Vollzeitpflege

Neben der Heimerziehung ist die Erziehung in einer Pflegefamilie die traditionelle Art der Erziehungshilfe ausserhalb des elterlichen Haushalts. Es wird dem Kind oder Jugendlichen die Möglichkeit gegeben, je nach individuellen Erfordernissen von Alter, Entwicklungsstand, persönlichen Bindungen und Bedarf entweder auf Zeit oder auf Dauer in einer Pflegefamilie leben zu können. Das besondere an dieser Art der Erziehungshilfe besteht darin, dass die öffentliche Jugendhilfe einen sehr privaten Bereich, nämlich die Familie, als Dienstleister zur Erfüllung ihrer Aufagben nutzt.

Es besteht für alle Beteiligten die Schwierigkeit das System der Pflegefamilie mit dem System der Herkunftsfamilie in irgendeiner Weise zum Wohl des Kindes miteinander zu verbinden und zusammenzuarbeiten (vgl. § 37 KJHG). Dabei sind für das Gelingen eines Pflegeverhältnisses drei Dinge maßgeblich:

  1. Ist für das zu pflegende Kind die „richtige“, weil geeignete, Pflegefamilie gefunden worden?
  2. Mit welcher Perspektive soll das Pflegekind in der Pflegefamilie leben? Denn daraus ergeben sich alle weiteren pädagogisch-psychologischen Bedingungen der Integration eines Pflegekindes?
  3. Klarheit, Offenheit und Ehrlichkeit im Umgang der Beteiligten untereinander.

Es muss allen Beteiligten klar sein, warum das Kind in Pflege ist und welche Ziele verfolgt werden. Die Herkunftseltern und das Pflegekind sind von Beginn an darüber aufzuklären welche Folgen für die Entwicklung von Beziehung und Bindung der Aufenthalt in einer Pflegefamilie haben kann.

Aus der unterschiedlich möglichen Perspektive des Kindes heraus ergeben sich verschiedene Formen von Pflegeverhältnissen. Die Kurzzeitpflege und die Dauerpflege. Hierzu können auch viele Verwandtenpflegen gezählt werden.

Betrachtet man den individuellen Bedarf von Pflegekindern und die unterschiedliche Eignung von Pflegeeltern ergeben sich weitere, besondere Formen von Pflege. Die Bereitschaftspflege, die Sozialpädagogische Pflege und die Heilpädagogische Pflege.

Die recht komplizierte Angelegenheit, die Entwicklung von Bindung und Beziehung in der Pflegefamilie ebenso zu berücksichtigen wie die bestehenden, stellt die Vollzeitpflege vor eine schwierige Aufgabe. Es muss im Verlauf der Hilfe bzw. Hilfegewährung entschieden werden, ob die Perspektive eines Kind/ Jugendlichen in der Rückführung in seine Herkunftsfamilie (Vollzeitpflege als Ergänzung) ist oder ob das Kinder/ der Jugendliche bis hin zur Verselbständigung in der Pflegefamilie verbleiben kann (Ersatz der Herkunftsfamilie).

Außerdem steht der § 33 KJHG in einer Sonderstellung zu den anderen Erziehungshilfen. Denn eine Pflegefamilie ist ein privater, von der Verfassung geschützten Lebensraumes, dessen sich die öffentliche Jugendhilfe zur Bewältigung ihrer Aufgaben bedient. Pflegeeltern benötigen in der Regel keine zwingend erforderlichen beruflichen Qualifikationen. Es wird von ihnen verlangt während ihrer Freizeit sich für das Wohl des Pflegekindes weiterzubilden und mit den Behörden zusammen zu arbeiten. Das Jugendamt, die öffentliche Jugendhilfe findet in der Familie einen gesuchten, dichten Sozialisationsraum für Kinder und Jugendliche. Es setzt auf Intuition, familiä-re Erfahrungen und Kompetenzen der Pflegefamilie.

Pflegefamilien zu werden, bedarf einer bestimmten Eignung, deren Überprüfung in der Regel vom örtlichen Jugendamt durchgeführt wird. Insgesamt richtet sich der Familienbegriff nicht am Modell der klassischen Standardfamilie aus. Es werden u.a. genauso unverheiratete Paare oder Alleinerziehende berücksichtigt.

Da das Leben in der Pflegefamilie eine Hilfe zur Erziehung ist, müssen sich die Dauer der Hilfe und die einzelnen Leistungen am individuellen Bedarf und an den, im Hilfeplan, festgelegten Zielen des Kindes/ Jugendlichen und seiner Familie orientieren. Diese werden gemein-sam mit den Beteiligten, also dem Kind/ Jugendliches selbst, den Pflegeeltern, den Herkunftseltern, Therapeuten und ggf. anderen Beteiligten besprochen. Die Leistung der Pflegeeltern wird durch ein landesweit geregeltes Pflegegeld, welches sich aus einem Erziehungsbeitrag und einem altersabhängigen Unterhaltsbetrag zusammensetzt.