Rückblick auf die Qualitätsdebatte

Liebe Pflegeeltern, liebe Kolleginnen und Kollegen, sehr geehrter Herr Minister,

ich begrüße Sie herzlich zu unserer Fachtagung „Qualitätssicherung und Umsetzung von Qualitätsmerkmalen im Pflegekinderwesen Sachsen-Anhalts“ und freue mich über Ihre Teilnahme. Besonders freue ich mich, dass 1/3 der Anwesenden Pflegeeltern sind und, dass ich Kollegen aus Mecklenburg und Brandenburg unter den Teilnehmenden sehe. Sachsen-Anhalt strahlt im Pflegekinderwesen in die Länder und auch in den Bund hinein; deshalb finde ich es gut, dass die Vorstandsmitglieder der bundesweiten Stiftung „Zum Wohl des Pflegekindes“ an dieser Tagung teilnehmen.

Bedingt durch die anhaltende und notwendige Qualitätsdebatte in der Jugendhilfe allgemein, ist auch der Bereich des Pflegekinderwesens und, sind die in diesem Feld handelnden Akteure aufgefordert, Verfahren, Standards und Kriterien seiner bzw. ihrer Arbeit zu benennen.

In den Landkreisen und kreisfreien Städten haben sich unterschiedliche Arbeitsstile und Grundhaltungen im Pflegekinderwesen entwickelt, die einer Angleichung und gegenseitigen Bereicherung bedürfen, um landesweite Verbindlichkeiten in diesem Bereich herzustellen.

Vor diesem Hintergrund wurden alle Beteiligten, Pflegeeltern, der Landesverband der Pflege- und Adoptiveltern, Pflegeelternvereine, Herkunftseltern, Mitarbeiterinnen der Pflegekinderdienste und der Allgemeinen Sozialen Dienste von Jugendämtern, Mitglieder von Jugendhilfeausschüssen und des Landesjugendhilfeausschusses, MitarbeiterInnen des Landesjugendamtes und des Ministeriums für Gesundheit und Soziales sowie die MitarbeiterInnen der Pflegeelternschule Sachsen-Anhalts aufgefordert, sich an einer gemeinsamen Diskussion über fachlich notwendige Qualitätsmerkmale und Standards zu beteiligen.

Die Frage, was die Qualität des Pflegekinderwesens ausmacht, wie sie beschaffen ist und welchen Wert sie in der praktischen Umsetzung hat, ist nicht leicht zu beantworten. Qualität ist immer abhängig vom Standpunkt des Betrachters, seiner Ansprüche und subjektiven Bewertung. Aus diesem Grunde kann das Anliegen der Erarbeitung von Qualitätsmerkmalen im Pflegekinderwesen nur im dialogischen

Zusammenspiel aller Beteiligten geschehen. Die Veranstaltungsreihe richtete sich an alle im Feld agierenden gleichermaßen, um eben die verschiedenen Sichtweisen, Erwartungen und Erfahrungen in Betracht ziehen zu können.

Das Projekt umfasste eine Fachtagung am 22.11.2001 zur Qualität im Pflegekinderwesen und eine Auftaktveranstaltung am 7.8.2002 sowie 8 darauf folgende Arbeitstreffen in den Jahren 2002 – 2003 mit jeweils unterschiedlichen Themenschwerpunkten. Um das dialogische Erarbeiten von Qualitätsmerkmalen aufrecht zu erhalten, war es wichtig, eine gleich bleibende und am Thema interessierte Arbeitsgruppe zu etablieren, deren Teilnehmende sich nicht scheuten, auch konfliktreichere Gesprächspunkte aufzugreifen und konstruktiv zu diskutieren.

Teilnehmende                                                                              

Von den 51 Teilnehmenden der Auftaktveranstaltung am 7.8.2002 waren 12 Pflegeeltern, 2 Mitglieder des Landesverbandes für Pflege- und Adoptiveltern, 24 MitarbeiterInnen aus Pflegekinderdiensten, 8 MitarbeiterInnen aus anderen Bereichen von Jugendämtern, 5 MitarbeiterInnen aus Landesbehörden. Hinzu kamen die 8 ModeratorInnen für die jeweiligen Themenschwerpunkte.

In den 8 Arbeitstreffen nahmen in der Regel zwischen 30 und 40 Personen teil. Auffällig war, dass sich die Zahl der teilnehmenden Pflegeeltern leicht erhöhte. Die Pflegeeltern nahmen auch konstanter an den einzelnen Arbeitstreffen teil als die MitarbeiterInnen der Jugendämter. Auch die Mitglieder des Landesverbandes ließen kein Arbeitstreffen aus. Alles in allem war die Zusammensetzung der Arbeitstreffen gelungen, was heißen soll, dass Pflegeeltern  und MitarbeiterInnen von Ämtern annähernd gleichermaßen vertreten waren.

Trotz der Häufigkeit und zeitlichen Nähe der Arbeitstreffen entwickelte sich eine stabile Arbeitsgruppe, die fähig war, kritisch miteinander umzugehen und Standards gemeinsam zu erarbeiten. Ich möchte an dieser Stelle allen Teilnehmenden für ihre Zeit und ihr Engagement danken. Für Pflegeeltern und auch für die MitarbeiterInnen der Behörden war es nicht leicht, die Teilnahme an der Veranstaltungsreihe zeitlich, terminlich und organisatorisch zu ermöglichen.

Vielleicht liegt es daran, dass der Dialog so gut gelungen ist. Paulo Freire meint, der Mensch ist ein Dialogwesen. In seinem Modell der Pädagogik setzt er darauf, dass es kein Oben „Lehrer“ und Unten „Schüler“ gibt – nicht Ich (Lehrer – Subjekt) und Es (Kinder – Objekt). Der Dialog wird nach Freire zwischen gleichberechtigten Menschen möglich; das Ich (Subjekt) erkennt sich im Du (Subjekt). Jeder kann von dem anderen durch den Einblick in seine Lebenswirklichkeit lernen. In unserem Fall die JugendamtsmitarbeiterInnen von den Pflegeeltern, MitarbeiterInnen der Ministerien von der Basis und WissenschaftlerInnen von PraktikerInnen. Die Arbeitstreffen hatten noch eine andere wichtige Besonderheit – sie waren geprägt von den Dialogischen Grundprinzipien, die wohl ausschlaggebend dafür waren, dass die Atmosphäre gekennzeichnet war von Vertrauen, Liebe, Hoffnung, Kritik und Demut.

Arbeitsweise

Ziel der gesamten Veranstaltungsreihe war es, unter Beteiligung aller Betroffenen Qualitätsmerkmale im Pflegekinderwesen interdisziplinär und dialogisch zu erarbeiten. Die Ergebnisse der Qualitätsdiskussion wurden am Ende in einem Handbuch dokumentiert, so dass sie ein fester Bestandteil in der täglichen und alltäglichen Arbeit von Fachkräften in den Jugendämtern und von Pflegeeltern sein können.

Ergebnisse der Redaktionsgruppe

Für die Verschriftlichung der Ergebnisse aus den jeweiligen Kleingruppen waren die ModeratorInnen zuständig. Sie hatten dafür Sorge zu tragen, verständlich und ausreichend alle Teilnehmenden über die Inhalte der Kleingruppen zu informieren. Die Ergebnisse wurden allen Beteiligten schriftlich, meistens beim darauf folgenden Arbeitstreffen, zur Verfügung gestellt. Von da an hatten die Teilnehmenden

Gelegenheit, die Ergebnisse schriftlich zu kritisieren und zu ergänzen. Die MitarbeiterInnen der Start gGmbH hatten dann die Aufgabe, all diese Ergebnisse abschließend für die Redaktionsgruppe aufzubereiten.

Der Rücklauf von Ergänzungen verlief jedoch eher schleppend. Daher war es der Start gGmbH wichtig, eine Redaktionsgruppe zu organisieren, die sich mit den vorliegenden Texten für das Handbuch eingehend beschäftigen sollte. Die Redaktionsgruppe setzte sich aus zwei Pflegeeltern, zwei Mitarbeiterinnen aus Pflegekinderdiensten, einer Mitarbeiterin des Landesverwaltungsamtes und zwei Mitarbeiterinnen aus dem Ministerium sowie zwei Start MitarbeiterInnen zusammen.

Die Redaktionsgruppe hat in fünf Treffen, die jeweils einen Tag dauerten, die vorliegenden schriftlichen Ergebnisse strukturiert, sie inhaltlich und auch rechtlich redaktionell betreut. Die so veränderten Texte sind die Grundlage für die Handbuchfassung. Das Handbuch selbst wurde im dritten Teil des Qualitätssicherungsprojektes 2004 erstellt.

In der Redaktionsgruppe unterlag der Handbuchtext und die darin festgehaltenen Qualitätsmerkmale und Empfehlungen einem erneuten Aushandlungsprozess, in dem die Beteiligten aus ihrer Funktion heraus die Empfehlungen auf ihre Umsetzung in der Praxis überprüften (hier galt es erneut, zum Teil schmerzhafte Kompromisse einzugehen). Deutlich wurde dabei, dass ein Handbuch, geschrieben von Pflegeeltern oder vom Landesjugendamt, jeweils im Detail anders aussehen würde. Was hiermit aber entstanden ist, ist ein praxistaugliches Handbuch, das inhaltlich von allen Partnern getragen und von seinen fachlichen Inhalten unterstützt werden kann.

Neben dem schon erwähnten Dank an die TeilnehmerInnen der AG’s bedanke ich mich ganz herzlich beim Ministerium, das diesen Qualitätsdialog ermöglicht hat. Hier seien neben Herrn Dr. Schunke, einem alten Freund des Pflegekinderwesens, auch Frau Navgi Lambert und – wenn auch schon im Ruhestand – Frau Trinks genannt. Diese drei kämpfen immer wieder im Land für das so wichtige Pflegekinderwesen. Durch die Pflegeeltern können viele Kinder wieder eine Familie auf Zeit erhalten, da wo die Herkunftsfamilie ausfällt. Wie wichtig das ist, kann wohl jede/r nachempfinden. Pflegefamilien ersetzen Herkunftsfamilien und verhindern häufig Heimaufenthalte; das ist nicht nur fiskalisch sondern auch pädagogisch und menschlich sinnvoll.

Mein Dank gilt auch Ihnen Herr Minister; zum einen dafür, dass Sie heute hier sein können, zum anderen aber auch dafür, dass Sie Herrn Dr. Schunke in den Haushaltskonsolidierungen die Position „Pflegekinderwesen“ nicht gänzlich wegstreichen. Aber vielleicht zeigt sich ja hier auch das neue familienpolitische Programm der Landesregierung und in den nächsten Jahren rückt die Ersatzfamilie ebenfalls stärker in den Vordergrund. Dass Sie etwas für das Pflegeelternwesen übrig haben, zeigten Sie ja bereits in Ihrem mehrfachen Engagement zum „Chatten mit Pflegeeltern“.

Bevor ich Ihnen das Rednerpult frei gebe, bedanke ich mich noch bei meinen MitarbeiterInnen – von der Kinderbetreuung, Verpflegung, Vorbereitungsmaterial, fachlichem Input bis hin zur Reflexion und Verschriftung musste alles geplant und vorbereitet sein. Adrian Einecke und Maren Campe haben hier einen ausgezeichneten Job gemacht und mit großem Engagement und Herzblut den Qualitätsdialog begleitet. Unterstützt hat das Team der Pflegeelternschule des Landes – Ihnen allen ein herzliches Dankeschön für die sehr gute Arbeit!

Ich wünsche Ihnen für den heutigen Tag viele gute Ideen, spannende Referate und anregende Begegnungen.