Die Position des Kindes stärken

Wenn ein 2-jähriges Kind für ein Jahr in eine Pflegefamilie gegeben wird, um anschließend über seine weitere Lebensperspektive zu entscheiden, ist das gute Qualität? Oder ist gute Qualität, wenn einer chronisch überforderten Mutter nahe gelegt wird, sich von ihrem 4-jährigen Sohn gänzlich zu verabschieden, um das Kind in einer guten Ersatzfamilie aufwachsen zu lassen?

Ist gute Qualität, dem Wunsch eines 12-jährigen Jungen zu entsprechen, sich nach Jahren in der Pflegefamilie seiner psychisch kranken Mutter zuzuwenden und wieder zu ihr in den Haushalt zu wechseln? Oder verweist auf gute Qualität, wenn ein 9-jähriges Mädchen sich penetrant weigert, in der Schule ihren korrekten Familiennamen zu nennen und statt dessen auf dem Nachnamen der Pflegefamilie besteht?

Wenn ein inzwischen erwachsen gewordenes Pflegekind seiner ehemaligen Pflegemutter stolz seine erste eigene Tochter präsentiert, ist das gute Qualität? Oder lässt auf Qualität schließen, wenn eine 17-jährige Jugendliche in ihrer Pflegefamilie noch kein Kind zur Welt gebracht hat, war doch ihre leibliche Mutter immerhin bereits mit 14 Jahren zum ersten Mal schwanger?

Schließlich: Zeugt von Qualität, wenn ein Jugendamtsleiter in Zusammenhang mit der Deckelung der kommunalen Haushalte bei Fremdunterbringungen von Kindern grundsätzlich der Rückkehroption den Vorrang einräumt? Oder drückt sich Qualitätsbewusstsein dadurch aus, dass sich die Fachleute eines Jugendamtes darauf einigen, Besuche der Herkunftseltern auf ein gesetzliches Mindestmaß zu reduzieren, um einen ungestörten Beziehungsaufbau und das Wachsen neuer Bindungen in den Pflegefamilien nicht zu gefährden?

Wer nach der Qualität in Pflegefamilien fragt, begibt sich auf unsicheres Terrain und kann leicht ins Rutschen geraten. Wer, was, warum und unter welchen Umständen für qualitativ gut erklärt, darüber kann leicht Streit aufkommen, nicht zuletzt, weil wir selbst alle aus Familien kommen und zumeist in Familien leben. Was aber so nahe ist, scheint selbstverständlich und nicht erklärungsbedürftig. Es ist wohl kein Zufall, dass schon die Frage nach der Qualität von (Pflege-)Familie von vielen als eine Zumutung aufgefasst wird. Angesichts dieser Schwierigkeiten ist es fast schon verständlich, dass in dem Standardwerk (434 Seiten) von Joachim Merchel „Qualität in der Jugendhilfe“ (Votum Verlag, Münster 1998) ein Abschnitt „Qualität im Pflegekinderwesen“ nicht vorgesehen ist.

Dennoch kann der Frage nicht ausgewichen werden: Was ist gute Qualität im Pflegekinderbereich? Besonders dringlich stellt sich diese Frage aus Sicht der Pflegekinder selbst: Was können sie zu Recht erwarten, worauf haben Sie Anspruch? Welche Möglichkeiten bestehen, wenn ihre Bedürfnisse nicht befriedigt, ihre Rechte nicht gewahrt werden? Nicht zuletzt: Was ist Erfolg im Pflegekinderwesen?

Wo so vieles durcheinander geht, wo heftige Emotionen im Spiel sind und unterschiedliche – häufig unbewusste – Orientierungen und Überzeugungen aufeinander treffen, ist eines vor allem notwendig: ein nüchterner Blick und ein kühler Kopf.

Warum heute niemand mehr die Frage nach der Qualität einer Leistung nicht stellen kann

Qualität ist in aller Munde. Die Begriffe Qualitätsentwicklung, Qualitätssicherung, Qualitätsmanagement, Qualitätskontrolle haben inzwischen den Charme einer Dampfwalze, der sich kaum jemand entziehen kann und die zugleich Gefahr läuft, alles platt zu machen.

Wie ist es hierzu gekommen? Wie konnte es geschehen, dass innerhalb weniger Jahre diese Begriffe in der jugendhilfepolitischen Diskussion – und nicht nur dort – stilbildend, ja manchmal geradezu beherrschend geworden sind?

Ganz allgemein wird die Frage nach der Qualität einer Tätigkeit dann virulent, wenn zwei Bedingungen zusammenkommen:

  • diese Tätigkeit nimmt den Charakter einer professionellen Leistung an;
  • die Leistung verursacht Kosten, für deren Deckung knappe Mittel zur Verfügung stehen.

Was die Jugendhilfe in Deutschland angeht, so haben sich beide Voraussetzungen in den letzten zehn Jahren rasant entwickelt und gegenseitig verstärkt. Die fast zeitgleiche Verabschiedung der UN-Kinderrechtskonvention und das Inkrafttreten des Kinder- und Jugendhilfegesetzes haben zu einem enormen Professionalisierungsschub geführt. Zugleich hat sich – u.a. in Folge der deutschen Wiedervereinigung – die Lage der öffentlichen Finanzen dramatisch verschärft, mit der Folge eines allgemeinen Legitimations- und Kostendrucks.

Das Pflegekinderwesen ist ein Kind dieser Entwicklung.

Im Westen Deutschlands ist das Pflegekinderwesen nicht zuletzt durch die unselige und häufig ideologisch befrachtete Auseinandersetzung um die Konzepte der Ergänzungs- versus Ersatzfamilie in das Zentrum rechtlicher, psychologischer und jugendhilfepolitischer Auseinandersetzung geraten.

Im Osten Deutschlands hat sich praktisch aus dem Nichts heraus ein selbstbewusster Pflegekinderbereich entwickelt, der die Konkurrenz einer mächtigen Heimlobby nicht mehr zu scheuen braucht.

In Ost wie West haben sich differenzierte Angebote mit unterschiedlichen Niveaus an Professionalität entwickelt. Trotz eines vergleichsweise geringen Kostenaufwandes werden bei der Diskussion um die Legitimität und Effektivität von Pflegefamilien immer auch kritische Kostenargumente ins Feld geführt.

Damit stellt sich zwangsläufig die Frage nach der Qualität, der von nun an nicht mehr ausgewichen werden kann. Zugleich wird die Janusköpfigkeit der Qualitätsdiskussion deutlich: Das Interesse an Innovation und Reform steht neben den Bemühungen um Kosteneinschränkung und bloße Rationalisierung.

Was ist das überhaupt – Qualität? Wie können wir sie begrifflich fassen? Gemäß DIN ISO 8402 bezeichnet die Qualität einer Dienstleistung „die Gesamtheit von Eigenschaften und Merkmalen, die sich auf deren Eignung zur Erfüllung festgelegter oder vorausgesetzter Erfordernisse bezieht.“

Bereits hier wird deutlich, dass Qualität keine absolute, unveränderliche Größe ist, sondern abhängt von den Interessen und Bedürfnissen der Beteiligten (z.B. den Anbietern und Nutzern einer Leistung) und von der gesellschaftlichen Entwicklung. Sie ergibt sich aus der Übereinstimmung zwischen den Erwartungen hinsichtlich der Leistung und der tatsächlich erbrachten Leistung. Die verschiedenen Beteiligten haben in der Regel verschiedene Qualitätserwartungen. Was jemand als Merkmal von Qualität bezeichnet, hängt ab von seiner Perspektive und Interessenlage. Die Definition von Qualitätsstandards erfordert deshalb das Aushandeln und Vermitteln zwischen unterschiedlichen Interessen.

Ausgehend von allgemeinen Qualitätsdefinitionen hat sich eine Differenzierung des Qualitätsbegriffs durchgesetzt. Klassisch werden Strukturqualität, Prozessqualität und Ergebnisqualität unterschieden, neuerdings ergänzt durch die Dimension der Konzept- oder Orientierungsqualität.

Strukturqualität bezieht sich dabei auf die organisationsbezogenen Rahmenbedingungen und auf die Ausstattung, über die eine Person oder Einrichtung bei der Erbringung ihrer Leistungen verfügt.

Mit Prozessqualität ist das Vorhandensein und die Beschaffenheit solcher Aktivitäten gemeint, die geeignet und notwendig sind, ein bestimmtes Ziel der Leistung zu erreichen. Von Ergebnisqualität ist die Rede, wenn der erzielte Zustand, also ein feststellbarer Erfolg oder Misserfolg betrachtet wird. Konzept- oder Orientierungsqualität schließlich bezieht sich auf die konzeptionellen Haltungen und Grundorientierungen, die einer Leistung zu Grunde liegen.

Wege und Irrwege der Qualitätsfeststellung in der Arbeit mit Menschen

Wenn jemand sein Bad neu hat kacheln lassen und feststellen muss, dass sich nach vier Wochen die ersten Kacheln von der Wand lösen, wird er zu Recht die Frage nach der (Ergebnis-)Qualität der erbrachten Leistung stellen. Er wird Gewährleistung einfordern und in der Regel erreichen können, dass der Schaden ersetzt wird. Bei produktbezogenen Leistungen stellt sich die Sache also recht einfach dar.

Nicht so bei sozialen Dienstleistungen. Wie andere soziale Dienstleistungen auch stellt Hilfe zur Erziehung in Pflegefamilien eine personale, eine von Personen an Personen erbrachte Dienstleistung dar. Sie ist eine Praxis besonderer, nicht-instrumenteller Art und daher nicht ohne weiteres mit anderen beruflichen Tätigkeiten – zum Beispiel der Renovierung eines Badezimmers – zu vergleichen.

Wenn Hilfe zur Erziehung in Pflegefamilien ein personales Geschehen, ein Handeln im Beziehungsfeld ist, muss man sich grundsätzlich klar machen, dass Menschen keine Maschinen sind, die man einfach nach Plan „bearbeiten“ kann. Die Akteure des Pflegekinderwesens wirken in einem kommunikativen Feld, in dem sie spontan handeln, sprechen und empfinden. Es ist dies ein komplexes Beziehungsgeschehen, das sich selbst strukturiert, das Verhaltensmuster und Regeln ausbildet und sich gleichzeitig mit eigentümlicher Dynamik verändert. In diesem interpersonalen Feld beobachten und bewerten, beeinflussen und verändern sich alle Beteiligten gegenseitig. Was geschieht, ist einzigartig, ist gebunden an die jeweilige Situation, die beteiligten Personen und die jeweils gegebenen Verhältnisse, an ihre besonderen Voraussetzungen ebenso wie an spontan sich ergebende neue Ereignisse.

Dabei weist diese Praxis eine besondere, nämlich unumkehrbare, Zeitstruktur auf. Es gibt in humaner Praxis keine Wiederholungen. Das macht jeden Versuch einer Beeinflussung und Veränderung zu einem einzigartigen Vorgang, der zugleich widersprüchlich, komplex, unsicher, ja geradezu „chaotisch“ sein kann und der stets von Wert- und Interessenkonflikten gekennzeichnet ist.

Hilfe zur Erziehung in Pflegefamilien ist von dieser Komplexität grundsätzlich bestimmt. Sie ist nie einseitig, sondern hat immer ein bzw. mehrere Gegenüber, ist dialogisch. Humane Praxis macht man nicht allein. Empfänger von Jugendhilfeleistungen leisten immer auch selbst etwas, sind Empfänger und Geber, Konsumenten und Produzenten zugleich.

In einem solchen Feld professionell zu handeln, heißt Beziehungen spontan und mit Überlegung gestalten. Mitarbeiter(innen) im ASD und in den Pflegekinderdiensten und nicht zuletzt die Pflegepersonen selbst bringen in ihrem Handeln wie ein Künstler etwas hervor, lassen etwas szenisch entstehen, indem sie zugleich denken, empfinden und handeln – nicht in der Weise, dass sie dabei Regeln oder Wissen einfach „anwenden“, sondern dass sie einen Handlungszusammenhang in der Kommunikation miteinander erzeugen und ihn zugleich laufend experimentell überprüfen. Es ist dies ein Überlegen im Handlungsvollzug – „reflection in action“, wie es der amerikanische Praxistheoretiker Donald Schön genannt hat.

Die unvermeidliche Komplexität sozialpädagogischen Handelns macht es unmöglich, Ergebnisqualität einfach „festzustellen“. Die zeitliche Streckung von Ergebnissen sozialpädagogischer Intervention und das Fehlen einfacher Ursache-Wirkungs-Beziehungen stellen schon in methodischer Hinsicht unüberwindliche Hindernisse dar. Damit sind wir aber keineswegs am Ende der Qualitätsdiskussion im Pflegekinderwesen. Vielmehr steigt hierdurch die Bedeutung von Struktur-, Prozess- und Konzeptqualität als den zentralen Dimensionen von Qualität im Bereich sozialer Dienstleistungen.

Je, nachdem, ob die Frage nach guter Qualität im Pflegekinderwesen aus Sicht der Jugendpolitik, des Kämmerers, des Allgemeinen Sozialen Dienstes, des Pflegekinderdienstes, der Herkunfts- oder Pflegefamilie oder aus Sicht des Kindes gestellt wird, ergeben sich unterschiedliche Antworten. Diese Perspektivenabhängigkeit darf aber nicht dazu führen, gute Qualität lediglich als Ergebnis eines Aushandlungsprozesses zwischen den Interessen aller Beteiligten zu verstehen. Der Standpunkt, von dem aus sich Maßstäbe für gute Qualität ergeben, ist nicht beliebig wählbar. Vielmehr gilt bei allen Maßnahmen, die Pflegekinder betreffen, der Vorrang des Kindeswohls. Das beste Interesse des Kindes ist der zentrale Bezugspunkt aller Qualitätsüberlegungen im Pflegekinderwesen. Qualität zeigt sich dann darin, Bedingungen herzustellen, welche die Chance erhöhen, den Vorrang des Kindeswohls zu gewährleisten.

Der Ausgangspunkt: Rechte und Bedürfnisse von Pflegekindern

Der in der UN-Kinderrechtskonvention kodifizierte und inzwischen von fast allen Staaten der Erde ratifizierte Katalog von Schutz-, Förder- und Beteiligungsrechten bezieht sich selbstverständlich auch auf Pflegekinder. Diese genießen dieselben Rechte wie alle Kinder. Allerdings sind bestimmte Normierungen der Konvention in diesem Zusammenhang von besonders großer Bedeutung. Ich will die wichtigsten diesbezüglichen Artikel nennen und kommentieren:

Artikel 2 (Achtung der Kindesrechte; Diskriminierungsverbot) Ausdrücklich wird garantiert, dass die in dem Übereinkommen festgelegten Rechte jedem Kind unabhängig u.a. von seiner nationalen, ethnischen oder sozialen Herkunft und ohne Rücksicht auf den sonstigen Status des Kindes zu gewähren sind. Ein Pflegekind darf nicht aufgrund seines Status bei der Ausübung seiner Rechte eingeschränkt oder diskriminiert werden.

Artikel 2, Abs. 1: Die Vertragsstaaten achten die in diesem Übereinkommen festgelegten Rechte und gewährleisten sie jedem ihrer Hoheitsgewalt unterstehenden Kind ohne jede Diskriminierung, unabhängig von der Rasse, der Hautfarbe, dem Geschlecht, der Sprache, der Religion, der politischen oder sonstigen Anschauung, der nationalen, ethnischen oder sozialen Herkunft, des Vermögens, einer Behinderung, der Geburt oder des sonstigen Status des Kindes, seiner Eltern oder seines Vormundes.

Artikel 3 (Wohl des Kindes) Das Wohl des Kindes (the best interest of the child) ist bei allen Maßnahmen, die Kinder betreffen, ein vorrangig zu berücksichtigender Gesichtspunkt. Dies gilt u.a. für Maßnahmen und Entscheidungen der sozialen Fürsorge, der Gerichte und der Verwaltungsbehörden. Eine dem Wohl des Kindes abträgliche Alternative – nur weil diese zum Beispiel kostengünstiger wäre – darf demnach nicht gewählt werden.

Artikel 3, Abs. 1: Bei allen Maßnahmen, die Kinder betreffen, gleichviel ob sie von öffentlichen oder privaten Einrichtungen der sozialen Fürsorge, Gerichten, Verwaltungsbehörden oder Gesetzgebungsorganen getroffen werden, ist das Wohl des Kindes ein Gesichtspunkt, der vorrangig zu berücksichtigen ist.

Artikel 7 (Geburtsregister, Name, Staatsangehörigkeit) Jedes Kind hat das Recht auf einen Namen von Geburt an und soweit möglich das Recht, seine Eltern zu kennen und von ihnen betreut zu werden. Hieraus kann abgeleitet werden, dass eine Fremdunterbringung des Kindes nur als ultima ratio und nur bei erheblicher Kindeswohlgefährdung in Betracht kommt.

Artikel 7, Abs. 1: Das Kind ist unverzüglich nach seiner Geburt in ein Register einzutragen und hat das Recht auf einen Namen von Geburt an, das Recht, eine Staatsangehörigkeit zu erwerben, und soweit möglich das Recht, seine Eltern zu kennen und von ihnen betreut zu werden.

Artikel 8 (Identität) In diesem Artikel wird anerkannt, dass der Name und die gesetzlich anerkannten Familienbeziehungen wichtige Bestandteile der Identität des Kindes sind und nur aufgrund eines Gesetzes und im Rahmen bestehender Verfahrensvorschriften geändert werden dürfen.

Artikel 8, Abs. 1: Die Vertragsstaaten verpflichten sich, das Recht des Kindes zu achten, seine Identität, einschließlich seiner Staatsangehörigkeit, seines Namens und seiner gesetzlich anerkannten Familienbeziehungen, ohne rechtswidrige Eingriffe zu behalten.

Artikel 9 (Trennung von den Eltern; persönlicher Umgang) Kinder dürfen von ihren Eltern gegen deren Willen nur getrennt werden, wenn das Wohl des Kindes dies erfordert, z.B. nach einer Misshandlung oder Vernachlässigung. Auch in diesen Fällen muss das Verfahren strengen rechtsstaatlichen Kriterien genügen. Das von seinen Eltern getrennt lebende Kind hat das Recht, regelmäßige persönliche Beziehungen und unmittelbare Kontakte zu beiden Elternteilen zu pflegen, soweit dies nicht dem Wohl des Kindes widerspricht. Umgangseinschränkungen und Besuchsverbote bedürfen insofern einer Begründung im Einzelfall, die sich ausschließlich am Wohl des Kindes zu orientieren hat.

Artikel 9, Abs. 1: Die Vertragsstaaten stellen sicher, dass ein Kind nicht gegen den Willen seiner Eltern von diesen getrennt wird, es sei denn, dass die zuständigen Behörden in einer gerichtlich nachprüfbaren Entscheidung nach den anzuwendenden Rechtsvorschriften und Verfahren bestimmen, dass diese Trennung zum Wohl des Kindes notwendig ist. Eine solche Entscheidung kann im Einzelfall notwendig werden, wie etwa wenn das Kind durch die Eltern misshandelt oder vernachlässigt wird oder wenn bei getrennt lebenden Eltern eine Entscheidung über den Aufenthaltsort des Kindes zu treffen ist. Abs. 3: Die Vertragsstaaten achten das Recht des Kindes, das von einem oder beiden Elternteilen getrennt ist, regelmäßige persönliche Beziehungen und unmittelbare Kontakte zu beiden Elternteilen zu pflegen, soweit dies nicht dem Wohl des Kindes widerspricht. (…)

Artikel 12 (Berücksichtigung des Kindeswillens) In diesem Artikel werden Kindern umfassende Partizipationsrechte eingeräumt. Das Kind hat in allen es betreffenden Angelegenheiten das Recht, seine Meinung frei zu äußern. Die Meinung des Kindes muss angemessen und entsprechend seinem Alter und seiner Reife berücksichtigt werden. In allen Gerichts- und Verwaltungsverfahren muss das Kind entweder unmittelbar oder durch einen Vertreter gehört werden. Im Zuge der Kindschaftsrechtsreform 1998 wurde in Deutschland das Rechtsinstitut eines Verfahrenspflegers im zivilrechtlichen Kinderschutzverfahren eingeführt. Für Verwaltungsverfahren, zu denen jugendamtliche Entscheidungen gehören, steht eine solche Unterstützung des Kindes noch aus.

Artikel 12, Abs. 1: Die Vertragsstaaten sichern dem Kind, das fähig ist, sich eine eigene Meinung zu bilden, das Recht zu, diese Meinung in allen das Kind berührenden Angelegenheiten frei zu äußern, und berücksichtigen die Meinung des Kindes angemessen und entsprechend seinem Alter und seiner Reife. Abs. 2: Zu diesem Zweck wird dem Kind insbesondere Gelegenheit gegeben, in allen das Kind berührenden Gerichts- oder Verwaltungsverfahren entweder unmittelbar oder durch einen Vertreter oder eine geeignete Stelle im Einklang mit den innerstaatlichen Verfahrensvorschriften gehört zu werden.

Artikel 20 (Von der Familie getrennt lebende Kinder; Pflegefamilie; Adoption) Kinder, die nicht in ihrer Herkunftsfamilie verbleiben können, haben Anspruch auf den besonderen Schutz und Beistand des Staates. Bei der Wahl zwischen familialer (Familienpflege oder Adoption) und institutioneller Unterbringung sind die erwünschte Kontinuität in der Erziehung des Kindes sowie die ethnische, religiöse, kulturelle und sprachliche Herkunft des Kindes zu berücksichtigen. Hieraus kann der Vorrang milieunaher vor milieuferner Unterbringung abgeleitet werden.

Artikel 20, Abs. 1: Ein Kind, das vorübergehend oder dauernd aus seiner familiären Umgebung herausgelöst wird oder dem der Verbleib in dieser Umgebung im eigenen Interesse nicht gestattet werden kann, hat Anspruch auf den besonderen Schutz und Beistand des Staates. Abs. 2: Die Vertragsstaaten stellen nach Maßgabe ihres innerstaatlichen Rechts andere Formen der Betreuung eines solchen Kindes sicher. Abs. 3: Als andere Formen der Betreuung kommt unter anderem die Aufnahme in eine Pflegefamilie, die Kafala nach islamischem Recht, die Adoption oder, falls erforderlich, die Unterbringung in einer geeigneten Kinderbetreuungseinrichtung in Betracht. Bei der Wahl zwischen diesen Lösungen sind die erwünschte Kontinuität in der Erziehung des Kindes sowie die ethnische, religiöse, kulturelle und sprachliche Herkunft des Kindes gebührend zu berücksichtigen.

Soweit die einschlägigen Artikel der UN-Kinderrechtskonvention. Insgesamt und unter Einbezug der von mir in diesem Zusammenhang nicht angeführten Kindesrechte hat sich damit auf der Ebene des internationalen Rechts durchgesetzt, Kinder von Beginn an als eigenständige Subjekte anzusehen, die ihre spezifischen Kompetenzen und Potentiale in die menschliche Gemeinschaft einbringen. Am Anfang eines neuen Jahrhunderts ist die Vorstellung, Kinder als noch nicht vollwertige Menschen anzusehen, unhaltbar geworden. Kinder gleich welchen Status sind Menschen in einer sensiblen Entwicklungsphase, die des besonderen Schutzes, der Förderung und der Beteiligung bedürfen. Janusz Korczak hat diese neue Sicht des Kindes bereits vor mehr als fünfzig Jahren prägnant zusammengefasst: „Das Kind wird nicht erst ein Mensch, es ist schon einer.“

Für die körperliche und seelische Gesundheit kleiner Kindheit ist die Befriedigung elementarer Bedürfnisse unabdingbar. Zusammengefasst werden diese Grundbedürfnisse (Basic needs of children) im Begriff des Kindeswohls, der sich wiederum von der Menschenwürde des Kindes und seiner besonderen Schutzbedürftigkeit ableiten lässt. Erste Versuche einer Konkretisierung des Kindeswohlbegriffs sind in der Kindeswohl-Trilogie von Goldstein, Freud und Solnit (1974, 1982, 1988) zu finden. Orientiert an den basalen Entwicklungsbedürfnissen kleiner Kinder erarbeiteten sie interdisziplinäre Kriterien für die Bestimmung der am wenigsten schädlichen Alternative zum Schutz von Wachstum und Entwicklung des Kindes. Zu den grundlegenden Bedürfnissen rechnen sie Nahrung, Schutz und Pflege, intellektuelle Anregungen und Hilfe beim Verstehen der Innen- und Außenwelt. Außerdem brauche das Kind Menschen, die seine positiven Gefühle empfangen und erwidern und sich seine negativen Äußerungen und Hassregungen gefallen lassen. Sein Selbstgefühl und seine Selbstsicherheit im späteren Leben bleibe abhängig von seiner Stellung innerhalb der Familie, d.h. von dem Gefühl geschätzt, anerkannt und als vollwertiges Familienmitglied betrachtet zu werden.

Von Fegert (1999) stammt der Versuch, die in der UN-Kinderrechtskonvention formulierten Normen in sechs große Bedürfnisbereiche (Basic needs of children) zu übersetzen und die negativen Folgen bei deren Nichtbeachtung zu beschreiben. Hierzu gehören

  1. Liebe, Akzeptanz und Zuwendung: Der Mangel an emotionaler Zuwendung kann zu schweren körperlichen und psychischen Deprivationsfolgen bis hin zum psychosozialen Minderwuchs und „failure to thrive“ (nicht organisch bedingten Gedeihstörungen) führen;
  2. Stabile Bindungen: Bindungsstörungen zeigen sich bei kleinen Kindern zunächst in Auffälligkeiten der Nähe-Distanz-Regulierung und können später zu massiven Bindungsstörungen führen;
  3. Ernährung und Versorgung: als Folgen einer Mangel- oder Fehlernährung treten Hunger, Gedeihstörungen und langfristig körperliche sowie kognitive Entwicklungsbeeinträchtigungen auf;
  4. Gesundheit: Mängel im Bereich der Gesundheitsfürsorge führen zu vermeidbaren Erkrankungen mit unnötig schwerem Verlauf, z.B. infolge von Impfmängeln, Defektheilungen etc.;
  5. Schutz vor Gefahren von materieller und sexueller Ausbeutung: psychisch können diese Belastungen zu Anpassungs- bzw. posttraumatischen Störungen führen, die durch eine Fülle von Symptomen und teilweise langfristige Erkrankungsverläufe gekennzeichnet sind;
  6. Wissen, Bildung und Vermittlung hinreichender Erfahrung: Mängel in diesen Bereichen führen zu Entwicklungsrückständen bis hin zu Pseudodebilität (vgl. Fegert 1999, S. 326 f.).

Die hier beschriebenen Grundbedürfnisse stehen nicht gleichwertig nebeneinander, sondern lassen sich nach Maslow (1978) in dem Bild einer Bedürfnispyramide hierarchisch beschreiben. Am Fuße der Pyramide stehen die unmittelbar zum Überleben notwendigen Bedürfnisse nach Versorgung, Ernährung usw. Darauf aufbauend folgen der Schutz vor Gefahren und das Bedürfnis nach Gesundheit, die Erfüllung von Kontakt- und Bindungswünschen und schließlich das Bedürfnis nach Bildung und hinreichender Anregung.

Hot Spots für gute Qualität im Pflegekinderwesen

Ich möchte die Ergebnisse einschlägiger Bindungs- und Trennungsforschung in Beziehung setzen zu fünf Schlüsselsituationen (Hot Spots), bei denen es erfahrungsgemäß häufig zu Fehlentscheidungen mit entsprechenden Folgekonflikten kommt.

Die Auswahl der Pflegeeltern Pflegeeltern-Bewerber müssen umfassende Informationen über die Rechte und Bedürfnisse von Pflegekindern erhalten. In diese Informationen sollten die wichtigsten Ergebnisse der Bindungs- und Trennungsforschung einfließen. Der Auswahlprozess muss die (Selbst-)Prüfung der Bereitschaft und der Fähigkeit einschließen, ein Pflegekind zu erziehen und neue Bindungen einzugehen. Schließlich sollten die zu erwartenden Veränderungen im Familiengefüge (Paarebene, Geschwisterebene, Verwandte, Freunde, Nachbarn) erörtert und bewertet werden.

Die Vermittlung und der erste Kontakt Kind, Herkunfts- und Pflegefamilie sollten wechselseitig über Vorgeschichte, Motive und Absichten der jeweils anderen informiert werden. Es muss eine Entscheidungsoffenheit geben, d.h. die Möglichkeit, zu jedem Zeitpunkt der Vermittlung „nein“ sagen zu können. Die individuelle Passung muss Vorrang vor standardisierten Verfahren haben. Die Anbahnung, der erste Kontakt und Gestaltung des Übergangs sollte so weit möglich unter aktiver Einbeziehung aller Beteiligten stattfinden.

Perspektiv- und Hilfeplanung Da Trennungen sich insbesondere für kleine Kinder belastend für die spätere Entwicklung auswirken können, haben bei Gefährdung des Kindeswohls Hilfen innerhalb der Familie Vorrang, soweit dadurch den Gefährdungen wirksam begegnet werden kann – für schwer traumatisierte Kinder scheiden solche Hilfen innerhalb der Herkunftsfamilie häufig aus. Besonders in Fällen anhaltender Misshandlungen, sexuellen Missbrauchs und bei schwerwiegender Vernachlässigung von Kindern ist ein undifferenzierter und pauschaler Bindungsschutz nicht angemessen. Vielmehr können pathogene Bindungen eine Trennung des Kindes von seiner Familie geradezu erfordern, weil sie die am wenigsten schädliche Alternative darstellen (vgl. Salgo 2000, Zenz 2000).

Die Rückführung in die Herkunftsfamilie Wird die Trennung eines Kindes von seinen Eltern nach Ausschöpfung der Hilfen innerhalb der Familie unausweichlich, so ist die Sicherung der Dauerhaftigkeit der Lebensumstände (Permanency Planning) und damit der Eltern-Kind-Beziehung oberstes Ziel. Eine widerrufbare Unterbringung in einer Pflegefamilie muss auf von vornherein bestimmte Zeiträume begrenzt werden. Die Zeitspanne, für die eine solche Ungewissheit in Kauf genommen werden kann, muss um so kürzer sein, je jünger das Kind ist, je weniger der Kontakt zu den Eltern durch Besuche aufrechterhalten werden kann und je größer die Vorbelastung des Kindes ist. Innerhalb dieser aus kindlicher Perspektive tolerierbaren Zeitspanne kommt der Rückkehroption ein Vorrang zu, aber nur dann, wenn bei der Rückkehr des Kindes keine Gefährdungen des Kindeswohls in seinem Herkunftsmilieu mehr bestehen. Bei Aussichtslosigkeit der Realisierung oder nach Scheitern der Rückkehroption muss eine Sicherung der Dauerhaftigkeit der Kindesbeziehungen erfolgen. Dies kann entweder durch Adoption geschehen, wenn immer möglich durch die bisherige Pflegefamilie, oder – falls dies nicht möglich ist – durch Übernahme einer Pflegschaft/Vormundschaft durch die bisherige Pflegefamilie bzw. durch sonstige Sicherungen, auch rechtlicher Art, des Dauerpflegeverhältnisses (vgl. Salgo 2000, Zenz 2000).

Die Besuchs- oder Umgangsregelung

Besuchsregelungen müssen sich am Wohl des Kindes orientieren. Zu den Bedürfnissen des Kindes gehört ein ungestörter Bindungsaufbau zu seinen sozialen Eltern und zugleich die Achtung seiner Herkunft. Nicht in jedem Fall muss die Wertschätzung der Herkunft des Kindes sich in Besuchskontakten zwischen Kind und Herkunftseltern ausdrücken: „Richtig ist, dass Menschen ihre Herkunft begreifen wollen, dass sie – wie es oft heißt – nach ihren Wurzeln suchen, und richtig ist auch, dass dieses Bedürfnis in Wissenschaft und Praxis lange Zeit wenig wahrgenommen worden ist. Die Verdrängung und die Verleugnung der eigenen Geschichte hat sich nicht nur im politischen Raum abgespielt, sondern auch im Umgang mit der Biografie des Individuums. (…) Zu behaupten aber, dass diese Auseinandersetzung mit der eigenen Geschichte nur in Form der realen Konfrontation mit den zu dieser Geschichte gehörenden Personen vor sich gehen könne und vor sich gehen müsse, ist eine durch nichts zu belegende Idee, die sich meist recht abstrakt auf die Erhaltung des familialen Systems beruft ohne Rücksicht auf die destruktiven Auswirkungen auf seine schwächsten Mitglieder – Kinder nämlich, die von den Eltern in der Vergangenheit Leid, Gewalt und Zurückweisung erfahren haben, das im fortdauernden Kontakt mit ihnen immer wieder auflebt“ (Zenz 2000, S. 12 f).

Was wir tun können, um im Pflegekinderwesen Anreize für gute Qualität zu schaffen

Die Sicherung von Qualität erfordert stets dreierlei:

  1. konsensfähige und eindeutige Qualitätskriterien,
  2. ihre verlässliche Beachtung und Umsetzung im alltäglichen Handeln und
  3. Verfahren, die geeignet sind, Mängel bei der Kriterienformulierung und/oder der Realisierung der damit angestrebten Dienstleistungsqualität zu erkennen und zu beheben.

Bei der Formulierung konsensfähiger und eindeutiger Kriterien für das Pflegekinderwesen sind erste Ansätze – wenn auch noch verstreut und wenig systematisiert – vorhanden. Dass die vorhandenen Kriterien bereits verlässlich beachtet und umgesetzt werden, widerspricht allen Praxiserfahrungen.

Für den dritten Punkt, die Entwicklung von Verfahren, die geeignet sind, Mängel zu erkennen und zu beheben, gilt fast völlige Fehlanzeige.

„Tun wir das Richtige?“ und „Tun wir es auf die richtige Weise?“, das sind die beiden zentralen Fragen jeder Qualitätsentwicklung – wie auch jeder Evaluation. In Anlehnung an einen Vorschlag von Maja Heiner will ich ein Modell vorstellen, dass sich nach meiner Ansicht in besonderer Weise dafür eignet, Qualität im Pflegekinderbereich zu entwickeln. Und das mir dazu – auch das ist wichtig – praktikabel erscheint.

Maja Heiner schlägt für die Entwicklung von Qualität drei Evaluationsansätze vor, die parallel oder nacheinander durchgeführt werden und längerfristig um einen vierten Ansatz ergänzt werden können.

  1. Interne Evaluationen, die am ehesten geeignet sind, eigenständige berufsspezifische Methoden der Evaluation zu entwerfen und zu erproben;
  2. Experimentierende Evaluationen, die in besonderem Maße geeignet sind, die Qualitätsentwicklung zu fördern;
  3. Selbstevaluationen, die besonders zur Qualifizierung der Mitarbeiter(innen), aber auch von Pflegeeltern beitragen können;

ergänzt werden können diese Verfahren längerfristig durch eine intelligente

  1. Kombination von externer und interner Evaluation, von Fremd- und Selbstevaluation, die dem jeweiligen Qualitätsentwicklungsstand entspricht.

Dabei sind alle Formen der Evaluation nicht als bedrohlich geschwungenes Damoklesschwert gemeint, sondern als Wettbewerb, als Dialog über Stärken und Noch-nicht-Stärken mit der Einladung, die Stärken zu sichern und in entwicklungsfähigen Bereichen besser zu werden.

Die gängigen Verfahren interner und externer Evaluation und der Selbstevaluation setzte ich dabei als bekannt voraus. Ein wenig näher will ich auf das vermutlich nicht so bekannte Verfahren der experimentierenden Evaluation eingehen. Was kennzeichnet diesen Ansatz? Zunächst die Zielsetzung: Experimentierende Evaluationen sind primär darauf ausgerichtet, die Praxis zu optimieren.

Vier Merkmale kennzeichnen diesen Evaluationsansatz:

  • Eine Verknüpfung von Praxishandeln und Praxisforschung, verbunden mit einer responsiven und partizipativen Ausrichtung der Untersuchung;
  • Eine detaillierte Analyse nicht nur der Interventionsergebnisse, sondern auch der Interventionsprozesse und ihrer Gestaltung;
  • Eine experimentelle Herangehensweise, die sich auf die gedankliche und praktische Erprobung von Interventionsalternativen und Interventionsvarianten konzentriert;
  • Ein hoher Anteil an Reflexionsarbeit vor und während der empirischen Untersuchung in Form von Konzeptdiskussionen, Zielklärungen und Gedankenexperimenten.

Die experimentierende Evaluation ist der sogenannten formativen Evaluationsforschung zuzuordnen und steht damit im Gegensatz zu summativen Evaluationsansätzen. Formative Evaluationen begleiten die Projekte, die sie erforschen und versuchen, ihre Entwicklung durch konzeptionelle Anregungen und kontinuierlichen Datenfeedback zu unterstützen. Es geht also um weit mehr als nur darum – wie bei summativen Evaluationen – am Ende Bilanz zu ziehen und ein abschließendes Urteil zu fällen. Kurz gesagt geht es um „reflection in action“.

Wie schon erwähnt sind charakteristisch für experimentierende Evaluationen Gedankenexperimente und imaginative Validierungen. Die Abfolge der Arbeitsschritte lautet dabei: gedanklich ausprobieren, gedanklich untersuchen, praktisch ausprobieren, empirisch untersuchen, Weiterentwicklungen gedanklich ausprobieren, gedanklich untersuchen, erneut praktisch ausprobieren.

Ob solche und andere Ansätze einer systematischen Qualitätsentwicklung eine Chance haben, steht und fällt mit der Frage der Organisierung von Pflegekinderdiensten und Pflegeeltern. Diese Organisierung muss flexibel, leicht erreichbar und damit lokal sein. Überschaubare örtliche Gruppen könnten sich selbst als Qualitätszirkel verstehen. Was dann noch bliebe, ist die Vernetzung dieser örtlichen Gruppen z.B. durch die Einrichtung leichter Kommunikationswege (Internet).

Ausblicke oder: Die Position des Kindes stärken Pflegekinder haben Rechte.

Die Lebenserfahrung zeigt, dass Recht haben und Recht bekommen nicht identisch sind. Pflegekinder müssen weitaus mehr als bisher ihre Rechte vermittelt bekommen. Und sie müssen Elternpersönlichkeiten begegnen, die sie bei der Ausübung der anerkannten Rechte in einer ihrer Entwicklung entsprechenden Weise leiten und führen (vgl. Art. 5 UN-Kinderrechtskon-vention). Pflegeeltern sollten sich daher über die Rechte der ihnen anvertrauten Kinder informieren und sich als treuhänderische Verfechter der Kinderrechte verstehen.

Am Beginn eines Pflegeverhältnisses werden wichtige Weichen gestellt. Die Forschung lehrt, dass es neben einer fundierten Situationsanalyse und Indikationsstellung vor allem auf die stimmige Passung zwischen dem Pflegekind und seiner neuen Familie ankommt. Remo Largo, Kinderarzt in Zürich, hat in diesem Zusammenhang ein dynamisches Fit- bzw. Misfit-Konzept entwickelt, das als Maß für die Übereinstimmung zwischen dem Kind und seiner persönlichen und gegenständlichen Umwelt dienen kann (vgl. Largo 1999). Passung ist dabei immer individuell. Entsprechend müsste der Auswahlprozess weit mehr als bisher unter aktiver Beteiligung aller Betroffenen transparent gemacht und individualisiert werden.

Bei der Verwendung von Ergebnissen der Bindungsforschung muss endlich die Mythenbildung einer differenzierten Rezeption weichen. Es ist keineswegs so, dass bestehende Bindungen des Kindes um jeden Preis als realer Kontakt erhalten und gepflegt werden sollten. Wichtig im Lichte der Bindungsforschung ist allerdings, gewachsene Bindungen des Kindes zu achten und wertzuschätzen und dem Kind die Möglichkeit zu schaffen, sich mit seiner Geschichte z.B. in Form von Biografiearbeit zu beschäftigen. Ebenso unrichtig ist die Behauptung, früh erworbene Bindungsmuster würden ein Leben lang unverändert anhalten. Zwar haben Längsschnittuntersuchungen einen deutlichen statistischen Beleg für die Stabilität von Bindungsqualitäten im Lebenslauf ergeben. Ebenso eindeutig ist jedoch, dass eine Prognose im Einzelfall nicht möglich ist. In der sogenannten Bielefelder Längsschnittstudie von Grossmann, Grossmann u.a. (2000) konnte gezeigt werden, dass insbesondere die Qualität von Peergroup-Beziehungen in der Adoleszenz und das Ausmaß selbstreflektorischer Fähigkeiten einen korrigierenden Einfluss auf früh erworbene Muster ausüben.

Schließlich: Qualität ist immer perspektivenabhängig. Wir sind gefordert, zwischen Perspektiven zu entscheiden und diese Entscheidung darf nicht beliebig sein. Vielmehr muss unser Standpunkt das Wohl des (Pflege-)Kindes in den Mittelpunkt stellen. Qualität im Pflegekinderwesen zeigt sich darin, Bedingungen herzustellen, welche die Chance erhöhen, den Vorrang des Kindeswohls zu gewährleisten. Nicht zuletzt sollten wir die Pflegekinder selbst in die Diskussion um Qualitätsentwicklung einbeziehen. Es gibt einiges, was wir von ihnen lernen können.

Literatur

  • Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (Hrsg.): Übereinkommen über die Rechte des Kindes. UN-Kinderrechtskonvention im Wortlaut mit Materialien, Bonn 2000
  • Heiner, Maja: Qualitätsentwicklung durch Evaluation. In: Franz Peterander, Otto Speck: Qualitätsmanagement in sozialen Einrichtungen, München 1999, S. 63 ff
  • Fegert, Jörg M.: Welches Wissen erleichtert dem Verfahrenspfleger die Kommunikation mit Kindern? In: Familie, Partnerschaft, Recht, 2. Jg. (1999), Heft 6, S. 321-327
  • Goldstein, Joseph, Freud, Anna, Solnit, Albert J: Jenseits des Kindeswohls, Frankfurt/M. 1974
  • Grossmann, Klaus E., Grossmann, Karin u.a.: Attachment Relationships and Appraisal of Partnership: From Early Experience of Sensitive Support to Later Relationship Representation. In: Pulkkinen, Lea, Caspi, Avshalom (eds., in prep.): Paths to Successful Development. Cambridge 2000
  • Largo, Remo H.: Kinderjahre. Die Individualität des Kindes als erzieherische Herausforderung. München 1999
  • Maslow, A.H.: Motivation und Persönlichkeit. Freiburg/Brsg. 1978
  • Salgo, Ludwig: Kommentar zum § 33 SGB VIII. In: Fieseler, Gerhard, Schleicher, Hans (Hrsg.): Kinder- und Jugendhilferecht. Gemeinschaftskommentar zum SGB VIII (GK-SGB VIII). Neuwied 2000
  • Zenz, Gisela: Zur Bedeutung der Erkenntnisse von Entwicklungspsychologie und Bindungsforschung für die Arbeit mit Pflegekindern. In: Stiftung zum Wohl des Pflegekindes (Hrsg.): Jahrbuch des Pflegekinderwesens 2000. Holzminden 2001

Autor: Dr. Jörg Maywald ist Soziologe, Geschäftsführer der Deutsche Liga für das Kindund stellvertretender Sprecher der National Coalition für die Umsetzung der UN-Kinderrechtskonvention in Deutschland.