Was ist gute Qualität im Pflegekinderbereich?

Ein erstes Merkmal für Qualität im Pflegekinderbereich liegt darin, die Frage nach guter Qualität überhaupt zu stellen. Wer glaubt, dem Thema heute noch ausweichen zu können, schwächt das Pflegekinderwesen gegenüber anderen Dienstleistungen. Wo aber ein Bewusstsein für Qualität besteht, dort wird deutlich, dass

  • die Leistungen, die Pflegeeltern erbringen, ein knappes Gut sind, das nicht einfach unbegrenzt zur Verfügung steht;
  • die getane Arbeit wertvoll ist, öffentliche Wertschätzung verlangt und einen Preis hat;
  • die Angebote von Pflegepersonen sich mit konkurrierenden Angeboten messen können und ein eigenständiges Profil besitzen;
  • der Erfolg der Arbeit (und die Vermeidung von Misserfolg) Grundlage für die Weiter-entwicklung des Pflegekinderwesens sind.

Ein zweites Merkmal besteht darin, Kriterien für Qualität zu entwickeln, die der Kom-plexität in Pflegefamilien gerecht werden. Kinder sind keine Maschinen, die man einfach nach Plan „bearbeiten“ kann. Erziehung ist ein personales Geschehen in einem kommunikativen Beziehungsfeld, in dem alle Beteiligten sich gegenseitig beobachten, beeinflussen und verändern. Erzieherische Praxis ist nie einseitig, sondern hat immer ein bzw. mehrere Gegenüber, ist dialogisch. Was geschieht ist einzigartig, ist gebunden an die jeweils gegebenen Verhältnisse ebenso wie an spontan sich ergebende neue Ereignisse. Pflegepersonen bringen in ihrem Handeln wie ein Künstler etwas hervor, lassen etwas szenisch entstehen – nicht in der Weise, dass sie dabei Regeln oder Wissen ein-fach „anwenden“, sondern dass sie einen Handlungszusammenhang in der Kommunikation miteinander erzeugen und ihn zugleich laufend experimentell überprüfen. Die unvermeidliche Komplexität von Erziehung in Pflegefamilien macht es unmöglich, Ergebnisqualität einfach „festzustellen“. Die zeitliche Streckung von Erfolgen und das Fehlen einfacher Ursache-Wirkungs-Beziehungen stellen schon in methodischer Hinsicht unüberwindliche Hindernisse dar. Dadurch steigt auch im Pflegekinderbereich die Bedeutung von Struktur-, Prozess- und Konzeptqualität als den zentralen Dimensionen von Qualität im Bereich sozialer Dienstleistungen.

Ein drittes Qualitätsmerkmal stellt die Kinder in den Mittelpunkt aller Überlegungen. Wer, was, warum unter Qualität versteht, sieht aus unterschiedlichen Perspektiven jeweils anders aus. Hier spielen Rahmenbedingungen, Absichten und Interessen eine Rolle. Haushaltsfachleute, Jugendamtsleiter, Mitarbeiter in den Diensten der Jugendhilfe, Herkunftseltern, Pflegeeltern, Geschwisterkinder, Verwandte und nicht zuletzt die betroffenen Pflegekinder selbst bringen jeweils eigene Gesichtspunkte für Qualität ein, die sich nur zum Teil überschneiden. Zentraler Bezugspunkt für die Benennung und Entwicklung von Qualität im Pflegekinderbereich ist der Vorrang des Kindeswohls, in das die grundlegenden Bedürfnisse und Rechte der Pflegekinder eingehen.

Ein viertes Merkmal für Qualität nimmt die wichtigsten Weichenstellungen in den Blick, die den Prozess der Hilfe zur Erziehung in Pflegefamilien wesentlich steuern. Hierzu gehören die Vorbereitung und Auswahl der Pflegepersonen (einschließlich Leistungsbeschreibung), die Vermittlung und der erste Kontakt, die Perspektiv- und Hilfeplanung, die (in manchen Fällen) Rückführung in die Herkunftsfamilie und die Gestaltung der Besuchs- bzw. Umgangsregelung. Für diese Hot Spots müssen überprüfbare Kriterien entwickelt werden, die sich gleichermaßen auf Konzepte, Strukturen und For-men der Prozesssteuerung beziehen.

Ein fünftes Qualitätsmerkmal schließlich bezieht sich auf die Bereitschaft zur Innovation. Ein selbstbewusstes Pflegekinderwesen öffnet sich den Erkenntnissen der unterschiedlichen Professionen, fördert die Selbst- und Fremdevaluation und stellt sich den Fragen von Politik und Öffentlichkeit.

Insgesamt kann die Diskussion um gute Qualität für Pflegekinder dazu beitragen, das Bewusstsein für die Leistungen und Grenzen des Pflegekinderwesens zu stärken, die Wertschätzung für Pflegefamilien zu erhöhen und gegenüber der Gesellschaft die wachsende Bedeutung sozialer Elternschaft zu vermitteln.

Autor: Dr. Jörg Maywald ist Soziologe, Geschäftsführer der Deutschen Liga für das Kind und stellvertretender Sprecher der National Coalition für die Umsetzung der UN-Kinderrechtskonvention in Deutschland.