendsten von allen Beteiligten betroffen ist. So ist das Kind bzw. der Jugendliche entsprechend seinem Alters- und Entwicklungsstand zu beteiligen und gegebenenfalls zur Mitwirkung zu motivieren.
  • Gemäß § 36 Abs. 2 Satz 3 SGB VIII sind weiterhin diejenigen an der Aufstellung und Fortschreibung des Hilfeplans zu beteiligen, die die Hilfe erbringen sollen. Im Rahmen der Hilfe zur Erziehung in Vollzeitpflege sind hier die Pflegepersonen sowie die freien und öffentlichen Träger angesprochen, die die Vermittlung, Beratung, Begleitung der Pflegefamilien übernommen haben. Die Einbeziehung der Pflegepersonen in die Hilfeplanung ermöglicht zum einen eine exaktere Beurteilung der Eignung der in Betracht gezogenen Hilfeform, weil die mit der Durchführung Befassten ihre auf Sachnähe basierenden Kenntnisse und Erfahrungen einbringen und so Bedingungen und Leistungsmerkmale der betreffenden Hilfeart Betroffenen wie Fachkräften verdeutlichen können. Im Rahmen der Fortschreibung des Hilfeplans liefern sie die für eine Überprüfung der weiteren Tragfähigkeit der gewählten Hilfe notwendigen Informationen über die Entwicklung des Kindes bzw. Jugendlichen. Zum anderen werden die konkreten Verhältnisse am Ort der Hilfedurchführung erörtert. Dadurch werden die einzelnen, von der Hilfe umfassten Leistungen und Maßnahmen veranschaulicht und können im Hilfeplan genau benannt werden. Im Hinblick auf die Erreichung von Teil- und Gesamtzielen ist die Aussage der Pflegepersonen im Rahmen der Hilfeplanfortschreibung unerlässlich, da nur zusammen mit ihnen die Effektivität der gewählten Strategie beurteilt werden kann.
  • Wird eine erzieherische Hilfe bei einer seelischen Behinderung nach § 35 a SGB VIII in Rahmen der Vollzeitpflege geleistet, so ist die Hinzuziehung eines Arztes, der über besondere Erfahrungen in der Hilfe für behinderte Kinder und Jugendliche verfügt (Arzt für Kinder- und Jugendpsychiatrie und -psychotherapie oder Kinderarzt mit möglichst sozialpädiatrischer Erfahrung) gemäß § 36 Abs. 3 SGB VIII erforderlich.
5.2 Dokumentation der Hilfeplanung: Hilfeplan

Unter Beiziehung der fachlichen Empfehlungen der Teamberatung stellt die fallzuständige Fachkraft zusammen mit den Betroffenen gemäß § 36 Abs. 2 Satz 2 SGB VIII im Rahmen eines so genannten „Hilfeplangesprächs“ den Hilfeplan auf.

Der Hilfeplan soll Feststellungen über den Bedarf, die zu gewährende Art der Hilfe sowie die notwendigen Leistungen enthalten.

Aus der Intention des Hilfeplans als Instrument der Selbstkontrolle und Koordinierung sowie als Grundlage einer zeit- und zielgerichteten Intervention ergibt sich weiterhin, dass die genannten Feststellungen umfassend im Hilfeplan zu begründen sind und auch Zielperspektiven, zeitliche Schritte und Überprüfungsfristen festgelegt werden müssen. Darüber hinaus verlangt die gesetzlich vorgeschriebenen Partizipation der Betroffenen an der Hilfeplanaufstellung wie an der gesamten Hilfeplanung, dass der Hilfeplan als Entscheidungsgrundlage und Richtschnur für die Durchführung der Hilfe die Dokumentation dieses Beteiligungsprozesses beinhaltet.

Insbesondere bei Hilfen in Vollzeitpflege bedarf eine kontinuierliche Hilfeplanung einer einzelfallorientierten Koordination des Hilfeverlaufs verbunden mit begleitender Beratung und Unterstützung der Eltern, des Kindes/Jugendlichen sowie der Pflegeeltern. Diesem Erfordernis tragen die Regelungen des § 37 SGB VIII Rechnung, die sich mit Aufgaben der Jugendhilfe während der Durchführung von Hilfen außerhalb der eigenen Familie befassen und deshalb im Hilfeplan Beachtung finden müssen.

5.2.1  Kooperation
Nach § 37 Abs. 1 Satz 1 SGB VIII soll das Jugendamt darauf hinwirken, während der Hilfedurchführung die Kooperation von Eltern und Pflegepersonen zu fördern, zu unterstützen und zu begleiten.
Das Zusammenarbeitsgebot bezieht sich jedoch nicht nur auf diese Personen, sondern auch auf Kinder und Jugendliche. Dies ergibt sich sowohl aus ihrer Beteiligung an Hilfeplanaufstellung (§ 36 Abs. 2 Satz 2 SGB VIII) und -durchführung als auch aus dem allgemeinen Beteiligungsgebot gemäß § 8 Abs. 1 Satz 1 SGB VIII. Darüber hinaus kommt auch die Einbeziehung von Personen in Betracht, die Funktionen sozialer Elternschaft ausüben, weil es in § 37 Abs. 1 Satz 1 SGB VIII nicht um die Sicherung von Rechtspositionen Personensorgeberechtigter, sondern um die Pflege von Kontakten zu den wesentlichsten Bezugspersonen geht.

Die Art und Weise der Zusammenarbeit muss im Hilfeplan niedergelegt werden. Diese hängt maßgeblich von der ebenfalls im Hilfeplan festzulegenden Veranschlagung der Hilfe als vorläufig oder dauerhaft ab.

Die Zusammenarbeit mit den Eltern kann in die Zuständigkeit der Einrichtungen freier Träger delegiert werden. Auch dies ist im Hilfeplan zu regeln. Allerdings besteht die Verantwortung des Jugendamtes, dem Kooperationsgebot Rechnung zu tragen, auch bei einer solchen Übertragung fort.

5.2.2  Lebensperspektiven
Von besonderer Bedeutung sind bei Hilfen außerhalb der Herkunftsfamilie exakte Zielvorgaben. Ist die Vollzeitpflege auf kurze Zeit angelegt, muss die alsbaldige Rückkehr des Kindes in seine Familie forciert werden.

Im Hinblick auf § 37 Abs. 1 Satz 2, 3 und 4 SGB VIII bedarf es ausführlicher Erläuterungen zu den an Eltern und Kind gestellten Erwartungen als Rückkehrvoraussetzungen sowie zum Handlungsprogramm, das zur Veränderung der Entwicklungsbedingungen in der Herkunftsfamilie innerhalb eines für das Kind bzw. den Jugendlichen vertretbaren Zeitraums führen soll.

Die für die Rückkehroption im Einzelfall maßgebliche Zeitspanne ist festzulegen. Hierbei ist auf individuelle Lösungen der unterschiedlichen Einzelfälle ausgerichtet am jeweiligen Kindeswohl und nicht auf den Zeitablauf als solchen im Sinne einer „Entscheidungsautomatik“ abzustellen. Dabei kommt es maßgeblich darauf an, wann das Kind den leiblichen Eltern entfremdet ist und es in der Pflegefamilie seine Bezugswelt gefunden hat. Eine entscheidende Rolle spielen hier wiederum die Besonderheiten des kindlichen Zeitempfindens. Bei einem Kind bis zu drei Jahren sollte die Suche nach dauerhaften Alternativen beginnen, wenn nicht innerhalb eines Jahres eine gesicherte Rückkehr in die Herkunftsfamilie gelingt. Bei einem über dreijährigen Kind, das bis zur Fremdplatzierung im Elternhaus gelebt hat, sollte nach dauerhaften Alternativen erst dann gesucht werden, wenn trotz Bemühungen die Rückkehroption nicht innerhalb von 18 Monaten realisiert werden konnte.

Neben den Indikatoren Alter des Kindes und Fremdunterbringungsdauer können weitere Kriterien von Bedeutung sein. Für das Bindungsverhalten eines Kindes spielt beispielsweise eine zentrale Rolle, ob es in der Vergangenheit von häufig wechselnden Bezugspersonen oder fast ausschließlich von seinen leiblichen Eltern betreut wurde.

Wenn die Refunktionalisierung der Herkunftsfamilie von vornherein nicht erreichbar erscheint oder innerhalb des maßgeblichen Zeitraums nicht gelingt, ist die Erarbeitung von auf Dauer angelegten Lebensperspektiven(vgl. § 37 Abs. 1 Satz 4 SGB VIII) im Hilfeplan zu fixieren, wobei die Kontinuität der Erziehungssituation gewahrt bleiben sollte. Eine dauerhafte Lebensperspektive kann in der Adoption durch die Pflegeeltern oder ausnahmsweise auch durch andere Personen liegen. In Betracht kommt auch eine dauerhafte Inpflegegabe nach § 33 SGB VIII.

Die Aufklärung der Betroffenen über die Risiken einer Hilfeform außerhalb der Herkunftsfamilie für die Eltern-Kind-Beziehung ist zu dokumentieren. Sorgerechtliche Befugnisse sind zu regeln. Kontaktfragen bzw. Besuchsmodalitäten müssen geklärt werden.

Dies gilt auch bei einem Sorgerechtsentzug. Denn auch wenn die Eltern nicht davon überzeugt werden konnten, dass sie ihrer Verantwortung durch Zustimmung zu einem dauerhaften Verbleib des Kindes außerhalb des Elternhauses am besten gerecht werden, und deshalb ein gerichtlicher Sorgerechtseingriff (vgl. §§ 1666, 1666 a BGB) erfolgt ist, erscheint die Aufrechterhaltung der Beziehungen zur Herkunftsfamilie im Hinblick auf das gegenseitige Umgangsrecht nach § 1684 Abs. 1 BGB – sofern mit dem Kindeswohl vereinbar – geboten.

5.3 Überprüfung des Hilfeplans

Da zum einen sozialpädagogische Entscheidungen aufgrund ihrer strukturellen Unsicherheit stets nur Hypothesen tastenden Charakters darstellen und zum anderen das Hilfegeschehen als dynamischer, prozesshafter Ablauf eine Entwicklung ursprünglicher Situationen und damit die Veränderung von Zielvorgaben und Zeitbezügen beinhaltet, hat das Jugendamt im Regelfall nach § 36 Abs. 2 Satz 2, letzter Halbsatz SGB VIII regelmäßig zu überprüfen, ob die gewährte Hilfeart weiterhin geeignet und notwendig ist.

Diese Frage muss im Rahmen einer verlaufsorientierten Fortschreibung des Hilfeplans von der zuständigen Fachkraft des Jugendamtes gemeinsam mit den Betroffenen, den Pflegepersonen und der Fachkraft des freien Trägers unter Beiziehung des fachlichen Beratungsteams erörtert werden.

Auf der Grundlage des Hilfeplans ist zu prüfen, ob sich die ursprünglichen Annahmen als tragfähig erwiesen haben, in welcher Weise die realisierte Hilfeform sich ausgewirkt hat, ob neue Ziele und Aufgaben für die Beteiligten formuliert werden müssen und ob eine andere Erziehungshilfe eingeleitet werden muss.

Dies erfordert zunächst eine umfassende Beschreibung der zum Überprüfungszeitpunkt gegebenen Situation aus der Sicht aller am Hilfegeschehen Beteiligten. Gemeinsam bewerten diese dann den bisherigen Hilfeverlauf dahingehend, ob die Entwicklung des Hilfegeschehens zu einer Änderung des im Hilfeplan niedergelegten erzieherischen Bedarfs geführt hat, ob neue Gesamt- bzw. Teilziele und Zeitbezüge formuliert werden müssen oder ob zur Erlangung der nach wie vor als tragfähig beurteilten Zielvorgaben eine andere Handlungsstrategie, sei es in Form einer anderen Hilfe zur Erziehung oder anderer bzw. weiterer Leistungen im Rahmen der gewährten Hilfeform, zu bestimmen ist.

Der Hilfeplan ist den von den Beteiligten erarbeiteten Überprüfungsergebnissen entsprechend fortzuschreiben und hat die partizipative Gestaltung des Überprüfungsvorgangs zu dokumentieren.

Die Überprüfungsfristen sind zu Beginn eines Hilfeprozesses grundsätzlich kurz zu bemessen. Zeiträume von vier bis höchstens acht Wochen erscheinen angemessen, weil sich die Tragfähigkeit getroffener Entscheidungen häufig erst nach Einleitung der gewählten Hilfe zeigt und Probleme auftreten können, die eine Modifikation des Hilfeplans erfordern. In späteren Prozessphasen können längere Fristen von drei bis höchstens sechs Monaten bestimmt werden. Allerdings muss hierbei stets den Erkenntnissen um die Besonderheiten des kindlichen Zeitempfindens, der jeweiligen Hilfeform sowie den Zielvorgaben des Hilfeplans Rechnung getragen werden. So sind bei Hilfen außerhalb der Herkunftsfamilie besonders bei jüngeren Kindern kürzere Fristen zu bemessen.

 

6. Gestaltung des Hilfeprozesses

Dieses Kapitel befasst sich mit den verschiedenen Stadien der Arbeit von Pflegekinderdiensten in öffentlicher und freier Trägerschaft von der Werbung, vorbereitenden Qualifizierung von Pflegepersonen und der allgemeinen Vorbereitung von Herkunftsfamilien und Kindern über die begleitende Beratung bis hin zur Beendigung eines Pflegeverhältnisses.

Eingeleitet werden die Empfehlungen jeweils mit einem die Richtung andeutenden Leitgedanken.

6.1 Werbung und Erstinformation und die Suche nach geeigneten Pflegepersonen

Ungeachtet dessen, dass die besten Werbeträger zufriedene Pflegefamilien sind, kommt ein modernes Pflegekinderwesen nicht ohne gezielte Werbemaßnahmen aus. In spezifischen Fällen kann es hierbei auch um die gezielte Suche nach geeigneten Personen für ein spezielles Kind gehen. Eine bedeutsame Weichenstellung geht häufig von der Erstinformation aus, die Anfragende und Interessierte erhalten.

  • Allgemeine Werbemaßnahmen sollten gemäß örtlichen Gegebenheiten und zur Kostenreduzierung ggf. im Verbund benachbarter Jugendämter und etablierter Pflegeelterngruppen geplant und durchgeführt werden. Hierbei empfiehlt es sich, sich möglichst vielfältiger Werbeträger zu bedienen. Neben allgemeiner Streuwerbung sollten Werbemittel auch gezielt eingesetzt werden, so etwa durch Auslage an Orten, in denen gehäuft potentielle Bewerbergruppen anzutreffen sind (z.B. Kinderarztpraktiken, Familienbildungsseminare).
  • Jeder Werbemaßnahme sollte eine konkrete Bedarfsanalyse vor Ort vorausgehen; das Werbematerial auf den konkreten Bedarf abgestimmt sein. Vermieden werden sollten Werbemaßnahmen, die ein verfälschendes Bild über die tatsächlich zu vermittelnden Kinder zeichnen.
  • Ein bewährtes Werbemittel sind allgemeine Informationsveranstaltungen, in denen Pflegeeltern (ggf. aus verschiedenen Pflegeformen) zu Wort kommen und über ihre Erfahrungen berichten. Auch Informationsveranstaltungen sollten ein realistisches Bild über tatsächliche Bedarfe und die tatsächlichen Gegebenheiten vor Ort zeichnen.
  • Eine besondere Bedeutung kommt persönlichen, schriftlichen oder telefonischen Erstanfragen von potentiellen Bewerberinnen und Bewerbern zu. Die Erstreaktion des Amtes kann die weitere Verfolgung eines zunächst noch vorläufigen Gedankens entweder verstärken oder entmutigen. Zu empfehlen ist, Anfragende zuverlässig und rasch mit Informationsmaterialien zu versorgen und ihnen gezielt ein Gespräch anzubieten.
  • Im Einzelfall kann es sinnvoll sein, Pflegeeltern für ein sonst nicht oder nur schwer zu vermittelndes Kind über eine öffentliche Werbung zu suchen. Zu diesem Mittel sollte allerdings, immer mit strikter Wahrung schützenswerter Daten des Kindes und seiner Angehörigen, nur in besonderen Fällen gegriffen werden.
  • Die Suche nach Pflegepersonen für ein Kind aus dessen sozialen Nahraum, ein gezieltes „homefinding“, ist immer dann anzustreben, wenn der Erhalt von Bezügen zum bisherigen Umfeld dringlich geboten ist und dem Wohl des Kindes oder Jugendlichen entspricht. Erfahrungen belegen, dass bei Anwendung gezielter Methoden wie Netzwerkanalysen, Arbeit mit Sozio- und Genogrammen und Familienkonferenzen, in nicht unerheblichem Maße geeignete Personen aus dem sozialen Umfeld gefunden werden können.
6.2 Qualifizierung von Bewerberinnen und Bewerbern, individuelle Vorbereitung und Eignungsfeststellung

Zur qualifizierten Durchführung der erzieherischen Hilfe benötigen Pflegepersonen bei der erstmaligen Bewerbung um ein Pflegekind bzw. bei Aufnahme eines Kindes aus dem sozialen Nahraum einer Schulung und gezielten individuellen Vorbereitung. Während Schulungen den Bewerberinnen und Bewerbern Gelegenheit geben sollen, sich mit den allgemeinen Gegebenheiten des Pflegekinderwesens vertraut zu machen und diese in Gruppengesprächen zu reflektieren, dient die individuelle Vorbereitung der Reflexion der spezifischen familiären und persönlichen Bedingungen für die Aufnahme eines Pflegekindes. Insgesamt sollte der Schulungs- und vorbereitende Beratungsprozess die Bewerberinnen und Bewerber dazu befähigen, die Bewerbung noch einmal zu reflektieren und eine Entscheidung darüber zu treffen, ob sie weiterhin die Aufnahme eines Pflegekindes wünschen. Sie sollten auch in die Lage versetzt werden, sich mit den eigenen Bedürfnissen, Motiven und Kompetenzen auseinander zu setzen und sich begründet für eine zu ihnen „passende“ Pflegeform zu entscheiden.

In formellen vorbereitenden Schulungsmaßnahmen sollten die Bewerberinnen und Bewerber folgende Informationen erhalten: über die gesetzlichen Rahmenbedingungen; über ihre Rechte und Pflichten und über die Rechte und Pflichten der Personensorgeberechtigten; über die Voraussetzungen einer Adoption, der Übernahme einer Vormundschaft; über die Funktion von Hilfekonferenzen und über ihre Mitwirkungsmöglichkeiten in ihnen; über die finanziellen Angelegenheiten und versicherte Risiken sowie über die Zusammenarbeit mit dem Jugendamt. Zu spezifischen Pflegeformen sind zusätzliche aufbauende Qualifizierungen wünschenswert.

Der Vorbereitungsprozess sollte auch folgende am Vorwissen der Pflegepersonen orientierte Informationen umfassen: über die besonderen Sozialisationsprobleme von Pflegekindern; über den „Signalcharakter“ von „Verhaltensstörungen“; über Verarbeitungsformen traumatischer Erlebnisse und über Bindungsformen und Bindungsstörungen.

Anzustreben ist, in die Qualifizierung von Bewerberinnen und Bewerbern erfahrene Pflegepersonen einzubeziehen.

Unabdingbare Voraussetzung des persönlichen Vorbereitungs- und Abklärungsprozesses ist mindestens ein Hausbesuch in Anwesenheit aller Familienmitglieder, gefolgt von mehreren Einzelgesprächen mit den Bewerberinnen und Bewerbern. Ein besonderer Wert sollte auch darauf gelegt werden, mit den eigenen Kindern von Bewerbern die Bedeutung der Aufnahme eines Pflegekindes zu besprechen.
Als Mindeststandards für die Abklärung sollten gelten: die Abklärung der Motivation für die Aufnahme eines oder des speziellen Kindes; die Abklärung erwartbarer Konsequenzen auf die Familiendynamik nach Aufnahme eines Pflegekindes; die Abklärung der Bereitschaft mit dem Jugendamt und dem freien Träger zu kooperieren; die Abklärung der Bereitschaft sich auf eine ungewisse Situation einzulassen und die Herkunftsfamilie des Kindes als Teil der Biographie des Kindes zu akzeptieren. Von Bedeutung ist auch die Auseinandersetzung mit der Frage, ob es den potentiellen Pflegeeltern möglich sein wird, sich mit ungewohnten, fremden und möglicherweise den eigenen Wertvorstellungen zuwider laufenden Verhaltens- und Reaktionsweisen des Kindes und seiner Angehörigen auseinander zu setzen.

Die Ergebnisse der vorbereitenden Beratungsgespräche bzw. der Eignungsprüfung sollten in einem schriftlichen Bericht zusammengefasst werden. Die Gründe für die Entscheidung sind festzuhalten. Bei der Feststellung der Nichteignung ist das Bewerbungsverfahren offiziell zu beenden.

6.3 Die allgemeine Vorbereitung der Inpflegegabe

Wie die Pflegeeltern benötigen auch das Pflegekind – seinem Alter und Entwicklungsstand entsprechend sowie seine Angehörigen eine allgemeine Vorbereitung auf die Inpflegegabe. Dies ist nicht nur rechtlich (§ 36 Abs. 1, Satz 1; § 5 SGB VIII) verpflichtend geboten, sondern liegt auch im Interesse einer gedeihlichen Zusammenarbeit aller am Pflegeverhältnis Beteiligten.

  • In Hilfeplangesprächen sollen – entsprechend Alter und Entwicklungsstand – mit dem Kind selbst, mit den leiblichen Eltern – auch im Falle eingeschränkter elterlicher Rechte – sowie mit den Betreuungspersonen des Kindes die mit einer Inpflegegabe verbundenen Angelegenheiten besprochen und die notwendigen Informationen vermittelt werden. Hierbei müssen die Beteiligten umfassende Informationen über die rechtliche Situation, ihre Mitentscheidungsmöglichkeiten und das Verfahren sowie über das Besondere des „Konstrukts“ Pflegefamilie erhalten. Insbesondere ist auf die Notwendigkeit von Besuchsregelungen, den Anspruch auf Beratung und Unterstützung und auf finanzielle Regelungen hinzuweisen. Insgesamt sollte die Herkunftsfamilie darin unterstützt werden, die Inpflegegabe des Kindes als einen aktiven Beitrag zur Sicherung des Wohls des Kindes zu betrachten.
  • Soweit die Inpflegegabe des Kindes zu Verwandten oder Personen aus dem sozialen Nahraum ins Auge gefasst wird, ist ein gemeinsames Gespräch zwischen den Beteiligten notwendig. Ein besonderes Augenmerk sollte auf die Beziehungsdynamik zwischen „abgebenden“ und „aufnehmenden“ Personen und auf die wechselseitigen Vorstellungen über die Gestaltung des Pflegeverhältnisses gerichtet werden.
  • Zu empfehlen ist ferner, auch nicht unmittelbar beteiligte Elternteile in den Vorbereitungsprozess einzubeziehen, sie über Planungen zu informieren und sie über Mitwirkungswünsche zu befragen.
6.4 Der Vermittlungsprozess

Aufgabe der zuständigen Fachkräfte – in der Regel des Pflegekinderdienstes – ist es, für das zu vermittelnde Pflegekind geeignete Pflegeeltern zu finden. Dabei sind sowohl die Bedürfnisse des Kindes und die legitimen Erwartungen der leiblichen Angehörigen als auch die besonderen Wünsche und Kompetenzen der Bewerberinnen und Bewerber so weit wie möglich in Einklang zu bringen. Voraussetzung hierfür ist, dass die zuständigen Fachkräfte allen Beteiligten die für eine begründete Entscheidung bedeutsamen Informationen vermitteln.

Notwendige Voraussetzungen für Vorentscheidungen:
Eine Vorentscheidung sowohl über den Prozess der Zusammenführung von potentiellen Pflegeeltern und -kindern als auch bezüglich einer Anfrage an eine Pflegeperson zur Aufnahme eines bestimmten Kindes setzt eine gründliche Erhebung aller für die Inpflegenahme des Kindes bedeutsamen Daten und Faktoren sowie die erforderlichen rechtliche Abklärungen voraus. Hierbei kann es nicht allein auf allgemeine anamnestische Daten zum Kind, seiner Entwicklung, seinem Entwicklungsstand, seinen biographischen Vorerfahrungen etc. ankommen. Von Bedeutung ist auch die Erkundung und Besprechung von Einstellungen und Haltungen der Herkunftsfamilie und des zu vermittelnden Kindes oder Jugendlichen zu den Hintergründen der Inpflegegabe, von den mit ihr verbundenen Ängsten und Vorbehalten und von Erwartungen für die Zukunft.

Voranfragen an die Pflegepersonen:
Die von der zuständigen Fachkraft ins Auge gefasste Vermittlung eines speziellen Kindes in eine besondere Pflegefamilie sollte zunächst als anonymisierte Voranfrage erfolgen, die mindestens folgende Informationen enthält: einen Abriss zur Biographie des Kindes und seinen häuslichen Verhältnissen; die Verhaltensbesonderheiten des Kindes, einschließlich der Ergebnisse diagnostischer Verfahren; seine Bindungen an die Herkunftsfamilie und zu anderen bisherigen Bezugspersonen; die rechtliche Situation sowie die Wünsche der Bezugspersonen des Kindes nach Kontakt und Beteiligung; die voraussichtliche Perspektive des Pflegeverhältnisses.

Die Voranfrage sollte ferner die Information an die Bewerberinnen und Bewerber enthalten, dass eine Entscheidung gegen das angefragte Kind keine Konsequenzen für weitere Anfragen hat, dass die Anfrage mit allen Familienmitgliedern, insbesondere auch mit den eigenen Kindern, besprochen werden sollte und welche Entscheidungen vor einer endgültigen Inpflegegabe noch zu treffen sind.

Regelmäßige Informationen an die Herkunftsfamilie und das Kind:

Auch die Herkunftsfamilie und das Kind sollten in allen Phasen des Vermittlungsgeschehens über den aktuellen Stand des Verfahrens informiert und – soweit sich die Inpflegegabe durch eine bestimmte Person/Familie konkretisiert – in den Prozess einbezogen werden. Hierzu gehören insbesondere Informationen, die es ermöglichen, sich ein realistisches Bild über die Bewerberfamilie zu machen und mit den eigenen Vorstellungen abzugleichen.

6.5 Die Anbahnung des Pflegeverhältnisses

Zweck der konkreten Anbahnung eines Pflegeverhältnisses ist es, nach „Aktenlage“ getroffene Vorentscheidungen über die Begegnung der beteiligten Personen zu bestätigen oder zu widerrufen. Der Anbahnungsprozess ist als ein offener Prozess zu gestalten. Damit soll die Möglichkeit gegeben werden, dass sich alle Beteiligten in jeder Phase für oder gegen die geplante Inpflegegabe entscheiden können.
Anbahnungsprozesse sind so zu gestalten, dass sie von allen Beteiligten als ergebnisoffen verstanden werden können. Die Beteiligten sollten sich wechselseitig kennen lernen und die Möglichkeit des Zusammenlebens bzw. der Kooperation miteinander abklären können. Die konkreten Verfahrensabläufe sind an dem Alter des Kindes, seiner familiären Situation, dem gegenwärtigen Lebensort des Kindes und der rechtlichen Lage zu orientieren.

  • Anbahnungsprozesse sind vom Pflegekinderdienst in Absprache mit den Beteiligten aktiv zu gestalten und zu begleiten. Hierzu sollten nach jedem Anbahnungsschritt „Rückkopplungsschleifen“ vorgesehen werden, die es den Beteiligten unabhängig von einander ermöglichen, ihre Eindrücke wieder zu geben und weitere Voraussetzungen für eine endgültige Entscheidung zu formulieren. Dies bezieht sich auch auf sorgeberechtigte und – wo möglich – nicht sorgeberechtigte Personen der Herkunftsfamilie, da ihre Vorstellung eine wesentliche Voraussetzung für alles Weitere, insbesondere im Hinblick auf ihre Bereitschaft, zum Wohle des Kindes mit den Pflegepersonen und den Sozialen Diensten zu kooperieren, ist.
  • Bestandteil eines Anbahnungsprozesses sollten in der Regel mehrfache Treffen zwischen Pflegepersonen und Kind sowie mindestens ein Treffen zwischen den relevanten Personen der Herkunftsfamilie und den Pflegepersonen sein. Hierzu gehört auch die Beteiligung weiterer für das Pflegeverhältnis bedeutsamer Personen – auf Seiten der Pflegefamilie insbesondere der eigenen Kinder bzw. bereits in der Familie lebender anderer Pflegekinder und sonstiger Familienmitglieder, auf Seiten der Herkunftsfamilie auch der faktisch zur Familie gehörenden anderen Personen. Hierbei sollte die Fachkraft den Einfluss von Wertvorstellungen Dritter auf den Vermittlungsprozess reflektieren und ggf. problematisieren.
  • Ein Anbahnungsprozess sollte nicht aus formalen oder konzeptionellen Gründen künstlich „gestreckt“ werden. Sobald es zu einer einvernehmlichen Entscheidung gekommen ist, sollte die Inpflegegabe des Kindes unverzüglich erfolgen.
6.6 Der Beginn des Pflegeverhältnisses

Die Gestaltung der ersten Phase des Pflegeverhältnisses ist konzeptionell umstritten. Dies betrifft insbesondere die Frage, ab welchem Zeitpunkt Besuchskontakte zugelassen werden sollen. Da gerade die ersten Monate eines Pflegeverhältnisses weichenstellend für den weiteren Verlauf wirken, sollte sehr sorgfältig abgewogen werden, was der individuellen Bedürfnislage des Kindes entspricht.

  • Dringend zu empfehlen ist, über die Frage von Besuchskontakten in der frühen Phase eines Pflegeverhältnisses zu einer einverständlichen Lösung zwischen den Pflegepersonen, den Personen der Herkunftsfamilie und – soweit dem Alter des Kindes entsprechend – dem Kind, zu kommen. Negative Konsequenzen für den weiteren Verlauf des Pflegeverhältnisses können nur vermieden werden, wenn Einsicht in die Bedeutung der jeweiligen Regelung geweckt wird.
  • Unabhängig von der Frage der Besuchsregelungen kommt der Gestaltung der ersten Phase des Pflegeverhältnisses eine hohe Bedeutung für den weiteren Verlauf zu. Die Pflegeeltern und die weiteren in der Pflegefamilie lebenden Personen werden erstmals mit den konkreten Alltagsproblemen konfrontiert. Es erweist sich häufig erst jetzt, dass es unerwartete Konflikte geben kann, dass sich das Kind anders verhält als vermutet und dass die Familiendynamik in höherem Maße als erwartet, von der Aufnahme des Kindes beeinflusst wurde. Auch für Pflegekinder ist mit der Integration in eine zunächst noch fremde Familie eine hohe Belastung verbunden. Die Auseinandersetzung mit der Inpflegegabe, mit Ambivalenzen und Schuldgefühlen, aber auch die Notwendigkeit, in der Pflegefamilie erst einen eigenen Ort zu finden, sind belastend und anstrengend. Und schließlich: Für die Herkunftsfamilie verdeutlichen sich die sozialen und psychologischen Konsequenten der „Abgabe“ häufig erst jetzt.
  • Alle Beteiligten bedürfen in der ersten Phase des Pflegeverhältnisses darum einer verlässlichen Beratung und Unterstützung. Zu empfehlen ist es, mit den Pflegeeltern und den weiteren Familienmitgliedern der Pflegefamilie einen intensiven Kontakt zu halten, wobei auch der Frage der Erreichbarkeit des betreuenden Dienstes eine hohe Bedeutung zukommt. Für ältere Kinder und Jugendliche in der Pflegefamilie sollte die Möglichkeit geschaffen werden, sich unabhängig von der Zustimmung der Pflegeeltern beraten lassen zu können. Für die Herkunftsfamilie empfiehlt sich, ihr eine Fachkraft/Institution zu benennen, mit der Sorgen und Beschwerden reflektiert werden können.
  • Schließlich verdienen auch die Reaktionen der für das Kind relevanten Umwelt – Nachbarschaften, Kindertagesstätten, Schulen – eine besondere Aufmerksamkeit, um einer sich sonst ggf. einschleifenden Ausgrenzung und Isolation des Kindes vorzubeugen.
  • In der ersten Phase der Inpflegegabe kristallisieren sich immer wieder Bedarfe heraus, die in der Hilfeplanung noch nicht erkennbar waren. Um Verfestigungen und Enttäuschungsreaktionen von Pflegeeltern zu vermeiden, sollten möglichst zeitnah notwendige diagnostische Abklärungen vorgenommen und bei Bedarf medizinische, pädagogische und (sozial-) therapeutische Fördermaßnahmen eingeleitet werden. Zur Abklärung und Reflexion von Problemlagen kann auch die Einleitung einer Supervision durch Außenstehende notwendig werden.
  • Dem „weichenstellenden“ Charakter der Eingangsphase entspricht insgesamt, sie konzeptionell besonders auszugestalten und den besonderen Arbeitsaufwand bei der Fallbemessung zu berücksichtigen.
6.7 Die Begleitung laufender Pflegeverhältnisse


6.7.1 Arbeit mit dem Pflegekind

Orientiert an Alter und Entwicklungsstand des Kindes ist das Pflegekind als eigene „Rechtspersönlichkeit“ und mit eigenen – von den Mitgliedern der Pflegefamilie und der Herkunftsfamilie
unabhängigen Bedürfnissen zu würdigen. Es hat Anspruch auf eine erwachsenen-unabhängige Unterstützung. Deren oberstes Ziel ist es, dem Kind bei der Auseinandersetzung mit seiner besonderer Situation als Pflegekind beizustehen und ihm die Gewissheit zu geben, dass es, um mit den Worten der UN-Kinderrechtskonvention zu sprechen, seinem Alter und Entwicklungsstand gemäß an allen seine eigenen Angelegenheiten betreffenden Entscheidungen beteiligt wird.

  • Vor einer erwachsenen-orientierten Definition von allgemeinen Bedürfnissen von Kindern und den besonderen Bedürfnisses eines speziellen Kindes oder Jugendliche, sollten ihre nicht-verbalen und verbalen Bedürfnisäußerungen ernst genommen werden. Dies setzt die Schaffung von Gelegenheiten voraus, in denen sich das Kind oder der Jugendliche in einer seinem Alter und Entwicklungsstand entsprechenden Weise unabhängig von Pflegepersonen und Personen der Herkunftsfamilie spielerisch oder verbal artikulieren kann.
  • Pflegekinder haben sich im besonderen Maße mit Identitätsfragen – gleichermaßen bezogen auf die Vergangenheit, die Gegenwart und die Zukunft – auseinander zu setzen. Der gesellschaftlich unübliche Status eines Pflegekindes – eines Kindes mit zwei Familien – stellt ein vom Kind zu bewältigendes Lebensthema dar. Ohne dass auf „Rezepte“ für die Lösung dieser komplexen Probleme verwiesen werden könnte, sollten diesen Themen gewidmete Einzelgespräche mit dem Kind, Familiengespräche und – je nach Lage – begleitete Kontakt-Arrangements zwischen Personen der Herkunftsfamilie zu den Standards von Pflegekinderdiensten gehören. Hilfreich ist es ferner, dem Pflegekind Kontaktmöglichkeiten zu anderen Pflegekindern zu eröffnen.
  • Zu empfehlen ist auch, die besonderen Lebensthemen von Pflegekindern zum Gegenstand der Beratungsarbeit mit den Pflegeeltern und den für das Kind (noch) relevanten Personen seiner Herkunftsfamilie zu machen, da ihre Haltung zu diesen Themen bereits einen bedeutenden Beitrag für die Auseinandersetzung des Kindes leistet.
  • Von besonderer Bedeutung ist es, dem Pflegekind in einer seinem Alter und Entwicklungsstand sowie in dem Stand seiner inneren Auseinandersetzung mit sich selbst entsprechenden Weise, die für die Deutung seiner Vergangenheit, für die Interpretation seiner Gegenwart und für seinen Blick in die Zukunft notwendigen Informationen zu geben. Hierzu gehören ebenso Informationen über die Hintergründe der Inpflegegabe und die Besonderheiten der Personen seiner Herkunftsfamilie wie Informationen über laufende Ereignisse in der Herkunftsfamilie und Informationen über „Prozeduren“ und Entscheidungen im Zusammenhang mit seinem Status als Pflegekind.
  • Im Rahmen des Gesamtkomplexes der Arbeit mit dem Pflegekind spielen Auseinandersetzungen mit den realen Kontakten der Herkunftsfamilie zu ihm und zwischen Herkunftseltern und Pflegepersonen eine herausragende Rolle. Direkte und indirekte Äußerungen des Kindes bezüglich der Umgangskontakte sind zu beobachten und ernst zu nehmen. Dem Kind sollten weder Kontakte aufgenötigt, noch von ihm wirklich gewünschte Kontakte (auf Dauer) vorenthalten werden.

6.7.2 Arbeit mit der Herkunftsfamilie

Die Arbeit mit der Herkunftsfamilie ist in Orientierung an § 37 Abs. 1 SGB VIII Teil der Gesamtarbeit von Pflegekinderdiensten und/oder der Allgemeinen Sozialdienste und steht insoweit nicht zur Disposition. Sie realisiert sich allerdings, je nach Feststellung in der Hilfeplanung und den tatsächlichen Gegebenheiten in der Herkunftsfamilie, in unterschiedlicher Weise. Sie kann sowohl dem Ziel dienen, die Voraussetzungen für die Wiederaufnahme des Kindes in den eigenen Haushalt vorzubereiten, als auch dem Ziel, die Eltern bei der „inneren Freigabe“ des Kindes zu unterstützen. Unabhängig von dieser grundlegenden Optionen geht es darum, die sich aus Umgangsregelungen ergebenden wechselseitigen Anpassungsprobleme von Herkunftsfamilie, Pflegefamilie und Pflegekind zu begleiten.

  • Eine Ebene der Arbeit mit der Herkunftsfamilie stellt die Elternarbeit dar. Sie zielt auf eine Begleitung und Einbeziehung der Herkunftseltern in das Pflegeverhältnis ab, damit diese die Entwicklung ihres Kindes in der Pflegefamilie unterstützen und ihrer elterlichen (Teil-) Verantwortung nachkommen können.
  • Voraussetzung für eine wirksame Elternarbeit ist die Herstellung einer vertrauensvollen Beziehung zwischen Fachkraft und Herkunftseltern. Hierbei geht es insbesondere um die Schaffung eines Beziehungsklimas, in dem Interessen und Erwartungen offen ausgetauscht und mit für alle Seiten tragfähigen Perspektiven für das Pflegekind verknüpft werden können.
  • Ein Schwerpunkt in der Arbeit mit Herkunftsfamilien sollte auf Erweiterung der elterlichen Kompetenzen liegen: hierbei gilt es Herkunftseltern zu befähigen, sowohl Entwicklungsgefährdungen für ihr Kind als auch die Stärken und Ressourcen ihres Kindes zu erkennen und die Wirkungen ihres erzieherischen/elterlichen Handelns einschätzen zu lernen.
  • Des Weiteren geht es in der Elternarbeit darum, Herkunftseltern dahingehend zu unterstützen, dass sie ihre Elternschaft unter veränderten Rahmenbedingungen verantwortlich wahrnehmen können. Daher wäre die Bearbeitung insbesondere folgender Themen wichtig: Besuch und Umgang; Rolle von Herkunftseltern; Beiträge von Herkunftseltern zur Unterstützung der Entwicklung ihres Kindes in der Pflegefamilie (Arbeitsteilung); Besprechung von Grundsatzfragen für Entwicklung und Zukunft des Kindes (Gesundheit; Schule etc.).
  • Geht es im Hinblick auf die Zielsetzung der Inpflegegabe darum, die Voraussetzungen für die Wiederaufnahme des Kindes in den eigenen Haushalt vorzubereiten, muss durch eine (Re-) Stabilisierung des Herkunftsmilieus mittels gezielter Unterstützungsleistungen die soziale, ökonomische und erzieherische Situation in der Herkunftsfamilie so verändert werden, dass die Entwicklungsbedingungen für die Familie insgesamt verbessert werden sowie eine geplante Rückführung des Pflegekindes möglich wird.
  • Mit einer qualifizierten Elternarbeit wird der Prozess der (Re-) Stabilisierung in der Herkunftsfamilie wesentlich unterstützt. Eine erfolgreiche (Re-) Stabilisierung setzt, wie auch die Elternarbeit, eine entsprechende Haltung der Fachkräfte gegenüber den Herkunftseltern voraus, die diese als für ihre Kinder relevante Bezugspersonen akzeptiert und respektiert.
  • (Re-) Stabilisierungskonzepte sollten sich vor allem auf folgende Bereiche konzentrieren: Ökonomische Situation (Finanzen, Wohnen); Herausarbeiten der Ressourcen von Herkunftsfamilien ebenso wie die des sozialen Umfeldes; Aufbau informeller Unterstützungssysteme (Verwandte, Nachbarn, Freunde etc.); Verstärkung elterlicher Kompetenzen (Entwicklungsgefährdungen erkennen; erzieherisches Handeln reflektieren); Alltagsorganisation der Familie sicherstellen und Herkunftseltern hierzu befähigen etc.
  • Die (Re-) Stabilisierung der Herkunftsfamilie ist vor allem auch dann von besonderer Bedeutung, wenn weitere Kinder in der Herkunftsfamilie leben.

6.7.3 Arbeit mit der Pflegefamilie

Die Arbeit mit der Pflegefamilie steht im Spannungsverhältnis zwischen der Privatheit des familiären Arrangements und der öffentlichen Aufgabe. Sie steht auch im Spannungsfeld der Bedürfnisse des Kindes und der Bedürfnisse der Pflegepersonen sowie weiterer Familienmitglieder. Hinzu kommen die unterschiedlichen Interessen und Bedürfnislagen der Herkunfts- und Pflegefamilie. Grundlegende Aufgabe der Arbeit mit der Pflegefamilie ist es daher, die in den Spannungsfeldern liegenden Chancen und Risiken für gelingende Pflegeverhältnisse zu erkennen, mit den Pflegepersonen Lösungsmöglichkeiten zu erörtern und sie bei Lösungen zum Wohl des Pflegekindes zu unterstützen.

  • Eine entscheidende Grundlage für die Arbeit mit der Pflegefamilie ist es, tragfähige Arbeitsbeziehungen mit den Pflegepersonen einzugehen. Auf Seiten der betreuenden Fachkräfte setzt dies Zuverlässigkeit, „Takt“ und Einfühlungsvermögen in die besondere Situation von Pflegefamilien zwischen Privatheit und öffentlichem Auftrag voraus; auf Seiten der Pflegefamilie, die Bereitschaft, öffentliche Aufsicht und Kontrolle als grundlegend für eine erzieherische Hilfe zu akzeptieren. Zu empfehlen ist, die Modalitäten der Zusammenarbeit im Hilfeplan mit der Festlegung wechselseitiger Rechte und Pflichten zu regeln. Soweit dies die örtlichen Verhältnisse zulassen, sollte den Pflegepersonen für die regelmäßige Begleitung oder die Beratung in speziellen Fragen die Wahl zwischen einem öffentlichen und einem freier Träger offengehalten werden.
  • Verlässliche Informationen an die Pflegepersonen über alle das Pflegeverhältnis betreffende Angelegenheiten sind die unerlässliche Grundlage jeder begleitenden Arbeit. Zu ihnen gehören auch Informationen über zusätzliche Unterstützungsmöglichkeiten durch Experten im erreichbaren Umfeld.
  • Eine entscheidende Grundlage für eine gelingende Begleitung der Pflegefamilie ist es „am Ball“ zu bleiben. Neben in ihrem Rhythmus fest abgesprochenen Gesprächen (u.a. bei Hausbesuchen) sollten die Fachkräfte deshalb auch ohne besonderen Anlass, erst recht, wenn es einen solchen gibt, ihr Interesse am Wohlergehen der Familie z.B. über telefonische Nachfragen bekunden. Dies schließt nicht aus, die Intensität der Beratungsarbeit in den verschiedenen Phasen eines Pflegeverhältnissen dem tatsächlichen Bedarf anzupassen.
  • Die Pflegepersonen sind die „Experten“ für das von ihnen betreute Kind, da sie den Alltag mit dem Kind teilen. Jeder Beratungsprozess sollte deshalb seinen Ausgangspunkt bei den Selbstdefinitionen und Problembeschreibungen der Pflegepersonen nehmen. Die Akzeptanz der Expertenrolle der Pflegepersonen sollte sich auch über ihre Beteiligung an Hilfeplankonferenzen und in gerichtlichen Verfahren nieder schlagen.
  • Einen wesentlichen Beitrag für die Rollenfindung, für den Erfahrungsaustausch, für Reflexion und Erweiterung von Kompetenzen leisten Pflegeelterngruppentreffen, begleitende Qualifizierungen und Informationsveranstaltungen sowie Pflegefamilientreffen, ggf. auch Wochenendfreizeiten. Besonderer Wert sollte darauf gelegt werden, einen Teil solcher Treffen eher informell auszurichten, um das wechselseitige Kennenlernen der Pflegepersonen zu unterstützen. Insbesondere wenn die verschiedenen Treffen auch dazu genutzt werden, wechselseitige Hilfestellungen unter den Familien anzuregen, bedeuten sie nicht nur einen zusätzlichen Arbeitsaufwand für den Pflegekinderdienst, sondern entlasten ihn auch.
  • Krisenhafte Zuspitzungen in einem Pflegeverhältnis sollten nicht nur mit einer Intensivierung der Beratungsarbeit beantwortet werden, sondern auch mit der Bereitstellung zusätzlicher Unterstützungsleistungen. Hierbei kann es sich ebenso um eine – tunlichst unabhängige – Supervision, durchgeführt von Praxisberaterinnen bzw. -beratern mit Kenntnissen über die Fremdplatzierung von Kindern, handeln, wie um die Bereitstellung eines familienentlastenden Dienstes, der es erschöpften Pflegepersonen ermöglicht, Distanz zu den Alltagsproblemen zu gewinnen.

6.7.4 Kontakt- und Umgangsregelungen

Die unterschiedliche Handhabung von Kontakt- und Umgangsregelungen bildet gewissermaßen einen Prüfstein für die Arbeit mit dem ganzen System „Erziehung in einer Vollzeitpflegestelle“. In ihrer Ausgestaltung bewährt sich die gelingende Arbeit mit dem Pflegekind, der Herkunftsfamilie und der Pflegefamilie einschließlich der eigenen Beteiligung des Pflegekinderdienstes. Alle Regelungen verfolgen den Zweck, das Pflegekind in seinem Bestreben nach Sicherheit, Eindeutigkeit und Entschiedenheit zu unterstützen. Zu akzeptieren ist, dass es hierfür keine „fertigen“ Lösungen gibt.

  • Gelingende Kontakt- und Umgangsregelungen setzen – jenseits familienrichterlicher Entscheidungen und der Festlegungen in der Hilfeplanung – die gleichrangige, in strittigen Fällen arbeitsteilig zu organisierende, begleitende Unterstützung der Herkunftsfamilie, des Pflegekindes und der Pflegeeltern voraus.
  • Eine, in der Praxis nach Herausnahme des Kindes oft vernachlässigte, begleitende Arbeit mit der Herkunftsfamilie ist – unabhängig von Detailregelungen über Besuchskontakte – die Voraussetzung dafür, dass Herkunftseltern die Entwicklung ihres Kindes während der Inpflegegabe unterstützen, mit den Pflegeeltern verantwortlich kooperieren und sich ggf. „innerlich gereift“ von ihrem Kind ganz trennen können. Den Herkunftsfamilien muss hierfür Gelegenheit gegeben werden, sich mit ihrer neuen Rolle als „Eltern ohne (dieses) Kind“ auseinander zu setzen, Schuld- und Verantwortungsgefühle zu bearbeiten und die Rolle als „zweite wichtige Personen des Kindes“ unter Einbeziehung der Bedürfnisse des Kindes und der Pflegefamilie anzunehmen.
  • Die – in der Praxis ebenfalls vernachlässigte – besondere Arbeit mit dem Pflegekind soll diesem Gelegenheiten zur Bearbeitung von Fragen, Ängsten und Loyalitätskonflikten geben, ihm eine Reflexionsebene für konkrete Erfahrungen bieten und es dabei unterstützen, Schutz vor und in belastenden Konfliktsituationen zu verlangen, sowie Kränkungen – etwa wegen des Rückzugs von Personen der Herkunftsfamilie – produktiv zu verarbeiten. Hierzu bedarf es einer von Pflegepersonen und Personen der Herkunftsfamilie unabhängigen Begleitung des Kindes, in schwierigen Fällen ggf. mit Hilfe externer Fachkräfte/Therapeuten.
  • Die Arbeit mit der Pflegefamilie sollte unter dem allgemeinen Ziel erfolgen, sie nicht nur zur Hinnahme von Besuchskontakten zu ermuntern, sondern auch darin, eine aktive Rolle in der „Elternarbeit“ zu übernehmen. Hierzu gehört auch die Ermunterung, aktiv Grenzen zu setzen und Verhaltensstandards für Besuche und andere Kontakte des Kindes zu den Personen der Herkunftsfamilie einzufordern.
  • Aufgabe des Pflegekinderdienstes, je nach örtlichen Gegebenheiten ggf. im Austausch mit den für die Herkunftsfamilie zuständigen Fachkraft, ist es, die Gesamtdynamik planend zu steuern und im Falle von
  • gerade in diesem Bereich nicht ausschließbaren Konflikten – eine Lösung herbei zu führen, die dem Kindeswohl am besten gerecht wird. Hierbei sollte beachtet werden, dass das „Beste für das Kind“ in verschiedenen Phasen des Pflegeverhältnisses ganz unterschiedliches bedeuten kann.
6.8 Die Beendigung von Pflegeverhältnissen

Die Beendigung von Pflegeverhältnisses erfolgt in vielfältiger Gestalt: Als geplante Rückführung eines Kindes oder Jugendlichen in seine Herkunftsfamilie oder als Rücknahme des Kindes oder Jugendlichen durch sorgeberechtigte Eltern oder andere Personensorgeberechtigte, als Auflösung des formellen Pflegeverhältnisses wegen Volljährigkeit oder Übergang in eine andere betreute Lebens- oder Wohnform, wegen Adoption des Kindes – auch durch die Pflegepersonen –, als Herausnahme des Kindes aus der Pflegefamilie durch den öffentlichen Träger der Jugendhilfe und ferner als ein Abbruch des Pflegeverhältnisses auf Wunsch des Kindes oder Jugendlichen und/oder der Pflegepersonen. Jeder Beendigungsgrund verlangt nach je spezifischen Unterstützungsleistungen von Pflegekinderdiensten vor, während und nach der Beendigung des Prozesses. Die Diskussion im Einzelnen würde den Rahmen diese Empfehlungen sprengen. Eingegangen wird nur auf allgemeine Prinzipien für die Gestaltung von Beendigungsprozessen sowie speziell auf Fragen der Gestaltung einer Rückführung.

6.8.1 Allgemeine Empfehlungen zur Gestaltung von Beendigungsprozessen

Die Beendigung eines Pflegeverhältnisses erfolgt selten unangekündigt; im Regelfall gibt es „Vorboten“ wie die Ankündigung eines Rücknahmeverlangens durch die Herkunftsfamilie, den Rückkehr- oder Auszugswunsch des Pflegekindes oder einen sich chronifizierenden Erschöpfungs- oder Überforderungsprozess der Pflegeeltern. Um eine für alle Beteiligten schmerzhafte und ggf. traumatisierende abrupte Beendigung zu vermeiden, sollte Pflegekinderdienste zu einem frühest möglichen Zeitpunkt die jeweilige Thematik aufgreifen, entweder um Abhilfe zu schaffen oder um mit den Beteiligten zusammen die Beendigung als Prozess mit einem möglichst klaren Zeitplan zu gestalten und zu begleiten.

  • Beendigungen sollten, soweit irgend möglich, in einem symbolischen Beendigungsakt im Beisein der zuständigen Fachkraft und – wenn dies der Beendigungssituation entspricht – der neu- bzw. wiederaufnehmenden Personen besiegelt werden. Dies hilft dem Pflegekind und den anderen Beteiligten die Beendigung biographisch zu integrieren, ihr Sinn zu verleihen und – sozial abgesichert – Schuldgefühle zu verarbeiten.
  • Jede Beendigung sollte ferner mit klaren, protokollierten Verabredungen zwischen allen Beteiligten enden, welche Rolle die abgebenden Pflegepersonen nach der Beendigung im Leben des Kindes spielen werden. Soweit hierüber keine Einigung erzielt werden kann, ist eine verbindliche Entscheidung durch das Jugendamt herbei zu führen und den Beteiligten zu vermitteln.
  • Je nach Art der Beendigung werden die Pflegepersonen mal weniger, mal mehr Unterstützung bei der Verarbeitung der Trennung von dem Pflegekind benötigen. Es ist zu empfehlen, die Betreuung/Beratung der Pflegepersonen nach Beendigung nicht abrupt abzubrechen.

6.8.2 Empfehlungen zur Beurteilung und zur Gestaltung von Rückführungen

  • Die konkrete Entscheidung zur Einleitung einer Rückführung setzt die Stabilisierung der Herkunftsfamilie in einem für das Kind vertretbaren Zeitraum voraus. Entscheidend ist das tatsächliche Bindungsverhalten des Pflegekindes und seine Haltung einer Rückführung gegenüber. Beeinflusst wird beides nicht nur von den biographischen Erfahrungen des Kindes, sondern auch von der Haltung der Pflegepersonen und der Pflegekinderdienste gegenüber einer Rückführung, wie sie sich zum Beispiel in der Unterstützung oder Entmutigung von Besuchskontakten ausdrückt, sowie von den konkreten Fähigkeiten der Herkunftsfamilie, auf ein „bindungsverunsichertes“ Kind eingehen zu können. Die Vorbereitung einer Rückführung setzt darum die Beachtung der Gesamtdynamik eines Pflegeverhältnisses voraus, wobei das Kind aber nie zum „Versuchsobjekt staatlicher Familienrehabilitation“ werden darf.
  • Als Indikatoren für stabilisierte Verhältnisse in der Herkunftsfamilie können gelten: Verbesserung der allgemeinen Umweltbedingungen (z.B. Wohnung und Wohnumfeld); Überwindung von Krankheit bzw. deutliche Fortschritte in der Krankheitseinsicht bzw. -bewältigung; Stabilisierung familiärer Beziehungen und verbesserte Kompetenz zur Übernahme grundlegender elterlicher Funktionen, insbesondere in den Bereichen Versorgung und emotionale Unterstützung; eine abgeklärte emotionale Haltung dem Kind und seinen Bedürfnissen gegenüber; Ausschließung von Faktoren, die den Schutz des Kindes vor überfordernden oder schädigenden Einflüssen in Frage stellen könnten. Die Planung bzw. eine Entscheidung für eine Rückführung setzt damit eine sorgfältige Erkundung der aktuellen häuslichen Verhältnisse, in der Regel in enger Kooperation mit dem die Herkunftsfamilie begleitenden Dienst, voraus.
  • Die Planung einer bzw. Entscheidung über eine Rückführung vorausgesetzt, ist auch die konkrete Rückführung gegenüber allen Beteiligten sorgfältig vorzubereiten. Notwendig ist es, die Rückführung als einen keinen der Beteiligten überfordernden Prozess zu gestalten. Zu empfehlen ist, der Herkunftsfamilie zu ermöglichen, sich vorausschauend mit den auf sie zukommenden Herausforderungen auseinander zu setzen; die Pflegepersonen sollten ermutigt werden, ihre Beziehung zum Kind neu zu definieren und die Begleitung des Kindes auf dem Weg zurück in die Herkunftsfamilie als die jetzt „anstehende“ Aufgabe zu betrachten; dem Pflegekind muss ermöglicht werden, sich mit Ambivalenzen, Zweifeln, Ängsten und Hoffnungen auseinander zu setzen. Zu empfehlen ist, für diese komplexen Aufgaben externe, nicht in die Dynamik des Pflegeverhältnisses verwickelte, Fachkräfte hinzu zu ziehen.
  • Die eigentliche Rückführung sollte als gleitender Prozess der Übergabe organisiert werden. Anzustreben sind mehrfache, vom Pflegekinderdienst begleitete oder jedenfalls „nachbereitete“, Besuche des Pflegekindes in der Herkunftsfamilie zusammen mit den Pflegepersonen und allein sowie Besuche der Personen aus der Herkunftsfamilie in der Pflegefamilie.
  • Auch bei guter Vorbereitung von Herkunftsfamilie und Kind auf die Rückführung und sorgfältiger Überleitung ist nicht auszuschließen, dass sich nach der Rückführung Probleme bei der (Re-) Integration des Kindes ergeben. Um „Nachhaltigkeit“ zu unterstützen, bedarf es in der Regel der Planung und Gewährung von zusätzlichen Leistungen für die Herkunftsfamilie für einen befristeten Zeitraum. Bewährt hat sich die Einrichtung einer Sozialpädagogischen Familienhilfe für einen begrenzten Zeitraum.

7. Sorgerechtliche Aspekte

 

7.1 Ausgestaltung der sorgerechtlichen Beziehungen bei „freiwilliger“ Inpflegegabe

7.1.1 Gesetzliche Befugnis nach § 1688 BGB
Wird ein Kind bzw. Jugendlicher für längere Zeit in Vollzeitpflege gem. §§ 27, 33 SGB VIII untergebracht, erlangt die Pflegeperson Entscheidungs- und Vertretungsbefugnisse kraft Gesetzes in Angelegenheiten des täglichen Lebens (§ 1688 Abs. 1 BGB).

Die Formulierung „für längere Zeit“ verdeutlicht, dass die Rechtswirkung des § 1688 Abs. 1 BGB nicht erst nach einem bestimmten Zeitablauf seit dem Zeitpunkt der Inpflegegabe eintritt, sondern ab dem Zeitpunkt der Aufnahme in die Pflegefamilie bei einer entsprechend prognostizierten Dauer der Familienpflege.

Ist die Vollzeitpflege von vornherein als „auf Dauer angelegte Lebensform“ angestrebt, ergeben sich hinsichtlich der gesetzlichen Wirkungen des § 1688 Abs. 1 BGB keine Schwierigkeiten. Handelt es sich jedoch um eine „zeitlich befristete Erziehungshilfe“ können sich gewisse Unsicherheiten ergeben. Im Hinblick auf die Absicht des Gesetzgebers, die Sorgerechtsausstattung der Erziehungspersonen – unabhängig von der Zielrichtung der Fremdbetreuung – für die Alltagssorge zu verbessern, sollten die zeitlichen Anforderungen nicht zu hoch geschraubt werden.

Bei auf nur kurze Zeiträume angelegter Vollzeitpflege, etwa bis zur Dauer von zwei Monaten, entsteht die gesetzliche Wirkung des § 1688 Abs. 1 BGB nicht. Gleichwohl bestehen Regelungs- und Entscheidungsnotwendigkeiten hinsichtlich Angelegenheiten des täglichen Lebens auch hier regelmäßig von Anfang an. Bei solchen Pflegeverhältnissen sind daher stets besondere Absprachen im Hinblick auf die Befugnisse der Pflegeperson erforderlich.

Im Rahmen der Hilfeplanung nach § 36 Abs. 2 SGB VIII sollte auf § 1688 BGB Bezug genommen werden. Die Anwendung von § 1688 BGB sollte im Hilfeplan dokumentiert werden.

§ 1688 BGB befugt die Pflegeperson zur Ausübung der Alltagssorge sowie zur Wahrnehmung der in Abs. 1 Satz 2 im einzelnen genannten Aufgaben. Dies bedeutet, dass die Pflegeperson „anstelle“ des Inhabers der elterlichen Sorge häufig vorkommende Entscheidungen ohne schwer abzuändernde Auswirkungen auf die Entwicklung des Kindes trifft. Diese beziehen sich auf alle tatsächlichen im Vordergrund stehenden Fragen der Betreuung im Alltag einschließlich derjenigen, die das schulische und berufliche Leben, die Berufsausbildung und die gewöhnliche ärztliche Behandlung betreffen.

Darüber hinaus ist die Pflegeperson bei Gefahr in Verzug berechtigt, alle Rechtshandlungen vorzunehmen, die zum Wohl des Kindes notwendig sind; die Personensorgeberechtigten sind unverzüglich zu unterrichten (§ 1688 Abs. 1 Satz 3 i.V.m. § 1629 Abs. 1 Satz 4 BGB).

Der Inhaber der elterlichen Sorge kann die gesetzlichen Befugnisse der Pflegeeltern zwar beschränken (§ 1688 Abs. 3 Satz 1 BGB); Pflegeeltern müssen aber mit den erforderlichen Entscheidungs- und Handlungskompetenzen ausgestattet sein, um ihre Aufgaben und Pflichten wahrnehmen zu können.Es ist Aufgabe des Jugendamtes, zwischen dem Inhaber der elterlichen Sorge und den Pflegeeltern zu vermitteln und auf diesem Wege Einvernehmen herzustellen (§ 38 SGB VIII).Hat die Vermittlung jedoch keinen Erfolg, bleibt nur der Weg zum Familiengericht (§ 1666 BGB, ggf. § 1674 BGB).

7.1.2 Richterliche Gestaltung nach § 1630 Abs. 3 BGB

Gem. § 1630 Abs. 3 BGB besteht die Möglichkeit, Angelegenheiten der elterlichen Sorge auf Antrag der Eltern oder der Pflegeperson auf die Pflegeperson durch das Familiengericht zu übertragen.

Für die Übertragung auf Antrag der Pflegeperson bedarf es allerdings der Zustimmung der Eltern.

Aufgrund einer Übertragung gem. § 1630 Abs. 3 BGB erlangt die Pflegeperson die Stellung eines Pflegers i.S.d. § 1915 BGB.

7.2 Mögliche zivilrechtliche Folgen bei länger dauernder Vollzeitpflege (Verbleibensanordnung)

Voraussetzungen einer Verbleibensanordnung nach § 1632 Abs. 4 BGB
Personensorgeberechtigte Eltern können die Vollzeitpflege grundsätzlich jederzeit beenden. Die Lebensbedingungen in der Herkunftsfamilie könnten jedoch einem solchen Herausgabeverlangen ebenso widersprechen wie die nunmehr aufgrund des Zeitablaufs bestehenden Bindungen des Kindes oder Jugendlichen.

In einem solchen Fall hat das Familiengericht von Amts wegen oder auf Antrag der Pflegeperson zu prüfen, ob als erforderliche Maßnahme eine sogenannte Verbleibensanordnung nach § 1632 Abs. 4 BGB in Betracht kommt.

§ 1632 Abs. 4 BGB setzt voraus, dass das Pflegekind sich „längere Zeit“ in Familienpflege befindet und durch die von den leiblichen Eltern beabsichtigte Wegnahme aus der Pflegefamilie das Wohl des Kindes gefährdet wird.

Die Konkretisierung der Voraussetzung „längere Zeit“ ist nicht objektiv zu bestimmen, sondern richtet sich danach, wie das Pflegekind den Zeitablauf empfindet. Maßgebliche Komponente ist damit der kindliche Zeitbegriff. Welcher Zeitraum nach kindlichen Zeitempfinden als „längere Zeit“ zu betrachten ist, richtet sich nach der Dauer der Trennung des Kindes von den leiblichen Eltern und dem Alter des Kindes.

Bei der Feststellung einer durch die Wegnahme des Kindes verursachten Kindeswohlgefährdung kommt es neben der körperlichen und geistigen Verfassung des Kindes insbesondere auf dessen Bindungen zur Pflegeperson an. Von entscheidender Bedeutung für die Frage nach Entstehung und Intensität der Bindungen des Kindes zu den Pflegeeltern ist die Dauer der Familienpflege. Die beiden Voraussetzungen des § 1632 Abs. 4 BGB stehen somit in wechselseitiger Abhängigkeit. So beeinflussen die Besonderheiten des kindlichen Zeitempfindens die gewachsenen Bindungen des Kindes zu den Pflegeeltern ebenso wie seine bereits erfolgte Integration in die Pflegefamilie, sein Alter, seine Bindungen zu den leiblichen Eltern sowie Anzahl und Ursachen früherer Umgebungswechsel.

Eignung und Wirkung einer Verbleibensanordnung nach § 1632 Abs. 4 BGB
Eine Verbleibensanordnung kann gegenüber einer (teilweisen) Entziehung des Sorgerechts nach § 1666 Abs. 1 BGB das mildere Mittel darstellen. Sie kann auch als geeignete Maßnahme betrachtet werden, wenn sich die leiblichen Eltern über den mit dem Jugendamt und den Pflegeeltern gemeinsam erarbeiteten Hilfeplan hinwegsetzen und entgegen getroffener Absprachen das Kind aus der Pflegefamilie herausnehmen wollen.

Da bereits vor Erlass einer Verbleibensanordnung gem. § 1632 Abs. 4 BGB geprüft werden muss, ob sich das Kind „längere Zeit“ in Familienpflege befindet, ist eine Prognose über die voraussichtliche Aufenthaltsdauer entbehrlich. Die Pflegeeltern vertreten den Inhaber der elterlichen Sorge in Angelegenheiten des täglichen Lebens (vgl. § 1688 Abs. 4, Abs. 1 BGB). Eine Beschränkung oder ein Ausschluss der gesetzlichen Befugnis der Pflegeeltern durch die Inhaber der elterlichen Sorge ist ausgeschlossen, weil eine solche nach Erlass einer Verbleibensanordnung gem. § 1688 Abs. 4 BGB dem Familiengericht vorbehalten ist.

Eine bloße Verbleibensanordnung erscheint jedoch nicht geeignet, wenn die Rückkehroption endgültig scheitert oder als nicht realisierbar feststeht und das Kind deshalb dauerhaft in der Pflegefamilie verbleiben soll. Bei familiengerichtlichen Kindesschutzmaßnahmen gehört es zu den Verpflichtungen des Staates, positive Lebensbedingungen für ein ungestörtes Aufwachsen des Kindes zu schaffen. Im Hinblick auf ein „ungestörtes Aufwachsen“ ist insbesondere das Bedürfnis des Kindes nach Klarheit und Sicherheit über seinen künftigen Aufwuchsort von Bedeutung. Eine bloße Verbleibensanordnung kann deshalb in einem solchen Fall hinsichtlich des letztlich bestimmenden Kindeswohls nicht geeignet erscheinen, da auch § 1688 BGB im Hinblick auf die Zukunftsperspektive eines Pflegeverhältnisses keinerlei Regelung trifft. Es ist unerlässlich, personensorgerechtliche Zuständigkeiten präzise abzuklären und über eine Verbleibensanordnung hinaus weitere Eingriffe in das Sorgerecht vorzunehmen.

Für die Beurteilung der Voraussetzungen und der Verhältnismäßigkeit einer Verbleibensanordnung bildet der Hilfeplan und seine Fortschreibung eine wichtige Entscheidungsgrundlage. Die Vorlage des Hilfeplans beim Gericht ist demnach ein unbedingtes Erfordernis (§ 50 Abs. 2 SGB VIII).

7.3 Vollzeitpflege infolge familiengerichtlicher Sorgerechtsbeschränkung

Bei einer beträchtlichen Anzahl von Kindern/Jugendlichen in Vollzeitpflege bestehen zivilrechtliche Kindesschutzmaßnahmen gem. §§ 1666, 1666 a BGB.

Leitet das Familiengericht ein Kindesschutzverfahren auf Initiative des Jugendamtes (vgl. § 50 Abs. 3 BGB) ein, weil erzieherische Hilfen allein nicht oder nicht mehr ausreichen, um eine Gefährdung des Kindeswohls abzuwenden, oder Eltern nicht willens bzw. in der Lage sind, Hilfe zur Erziehung in Anspruch zu nehmen, und dadurch das Kindeswohl gefährden, dient die vom Gericht zu treffende Maßnahme dazu, dem Kind oder Jugendlichen Hilfe zur Erziehung zu gewähren.

Das Gericht muss bei seiner Entscheidung den im Anschluss an die gerichtliche Intervention einsetzenden oder fortgesetzten Hilfeprozess berücksichtigen. Diesem ist insbesondere im Rahmen der Verhältnismäßigkeitsprüfung bei der Frage der Geeignetheit der gewählten Maßnahme Rechnung zu tragen. Eine Maßnahme kann nur dann als geeignet beurteilt werden, wenn sie der geplanten jugendhilferechtlichen Intervention und dem Konzept des SGB VIII gerecht wird.

Bei der auf Gefahrenabwendung gerichteten Prüfung ist das Gericht auf die Kooperation des Jugendamtes angewiesen, für das sich aus § 50 Abs. 2 und Abs. 3 SGB VIII sowie aus den §§ 1666, 1666 a BGB die Verpflichtung zur Vorlage des Hilfeplans beim Gericht ergibt. Ist eine einstweilige Anordnung zu treffen, muss, falls das Jugendamt zu diesem Zeitpunkt noch keinen Hilfeplan vorlegen kann, dies unverzüglich nachgeholt werden.

Die verbreitete gerichtliche Praxis des isolierten Entzugs des Aufenthaltsbestimmungsrechts kann zu erheblichen Problemen bei der Hilfegewährung führen und ist gegenüber den Eltern, Pflegeeltern und Minderjährigen unehrlich. Eine isolierte Entziehung des Aufenthaltsbestimmungsrechts reicht nicht aus, um gegen den Willen der insoweit weiterhin sorgeberechtigten Eltern, einem Kind/Jugendlichen Hilfe zur Erziehung in Vollzeitpflege zu leisten. Diese Ansicht ist nicht unumstritten. In jedem Fall begründet jedoch allein die Unklarheit, die mit einem isolierten Entzug des Aufenthaltsbestimmungsrechts verbunden ist, die Unverhältnismäßigkeit dieser Maßnahme. Denn sie kann sich als beeinträchtigend auf die Wahrung des Kindeswohls auswirken. Wird den Eltern das Aufenthaltsbestimmungsrecht entzogen, bleiben diese im übrigen Personensorgeberechtigte. Es kann daher schon mit Rücksicht auf die sich hieraus ergebenden Komplikationen für das Jugendamt als Leistungsbehörde mit einem Anspruch auf definitive Entscheidung der Leistungsannahme nicht unterstellt werden, dass der Gesetzgeber mit § 27 Abs. 1 SGB VIII die Berechtigung zur Geltendmachung von Hilfen kumulativ sowohl einem Aufenthaltsbestimmungspfleger als auch den Eltern zuweisen wollte.

Deshalb ist als Mindesterfordernis unerlässlich, dass in Sorgerechtsbeschlüssen, die der Gewährung von Hilfe zur Erziehung außerhalb der Herkunftsfamilie dienen sollen, dem Pfleger sowohl das Recht, Hilfe zur Erziehung nach §§ 27 ff. SGB VIII zu beantragen, als auch das Recht, im Hilfeprozess, vor allem bei der Hilfeplanung, mitzuwirken, übertragen wird.

Sind Hilfemaßnahmen der Jugendhilfe Folge des familiengerichtlichen Eingriffs und als solche vom Gericht zur Gefahrenabwehr bewusst gewollt und intendiert, erscheint jedoch häufig als „erforderliche Maßnahme“ i.S.v. § 1666 Abs. 1 Satz 1 BGB  die Übertragung der gesamten Personensorge auf einen Pfleger notwendig. In jedem Fall bestimmt der Umfang des Hilfebedarfs das Ausmaß der Eingriffsmaßnahme entscheidend mit.

8. Besondere Aspekte

 

8.1 Soziale Absicherung von Pflegepersonen

Viele Pflegepersonen (es sind meistens die Mütter) verzichten auf eine bezahlte Vollzeittätigkeit außerhalb der Familie, um in der Familie für die Versorgung, Erziehung und Förderung der in Pflege genommenen Kinder umfassend zur Verfügung zu stehen. Diese Kinder bedürfen häufig noch nach dem dritten Lebensjahr einer intensiven Betreuung, so dass eine Berufstätigkeit für Pflegepersonen meist nicht oder nur teilweise möglich ist.

Dadurch sind sie meist sozialrechtlich nicht ausreichend abgesichert. Der Altervorsorge kommt dabei eine herausragende Bedeutung zu. Gemäß § 56 Abs. 1 SGB VI werden für Pflegeeltern zwar auch die gesetzlichen Erziehungszeiten angerechnet, allerdings nur bis zum vollendeten dritten Lebensjahr ihres aufgenommenen Kindes. In den meisten Fällen allerdings kommt das Kind nicht sofort nach der Geburt in eine Pflegefamilie.

So kann es auch im kommunalen Interesse sinnvoll sein, einen Zuschuss zur Altersvorsorge für Pflegepersonen zu übernehmen. Dies kann auch eine Maßnahme darstellen, um geeignete Pflegepersonen zu gewinnen.

8.2 Risikoabsicherung für Pflegekinder und Pflegeeltern

Der Deutsche Verein regt im Hinblick auf denkbare Schadensfälle an, die auf Seiten des Pflegekindes bzw. der Pflegeeltern eintreten können oder durch diese verursacht werden können, dass die Jugendämter entweder geeignete Sammelversicherungen abschließen oder ausreichenden Versicherungsschutz durch Vereinbarung nach der Besonderheit des Einzelfalls sicherstellen (Haftpflichtversicherung, Unfallversicherung).

8.3 Datenschutz

Die für Sozialrechtsverhältnisse maßgeblichen allgemeinen Datenschutzvorschriften § 35 SGB I sowie §§ 67 ff. SGB X gelten auch für die Jugendhilfe. Allerdings werden die Bestimmungen des SGB X durch die Regelungen der §§ 61 ff. SGB VIII modifiziert.

Es dürfen nur solche Daten erhoben (§ 62 Abs. 1 SGB VIII) und gespeichert (§ 63 Abs. 1 SGB VIII) werden, die zur Erfüllung der betreffenden Aufgaben erforderlich sind. Die Daten müssen beim Betroffenen erhoben werden, der über den Zweck der Erhebung und jeder Verwendung gemäß § 62 Abs. 2 SGB VIII aufzuklären ist.

Eine Datenerhebung ohne Mitwirkung des Betroffenen ist nur innerhalb der engen Grenzen des § 62 Abs. 3 SGB VIII zulässig.

Im Hinblick auf das Auskunftsrecht des Betroffenen nach § 67 SGB VIII und das Akteneinsichtsrecht der Verfahrensbeteiligten nach § 25 SGB X dürfen Sozialdaten nur in der offiziellen Hilfeakte gespeichert werden Eine dauerhafte Zweitaktenführung in Form sog. „Handakten“ ist unzulässig.

Übermittelt und in sonstiger Weise genutzt werden dürfen Sozialdaten grundsätzlich nur zu demselben Zweck, zu dem sie erhoben worden sind (§ 64 Abs. 1 SGB VIII). Eine Ausnahme ist gem. § 64 Abs. 2 SGB VIII nur dann zulässig, wenn der Erfolg der Leistung nicht in Frage gestellt wird.

Verpflichtet i.S.d. §§ 61 bis 68 SGB VIII sind alle Stellen des Trägers der öffentlichen Jugendhilfe, soweit sie Aufgaben nach dem SGB VIII wahrnehmen.

Träger der freien Jugendhilfe sind zwar nicht direkt nach § 61 SGB VIII verpflichtet, vielmehr haben die Träger der öffentlichen Jugendhilfe sicherzustellen, dass der Schutz der Sozialdaten in entsprechender Weise gewährleistet ist (§ 61 Abs. 4 SGB VIII), wenn Einrichtungen und Dienste freier Träger in Anspruch genommen werden. Der Träger der öffentlichen Jugendhilfe ist damit Garant dafür, dass der Datenschutz bein den freien Trägern beachtet wird. Faktisch erstreckt sich damit aber der Sozialdatenschutz für den Bereich der Jugendhilfe auch auf die Träger der freien Jugendhilfe, soweit sie auf dem Gebiet der Jugendhilfe tätig werden.

Eine direkte datenschutzrechtliche Verpflichtung ergibt sich für freie Träger aus den Bestimmungen des allgemeinen Datenschutzrechts (BDSG und Landesdatenschutzgesetze). Für kirchliche Träger kommen zusätzlich die Vorschriften des KiDSG bzw. der KDO zur Anwendung.

Darüber hinaus sind freie Träger als Empfänger von Sozialdaten nach § 78 Abs. 1 Satz 1 SGB X verpflichtet, diese nur zu dem Zweck zu verwenden, zu dem sie ihnen übermittelt worden sind. Sie haben die Daten in demselben Umfang geheimzuhalten wie Sozialleistungsträger.

Der öffentliche Träger hat als übermittelnde Stelle gegenüber dem freien Träger als Datenempfänger eine Hinweispflicht auf die Anforderungen des § 78 SGB X.

Immer wieder gibt es Situationen, in denen die Weitergabe von solchen Daten zwischen den beteiligten Trägern der Jugendhilfe zwar sinnvoll erscheint, aber durch die Regelungen des Datenschutzes erschwert werden.

Der Datenschutz zielt auf eine Verhinderung des Datenmissbrauchs ab und hat insofern unbestritten Vorrang. Wenn die Weitergabe der Daten zum Gelingen der Hilfeleistung erforderlich ist, eröffnet sich mit § 65 SGB VIII die Möglichkeit, die Erlaubnis des Kindes/Jugendlichen bzw. seines gesetzlichen Vertreters zur Nutzung oder Weitergabe dieser Daten einzuholen. Dies ist gesetzeskonform und respektiert zudem die Rolle des Kindes/Jugendlichen als eigenständige Persönlichkeit und als Mitwirkendem im Verfahren.