Kindeswohl – Die Notwendigkeit der interdisziplinären Zusammenarbeit in Sorge- und Umgangsstreitigkeiten

Der Geschäftsführer des Deutschen Instituts für Jugendhilfe, Dr. Thomas Meysen, kennzeichnete die familiengerichtlichen Verfahren als von Natur aus interdisziplinär. Keine Berufsgruppe, weder Richter, noch Stellung nehmende Pädagogen der Jugendämter, noch Gerichtsgutachter können allein für das Kindeswohl sorgen. Dies kann nur im Zusammenspiel der Beteiligten geschehen. Dieses Zusammenspiel dürfe aber nicht so aussehen, dass die Beteiligten sich gegenseitig die Verantwortung zuschieben, vielmehr muss jede Berufsgruppe ihren eigenständigen, fachlichen Beitrag zur Lösung des Konflikts beisteuern. Zusammenarbeit braucht Achtung vor der Sichtweise des Anderen, die von Respekt vor dem Fachwissen und Engagement des jeweiligen Gegenübers geprägt ist. Hier können institutionalisierte, lokale Foren der beteiligten Professionen hilfreich sein.

 

Interdisziplinäre Zusammenarbeit – Warum denn eigentlich das?

Ich denke, die Frage sollte man doch vorab mal stellen. Womit haben wir es zu tun? Wir haben es zu tun mit Familienkonflikten, dass sind psychische Vorgänge, dass sind Erziehungsfragen, Partnerschaftsfragen und wirtschaftliche Fragestellungen, die eine Rolle spielen und der Konflikt ist eigentlich erst mal Privatsache. Da muss jetzt niemand von außen reingucken. Das machen wir unter uns aus. Brauchen wir da überhaupt das Recht – lässt sich fragen.

Sie haben vielleicht die Diskussion um den heimlichen Vaterschaftstest mitbekommen? Haben Sie natürlich mitbekommen. Aber vielleicht haben Sie auch mitbekommen, dass da von der Väterseite, Väterverbandsseite gefordert wurde, der Staat solle sich teilweise gefälligst bitteschön raushalten, das ist Intimsphäre der Familie, da hat der Staat nichts zu suchen. Nun wissen wir, dass die gleichen Väter in Fragen von Mitentscheidungsbefugnissen für das Kind oder in Fragen der Kontakte mit dem Kind es durchaus nicht dem Spiel der intimen Kräfte überlassen wollen, ob sie denn Sorgerecht bekommen oder Umgangskontakte ihnen eingeräumt werden.

Jetzt nähern wir uns langsam der Frage „Warum brauchen wir Interdisziplinarität“? Denn es wird bewusst: im Elternstreit, in der Erziehung, in der Pflege da geht es auch um Dritte, da sind auch Dritte involviert und zwar die Kinder. Und wenn sich die Eltern streiten, dann braucht dieser Konflikt wohl ein Regulativ und er braucht auch Kontrolle.

Das Recht hat hier den Begriff Kindeswohl eingeführt in verschiedenen rechtlichen Rahmensetzungen eingeführt; im Familienrecht, im dazugehörigen Verfahrensrecht, im Kinder- und Jugendhilferecht. Das Recht enthält Einschränkungen, aber auch Unterstützung der Elternautonomie und dieses braucht wiederum institutionelle Umsetzung, sonst würde es nur auf dem Papier stehen. Es braucht die institutionelle Umsetzung in den Jugendämtern, in den Trägern der freien Jugendhilfe, in den Familiengerichten, bei den Verfahrenspflegern, bei den psychologischen Sachverständigen und bei den Rechtsanwältinnen und Rechtsanwälten. Und wenn wir jetzt schon gucken, wer da alles mitwirkt, dann  wird deutlich, dass Kindeswohl lässt sich nur mit sozialpädagogischer, psychologischer und juristischer Kompetenz definieren und wenn wir diese alle drei zusammenbringen, dann ist wohl die Interdisziplinarität in Familienkonflikten unverzichtbar.

Jetzt wollte ich versuchen, uns noch weiter der Interdisziplinarität anzunähern und zu einer Annäherung an das Kindeswohl in der Rechtspraxis kommen. Schauen wir mal auf die Professionellen, die sich hier in der Interdisziplinarität üben sollen. Ich muss ja nur nach vorne schauen und dann sehe ich sie ja alle.

Ich könnte beginnen mit den Sozialpädagoginnen und Sozialpädagogen. Aber wissen Sie was, Sozialarbeit ist der Inbegriff der interdisziplinären Wissenschaft und es wäre langweilig, bei Sozialpädagogen über Interdisziplinarität zu sprechen, dass ist ja im Studium und in der Wissenschaft schon angelegt.

Da schauen wir doch zuerst mal zu den Familienrichterinnen und Familienrichtern. Das Studium der Rechtswissenschaft ist vielleicht eher geprägt, ich kann das aus eigener Anschauung so frech behaupten, von Selbstreferentialität. Und was sagt das Recht eigentlich schon über das Kindeswohl? Unter anderem sagt es, dass es nicht gefährdet sein soll, aber was sagt es wenn es gefährdet ist. Nicht viel.

Ich fand es sehr schön, Herr Becker, dass Sie gesagt haben, es sollte auch nicht so viel sagen. Es sollte nicht versuchen, diese Vielgestaltigkeit, die das Kindeswohl ausmacht, zu reduzieren und zu definieren. Das muss offen bleiben, das Recht kann hier nur offen sein. Deswegen sind die Leistungen vielleicht auch der Familienrichterinnen und Familienrichter bei der Herstellung von Interdisziplinarität besonders hoch zu bewerten. Sie haben das nicht gelernt in der Ausbildung interdisziplinär zu sein und das Recht hat nur wenig Anhaltspunkte für Erkenntnisse anderer Wissenschaften, die müssen sie bei sich zusammenführen und das ist eine sehr anspruchsvolle Aufgabe und vielleicht lohnt es dann, hier auch zu beginnen. Wir hatten da glücklicherweise in Deutschland eine sehr groß angelegte Forschung – Ende der 90er Jahre – Johannes Münder, Reinhold Schone und Barbara Mutke haben dazu auch die Forschungsergebnisse veröffentlicht. Kindeswohl zwischen Jugendhilfe und Justiz und dazu will ich zwei Dinge kurz schildern.

Was für eine Ausgangssituation haben Familienrichterinnen und Familienrichter bei ihrer Arbeit?

Zwei Dinge, die nicht aus den Forschungsergebnissen stammen, sollten wir uns vergegenwärtigen. Das ist hier etwas ungewöhnliches, auch für Richter. Sie haben es zu tun mit stark emotionalen aufgeladenen Familienkonflikten. Es geht, das ist natürlich anders als bei Nachbarstreitigkeiten, hier nicht nur darum, ob der überhängende Baum abgesägt werden darf oder nicht. Das sind Folgen über die ich entscheide, die sind nicht ganz so weitreichend, aber hier geht es um weitreichende Konsequenzen, weitreichende Folgen für die Entscheidung der persönlichen Lebensgestaltung von Kindern und deren Familien. Das was zu entscheiden ist, ist auch eine hohe Verantwortung die auch bei den Familienrichterinnen und Familienrichtern liegt. Das ist die Ausgangssituation.

Wie kommen sie an diese Aufgabe heran? In der Regel ohne ausreichende Vorbereitung. Sie sind weder juristisch auf die speziellen Fragestellungen vorbereitet, Familienrecht kommt im Studium natürlich nur ganz am Rande vor und Sozialwissenschaft schon gleich gar nicht. Zudem sind die Kindeswohlverfahren und Sorge- und Umgangsrechtsstreitigkeiten nur ein kleiner Ausschnitt. Sie hatten halt vorwiegend zu tun mit Unterhaltsstreitigkeiten, den Vermögensausgleich dann gibt es noch andere Sachen wie Namensrecht etc. Sorge- und Umgangsrecht ist nur ein kleiner Ausschnitt aus dem großen Arbeitsfeld des Familienrichters, der Familienrichterin.

Und wenn ich dahin komme an diese Aufgabe, dann habe ich meistens wenig Kenntnis von der Infrastruktur der Jugendhilfe. Was gibt es da außerhalb? Ich habe oft keine Vorstellungen von den sozialpädagogischen Handlungsmöglichkeiten. Was könnten die eigentlich tun, um mir unterstützend zu helfen? Ich habe Fantasien, die entwickele ich dann, die sind nicht immer unbedingt rückgekoppelt mit dem was wirklich ist. Woher soll ich sie entwickeln, woher weiß ich das? Ich werde ins kalte Wasser geworfen – meistens. Was im Jugendamt für Verfahrensabläufe sind, auch das erschließt sich mir von außen nur sehr bedingt. Ich bin allein gelassen, als Einzelrichter steh ich da. Kollegiale Beratung beim Mittagessen, mehr zufällig oder  eben gar nicht, je nachdem, wen ich erwische. All das wird nicht systematisch für mich bereitgehalten. Das kann ich mir suchen, kann auch nicht, wie auch immer. Das ist zufällig, dass ist nicht vorgesehen und fallübergreifende gemeinsame interdisziplinäre Diskussionen, die gibt es nur, wenn ich sie suche und dann auch noch Glück habe, sie zu finden.

Also das ist das, was in den Forschungen beschrieben ist. Die schwierige Ausgangssituation die Richterinnen und Richter bei ihrer Aufgabe haben. Dann wurde in der Folge überlegt und geschaut wie verstehen sich denn die Richterinnen und Richter in der Zusammenarbeit und die Richterinnen wurden nach drei Verfahrensstilen typisiert.

Einmal der kooperative Verfahrensstil.
Kinderschutz ist eine gemeinsame Aufgabe. Das Jugendamt hat das gelernt, sie wissen schon was sie machen, da muss ich mich drauf verlassen, ich kann das nicht. Auch der Verfahrenspfleger – die wissen das ja, die haben Erfahrung. Ich kann denen schon vertrauen. Es sind auch eher offen informelle Vorabgespräche, die machen das schon für mich. Ich bin dann da als Richter.

Dann gibt es den autonomen Verfahrensstil.
Justizielles Selbstverständnis – schon allein diese Begrifflichkeit deutet an, dass etwas mehr Distanz entsteht. Das Zepter schafft doch gleich Distanz. Ich überprüfe die Sachverhalte intensiv. Ich schau mir das genau an und die Sozialpädagoginnen im Jugendamt ist mir doch ein wenig suspekt und ich bin unabhängig, denn schließlich entscheide ich. Auch dieses ist der autonome Verfahrensstil.

Dann gibt es noch den mediativen Verfahrensstil.

Ach, schön das sie da sind. Sie streiten sich, vielleicht können wir das doch lösen. Muss das denn sein. Was, sie im ASD finden die Beziehung nicht geeignet, sie meinen doch, ja, wir müssen doch eine Lösung finden. Dann moderieren die Richterinnen und Richter und suchen vielleicht auch ein bisschen nach Harmonie.

Ich überzeichne ein wenig, aber die Bilder was es so alles gibt, die Vielgestaltigkeit wie die Rolle ausgeübt wird der Familienrichterinnen und Familienrichter, die ist groß. Das hat Ausgangssituationen.

Das vorab, und jetzt will ich Ihnen ein  Modell schildern. Erst mal war für Fallen es geben kann, in die man tappen kann, bei interdisziplinärer Zusammenarbeit, durch ein überziehen dieser drei Typen, genauer dieser drei Bilder, die dahinter stehen. Ich habe nur das Beispiel der Familienrichterin/ des Familienrichters gewählt. Aber es ist nicht nur die Familienrichterin, das wird auch bedient von der anderen Seite – von allen Seiten. Also das bedingt sich gegenseitig, da braucht man nicht zu denken, dass dies isoliert passiert. Das ist ein wunderbares Zusammenspiel, dass werden sie gleich sehen und ich würde gern ein paar Fallen zeigen, in die man tappen kann, aber natürlich auch an diesen Beispielen, was positiv ist, wie es auch  positiv laufen kann in der Interdisziplinarität, in der Zusammenarbeit.

Weil es so eindrucksvoll ist, erlaube ich mir einen Stilwechsel. Ich lese Ihnen was vor und zwar lese ich Ihnen den Sachverhalt vor aus dem Fall Hase.

Fall Hase ist eine spektakuläre Geschichte, sie machen gerade Konkurrenz, sie haben es erwähnt, in Sachsen-Anhalt, mit dem Fall Görgülü, aber Fall Hase ist auch eine Bundesverfassungsgerichtsentscheidung, Entscheidung des Gerichts für Menschenrechte da ist auch alles geboten gewesen und ich lese Ihnen aus dem Sachverhalt, wie ihn das Gericht schildert, einen Ausschnitt vor, um etwas zu demonstrieren. Und zwar beginnend demonstrativ im Kooperatismus. Dieses Element aus dem Sachverhalt ist wirklich abgeschrieben von dem wie es das Gericht formuliert hat. Allerdings so zusammengefasst, dass es hier passt.

Das Ehepaar Cornelia und Josef Hase, geb. 1968 und 1967, lebt in Altenbergen. Frau Hase hat 11 Kinder, 7 Kinder stammen aus ihrer Ehe mit einem anderen Mann. Mit dem zweiten Ehemann Herrn Hase hat sie 5 Kinder. Die Jüngste, Lara Michel, ist am 11. Dezember 2001 geboren. Im Februar 2001 beantragt Frau Hase im Jugendamt Münster Familienhilfe. Sie erklärt sich auf Anforderungen des Jugendamtes bereit, ihre familiäre Situation durch einen psychologischen Sachverständigen begutachten zu lassen.

Der Sachverständige besucht Frau Hase und drei ihrer Kinder im Sept./Okt. 2001 insgesamt 5x in der Wohnung der Familie Hase. Frau Hase ist der Meinung, die Fragen des Sachverständigen an die Kinder seien für die Zwecke der Hilfen unerheblich. Sie ist nicht einverstanden, dass ihr die Anwesenheit bei den Gesprächen mit den Lehrern der Kinder nicht gestattet wird. Sie verweigert daher jede weitere Zusammenarbeit mit dem Sachverständigen.

Am 17. Dezember 2001 legt der Sachverständige dem Jugendamt Münster ein Gutachten vor. Darin heißt es, die Defizite in der Versorgung der Kinder und die häuslichen Verhältnisse gefährdeten die Entwicklung der Kinder ernsthaft. Es habe eine schädliche Kette von Ereignissen gegeben, wobei die Eltern Hase mehrfach unangemessen streng mit ihren Kindern gewesen seien und sie geschlagen hätten. Eine langfristige Unterbringung sei erforderlich, jeder weitere Kontakt zwischen Eltern und Kindern müsse unterbunden werden.

Am selben Tag beantragt das Jugendamt am Amtsgericht Münster eine einstweilige Anordnung, mit welchem den Eltern Hase das Sorgerecht für die sieben Kinder entzogen werden soll.

Noch am selben Tag, dem 17. Dezember 2001, erlässt das Amtsgericht ohne Anhörung der Eltern oder der Kindern, die beantragte einstweilige Anordnung. Das Gericht bekundet dies mit dem Versagen der Eltern, die ihren Kindern eine zufrieden stellende Versorgung und Erziehung zu Teil werden zulassen. Außerdem sei das Kindeswohl durch die missbräuchliche Ausübung der elterlichen Sorge in einem solchen Maß gefährdet, dass als alleinmöglicher Weg zum Schutz der Kinder deren Trennung von den Eltern angezeigt erscheint.

Am 18. Dezember 2001 ergänzt das Amtsgericht Münster seinen Beschluss dahingehend, dass jeder Umgang zwischen den Eltern und den Kindern untersagt wird. Den Eltern soll der Aufenthaltsort der Kinder nicht mitgeteilt werden. Den Eltern wird verboten sich den Kindern und deren Schulen auf geringere Entfernung als 500 m zu nähern. Die Eltern werden eindringlich ersucht, sich der eigenen Unzulänglichkeiten im Bezug auf die Versorgung und physische wie psychische Betreuung der Kinder bewusst zu werden. Die Eltern werden aufgefordert, die ergriffenen Maßnahmen zumindest vorläufig zu akzeptieren und soweit wie möglich, zu einer Beruhigung der Gesamtsituation beizutragen.

Die Vorgehensweise des Jugendamtes stimmt teilweise mit den ausdrücklich formulierten Wünschen der Kinder überein. Die Kinder werden noch am selben Tag gegen Mittag aus den jeweiligen drei Schulen, einem  Kindergarten und dem elterlichen Haushalt herausgenommen und in drei Kinderheimen untergebracht. Die Wegnahme der 7 Tage alten jüngsten Tochter Laura-Michel erfolgt aus dem Krankenhaus heraus. Am 19. Dezember 2001 teilt das Jugendamt den Eltern mit, dass den Kindern finanzielle Unterstützung in Höhe von 4.000,00 € pro Monat gewährt werden. Die Eltern müssen entsprechend ihrer finanziellen Möglichkeiten hierzu einen Beitrag leisten. Das aus dem Sachverhalt.

Auszug aus dem Gutachten
Der Gutachter macht eine Exploration, von der die Eltern offensichtlich nicht so richtig wissen, worum es dabei geht. Es geht hier scheinbar um Kindeswohlgefährdung. Die Mutter denkt es geht darum, ich möchte doch Hilfe. Sie macht bei dieser, man kann wohl sagen, unfachlichen Exploration mit dem Sachverständigen mit. Aber das kennen wir, dass ist nicht hier beispielhaft. Des Brot ich ess, des Lied ich sing. Das ist was Menschliches.

Wenn der Sachverständige vom Familiengericht bestellt wird, man kennt dann seine Familienrichterinnen und Famlienrichter, weiß was die so ganz gerne hören und wenn ich mehrmals bestellt werden möchte und weiter meinen Verdienst haben möchte, dann äußere ich auch gern das, was sie gerne hören möchten. Ich habe mich am Montagabend mit eine Verfahrenspflegerin unterhalten. Sie sagt, ich habe mal eine Beschwerde eingelegt gegen eine Entscheidung, ich bin nie wieder bestellt worden. Sie überlegt sich, ob sie noch einmal macht. Im nächsten Verfahren wird sie von anderen Richterinnen und Richtern bestellt. Das sind Dinge, da ist es schwierig, die Unabhängigkeit zu bewahren.

Wenn wir jetzt gucken bei jenen Verfahren der Familiengerichte, die machen offensichtlich alles mit. Das ist eine konzertierte Aktion. Alles so an einem Tag oder nächsten Tag, sie hatten vorher Gespräche sicherlich, dass geht nicht plötzlich und unmittelbar. Was ist denn der Auftrag des Familiengerichts?

Auftrag des Familiengerichts ist es, Hilfezugänge zu öffnen in solchen Sorgerechtsentzugsverfahren. Hilfezugänge zu eröffnen, die Kinder haben kein Tun zur Hilfe, weil die Eltern nicht bereit oder in der Lage sind, Hilfen anzunehmen und jetzt muss das Familiengericht durch eine Entscheidung diese Hilfezugänge eröffnen oder vielleicht auch nicht. Ja und Nein. Das seh ich anders, ist nicht notwendig. Das Jugendamt ruft an, weil es sorgerechtliche Maßnahme für erforderlich hält. Was macht das Familiengericht? Das kontrolliert jetzt nicht das Jugendamt, dass ist auch nicht Sinn der Aufgabe, sondern es schaut – ist es notwendig, was ist meine Einschätzung hier. Braucht es diese Entscheidung oder nicht.

Das Familiengericht muss sich ein eigenes Bild machen über die Situation, ob hier eine Kindeswohlgefährdung vorliegt und muss dabei natürlich die sozialwissenschaftlich Expertise einbeziehen. Das ist ja nicht seine eigene. Es muss sie einbeziehen, muss sich ein eigenes Bild machen. Und muss diese Expertise kritisch interpretieren für die Entscheidung. Jetzt aber die Frage: Mit welcher Kompetenz macht das die Richterin, der Richter?

Das ist doch eine schwierige Geschichte. Wir haben ja vorhin gesehen, dass die Ausbildung das nicht ermöglicht. Jetzt wird schon seit langem gefordert eine Fort- und Weiterbildung für Familienrichterinnen, Familienrichter ist Pflicht. Die Länder sind da glaube ich nicht ganz so dafür, insbesondere Nordrhein-Westfalen sagt es stört die Unabhängigkeit der Richter. Ich glaube es liegt eher an den Finanzen, die dahinter stehen. Es kostet natürlich was, Fort- und Weiterbildungen, na klar und das ist in den Zeiten der knappen Kassen sehr schwer durchzusetzen. Siegfried Wilutzki den wir hier ja vermissen, hat einmal gesagt, also wenn das stimmt, dass es hier um die Unabhängigkeit der Richter geht, dann besteht die richterliche Unabhängigkeit wohl darin, wohl aus dem Recht der Familienrichterinnen, Familienrichter, dumm zu bleiben. Dieser Satz war dann abgedruckt in Zeitschriften oder wurde immer wieder zitiert. Er hat sich dabei unter seinen Kolleginnen und Kollegen nicht unbedingt richtig beliebt gemacht, aber es hat ihm doch einiges an Profil verschafft und ich glaube, der Satz hat seine Berechtigung nach wie vor.

Dies als Beispiel für zuviel Kooperatismus und wie viel Unabhängigkeit muss ich mir bewahren in meinen unterschiedlichen Rollen. Wie kann ein zu enges Zusammengehen auch negative Auswirkungen haben, aber wie schwierig ist es auch, nicht Kooperatismus zu betreiben. Wir haben das Beispiel Verfahrenspflegerin, die bestellt wurde und dann nicht mehr bestellt wurde nach dem sie Beschwerde eingelegt hat – gesehen. Jetzt vielleicht zurück zur Gliederung.

Ein zweites Beispiel ist wenn ich die Autonomie überbetone. Hier möchte ich auf ein klassisches Missverständnis zwischen Jugendämtern und Familiengerichten hinweisen. Herr Becker hat es auch vorhin schon mit angedeutet. Jetzt ruft das Jugendamt das Familiengericht an und schildert eine Situation, es geht um Sorgerechtsentzug, es hält Sorgerechtsentzug für erforderlich. Das Familiengericht denkt, na ja klar – ist es ja auch so gewohnt – Anwaltsverfahren. Die dramatisieren hier ein bisschen. Die wollen ihren Standpunkt durchkämpfen, die dramatisieren ein bisschen, sie schildern – ich muss ein bisschen was abziehen. Häufig ist es so, dass sie etwas draufschlagen müssen.

Denn die Jugendämter sind natürlich im Kontakt mit den Eltern, müssen mit ihnen auch nach einem Sorgerechtsentzug noch weiter arbeiten. Sie sind natürlich nicht interessiert daran, die Familien in ihrer schriftlichen Äußerung besonders dramatisierend zu schildern. Denn die bekommen ja auch die Eltern, sollen sie ja auch bekommen. Also hier ist ein Missverständnis, dass ist nicht selten. Problematisch werden solche Missverständnisse immer dann, wenn man sich auf Lebenserfahrung stützt. Natürlich, es kann ja mal sein das es dramatisiert ist. Das ist durchaus möglich. Wenn man solche Vorurteile wie „ich kenn das schon, ich kenne meine Jugendämter“ oder „ich weiß es, ich habe es so oft erlebt, im privaten Umfeld“ oder „die Väter sind doch häufig eigentlich die älteren Eltern als die Mütter“ mit sich rumträgt, dann wird es schwierig, dann sind die Ohren doch eher harthörig, wenn es darum geht, sozialwissenschaftliche Expertise in meine familiengerichtliche Entscheidung mit einzubeziehen. So ist das mit den Gerichtsurteilen aus eigener Lebenserfahrung. Wir hatten das ja auch gelesen in der Entscheidung des Oberlandesgerichts Naumburg im Fall Görgülü, da war ja auch die Lebenserfahrung, die ja viel an Einschätzung bekundet hat. Da müssen wir vorsichtig und hellhörig werden und denken oh, Lebenserfahrung – sind da vielleicht Vorprägungen, die es schwierig machen, auf den Einzelfall genau hin zuschauen und zuzuhören was die Sozialwissenschaftler sagten.

Ein weiteres Beispiel – nur ganz kurz. Abkapselung. Wir sind in Umgangsstreitigkeit und das Gericht macht früh einen ersten Termin, setzt aus und schickt die Eltern in die Beratung. Die Eltern gehen in eine Beratung, in eine Beratungsstelle – Caritas, AWO etc. – und sie kommen dort zu keiner Lösung. Sie kommen zu  keiner Vereinbarung um die Umgangskontakte, sie landen wieder bei Gericht. Das Jugendamt war nicht involviert, die Beratungsstelle sagt, aus unserem Beratungskontext geht nichts heraus, das unterliegt der Schweigepflicht, da sagen wir nichts. Der Familienrichter steht jetzt – 3 – 4 Monate später – vor derselben Entscheidung, selben Situation hat keinerlei Erkenntnis und bittet doch das Jugendamt, ihm Informationen zu geben. In dieser Zusammenarbeit in der Kooperation zeigt sich, einerseits Vertraulichkeiten in der Beratung ist wichtig, anderseits ist hier die Tür offen für das Familiengericht, da muss ich schauen, wie kann ich, wenn dann eine familiengerichtliche Entscheidung als Rahmensetzung für den weiteren Prozess in der Hilfe in der Familie und der weitere Konflikt notwendig ist, wie kann ich hier sicherstellen, dass sich das Familiengericht nicht frustrierend sagt, wir wissen auch nichts. Also das muss man auch im Blick behalten, nicht einfach da Lösungen zu finden, es gibt verschiedene Wege und viele verschiedene erfolgreiche Wege, auch schon gefunden.

Und als Letztes – spannend auch der Machtkampf. Das ist Autonomie, ich bin autonom, oder ein Macht- oder Machtkampf entsteht über Unterordnungsfeld. Wenn es um Interdisziplinarität geht, dann sind alles Disziplinen gleichgeordnet. Das ist ganz wichtig. Aber wenn es dann zum Machtkampf wird, dann wird es schwierig.

Sie erinnern sich im Fall Görgülü ist vom Oberlandesgericht die Verfahrenpflegerin abbestellt worden. Sie sei parteilich. Ich kann nicht sagen, ob sie parteilich war oder wie sie agiert hat. Keine Ahnung, wie sie aufgetreten ist. Aber es ist natürlich, es verwundert uns nicht, dass sie in ihrer Parteilichkeit die Position vertreten hat, die sie im Landesgericht nicht vertreten hat. Sie wurde aber abbestellt und sie hat zufällig auch, nein nicht zufällig, die Gegenposition zum Richter vertreten.

Auch hier habe ich natürlich als Richter die Möglichkeit, in meiner Kompetenz abzubestellen, einzubeziehen. Aber wie halte ich das aus, dass es unterschiedliche Standpunkte gibt. Und das ist was ganz Spannendes. Die Rechtsanwälte sind da ja auch eine Profession, die dann nicht unbedingt immer der Konfliktbearbeitung deeskalierend dienlich ist, mit dem was sie einbringen. Das gelingt Rechtsanwältinnen und Rechtsanwälten nicht immer. Ganz banal, Schriftsatz: Der Vater hat das Kind eine Viertelstunde nach dem vereinbarten Termin zurückgebracht. Beweis: Vernehmung des neuen Lebensgefährten der Mutter usw. Das sind alles Dinge, die nicht unbedingt zuträglich sind, dass kann natürlich noch viel gepfefferter sein. Das hilft der Familie wenig. Deswegen stellt sich die Frage, wie funktioniert hier ein professioneller Umgang mit Meinungsverschiedenheiten.

In Kalifornien hat man da ein Modell entwickelt, insbesondere in Scheidungssachen, aber auch ausgeweitet in umgangsrechtliche Verfahren, Sorgerechtsverfahren. Das man sagt, die Professionellen, wenn die unterschiedlichen Standpunkte haben, müssen sich erst mal selber zusammensetzen und das bearbeiten. Vielleicht gelingt es Ihnen, eine gemeinsame Position zu erarbeiten, wenn nicht, müssen sie aber zumindest überlegen, wie sie das kommunizieren gegenüber den Betroffenen, dass sie unterschiedliche Standpunkte haben. Nicht das es passiert, dass die Verfahrenspflegerin hingeht und erzählt der Familie  oder dem Kind/dem Jugendlichen – das ist die eine Sache. Das Jugendamt ist anderer Auffassung und redet von der anderen Seite mit den Familien / mit den Beteiligten der Familie und die anderen stehen mittendrin und wissen nicht woran sie sich orientieren sollen. Spielen vielleicht die einen gegen die anderen aus, das wird schwierig. Wenn ich hingegen als Verfahrenspflegerin weiß, was das Jugendamt sagen wird und das Jugendamt weiß, was die Verfahrenspflegerin sagen wird, dann ist es vielleicht auch möglich, dass es unterschiedliche Standpunkte sind. Dan ist es auch auszuhalten. Dann haben wir abgestimmt, was wir dort sagen. Es ist wichtig, dass die Professionellen reflektieren, was für Wirkungen ihre unterschiedlichen Standpunkte, wenn sie denn unterschiedliche Standpunkte haben, auf die Betroffenen haben. Und natürlich ist wichtig, dass Transparenz hergestellt wird, dass man sich unterhält.

Sie verhalten sich nicht kooperationspflichtig hinter der Tür irgendwo hinterm Rücken, sondern wir unterhalten uns und teilen mit, wir haben unseren Standpunkt, wir haben uns ausgetauscht und so sehen wir das. Und dann kommt der Familienrichter. Die Sozialwissenschaftler haben sich vielleicht ausführlich unterhalten und Rechtsanwälte. Er kriegt das Transparent geschildert, was da gelaufen ist an Gesprächen und wenn keine einvernehmliche Lösung erzielt werden kann, die, wenn möglich, vorrangig ist, dann muss der Familienrichter entscheiden. Ein kurzer Blick auf die Uhr. Ich bin bald am Ende.

Ganz kurz noch zum richterlichen Sozialpädagogen. Wir haben jetzt wieder eine hochkonflikthafte Umgangsstreitigkeit. Es ist mehrfacher Schriftverkehr vorausgegangen. Das Jugendamt hat schriftliche Äußerungen abgegeben. Es kommt zur Anhörung und jetzt lässt der Richter alle zu Wort kommen. Intensive Erörterung. Er versucht eine Mediation. Der Justizminister in Thüringen hatte eine Veranstaltung vor zwei Jahren, ihr Kollege. Hat gemeint, Mediation und Zusammenarbeit sollte gestärkt werden. Mediatoren das brauchen wir nicht. Richter sind die idealen Mediatoren, die müssen doch vermitteln. Stimmt ja auch, steht in 52 FGG drin, sie sollen auf Einvernehmen hinwirken. Aber wenn wir uns mit den Mediation intensiver befassen, wissen wir, Mediator und Entscheider, dass schließt sich aus.

Also das ist eine schwierige Geschichte. Ich kann ihnen sagen, in der Jugendhilfe hat man es viel lieber, wenn ein frühester Termin gemacht wird, den Eltern klar gemacht wird, es sei das Beste für das Kind, dass sie sich einigen und sagt, ihr kriegt hier erst mal keine Entscheidung und schickt sie in die Beratung. Und nicht versucht selber zu beraten und die Beratung in Konflikt zu übernehmen. Die Beratung besteht darin, dass sich die Unterstützungsangebote mitteilen. Und auch ich meine Rolle klar mache. Ich entscheide nur, wenn ihr es selber nicht schafft. Denn das schwächt auch jede Beratung, wenn ich weiß, ich kann mich hier in der Beratungsstelle des Jugendamtes lang unterhalten oder mit dem Verfahrenpfleger viel unterhalten, der Richter hört uns ja doch noch mal alle an und da kann man noch einmal anfangen von vorn. Das ist was ganz anderes, als wenn der klar abgrenzt. Ich habe eine andere Rolle, ich bin nicht der Berater. Das müsst ihr mit den anderen ausmachen. Ich bin dann hier und dann sagen die mir, was da gelaufen ist und ich, wenn es sein muss, dann entscheide ich. Besser wär´s, ihr kriegt es selber hin. Das ist ein ganz anderes Rollenverständnis für die Zusammenarbeit und auch für das Gelingen von Interdisziplinarität.

Fazit und Ausblick

Ich wiederhole es noch mal von vorhin. Meines Erachtens geht Interdisziplinarität zwingend von einer Gleichberechtigung aller Disziplinen aus. Interdisziplinarität braucht ein gegenseitiges Verständnis. Jugendhilfe muss vom Richter, von der Rechtsanwältin/Rechtsanwalt erfahren, was er für die Arbeit braucht. Das gilt auch für die Verfahrenpfleger ganz genauso für die psychologischen Sachverständigen und allen anderen Beteiligten. Die Familienrichter/in müssen Hilfekontexte und Hilfestrukturen kennen lernen, so wie zum Teil wissenschaftliche Grundkenntnisse erwerben. Das geht natürlich am Besten- die Cochemer Praxis zeigt es – in institutionalisierten runden Tischen, die sich gemeinsame Regeln geben für die Kooperation und dabei aber auch ihre jeweilige Autonomie sichern und die eigenen Aufträge und Funktionen nicht vermischen und vermengen. Klare Abgrenzung, aber Kooperationsabsprachen wie diese Rollen ineinander greifen.

Ich wünsche Ihnen Mut aufeinander zuzugehen. Es kostet viel Zeit. Ich glaube es lohnt sich, diese Zeit zu investieren. Fallübergreifende Kooperation ist eine Grundlage für Interdisziplinarität und müsste ein Muss sein. Auch ohne gesetzliche Pflicht. Sie waren skeptisch, ob es eine gesetzliche Verpflichtung geben könnte, dass man Zusammenkünfte hat. Darüber kann man nachdenken, zumindest unterstützende Maßnahmen, auch flankierende Maßnahmen im Recht, dass es solche Zusammenkünfte sein sollen. Eine solche Veranstaltung kann aber dazu beitragen, dass es zum Selbstverständnis wird. Wir wollen zusammensitzen, wir sitzen ja alle zusammen und das ist schön. Ich freue mich auf die nächsten 1 ½ Tage.