Was tun wenn´s kracht? Deeskalationsstrategien

Oft fehlt es uns an Handlungsstrategien, Konflikte gewaltfrei zu lösen und das eigene Aggressionspotential, das jeder Mensch in sich trägt und das ihm hilft, sich zur Wehr zu setzen, zu beherrschen. Deshalb sollen hier einige Deeskalationsstrategien beschrieben werden, die vor, während und nach Konflikten hilfreich sein können.
Obwohl viele Kinder und Jugendliche Gewalt als Erziehungsmittel erfahren, gibt es doch in der Bevölkerung einen weit gehenden Konsens, dass „gewaltfreie Erziehung“ ein idealer Zustand ist. So stimmen 87 % der Deutschen einer gewaltfreien Erziehung grundsätzlich zu. Wie kommt es zu dieser Diskrepanz? 75% der Eltern, die in Umfragen angaben, Gewalt in der Erziehung bereits angewendet zu haben, nannten als Ursache das Gefühl von Hilflosigkeit. Es fehlte also offenbar in der konkreten Situation an Handlungsstrategien, den Konflikt gewaltfrei zu lösen und das eigene Aggressionspotential, das jeder Mensch in sich trägt und das ihm hilft, sich zur Wehr zu setzen, zu beherr-schen. Deshalb sollen hier einige Deeskalationsstrategien beschrieben werden, die vor, während und nach Konflikten hilfreich sein können. Denn uns ist bewusst, dass gerade Pflegekinder ihre Pflegeeltern besonders fordern, manchmal sogar regelrecht herausfordern oder provozieren.

Vorbeugende Strategien und Hilfen

 

  • Positivlisten z.B.„Heft für den Mut“: Positive Gefühle für das Kind entwickeln durch notieren des gewünschten Verhaltens. Erarbeiten sie mit Ihrem Partner oder Vertrauten Listen mit positiven Eigenschaften des Kindes
  • Positives verstärken, Lob: Jedes gewünschte Verhalten sollte verstärkt werden, meist sofort.
  • Eltern-Kinder-Gesprächsrunden (Aushandeln – wie in eskalierenden Situationen reagiert werden kann, Gewalt be-nennen) – Deutlich machen, dass man sich hier eine Verhaltensänderung in Zukunft wünscht
  • Rangliste – welches Verhalten geändert werden soll
  • Interessen des Kindes eruieren
  • Elterliche Präsenz zeigen (Interesse am Kind bekunden)
  • Positive Zuwendung; Organisieren Sie Zeiten, in denen Sie ganz für das Kind da sind. Lassen Sie sich auch nicht durch klingelnde Telefone ablenken. Lassen Sie sich auf die Wünsche und das Spiel des Kindes ein.
  • Sit in
  • Telefonlisten; Stellen Sie Telefonnummern von Freunden, Verwandten und anderen Personen zusammen, mit denen das Kind in Kontakt ist.
  • Biografische Forschung; Besorgen Sie sich soviel biografische Daten wie möglich, um das Verhalten des Kindes besser einschätzen zu können.
  • Austausch mit anderen Pflegeeltern
  • Rückhalt beim Partner
  • Genaues Hinschauen bringt Klarheit: Detaillierte Beobachtung und Beschreibung des Verhaltens, bringt eigene Sicherheit im Umgang mit der Verhaltensauffälligkeit. Z.B. In welcher Entwicklungsphase befindet sich das Kind?
  • Nur gemeinsam kann es gelingen: Zusammenarbeit z.B. mit der Schule erreichen, Abstimmen von gemeinsamen Regeln und, wichtig für das Kind, es muss darüber informiert sein.
  • Machen Sie sich bewusst: Sie stellen Forderungen (keine Bitten), zu denen Sie ohne Zweifel berechtigt sind. Beach-ten Sie die Integrationsphasen
  • Natürliche, logische Konsequenzen anwenden: Das Kind hat ein Recht auf eine eigene Entscheidung. Diese Ent-scheidung hat aber immer auch Konsequenzen. Die Konsequenzen müssen für das Kind vor seiner Entscheidung transparent sein, damit es sie in seine Entscheidung einbeziehen kann.
  • Stellen Sie echten Kontakt her: eigene Tätigkeit unterbrechen, Blickkontakt
  • Seien Sie autonome Eltern: Grenzen Sie das Verhalten des Kindes Ihnen gegenüber von der Vorstellung persönlich getroffen zu sein ab. Erklären Sie dem Kind ehrlich eigene Befindlichkeiten und verweisen Sie sein Verhalten in den richtigen Kontext!
  • Strukturen sind das A und O: Vorgabe von Strukturen sind für diese Kinder und Jugendlichen von entscheidender Bedeutung: Klare und eindeutige Absprachen über den Tagesablauf, Aufstellen von verbindlichen Regeln. Fest sein ohne zu herrschen: Kinder brauchen Grenzen und fordern diese auch ein. Sie haben ein Recht auf gut begründete Grenzen. Beachtung der Integrationsphasen des Kindes.
  • Bleiben Sie in der Nähe um kontrollieren zu können. Geben Sie ein positives Feedback, wenn die Forderungen er-füllt werden (freundliche Bemerkung, Lächeln)
  • Weniger ist mehr: Beschränkung auf wichtige Regeln und auf unbedingte Einhaltung achten. Wichtige Regeln in verständlicher Art und Weise erreichbar für das Kind anbringen.
  • Langer Atem ist nötig: Vereinbarungen müssen immer wieder mit Nachdruck aber ohne Erregung wiederholt wer-den! Jeder Tag und jede Stunde stellen einen Neubeginn dar.
  • Pflegeeltern müssen anders erlebt werden: Kennen Sie die Reaktionsweisen der leiblichen Eltern auf die Verhal-tensauffälligkeiten? Handeln Sie anders! Haben Sie mehr Geduld! Geben Sie dem Kind Zeit und Gelegenheit sich selbst auszuprobieren, andere Erfahrungen zu sammeln.
  • Geduld: Annehmen des emotionalen Alters des Kindes, Veränderungen von tief sitzenden Störungen brauchen Zeit, Setzen Sie realistische Ziele – Vermeiden Sie Enttäuschungen
  • Nehmen Sie die Kinder mit ihrem Verhalten wahr: Stellen Sie beim Bestrafen und Besprechen des Verhaltens, das Verhalten in den Mittelpunkt, nicht das Kind selbst!

 

Während einer Eskalationssituation

 

  • Vermeiden Sie, in die Eskalation hineingezogen zu werden, reden Sie sich nicht den Mund fusselig, stellen Sie das Predigen, Erklären, Drohen Anschreien und Debattieren ein.
  • Lassen Sie das Prinzip der verzögerten Reaktion gelten. Ziehen Sie sich zurück und nehmen Sie sich Zeit Ihre Erwi-derung zu planen. Gewinnen Sie durch Schweigen Zeit. Gehen Sie aus dem Raum  verschaffen Sie sich selbst eine Auszeit.
  • Geben Sie dem Kind die Möglichkeit eine Auszeit zu nehmen – Dem Kind erlauben, seine negativen Emotionen in einem geschützten Raum zeigen zu dürfen
  • Gegenstand in der Tasche, der Sie an die positiven Verhaltensweisen des Kindes erinnert. Verhalten und Persönlich-keit unterscheiden.
  • Bis 10 zählen.
  • Bärumarmung, zeigen Sie dem Kind, dass Sie es trotz seiner Widerstände und trotz seiner Aggressionen bereit sind in ihr Herz aufzunehmen. Halten Sie das Kind fest, solange es sich widersetzt. Trösten Sie es, wenn es sich in Sie fallen lässt.
  • Leise ein Gedicht aufsagen
  • Das Interesse des Kindes umlenken.
  • Besonderheiten bei traumatischen Erfahrungen
  • Nehmen Sie das Kind mit seinen Erfahrungen an
  • Schützen Sie die emotionale Basis des Kindes, Nehmen Sie Ängste und Befürchtungen ernst, beruhigen Sie ihr Kind nicht, sondern anerkennen Sie das „subjektiv Mächtige“, lassen Sie sich vom Kind an die Hand nehmen
  • Zeigen Sie dem Kind, dass es bei Ihnen sicher leben kann
  • Vertrauen vermitteln: Ermutigung, Zutrauen = Aufbau des Selbstwertgefühls
  • Seien Sie verlässlich, im Verhalten in der Zuwendung, in Anforderungen
  • Finden Übertragungen statt?
  • Erlauben Sie dem Kind, Sie durch die Brille seiner früheren Erfahrungen zu sehen, lassen Sie Übertragungssituatio-nen zu.
  • Versuchen Sie Wiederinszenierungen eines Traumas rechtzeitig zu erkennen und zeigen Sie dem Kind einen Ausweg auf!
  • Nehmen Sie moralisch Stellung, Sie können nicht neutral bleiben, ohne die Kinder der Angst vor der Gefahr einer erneuten Traumatisierung auszusetzen
  • Geben Sie Ihrem Kind soviel als mögliche positive Rückmeldungen über sein Können und seine Leistungen

 

Nachbereitende Strategien

 

  • Versöhungsgesten, tun Sie etwas für das Kind, Kochen Sie ihm sein Lieblingsessen oder bieten Sie ihm Freizeitmaß-nahmen an, von denen Sie wissen, dass diese das Kind ansprechen
  • Sit in, Setzen Sie sich nach dem Abklingen einer Eskalation in das Zimmer des Kindes, Sagen Sie ihm das es so nicht weiter geht, Erwarten Sie konstruktive Lösungsvorschläge des Kindes, Gehen Sie nicht auf Provokationen ein. Nehmen Sie sich Zeit dafür mind. 1 h. Falls das Kind nicht mit ihnen sprechen will wiederholen Sie das Sit in.
  • Geheimhaltung auflösen, erzählen Sie ihrem Partner, engen Freunden, Verwandten und MitarbeiterInnen Sie beglei-tender Dienste vom Verhalten des Kindes. Sagen Sie dem Kind, dass sie sich mit anderen Erwachsenen austauschen
  • Suchen Sie die Orte, Wohnungen etc. auf, an denen Sie Ihr Kind vermuten, Sagen Sie ihm, dass Sie es mit nach Hause nehmen wollen, Versichern Sie, dass es nicht betraft wird. Lassen Sie sich von Fremden Personen nicht ab-weisen. Beharren Sie auf dem Wunsch ihr Kind mit zu nehmen
  • Rufen Sie in Telefonrunden alle Menschen an, mit denen das entwichene Kind Kontakt aufgenommen haben könnte.

Zusammengestellt von Adrian Einecke