Gemeinsam statt einsam

Am gesetzlich vorgeschriebenen Hilfeplanverfahren kommt in einem Pflegeverhältnis heute niemand mehr vorbei. So sollten alle Pflegeeltern schon einmal an der Aufstellung eines Hilfeplans beteiligt gewesen sein.

Pflegeeltern haben sehr unterschiedliche Erfahrungen mit dem Hilfeplan gemacht. Die einen empfanden es vielleicht als ziemliche Zeitverschwendung, da sowieso nur das besprochen wurde, was alle im Voraus wussten. Andere fühlten sich vielleicht fehl am Platz, weil letztlich nur auf die Herkunftseltern und deren Situation eingegangen wurde. Was sich daraus jedoch für die eigene Familie und die Integration des Pflegekindes ergibt wurde nicht thematisiert. Wieder andere erlebten das Aufstellen von gemeinsamen Zielen für das Pflegeverhältnis als eine Unterstützung für ihre tägliche Arbeit mit dem Pflegekind (z.B. die Klärung von Umgangskontakten und die Aufstellung klarer Vorgaben für die Herkunftsfamilie). Eine vierte Gruppe von Pflegeeltern sieht vielleicht von Beginn an keine Notwendigkeit einen Hilfeplan aufstel-len und fortschreiben zu müssen, weil sie den Gang zum Jugendamt oder das Wiedersehen mit den leiblichen Eltern als Last empfinden.

Der Hilfeplan ist mehr als ein lästiger Verwaltungsaufwand. Durch das Hilfeplanverfahren haben alle Beteiligten die Möglichkeit das Pflegeverhältnis, seine Bedingungen, Grenzen und Erfolge darzustellen und die für das Pflegekind am dienlichsten erscheinenden Entwicklungsbedingungen zu fordern und zu schaffen.

Im Folgenden sollen die Grundzüge des Hilfeplanverfahrens in aller Kürze erläutert werden.

Grundsätze

Der § 36 KJHG (Mitwirkung, Hilfeplan) besagt, dass für Hilfen, die für längere Zeit gewährt werden, ein Hilfeplan aufgestellt werden soll. Bei Pflegeverhältnissen betrifft dies die Pflege auf Dauer, die Pflege auf Zeit, die Sonderpflegeformen mit sozialpädagogischer und heilpädagogischer Ausrichtung sowie die Kurzzeitpflege.

Federführend für den Hilfeplan ist das Jugendamt, dessen Fachkräfte (Pflegekinderdienst, Allgemeiner Sozialer Dienst und ggf. Andere) den Hilfeplan zusammen mit den Personensorgeberechtigten (Eltern, Vormund) und den Pflegeeltern erstellen.

Im Hilfeplan werden der Bedarf des Pflegekindes und seiner Familie und die daraus resultierenden notwendigen Leistungen festgestellt. Unter Leistungen werden Aufgaben verstanden, die die Beteiligten erfüllen müssen, um eine dem Wohl des Kindes dienliche Erziehung gewährleisten zu können. Diese Aufgaben sollen regelmäßig überprüft und ggf. verändert werden. Bei jedem Hilfeplan, insbesondere bei der Fortschreibung, müssen die aktuelle Entwicklung des Kindes, der Pflegefamilie und der Herkunftsfamilie sowie die Rahmenbedingungen der Hilfe beschrieben werden.

Damit ist ein Hilfeplan kein statisches Instrumentarium, sondern eine sich den Umständen und der Entwicklung anpassende Vereinbarung, die durch das gemeinsame, möglichst dialogische Aushandeln und Tragen von Entscheidungen, für alle Beteiligten verbindlichen Charakter hat.

Ziel

Das Ziel des Hilfeplanes ist es, nach einer ausführlichen sozialpädagogischen Diagnose, die Perspektive des betreffenden Kindes zu beschreiben und die daraus resultieren Aufgaben für die Herkunftsfamilie, das Pflegekind, die Pflegefamilie und die anderen Beteiligten zu formulieren.

Beteiligung

Alle Betroffenen sind in gleichem Maße am Hilfeplan zu beteiligen. Es ist wichtig, dass jeder im Rahmen seiner Fähigkeiten die Möglichkeit hat, seine Sichtweisen und Anliegen einzubringen. Dies betrifft auch die Pflegekinder. Kinder sind entsprechend ihres Alters und Entwicklungsstandes zu beteiligen.

Alle Beteiligten haben nicht nur das Recht, sondern auch die Pflicht, bei der Erstellung des Hilfeplans mitzuwirken. Die für die Hilfeplanung notwendigen Informationen sind von den Beteiligten in den Diskussionsprozeß einzubringen.

Verfahren

Zum Hilfeplanverfahren gehören in der Regel alle Gespräche der MitarbeiterInnen des ASD und des PKD mit den Pflegeeltern, Pflegekindern, Herkunftseltern und anderen Beteiligten, die auf die Klärung der aktuellen Situation und der notwendigen Aufgaben und Leistungen abzielen. Zur Vorbereitung des Gespräches ist es auch üblich, Entwicklungsberichte von den Pflegeeltern abzufordern, die nach einem vorgegebenen Muster die Entwicklung des Pflegeverhältnisses beschreiben. Im Hilfeplangespräch selbst, bei dem möglichst alle Beteiligten versammelt sein sollten, werden die verschiedenen Sichtweisen und Anliegen zur aktuellen Situation und zur möglichen Perspektive des Kindes zusammengetragen. Die sich daraus erge-benden, gemeinsam zu verfolgenden Ziele werden dann vereinbart und schriftlich festgehalten.

Die Pflegeeltern, aber auch das Pflegekind oder die Herkunftseltern, haben nach § 13 SGB X die Möglichkeit, sich durch eine Beistand im Hilfeplangespräch unterstützen zu lassen.

Form

In den einzelnen Jugendämtern sehen die Hilfepläne unterschiedlich aus. Pflegeeltern sollten dabei darauf achten, dass

  • ein Hilfeplan der schriftlichen Form bedarf
  • die unterschiedlichen Standpunkte der Beteiligten erkenntlich sind,
  • die Ziele klar, verständlich und eindeutig formuliert sind
  • von einer aktuellen Situationsanalyse ausgegangen wird
  • die unterschiedlichen Bereiche des Pflegeverhältnisses angesprochen werden
  • und der Hilfeplan von den Beteiligten unterschrieben wird und jeder Beteiligte eine Kopie erhält.

Alle Beteiligten erhalten die gleichen Informationen, Vereinbarungen und Aufgaben der Beteiligten werden in Inhalt und Umfang klar festgehalten und somit verbindlich geregelt, kon-trolliert. Ziele sind nachvollziehbar und verständlich zu formulieren.

Inhalt

Zunächst sind die wesentlichsten Daten des Kindes und der Herkunftsfamilie festgehalten (Name, Anschrift, Datum des Antrags auf Hilfe zur Erziehung, Mitglieder der Familie. Darüber hinaus enthält der Hilfeplan die Namen der anderen Beteiligten.

Zu jedem Hilfeplan ist eine Situationsbeschreibung anzufertigen, die jedem Beteiligten zugänglich ist und von jedem verstanden werden kann. Sie beschreibt:

  • die Situation in der Familie,
  • die Situation des Kindes
  • und vorhandene Ressourcen: Welche Fähigkeiten besitzen der junge Mensch, seine leiblichen und seine Pflegeeltern, um zur Situationsveränderung beitragen zu können?

Danach muß die Notwendigkeit der Hilfe zur Erziehung begründet werden. Aus dem Hilfeplan muß erkenntlich sein, warum die Beteiligten die Unterbringung in einer Pflegefamilie für das betreffende Kind als geeignet, erforderlich und angemessen erachten.

Des weiteren sollten:

  • Vereinbarungen bezüglich des Sorgerechtes,
  • Umgangs- und Besuchsformen,
  • die Aufklärung über die möglichen rechtlichen und psychologischen Folgen dieser Hilfe zur Erziehung,
  • die Zeitperspektive der Fremdunterbringung sowie der Termin der Überprüfung des Hilfeplan, also der Hilfeplanfortschreibung schriftlich im Hilfeplan festgehalten werden.

Außerdem sind die notwendigen Leistungen festgehalten, welche erbracht werden müssen, um eine dem Wohl des Kindes angemessene Erziehung zu gewährleisten. Maßgeblich hierfür ist, welche pädagogischen Ziele mit der Hilfe verfolgt werden.

Die Leistungen können die verschiedenen Lebensbereiche eines Kindes und seiner Familie, der Herkunftsfamilie wie auch der Pflegefamilie betreffen. Ein nicht abschließender Katalog umfaßt u.a.:

Leistungen für das Kind

  • Finanzielle Hilfen
  • schulische und berufliche Förderung,
  • therapeutische Hilfe
  • Freizeithilfen
  • medizinische Hilfen
  • Eingliederungshilfen
  • Elternkontakt
  • Kontakt zu anderen wichtigen Personen
  • Ziel- und Zeitvorstellungen
  • Sozial- und Persönlichkeitsentwicklung

Leistungen für die Eltern

  • Welche Veränderungen und Ziele werden im familiären Umfeld mit der Hilfe angestrebt, um z.B. eine Rückführung mit bestimmter zeitlicher Perspektive zu bewerkstelligen?
  • Wie wird die Elternarbeit gestaltet?

Leistungen für die Pflegepersonen:

  • Beratung
  • finanzielle Hilfen
  • Fortbildungen
  • zusätzliche Hilfen etc.

Leistungen für PKD/ ASD:

  • Umgangskontakte
  • Anbahnungsprozess
  • Begleitung und Unterstützung der Herkunftseltern
  • Räumlichkeiten
  • fachliche Absicherung der Pflegeeltern

Zielorientierung

Im Hilfeplanverfahren werden durch die Beteiligten Ziele aufgestellt. Diese Ziele sind immer mit bestimmten Aufgaben verbunden. Diese Aufgaben bedürfen der Kontrolle und der Beschreibung positiver wie auch negativer Konsequenzen. Kann ein wichtiges Ziel, z.B. die Einhaltung von Besuchskontakten, nicht erreicht werden, so müssen die im Hilfeplan festgelegten Konsequenzen, z.B. die Verkürzung der Besuchszeiten greifen. Oder die Beteiligten suchen nach veränderten Aufgaben, um das gesteckte Ziel, z.B. regelmäßiger Besuche, dennoch zu erreichen, weil es für die Identitätsentwicklung des Kindes bedeutend ist.

Ziele müssen:

  • Klar und präzise formuliert werden, ggf. durch Unterziele untersetzt werden
  • Von alle Beteiligten, insbesondere von Kindern und Herkunftseltern, verstanden werden
  • In einem überschaubarem Zeitraum erfüllbar sein und kontrollierbar sein.

Vorbereitung

Es ist notwendig, sich auf ein Hilfeplangespräch vorzubereiten. Dies verlangt, sich mit der bisherigen Entwicklung des Kindes auseinander zu setzen, sich Gedanken zu machen sowie Fragen zur zukünftigen Entwicklung aufzuwerfen. Das Kind sollte bei dieser Vorbereitung angemessen beteiligt werden. Hierbei kann es hilfreich sein, wenn Pflegeeltern versuchen, sich in die Rolle der anderen Beteiligten hinein zu versetzen.

Folgende Fragen können zur Vorbereitung eines Hilfeplans dienlich sein:

  • Soll die Hilfe in der Pflegefamilie weiter gewährt werden und warum?
  • Welche Ziele sollten in der nächsten Periode aufrechterhalten oder neu angegangen werden?
  • Sollen weitere Hilfen zur Unterstützung des Kindes beantragt werden?
  • Welche Ziele aus den Bereichen (Gesundheit, Schule, Freizeit, Therapie, Erziehung, Umgang und Sorge) sind wie angegangen und erreicht wurden?

Wer gut vorbereitet in ein Hilfeplangespräch geht, ist ein Stückchen sicherer, durch das Gespräch nicht überfahren zu werden und letztendlich Dingen zuzustimmen, die entweder die eigene Familie oder das Pflegekind gar nicht mittragen können.

Adrian Einecke