AG 1: Schnittstelle Jugendamt/ Familiengericht in familiengerichtlichen Verfahren

Die Arbeitsgruppe, die von Herrn Dr. Meysen und Herrn Leitner geleitet wurde, setzte sich insbesondere mit Fragen des Austauschs von Jugendamt und Gericht auseinander. Eine intensive Kommunikation bei gleichzeitiger Wahrung der Rollen wurde für nötig gehalten.
Zunächst sammelten die Moderatoren Fragen der TeilnehmerInnen, um danach auf diese einzugehen

Fragen der TeilnehmerInnen an die Schnittstelle Jugendamt-Familiengericht:

  • Umgang nach 12 Jahren – Ist dies mit dem Kindeswohl zu vereinbaren?
  • Was machen, wenn man juristischer Vertreter des Elternteils ist, der eher weniger das Kindeswohl im Blick hat?
  • Welche Anforderungen stellen Familiengerichte an die Informationsweitergabe von Jugendämtern
  • Wie ist die Zusammenarbeit zu gestalten und das Kind immer Blick zu halten?
  • Welche Auswirkungen hat institutionelles Handeln?
  • Wissen der Richter um konflikthafte Gruppen, z.B. zu Sekten?
  • In welcher Weise können Entscheidungen evaluiert werden, wenn die Entscheidung sich als nicht tragfähig erwiesen hat?
  • Umgangsgestaltung und Kindeswille bei älteren Kindern
  • Qualitätssicherung richterlicher Entscheidungen?
  • Problematik binationaler Partnerschaften
  • Rolle des Verfahrenspflegers
  • Übertragbarkeit des Cochemer Modells
  • Zwangsberatung bei Umgangsstreitigkeiten

Grundsätzlich begrüßen aller TeilnehmerInnen dieser AG, dass eine sich wertschätzende und von kurzen Kommunikationswegen geprägte Zusammenarbeit zwischen JA, Familiengericht und Anwalt sich positiv auf die Beachtung des Kindeswohls auswirkt.

Das Cochemer Modell wurde von den ModeratorInnen vorgestellt. Vielen TeilnehmerInnen war dieses Modell bisher nicht bekannt.
Vorteile sind:

  • runder Tisch – gleichberechtigte Partner
  • rechtzeitige Beteiligung der betroffenen Personen
  • Vernetzung der professionellen und Austausch von deren Positionen, z.B. von Anwalt und ASD-MitarbeiterIn
  • Wissen darum, dass das Kindeswohl von mehreren im Blick behalten wird und ein Anwalt beispielsweise sich im Rahmen des runden Tisches auf seinen Mandaten konzentrieren kann.
  • Die Fachkräfte können am Fall arbeiten ohne auf Streitigkeiten fokussieren zu müssen.
  • Die streitigen Eltern können den Streit nicht einfach an Fachkräfte abgeben, sondern müssen sich an der Lösung beteiligen. Beratung ist nicht Zwang, sondern liegt dem System inne.
  • Das System der Fachkräfte kann nicht gespalten werden.

Was muss bei diesem Modell besonders beachtet werden?

  • Vermeidung von Koalitionen
  • Klare Rollenverteilung
  • Entscheidungen müssen den Einzelfall im Blick haben
  • Zunächst muss grundsätzlich eine Kooperation vereinbart sein (Netzwerkarbeit)

Notwendigkeit der Beteiligung von Verfahrenspflegern

  • um insbesondere in sehr strittigen Verfahren das Kind im Blick halten zu können
  • Interessenvertretung für das Kind, gegen Deals auf dem Rücken der Kinder, z.B. durch die Abtrennung von Vermögens- und Unterhaltsfragen vom Sorgerechtsverfahren
  • Vermögens- und Unterhaltsfragen verzögern die Sorgerechtsentscheidung möglicherweise

Anforderungen an Informationsweitergabe an das Gericht

  • diese Frage ist nicht konkret beantwortbar
  • die schriftlichen oder mündlichen Momentaufnahmen sind eigentlich ausreichend
  • die Inhalte sollten klar beschrieben sein
  • das Problem der Vertraulichkeit von Informationen in Beratungsprozessen des Jugendamtes und anderer muss beachtet werden
  • als Beispiel wurde Regensburg aufgezeigt, die eine Beratungsstelle im Gerichtsgebäude betreiben, die keinerlei Informationen an das Gericht weitergeben, lediglich auf die einigende Wirkung des Beratungsprozesses setzen. Der Richter fragt die strittigen Parteien wie sie sich geeinigt haben.
  • Der ASD könnte aufgrund seiner Beratungserfahrung dem Gericht mitteilen, was von den strittigen Parteien zu erwarten ist.
  • Es kann davon ausgegangen werden, das vielleicht die Hälfte der Richter einen Entscheidungsvorschlag haben wollen, die andere Hälfte wohl eher nicht.
  • Besser ist es auf jeden Fall eine sachlich fundierte Grundlage zu liefern

Grundsätzliches zur Zusammenarbeit Gericht – Jugendamt:
Es sollte formell geklärt sein.

  • Was ist in welchem Zeitrahmen vom JA zu leisten?
  • Rückmeldung an das Gericht wenn Termine etc. nicht gehalten werden können (z.B. wenn sich der Beratungsprozess noch hinzieht)
  • Welche Mitarbeiter sind zuständig?
  • Zum Inhalt einer jugendamtlichen Stellungnahme ist die Literatur von Frau Oberloskamp zu empfehlen (Oberloskamp, Helga: Gutachtliche Stellungnahmen in der Sozialen Arbeit, 2001, Luchterhandverlag)

Abschließend wurde festgestellt, dass die Beteiligten ruhig den Mut zur zweiten Instanz vor Gericht haben sollten. Dies habe nichts persönliches, sondern sei ein Zeichen von Professionalität