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Rituale in der pädagogischen Arbeit

Ein kleiner "Ritualleitfaden" für den Alltagsgebrauch. Dietmar Götz, Dipl. Psychologe in der stationären Kinder- und Jugendhilfe beschreibt leicht lesbar und dennoch umfassend, was Rituale sind und wie sie in der Arbeit mit Kindern und Jugendlichen fruchtbar eingesetzt werden können.


Inhalt 


Was sind Rituale?

Kennzeichen von Ritualen (in Anlehnung an Roberts, 2001, 21 und Holtz, 2000, 229 und 231f)
  • Rituale bestehen in erster Linie aus HANDLUNGEN, die in bestimmter Art und Weise von einer, mehreren oder allen Personen einer Gruppe ausgeführt werden.
  • Diese Handlungsabläufe können erst dann als Rituale erlebt werden, wenn sie in WIEDERHOLUNGEN erlebt und durchgeführt werden.
  • Rituale werden insbesondere wirksam durch SYMBOLE und/ oder SYMBOLISCHE HANDLUNGEN. Symbolische Gegenstände und Handlungen haben für die teilneh-menden Personen eine über das Augenscheinliche hinausgehende Bedeutung (die für Nichteingeweihte ohne weitere Erklärungen verborgen bleibt).
  • Damit verbunden sind die BESONDEREN UMSTÄNDE eines Rituals: Ort, Zeit, Kleidung, Worte, Verhalten und Gegenstände zeigen an, dass es sich hier um eine spezielle Situation handelt.
  • Die Wirkung dieser besonderen Umstände wird zudem unterstützt durch eine SINNTRÄCHTIGE INSZENIERUNG. Dies wird erreicht durch Farb- und Formkompositionen, besondere musikalische Untermalung, angenehme Geruchseindrücke usw.
  • Rituale werden bewusst anhand eines (zumindest teilweise gemeinsam erstellten) HANDLUNGSPLANES durchgeführt. Grob kann man vorbereitende, durchführende und nachbereitende Handlungen unterscheiden.
Der gemeinsame Einsatz dieser Elemente bewirkt ein intensives Erleben von Ritualen.

Kennzeichen von Gewohnheiten in Abgrenzung zu Ritualen 
  • Wie Rituale bestehen Gewohnheiten aus WIEDERHOLT ABLAUFENDEN HANDLUNGSEINHEITEN.
  • In gewisser Hinsicht treten Gewohnheiten teilweise auch unter BESTIMMTEN BEDINGUNGEN auf, die jedoch meist keine emotionale Besonderheit darstellen.
  • Im Gegensatz zu Ritualen enthalten Gewohnheiten KEINE symbolischen Gegenstände oder Handlungen, KEINEN bewusst durchgeführten Handlungsplan und werden NICHT sinnträchtig inszeniert.

Funktionen von Ritualen

(siehe auch Wall und Ferguson, 1994, 13f; Roberts, 2001; Holtz, 2000, 229)
  • Rituale sind wichtig für IDENTITÄTSPROZESSE. Sie können
    • bestätigen, dass jemand zu einer bestimmten Gemeinschaft gehört,
    • das Zusammengehörigkeitsgefühl stärken,
    • bestätigen, dass sich etwas Wesentliches verändert hat, zum Beispiel ein neues Mitglied in eine Gruppe aufgenommen wurde (siehe auch Übergangsrituale),
  • ein Gruppenerleben, das gestört war, wieder herstellen (Versöhnungsritual).
  • Als sogenannte ÜBERGANGSRITUALE machen Rituale allen Beteiligten deutlich, dass eine einzelne Person oder eine ganze Gruppe etwas Neues erreicht hat, einen Schritt weiter gekommen ist. Beispiele: Wechsel von der Schule zur Ausbildung, von einer Kindergruppe zu einer Jugendgruppe (im Heim), von einem Anfängerstatus ei-ner Gruppe zu einem Fortgeschrittenenstatus.
  • Rituale können ROLLEN und AUFGABEN einzelner Personen in einer Gruppe BESTÄTIGEN oder ROLLENWECHSEL markieren und unterstützen. 
  • Rituale verdeutlichen REGELN und NORMEN einer Gruppe. Möglicherweise wer-den Hierarchien und Statusunterschiede sichtbar.
  • Eine generelle Funktion von Ritualen liegt in der STRUKTURIERUNG von Handlungsabläufen und des menschlichen Zusammenlebens, was der einzelnen Person wie-derum Sicherheit vermittelt.

Zielpersonen

Rituale sind für Menschen jeder Altersstufe und Lebensphase hilfreich, da sie die Auseinandersetzung mit sich und der Welt strukturieren helfen.
  • Rituale bieten Kleinkindern und Kindern im Grundschulalter eine Sicherheit vermit-telnde Erklärung der persönlichen Welt und ihrer Ereignisse und verdeutlichen dem Kind, welche Rolle es selbst dabei spielt und in welche sozialen Verbände (Familie, Schule, Freundeskreis) es gehört. 
  • In der weiteren Lebensgeschichte markieren Rituale wichtige Übergänge und bieten Rollenvorbilder an (vom Schulkind zum Auszubildenden oder Studenten, das Leben als Paar, Elternschaft usw.)
  • Bis ins hohe Alter behalten Rituale ihre Wirkung, Zugehörigkeit und Rollenzuschrei-bungen zu unterstreichen.

Ganzheitliches Ritualerleben 

  • Dreesen (2000) betont bei der Planung und Durchführung von Ritualen die Einbeziehung aller menschlichen Sinne: sehen, hören, körperlich spüren, riechen und schmecken. Sicherlich sollten Rituale mit Sinneseindrücken nicht überfrachtet werden. Bei der Planung von Ritualen können sich alle Beteiligten dazu äußern, welche Sinne sie wie ansprechen möchten.
  • Rituale sollten gleichstark Verstand, Gefühl und Handlung betonen

Typologie „schlechter“ Rituale

(nach Roberts 2001, 49-58)

Was im Folgenden über Familien gesagt wird, gilt mit Abstrichen und Anpassungen für sämtliche sozialen Gruppen.

Unterritualisiert
„Unterritualisierte Familien feiern oder markieren meist weder Veränderungen der Familie selbst, noch beteiligen sie sich an größeren gesellschaftlichen Ritualen“ (Roberts 2001, 41). Mitglieder solcher Familien oder Gruppen sind irritiert, wenn sie in anderen Familien oder Gruppen Rituale mitfeiern dürfen. Andererseits spürt man bei ihnen auch eine gewisse Sehnsucht nach strukturierenden Ritualen.

Orientierende Fragen:
  1. Welches Familienereignis haben Sie zuletzt gefeiert?
  2. Wie feiern Sie Ostern, Weihnachten usw.?
  3. Wie oft trifft sich die Familie im Jahr, um etwas zu begehen?

Fragen, die Veränderungen provozieren:
  1. Wenn Sie sich öfter treffen würden, um Ereignisse gemeinsam zu feiern, wer würde sich am meisten darüber freuen?
  2. Wer würde am ehesten die Initiative ergreifen, um Ereignisse öfter zum Ausdruck zu bringen?
Hilfestellung: Vorschläge für die Markierung kleiner Veränderungen (keine ausgetüftelten, komplexen Rituale).

Starr ritualisiert
In der Familie gibt es viele vorgeschriebene Verhaltensweisen. In den Ritualen gibt es nur wenige offene Teile, sie bleiben über die Zeit unverändert, statt sich weiterzuentwickeln (siehe Flexibilität).

Orientierende Fragen:
  1. Hat die Familie tagtägliche Routinen?
  2.  Feiern Sie die Geburtstage der verschiedenen Familienmitglieder unterschiedlich? Wenn ja, wie?
  3. Welche Traditionen wiederholen Sie Jahr für Jahr an Ostern, Weihnachten usw.?
  4. Wem gefällt es am besten, die Dinge auf die altbekannte Art und Weise zu tun?
Fragen, die Veränderungen provozieren:
  1. Was würden Sie tun, wenn Sie Ihre tägliche Routine ein wenig ändern sollten?
  2. Wenn jemand etwas zu ändern versuchte, wer wäre das am ehesten?
  3. Wer würde am ehesten dieser Veränderung zustimmen?
Hilfestellung: In etablierte Zeremonien kleine, offene Teile einfügen.

Einseitige Rituale
Familien mit einseitigen Ritualen haben hauptsächlich Rituale der Herkunftsfamilie des Vaters oder der Mutter übernommen. Das Zusammenfügen beider Linien bzw. das konstruktive Neuentwickeln sind wichtige Entwicklungsaufgaben im Leben einer Familie.

Orientierende Fragen:
  1. Wenn Sie in den Ferien Verwandte besuchen, wo gehen Sie in der Regel hin?
  2. Welche Traditionen wurden Ihnen von Ihren Herkunftsfamilien überliefert und welche setzen Sie selbst hauptsächlich fort?
  3. Welche ethnischen, religiösen Traditionen werden in Ihrer Familie am meisten geschätzt, und woher stammen sie?
Fragen, die Veränderungen provozieren:
  1. Wie könnten Sie in Ihren Ritualen Aspekte der anderen Herkunftsfamilie (oder ethni-schen oder religiösen Traditionen) aufnehmen? Wer würde das unterstützen? Wer wäre verstimmt?
  2. Inwiefern könnten sich Ihre Rituale verändern, wenn Sie das tun?
Hilfestellung: Nach und nach Symbole, Inhalte und Werte aus anderen Teilen des Familiener-bes einführen.

Leeres Ritual als Ereignis, nicht als Prozess

„Wenn Menschen ein Ereignis aus einem Gefühl der Verpflichtung heraus feiern, ohne dem Ereignis eine Bedeutung geben zu können, bezeichnet man diese Rituale als „leer“ (van der Hart 1983)“ (Roberts 2001, 54). Dies kann beispielsweise passieren, wenn die Vorbereitung eines Rituals auf eine Person beschränkt bleibt, die sich dadurch sehr belastet fühlt und den nicht beteiligten Personen die innere Vorbereitung abhanden kommt.

Orientierende Fragen:
  1. Wer plant in Ihrer Familie gewöhnlich Parties, Feierlichkeiten und Feiertage?
  2. Wer ist am stärksten/wenigsten damit befasst?
  3. Was macht mehr Spaß: das Planen oder das Ereignis?
  4. Wenn es diese Ereignisse nicht gäbe, wer würde sie am meisten vermissen?
  5. Wer möchte am wenigsten daran teilnehmen?
  6. Was denken und fühlen die Beteiligten, wenn das Ereignis vorbei ist?

Fragen, die Veränderungen provozieren:
  1. Was müsste bei der Planung des Ereignisses geändert werden, damit es bedeutungsvoller wird?
  2. Wann könnten diese Veränderungen vollzogen werden?
Hilfestellung: Kleinen Bereich finden, dem durch eine Änderung des Vorbereitungsprozesses eine Bedeutung gegeben werden kann.

Ritualprozess unterbrochen oder nicht offen erfahrbar
„Zu bestimmten Zeiten ist es Familien aufgrund plötzlicher Veränderungen (Tod, Umzug, Krankheit) oder traumatischer Ereignisse in der Familie oder im sozialen Umfeld (Krieg, Unterdrückung, Migration) nicht möglich, den gesamten Ritualprozess vollständig zu erfahren“ (Roberts 2001, 55). Beispiele: Religiöse Feier ist nicht mit der gesamten Gemeinde möglich, Hochzeit mit Gästen, die später durch Kriegsereignisse getötet oder verschleppt werden, so dass der Hochzeitstag von negativen Erinnerungen geprägt ist. Teilweise bieten Gesellschaften bei bestimmten Übergängen auch einfach keine Rituale an wie beispielsweise bei der Aufnahme eines Pflege- oder Adoptivkindes.

Orientierende Fragen:
  1. Was meinen Sie, wodurch die Ritualprozesse unterbrochen wurden (durch Krieg, Tod, Selbstmord, Migration usw.)?
  2. Wen hat diese Unterbrechung am meisten berührt?
  3. Woher wissen Sie das?

Fragen, die Veränderungen provozieren:
  1. Was würden Sie tun, wenn Sie jetzt das Ritual auf irgendeine Art vervollständigen sollten?
  2. Wen müssten Sie unbedingt einbeziehen?
  3. Bei wem könnten Sie sonst noch Unterstützung finden, um für das Ritual ein tragfähi-ges und sicheres Umfeld zu schaffen?

Hilfestellung: Über heimlich gefeierte Rituale reden und/oder Rituale oder Teile davon nach-feiern bzw. neu inszenieren.

Flexibilität bei der Anpassung von Ritualen
Über die Zeit hinweg ist es notwendig, Rituale an veränderte Umstände anzupassen. Ein Ein-schlafritual sollte bei einem Zweijährigen beispielsweise anders gestaltet werden als bei ei-nem Fünfzehnjährigen.

Orientierende Fragen:
  1. Wie hat sich das Zubettgehen der Kinder im Laufe der Jahre verändert?
  2. Haben sich Geburtstagsfeiern verändert?
  3. Sind an den Einschlafritualen immer dieselben Menschen beteiligt? Inwieweit haben sich ihre Rollen verändert?
  4. Wenn jemand zur Familie dazugekommen (durch Geburt, Heirat) oder von ihr gegangen ist (durch Auszug, Tod, Scheidung), wie wurde das markiert?

Fragen, die Veränderungen provozieren: 
  1. Wie wird Ihrer Meinung nach Marias Geburtstag in fünf Jahren gefeiert, wenn sie ausgezogen ist?
  2. Welche neuen Rituale hat die Familie ins Leben gerufen?

Hilfestellung: In der Vergangenheit erfolgreich angepasste Rituale ausfindig machen und zu weiteren Veränderungen anregen.

Rituale in zeitlichen Perspektiven


Tägliche und wöchentliche Rituale
  • Kind in die Wohnung holen, schlafen gehen, aufstehen, begrüßen, verabschieden, zur Kirche gehen, Tage zählen (Adventskalender) usw.
  • Alltägliche Rituale bilden Rollen, Regeln und Normen in der Familie ab.
  • Das Wiedererkennen von Wiederholungen kann Freude bereiten. Für kleine Kinder schaffen alltägliche Rituale erste Ordnungen in einer chaotischen Welt.

Rituale im Jahreslauf
  • Externer Kalender: Ostern, Weihnachten, Halloween, Ferien, Urlaub, „... Rituale, die anlässlich größerer gesellschaftlicher Ereignisse gefeiert werden (...) Weil sich in unserer Kultur eine Erwartungshaltung gebildet hat, organisiert die Gesellschaft bis zu einem gewissen Grad Zeit, Raum und die Symbole“ (Roberts, 2001, 59).
  • Interner Kalender oder Familientraditionen: Erinnerung an erste Begegnung eines Paares, Hochzeitstag, „Cleangeburtstag“ (bei Drogenentzug), Tag des Wechsels von der Schule zur Ausbildung usw.

Einmalige Rituale
  • Feier der ersten Menstruation, Jugendweihe, Einschulung, Taufe, Hochzeit, Pensionierung, Beerdigung, Jubiläumsgeburtstage, also „... Ereignisse, die den Werdegang einer Familie charakterisieren“ (Roberts, 2001, 59).
  • Abschied: beispielsweise gemeinsame bedeutsame Gegenstände verbuddeln
  • Umzug: erfundene Freunde als Übergangsritual bei Kindern 
Stadien des Erlebens und Kreierens von Ritualen im Lebenslauf
  • Wichtig: In welchem Stadium befindet sich mein Klient?
  • Aus dem Modell leitet sich beispielsweise ab, dass ein Kind in einer Heimwohngruppe rechtzeitig gefragt werden sollte, wie es seinen Geburtstag feiern möchte.
  • Traumatisierte Geburtstagsfeiern können auch als Erwachsener nachgefeiert werden, und zwar so wie es dem damaligen Alter entsprochen hätte.

Die Symbolkraft von Gegenständen und Namen


Lieblingsdinge und Kraftgegenstände

In der Erziehung bzw. Therapie von Kindern ist es oft eine hilfreiche Idee, Gegenstände oder andere Kategorien einzubeziehen, die für das Kind von besonderer Bedeutung sind. Das können sein: Lieblingsplatz, Lieblingsessen, Lieblingsfarben, Lieblingsspielzeug, Lieblingsperson, Lieblingsgeschichte, Lieblingsgebete usw. Hat ein Kind beispielsweise ein schwieriges Ereignis erlebt, könnte es die Mutter mit seinem Lieblingsessen verwöhnen und ihm dabei Mut zusprechen und gemeinsam mit ihm nach Lösungen suchen (Essen ohne weitere Prob-lemlösung als Trost könnte neue Probleme schaffen). Ein mitgenommenes Lieblingsspielzeug kann einem Kind erleichtern, die erste Schulzeit ohne Eltern zu ertragen.

Lieblingsdinge können Trost und Kraft spenden. Sie sind dem Kind vertraut, es verbindet damit angenehme Erfahrungen mit wichtigen Menschen. In der pädagogisch-therapeutischen Arbeit mit dem Kind können aber auch neue Kraftgegenstände geschaffen werden. Hat ein Kind beispielsweise eine schwierige Situation gemeistert oder war einfach erfolgreich, kann ihm als Anerkennung ein kleiner Gegenstand überreicht werden, der durch entsprechende anerkennende Worte symbolisch aufgeladen wird. Das Kind wird aufgefordert, diesen Gegenstand zukünftig in der Hosentasche zu tragen. Bei Schwierigkeiten solle es in die Tasche greifen oder sich den Gegenstand innerlich vergegenwärtigen, um sich an die erfolgreiche Situation zu erinnern. Die Erinnerung kann mit mutmachenden kurzen Sätzen begleitet werden, die sich das Kind immer wieder hersagt.

Das sogenannte Magische Auge oder Traumfänger können zusammen mit Kindern hergestellt werden. Beispielsweise können Farben für ein Magisches Auge ausgewählt werden, die die vorher benannten Ressourcen des Kindes symbolisieren. Entsprechend können im Traumfänger kleine, symbolische Gegenstände eingearbeitet werden.

Therapeutische Metaphern

Kennt man einige Lieblingsdinge eines Kindes, kann man daraus eine Geschichte konstruieren, in der eine Figur stellvertretend für das Kind Schwierigkeiten erlebt, die symbolisch für die Schwierigkeiten des Kindes stehen. Man kann die Figur verschiedene Phasen durchlaufen lassen und einen Lösungsweg suggerieren. In der Psychotherapie mit Kindern gibt es zu dieser Methode einige Erfahrungen, aus denen Hinweise abgeleitet werden, wie solche sogenannten therapeutischen Metaphern gestaltet werden können.

Diese Erfahrungen und Hinweise sind auch in pädagogischen Kontexten umsetzbar. Beispielsweise können Geschichten auch für eine ganze Gruppe konstruiert werden. Entsprechend werden Themen eingearbeitet, die die ganze Gruppe betreffen. Meistens ist es nicht notwendig bzw. sogar contraindiziert, nach der Geschichte den Kindern die Metapher zu erklären.

Die Geschichte wirkt in sich anregend, löst bei den Zuhörern innere Suchprozesse aus. Die Kraft therapeutischer Metaphern liegt in der Suggestibilität. Durch äußere Umstände (Abdunkeln des Raumes) können die Kinder in einen leichten Alltagstrancezustand versetzt werden. In die Geschichte werden Suggestionen eingebaut, die mit besonderer Stimme (tiefer, langsamer) vorgetragen werden. Suggestionen können als positive selbsterfüllende Prophezeiungen wirken.

Namen

Für die Arbeit mit Kindern kann es Sinn machen, deren Namen über den üblichen Rahmen hinweg zu beachten, zu würdigen und auszuschmücken. Hierzu drei Anregungen (aus Dreesen, 1999):
  • Formulieren eines ressourcenorientierten Zusatzes: „Sven, der gut schweigen kann.“ Man kann das Kind daran erinnern, dass Indianernamen oft auf besondere Fähigkeiten des Namensträgers verweisen (Film: „Der mit dem Wolf tanzt“). Die Verleihung eines Namenszusatzes kann in feierlicher Form mit Urkundenüberreichung geschehen oder eher beiläufig im Gespräch mit dem Kind. In besonderen Gelegenheiten kann man das Kind dann mit dem Zusatz ansprechen. Manche Kinder wünschen, vom Therapeuten nur in Abwesenheit anderer Kinder so angesprochen zu werden. Kinder verleihen dem Therapeuten im Gegenzug manchmal auch Namenszusätze, die etwas über die Beziehung Kind/Therapeut durchscheinen lassen. 
  • Namen als Logo: Jeder Buchstabe zählt ...: Die Buchstaben des Vor- und/oder Nachnamens des Kindes werden als Anfangsbuchstaben für Ressourcen genutzt, die beim Kind festgestellt werden. „Das Ziel dieses Vorgehens (...) ist eine erhöhte emotionale und intellektuelle Bewusstheit für die zur Verfügung stehenden Möglichkeiten“ Dree-sen (1999, 83).
  • Namenscollage: Auf einem großen Bogen Papier gestaltet man zusammen mit dem Kind oder auch in einer Gruppe jedes Kind für sich eine Collage, in deren Mitte der Name des Kindes steht und außen herum Bilder geklebt oder gemalt werden, die Eigenschaften, Wünsche, Ressourcen des Kindes symbolisieren.

Leitfaden zur Erarbeitung von Urkunden

(nach Dreesen & Eberling, 1996)

Wie sehen die „Dokumentationsgewohnheiten“ des Kindes aus? Tagebuch, Fotoalbum, Pokale, Urkunden.
  1. Zu welcher Gelegenheit und zu welchem Zweck soll etwas dokumentiert werden? Aufnahme in den Kindergarten, Würdigung eines neuen Verhaltensrepertoires, Markierung eines Übergangs (Wohngruppenwechsel), Abschluss des Heimaufenthaltes mit Symbolen mit „Depotwirkung“ (siehe Kraftgegenstände).
  2. Besprechen Sie mit dem Kind Sinn und Zweck der (Selbst-) Dokumentation. Je nach Entwicklungsstand kann das Kind angeleitet werden in Selbstbeobachtung, Selbstbewertung und Selbstverstärkung.
  3. Fassen Sie die Dokumentationstexte, soweit möglich, zusammen mit dem Kind ab und beachten Sie Sinnesmodalitäten. Auf welche Sinneseindrücke spricht das Kind besonders an? Kann das Kind neugierig auf bisher wenig genutzte Sinnesmodalitäten gemacht werden? Duftkerze, Räucherstäbchen, Material mit spezifischer Oberflächenstruktur, Bonbons. 
  4. Planen Sie mit dem Kind das Wann, Wie und Wo der Dokumentenübergabe. Berücksichtigen Sie symbolische und rituelle Aspekte. Welche spielerischen und humorvollen Ideen können miteinbezogen werden?
  5. Sprechen Sie auch über Formen der Präsentation und Verwendung dieser Dokumente im familialen und sozialen Kontext: Sollen sie ganz privat sein? Wer soll sie zu welchen Gelegenheiten sehen? Wer auf keinen Fall? Wo sollen sie aufbewahrt werden?

Rituale bei der Unterstützung von Entwicklungsschritten

(Auswahl nach Kaufmann-Huber, 1995)

Kindergartenalter

Rituale in diesem Alter sollten folgende Aufgaben helfend begleiten:
  • Allmähliche Ablösung von den engsten Bezugspersonen
  • Finden von neuen Bezugspersonen
  • Ängste besser bewältigen
  • Einfügen in eine Gruppe
  • Entwicklung eines Identitätsgefühls
  • Entwicklung eines für die Schule nötigen Realitätsbewusstseins
Rituelles Geschichtenerzählen
  • Geborgenheit vermittelnde Atmosphäre
  • Je jünger die Kinder sind, desto einfacher und klarer sollte die Handlung der Ge-schichte sein.
  • Positiver Ausgang der Geschichte
  • Sich von den Signalen des Kindes führen lassen
  • Märchen nicht deuten
  • Kinder an Vorbereitung und Durchführung beteiligen
Wenn Kinder über einen längeren Zeitraum eine bestimmte Geschichte immer wieder hören möchten, passt die Metapher der Geschichte eventuell auf ihre eigene Situation, auf gerade erlebte Schwierigkeiten. Durch das wiederholte Hören der Geschichte wird ein innerer Suchprozess ausgelöst. Das Kind braucht nicht mehr auf die Worte zu achten, kann dramatische Wendepunkte leichter ertragen (da es die Lösung bereits kennt) und kann dadurch in einen Trancezustand gelangen, der es ermöglichen kann, noch ungedachte Lösungen für die eigene Situation zu entwickeln.

Rituale zur Angstbewältigung
Beispiel: Ein Vater lässt seinen Sohn dessen Ängste malen, es entsteht ein Bild von einem bösen Wolf. Dieses Bild wird in viele kleine Schnipsel gerissen und die Toilette hinuntergespült. Dieses Ritual wiederholt während mehrerer Wochen. Währenddessen lernt der Junge seine Ängste zu benennen und die Eltern erhalten dadurch die Möglichkeit, angemessen darauf zu reagieren.

Lieder der Hoffnung
Beispiele: „Schneeflöckchen, Weißröckchen, wann kommst du geschneit?“, „Heile, heile, Segen“ Wie die Regenmacherrituale bei Naturvölkern, flößen solche Lieder und Reime Hoff-nung ein. Man erinnert sich früherer „Dürrezeiten“ (auch im übertragenen Sinn) und daran, dass sie auch immer ein Ende hatten.

Einschlafrituale
Empfehlenswert ist ein kurzes Einschlafritual, das möglichst auch dann durchgeführt werden sollte, wenn es am Tage einen Krach gegeben hat. Das Weglassen des Rituals sollte nicht als Strafe eingesetzt werden. Aus eigener Erfahrung halte ich eine kurze Gebetszeit für geeignet (abgewandelt und anders benannt auch für Familien geeignet, die sich als unreligiös betrach-ten). Im freien Gebet lasse ich den Tag kurz Revue passieren und benenne Erlebnisse der ganzen Familie, der Kinder und eigene im Beruf. Auch vorhergehende Streitereien werden be-nannt und Gott übergeben. Daran schließen sich Bitten für die Nacht und den nächsten Tag an. Dann können die Kinder ähnlich verfahren, müssen aber nicht. Nach diesem relativ frei zu gestaltenden Teil beten wir gemeinsam das „Vater unser“ und das „Gegrüßet seist du Maria“. Abschließend erhält jedes Kind den Segen, symbolisiert durch ein auf die Stirn gezeichnetes Kreuz.

Abschieds- und Trennungsrituale
Beispielsweise können Kind und Mutter morgens bei der Verabschiedung im Kindergarten persönliche Gegenstände austauschen, die für die Zeit der Trennung Trost spenden. Manche Kinder entwickeln eigene Rituale. Ein Junge nahm morgens in der Wohnung seinen Rucksack. Seine Mutter musste sich auf einen Stuhl setzen. Der Junge lief um den Stuhl und sang ein Abschiedslied. Seine Mutter musste weinen.

Grundschulalter

Rituale in dieser Zeit haben folgenden Sinn:
  • Weitere Ablösung vom Elternhaus
  • Stärkung der Autonomie
  • Freude an der Leistung vermitteln
  • Arbeitshaltung stärken
  • Ausdauer fördern
  • Kontakte zu Gleichaltrigen erleichtern
  • Konflikte auf faire Art lösen helfen
Rituelles Streiten
Provoziert ein Kind regelmäßig Streit mit einem Elternteil oder beiden Eltern zu spezifischen Zeitpunkten, die eher durch Geborgenheit und Nähe charakterisiert sind, kann dieses Verhalten als rituelles Streiten angesehen werden, mit dem das Kind seine Ablösung voranbringen will.

Stilles Beten
Neben gemeinsamen Gebeten in der Familie, wird in diesem Alter das stille Gebet wichtig, die persönliche Zwiesprache mit Gott. Damit verbunden ist, dass Kindern von ihren Eltern deutlich gemacht wird, dass sie Geheimnisse haben dürfen. Nicht religiös erzogene Kinder stellen sich oft vor, in ihnen würde es eine zweite Person oder eine inner Stimme geben, der sie sich anvertrauen können. Viele Kinder berichten, diese Stimme würde sie in schwierigen Situationen trösten und/oder ihnen Ratschläge geben. Eltern sollten diese Ressource ihrer Kinder unterstützen und nicht alles wissen wollen, was ihr Kind bewegt.

Rituale, die Fähigkeiten entwickeln und stärken
  • Einmal in der Woche gibt es einen Kinderkochtag, an dem alle Kinder der Familie (der Wohngruppe) ein Abendessen zubereiten und dafür auch den Tisch schön eindecken.
  • Am Reinemachtag (Samstag) darf Florian (4 Jahre) Staubsaugen, Fegen und Bodenwischen. Vor allem beim Wischen gibt es festgelegte Abläufe: Florian darf unter Aufsicht des Vaters das Reinigungsmittel in den Eimer geben, vom Fenster zur Tür hin wischen (damit er trocke-nen Fußes den Raum verlassen kann), das Ausspülen des Wischlappens geschieht ausschließ-lich mit Hilfe des Vaters.

Rituale, die Aggressionen kanalisieren
Gerade Jungen brauchen in diesem Alter eine Möglichkeit, ihre körperlichen Kräfte zu mes-sen, ihre Aggressionen leben zu können. In sogenannten Friedenskämpfen werden ganz bestimmte Regeln eingehalten. Sie werden sofort unterbrochen, wenn einer der Kämpfenden ein vorher vereinbartes Wort ruft oder ein vorher vereinbartes Zeichen gibt. Als beobachtender Erwachsener sollte man sich möglichst zurück nehmen, was schwer fallen kann, da es durch-aus zu leichten Verletzungen kommen kann. In manchen Schulen gibt es eigens für rituelle Kämpfe eingerichtete Orte, die regelmäßig von Lehrern kontrolliert werden.

Hausaufgabenrituale
Das Kind kommt aus der Schule und braucht zunächst eine Auszeit: es trinkt etwas, hört Musik, kümmert sich um ein Haustier, je nachdem. Die Hausaufgaben sollten immer am selben Ort stattfinden, in einer möglichst ablenkungsfreien Atmosphäre. Die Eltern müssen nicht dabei stehen, sollten aber regelmäßig nach dem Voranschreiten ihres Kindes mit den Aufgaben schauen. Auch darf das Kind einen Elternteil rufen, um sich Hilfe zu holen.

Pubertät

Während der Entwicklungsaufgabe „Pubertät“ spielen Übergangsrituale eine große Rolle. Sie helfen, sich von der bisherigen Rolle zu verabschieden und in einer neuen anzukommen. Ihr Sinn ist:
  • Finden der eigenen Identität
  • Seine Begabungen, seine Stärken und Schwächen kennen lernen
  • Ablösung vom Elternhaus, von der Familie
  • Ein erwachsener, mündiger Mensch werden
  • Sich einer neuen Gemeinschaft zugehörig fühlen
  • Bewältigen der Angst, da jeder dieser Schritte verunsichernd wirkt und Angst macht

Rituelles Beschimpfen
Der Jugendliche beschimpft seine Mutter/ seinen Vater, nicht aus einer konkreten Frustsituation heraus, sondern mehr oder weniger unbegründet. Der Elternteil wird solange schlecht gemacht und gereizt, bis er sich wirklich von seiner bösen Seite zeigt. So kann sich der Jugendliche (zunächst innerlich) ohne schlechtes Gewissen von den Eltern Stück für Stück trennen. Oftmals folgt dann eine Wiederannäherung, bei der der Jugendliche auch wirklich Annahme spüren sollte. Nicht lange jedoch und er beginnt wieder zu schimpfen. So gestaltet der Jugendliche aktiv seinen Ablösungsprozess.

Rituale zum Menstruations-, Pollutionseintritt
In den sogenannten westlichen Industrienationen gibt es kaum mehr Rituale zum Menstruations-, Pollutionseintritt, obwohl dies natürlich eine enorme Entwicklungsaufgabe für den Jugendlichen darstellt. Eltern müssen hier schon selbst in einen kreativen Prozess mit ihrem Kind einsteigen. Möglichkeiten der Würdigung des Schrittes ins Erwachsenenleben: Gemein-sam essen gehen (Mutter mit Tochter, Vater mit Sohn), geschlechtsspezifische Geschenke (Parfum, After Shave), gemeinsamer Klamottenkaufbummel usw. Allerdings muss auch der Trauer um das langsame Verlassen der Kindheit Rechung getragen werden. Ein Kuscheltier als Geschenk kann ein Zeichen sein, das die Kindheit eben noch nicht (ganz) vorbei ist, das Frau-, Mann-Werden ein längeren Prozess darstellt.

Kleiderrituale
Jugendliche dokumentieren mit bestimmten „Kleiderordnungen“, dass sie der Elterngenerati-on entwachsen und sich einer bestimmten Subkultur wie Punker, Hip-Hoper usw. zugehörig fühlen.

Rituelle Mutproben
In ursprünglichen Kulturen müssen Jungen oft Schmerzen ertragen und Gefahren überstehen, um in den Kreis der Männer aufgenommen zu werden. Vielleicht drückt sich das Bedürfnis, ein „richtiger“ Mann zu sein, heutzutage in gefährlichen Mutproben wie S-Bahn-Surfen oder Autorennen aus. Hier liegt eine Aufgabe von Jugendclubs und ähnlichen Orten jugendlicher Kultur, wie weniger lebensgefährliche und dennoch ernstzunehmende Mutproben gestaltet werden können.


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