Traumatische Erfahrungen

Kinder die Gewalt erlebt haben, die vernachlässigt und/ oder sexuell missbraucht wurden, die hungern mussten, die eingesperrt wurden, haben zu meist die Erfahrung gemacht, dass Erwachsene etwas mit ihnen tun, dass Kinder nicht verstehen und begreifen, das sie mit ihren Gefühlen den Erwachsenen und sich selbst gegenüber nicht in Einklang bringen.

Dieses Tun der Erwachsenen überwältigt das Kind, das heißt, es kann die traumatisierende Situation mit seinen körperlichen und psychischen Möglichkeiten nicht kontrollieren, das Kind ist dieser Situation schutzlos ausgeliefert, weil es sie nicht beeinflussen kann. Diese Erfahrung löst im Kind Todesangst oder ein Gefühl von Vernichtet werden aus. Das Kind entwickelt eine unbändige Angst vor dem Verhalten der Erwachsenen.

Traumatische Erfahrungen sind für ein Kind besonders dann vernichtend, wenn sie von Erwachsenen ausgelöst werden, die eine bedeutende Funktion im Leben der Kinder haben, die die Kinder von Natur aus lieben sollten (Eltern, Geschwister, Erzieher, Verwandte). Nienstedt/ Wes-termann beschreiben das Zustandekommen eines Traumas sehr eindringlich, wenn sie mei-nen: „Traumatisierende Erfahrungen sind Erfahrungen, die zu einer psychischen Verletzung geführt haben, dann wenn von den Eltern die elementarsten Bedürfnisse nicht wahrgenommen und respektiert werden und wenn das Kind von seinen Eltern überwältigt wird und sie dadurch als Schutzobjekt verliert.“

Traumatische Erfahrungen prägen sich aufgrund ihrer emotionalen Bezüge intensiv ein und begleiten ein Kind und den späteren Erwachsenen ein Leben lang. Einerseits benötigen diese Kinder eine unterstützende therapeutische Begleitung, um diese Erfahrungen verarbeiten zu können. Und andererseits brauchen diese Kinder, und dies ist die Vorraussetzung für eine gelingende Therapie, ein anderes soziales Umfeld. Sie brauchen verständnisvolle Menschen, die sie in ihren Ängsten und Befürchtungen ernst nehmen, die Geduld haben, die Übertragungssituationen ertragen können. Sie brauchen Erwachsene, die ihnen erlauben neue, veränderte Erfahrungen zu sammeln, die ihnen den Schutz geben, der ihnen von den traumatisierenden Menschen genommen wurde.

Je jünger ein Kind solche Erfahrungen macht, um so folgenschwerer sind sie für die Entwicklung, denn die Ausbildung von Bindungen und Beziehungen zu Erwachsenen stehen erst am Anfang. Die Entwicklung des Gehirns und damit der Möglichkeiten bestimmten Situationen etwas entgegen zu setzen, ist noch nicht abgeschlossen.

Kinder machen traumatische Erfahrungen zu meist im familiären Umfeld, so dass es schwierig für außenstehende ist, sie zu erkennen. Erkennen kann man sie am ehesten am entweder sehr auffälligem oder sehr zurückgezogenem Verhalten der Kinder.

Traumatische Erfahrungen, die ein Kind in einer Familie gemacht hat, werden im Schweizerischen Handbuch für Pflegeeltern wie folgt beschrieben:

  • Vernachlässigung: Die Bedürfnisse des Kindes werden nicht oder nur ungenügend erfüllt. Es bekommt zum Beispiel keine, zu wenig oder falsche Nahrung, es erhält zu wenig oder keine Zuwendung, Nähe und Geborgenheit – oder nur dann, wenn es bestimmte Bedingungen erfüllt. Die Bedürfnisse des Kindes werden auch dann nicht oder nur ungenügend erfüllt, wenn die Bindungsbereitschaft des Kindes nicht beachtet wird.
  • Körperliche oder psychische Misshandlung: Körperliche Verletzungen jeglicher Art, die durch Einwirken eines Erwachsenen hervorgerufen oder verursacht werden, seelische Verletzungen, die zwar nicht sichtbar sind aber im Kind Gefühle von Angst, Schuld, Selbstverachtung auslösen und auf Handlungen von Erwachsenen zurück zu führen sind. Sexueller Missbrauch und sexuelle Ausbeutung durch eine nahe stehende Person. Aber auch einmalige extreme Erlebnisse wie zum Beispiel Mord, Suizid oder Unfälle können ein Trauma beim Kind hervorrufen.

Die Ursachen für das traumatisierende Verhalten von Erwachsenen sind nicht leicht zu beschreiben und können sehr vielfältig sein. Soziale Ausgrenzung, ungenügende eigene Sozialisation, emotionale und psychische Überforderung, Missbrauchserfahrungen, übermäßiger Drogenkonsum, fehlende Strategien in Stresssituationen sind hier sicherlich an erster Stelle zu nennen.