Kindeswohl und Kindeswille – Handlungsanregungen an die beteiligten Professionen

Hier finden Sie Anregungen, die eine Zusammenfassung der Vorstellung der Arbeitsgruppen auf dem Podium zum Ende der Tagung sind und in den Arbeitsgruppen entwickelte Ideen enthalten, ohne damit notwendigerweise die Mehrheitsmeinung der Teilnehmenden wieder zu geben.
Austausch und Kooperation

  • Aufbau von lokalen Kooperationen und Netzwerken, um im Interesse der Beteiligten gute Entscheidungen zu finden. Dabei muss aber vermieden werden, dass es zu Koalitionsbildung kommt. Jede beteiligte Profession sollte ihre Rolle wahren.
  • Kennen lernen der Rollen der Beteiligten und der Erwartungen, die sie an die anderen Beteiligten haben, um die Informationen „bedarfsgerecht“ zu liefern und Enttäuschungen zu vermeiden.
  • Jeder Beteiligte sollte die Informationen haben, die er braucht, um seine Arbeit gut machen zu können. Richter sind auf die Einschätzungen von Psychologen und Pädagogen angewiesen.
  • Außergerichtliche Absprachen und Beratung, um den streitenden Parteien die Bedeutung des Kindeswohls vor Augen zu führen.
  • Die beteiligten Professionen sollten sich nicht scheuen, den direkten Draht zueinander zu nutzen.

Ausbildung und Qualifzierung

  • Sensibilisierung der Richter für das Problem, dass es sich bei familiengerichtlichen Verfahren um dynamische Prozesse handelt, die auch während sie beim Gericht anhängig sind noch eine Veränderung erfahren und auf die der Richter durch seine Verhandlungsführung einwirkt.
  • Fortbildungszwang für Richter, insbesondere auch im Hinblick auf die sozialwissenschaftlichen Aspekte des familiengerichtlichen Verfahrens.
  • Einheitliche Qualitätsstandards für die Ausbildung von Verfahrenspflegern, um eine kompetente Vertretung der Kinder zu gewährleisten.
  • Qualitätssiegel für Anwälte, die bereit sind, das Kindeswohl in den Mittelpunkt ihrer Arbeit im familiengerichtlichen Verfahren zu stellen, zumindest aber vermeiden, unnötige Schärfe in die Auseinandersetzung zu tragen.
  • Gütesiegel für Jugendämter, die systemische Familienberatung anbieten.
  • Qualifizierung von Pflegeeltern in Hinblick auf die Themen „Recht auf gewaltfreie Erziehung“ und „Toleranz gegenüber der Herkunftsfamilie und ihren Werten“.

Verfahren

  • Stärkere Einbeziehung des Kindeswillens, auch wenn dies gegen das Interesse der Sorgeberechtigten läuft, beispielsweise wenn ein Kind den Umgang ablehnt, beide Eltern ihn aber wollen.
  • Erweiterte Verfahrensmöglichkeiten im FGG, die der Tatsache Rechnung tragen, dass es im familienrechtlichen Verfahren nicht um Vergangenheitsbewältigung, sondern um Zukunftsgestaltung geht. So sollte es beispielsweise einfacher sein, gerichtliche Entscheidungen abzuändern.
  • Beachtung der Tatsache, dass durch die Verfahrensdauer das Kindeswohl gefährdet werden kann, wenn es hierdurch zu unnötigen seelischen Belastungen des Kindes kommt.
  • Konkrete Ziel- und Zeitvorgaben an Gutachter, um zügige Erstellung von Gutachten zu sichern.
  • Ehrlichkeit gegenüber den Kindern, statt falscher Versprechen, die keiner einhalten kann. Hierzu gehört auch, dass Mandanten zur Ehrlichkeit angehalten werden.
  • Besondere Sensibilität und stärkeres Engagement in der Eingangssituation des Verfahrens. Ein guter Beginn stellt oft die Weichen für ein gelingendes Verfahren. Hier gilt es Zeit und Fachlichkeit zu investieren.

Sonstiges

  • Eine Haftung der Beteiligten in Justiz und Ämtern für krasse Fehlentscheidungen sollte angedacht werden.
  • Ausreichende Beratung von Eltern über Konsequenzen der Entscheidung, Hilfe zur Erziehung in Vollzeitpflege in Anspruch zu nehmen, damit Kinderschutz später nicht über eine Verbleibensanordnung sicher gestellt werden muss.
  • Bessere Angebote für Kinder mit psychisch kranken Eltern. Beispielsweise über „Notfallnetze“, die greifen können, wenn die Eltern psychotische Schübe haben.