Loyalität/ Loyalitätskonflikte

Das Pflegekind steht in vielen Fällen auch nach der Inpflegegabe in einem tiefen Abhängig-keitsverhältnis zu seiner Familie. Sie war u.U. lange sein zu Hause und hat es in seinem psychischen Erleben und Empfinden maßgeblich geprägt.

In beiden Familiensystemen, dem der Herkunftsfamilie und dem der Pflegefamilie gibt es mehr oder weniger bewusste Erwartungen an das Verhalten des Kindes, wie mit familienspezifischen Regeln, Normen und Werten umgegangen werden soll. Die Erwartungen beziehen sich meist auch auf die konkrete Beziehungsgestaltung.

Man kann sich vorstellen, dass ein Kind sehr schnell zwischen den Stühlen sitzt. Vor allem dann, wenn die Pflegefamilie vom Kind eine „volle“ Integration erwartet und die Herkunftsfamilie davon ausgehet, es wird bald wieder bei ihnen wohnen. Das Kind weiß nicht so recht wie es sich entscheiden soll und verhält sich bestenfalls allen Seiten gegenüber loyal.

Pflegekinder wollen meist beide Seiten nicht verlieren. Zu meist kommen Kinder jedoch in eine mehr oder weniger bewusste Identitäts- und Zugehörigkeitskrise, welche sich in extrem überangepassten und auffälligem Verhalten zeigt.

Für das Kind ist es ausserordentlich wichtig, so schnell als möglich die Perspektive der Hilfe (Rückkehr oder Verbleib in der Pflegefamilie) zu klären, um ihm und den anderen Beteiligten Sicherheit zu geben und Entscheidungen zum Verbleib zu akzeptieren. In der Praxis ist dies nicht einfach, schließlich spielen die Gefühle und die psychische Situation der Herkunftsfamilie, wie die der Pflegefamilie im Bezug zum jeweils anderen eine große Rolle.

Pflegeeltern entwickeln aus den vom Jugendamt erhaltenen Informationen und dem Zustand des Kindes ein Bild von der Herkunftsfamilie. Dies kann positive wie negative Emotionen gegenüber Herkunftsfamilie auslösen. Je schwerer die Belastung und die Probleme des Kindes sind, umso mehr Wut und Unverständnis wird den leiblichen Eltern entgegengebracht. So entstehen Angst vor Besuchsregelungen bzw. Ablehnung, aber auch Angst um das Kind und die in ihm evtl. hervorgerufenen Gefühle.

Die Befürchtungen des eigenen Scheiterns mit dem Pflegekind werden dem Verhalten der Herkunftseltern zugeschrieben. Die Anstrengungen der leiblichen Eltern werden dann ganz anders beurteilt. Zu starke, einseitig emotionale Einbindung kann unterschwellige Konflikte verstärken.

Loyalitätskonflikte sind nicht per se schädigend, denn das Kind lernt sich damit auseinander zusetzen, zu differenzieren und Alternativen zu akzeptieren (z.B. Erwartungen von Mutter und Vater). Problematisch sind Loyalitätskonflikte dann, wenn vom Kind ein „entweder oder“ verlangt wird. Loyalitätskonflikte können nur gelöst werden durch Akzeptanz der Herkunft und der Beziehungen in der Vergangenheit und dem darauffolgenden Prozess der Trennung, der Trauer und des Schmerzes.