Kindesmisshandlung

Der Deutschen Kinderschutzbund definiert Misshandlung von Kindern folgendermaßen: Kindesmisshandlung ist eine nicht zufällige, bewusste oder unbewusste gewaltsame seelische und/ oder körperliche Beeinträchtigung oder Vernachlässigung des Kindes durch Eltern oder andere Erziehungspersonen, die das Kind schädigt, verletzt, in seiner Entwicklung hemmt oder sogar zum Tode führt. Diese sehr umfassende, die gesamte Bandbreite von Gewalt gegen Kinder abdeckende Definition von 1975 findet in der Änderung des § 1631, 2 BGB aus dem Jahr 2000 eine notwendige rechtliche Entsprechung, wenn sie auch „nur“ als Recht auf gewaltfreie Erziehung gründet. Gewalt gegen Kinder spielt aber auch außerhalb von Erziehung eine Rolle.

Es ist in Deutschland von einer hohen Dunkelziffer von Kindesmisshandlung auszugehen. Kindesmisshandlung findet meistens im familiär geschützten Rahmen statt, was die Aufdeckung erschwert. Außerdem wird körperliche und auch seelische Gewalt und Bestrafung immer noch bagatellisiert, dabei sind die Folgen jeglicher Gewaltanwendung gut erforscht. Mit der Gesetzesänderung des § 1632, 2 BGB wird auch dem Kind das Grundrecht auf Unantastbarkeit seiner Menschwürde und Unversehrtheit des Körpers zugesprochen.

Kindesmisshandlung ist nicht allein schichtspezifisch zu begründen, sie kommt in allen gesellschaftlichen Gruppen vor. Ihre Ursachen sind eher in der Sichtweise und der Grundhaltung von Erwachsenen zu sehen, die Kinder als Sündebock und Belastung empfinden und Kinder als Ursache schwieriger Situationen ausmachen. Andere sehen Kinder als Objekt von Macht und Herrschaft. Sie demonstrieren an ihnen ihre „scheinbare“ Überlegenheit, stellen solch hohe Leistungsansprüche, denen Kinder nicht gerecht werden können oder verlangen unbändige Liebe und Zuneigung und sehen im „Fehlverhalten“ die pure Herausforderung. Kinder können auch zum Opfer des Konkurrenzkampfes zwischen Eltern sein, beispielsweise bei Trennung und Scheidung.

Die Folgen von Kindesmisshandlung lassen sich als tiefe seelische und/ oder körperliche Ver-letzung beschreiben, die viele Kinder ein Leben lang begleitet (vgl. Trauma). Das Selbstwertgefühl und die Entwicklung einer eigenen Identität werden nachhaltig geschädigt. Die Missachtung kindlicher Bedürfnisse wird als Bedrohung erlebt.

Kinder fühlen sich oftmals als schuldig an dem erlebten, weil sie davon ausgehen, dass ihre Eltern Gründe für ihr Verhalten haben. Kinder neigen dazu ihre Eltern in Schutz zu nehmen und verdecken damit ihre eigene Gefährdung. Angst, Überanpassung, Vermeidungs- und Fluchtverhalten und die Missachtung eigener Befindlichkeiten, Misstrauen, Kontaktschwierigkeiten, psychosomatische Störungen, Verhaltensauffälligkeiten können Folgen sein.

Andere Folgen sind die Übernahme der elterlichen Gewalt als eigene Norm und dem Versuch die scheinbar erfolgreiche Strategie der Eltern zu kopieren, fehlende Frustrationstoleranz, Rohheit und Missachtung emotionaler Grundbedürfnisse anderer.

Viele Pflegekinder haben Gewalt und Kindesmisshandlung erfahren. Sie haben ein Bild von Erwachsenen, dass von Macht, Angst, alleingelassen werden, schutzlos ausgeliefert sein geprägt ist. Pflegeeltern müssen sich dieser Sichtweisen der Pflegekinder stellen, dann werden sie das möglicherweise schwierige oder sehr zurückgezogene Verhalten verstehen.

Kinder die in Pflegefamilien die Sicherheit haben eine neue Eltern-Kind-Beziehung aufzubauen, werden die Pflegeeltern „überprüfen“, ob sie auch so handeln wie ihre leiblichen Eltern. In sogenannten Übertragungssituationen verwechseln dann die Kinder ihre leiblichen Eltern mit ihren Pflegeeltern. Pflegekinder agieren dann und haben sich kaum unter Kontrolle. Oftmals erleben sie traumatische Erfahrungen wieder. Pflegeeltern müssen auf die Möglichkeit solchen Verhaltens vorbereitet sein. Dies schließt die Kenntnisse um die Vorgeschichte des Pflegekindes ein.

Quelle:
Aggression und Gewalt bei Kindern, Frühe Kindheit Heft 2/ 99, Zeitschrift der Deutschen Liga für das Kind
Kindesvernachlässigung, Erkennen – Beurteilen – Handeln, Broschüre des Deutschen Kin-derschutzbundes Nordrhein-Westphalen e.V., Kurzfassung erschienen in Paten 1/ 02