Bindungsstörungen

Wenn Kinder beißen und um sich schlagen, wenn sie mit wildfremden Leuten mitgehen wollen oder wenn sie klammern und nicht mehr loslassen können, dann sind das alles Anzeichen für ein gestörtes Bindungsverhalten (vgl. Bindungsqualität). Das heißt jedoch nicht, dass alles verloren ist. Hier einige Einblicke, was hinter den „Bindungsanfragen“ der Kinder steckt:

Keine Anzeichen von Bindungsverhalten

Wenn Kinder keine Anzeichen von Bindungsverhalten zeigen, kann man vermuten, dass ihre Erfahrungen mit Bindungspersonen negativ waren. Diese Kinder konnten nie eine stabile, verlässliche Bindung – auch keine unsichere – aufbauen. Vielleicht hatte das Kind nie eine verlässliche Bindungsperson gehabt, vielleicht hat es zu viel Wechsel erleben müssen, als das es noch sichtbar nach Halt sucht. Sein Bindungsverhalten ist deaktiviert und zwar in wesentlich umfassender Weise als bei Kindern mit unsicher-vermeidenden Bindungsverhalten (vgl. Bindungsqualität). In Trennungssituationen reagieren sie nicht mit Protest oder sie reagieren bei Trennung von jeder beliebigen Beziehungsperson ganz undifferenziert.

Als Beispiel kann man sich ein dreijähriges Kind vorstellen, das vor einer OP mit Vollnarkose fröhlich in den OP-Saal läuft, ohne sich nach Mutter umzuschauen. Das Kind zeigt in dieser offensichtlichen Bedrohungssituation kein Bindungsverhalten. Empfehlung: Hier ist es für die Pflegeeltern wichtig, Sicherheit, Halt und Orientierung anzubieten, aber auch Distanz zu wahren. Ihre Wünsche nach Nähe oder Gebrauchtwerden überfordern ein Kind in diesem Zustand. Mit wiederkehrenden, vorhersehbaren Abläufen und klaren Regeln können Pflegeeltern dem Kind eine erste Sicherheit bieten.

Undifferenziertes Bindungsverhalten

Das Kind sucht unablässig Aufmerksamkeit, auch von völlig fremden Personen. Es ist ständig auf der Suche nach Bindungspersonen. Es zeigt allen Personen gegenüber ein freundliches und Aufmerksamkeit suchendes Verhalten.

Das Bindungsverhalten eines solchen Kindes ist ständig aktiv. Ihm fehlt die Unterscheidung zwischen fremden und vertrauten Personen, etwas, das Kleinstkinder zwischen dem 6. und 12. Monat lernen („Fremdeln“). Unter dem Begriff „Distanzlosigkeit“ ist dieses Verhalten vielen Pflegeeltern geläufig. Von Außenstehenden wird dieses Kind als aufgeschlossen und freundlich erlebt und sie können häufig gar nicht verstehen, wo das Problem liegt.

Pflegeeltern nehmen wahr, wie unangemessen sich das Kind verhält und fühlen sich z.T. auch gekränkt. Sie sehen auch, dass das Kind sich mit diesem undifferenzierten Bindungsverhalten in Gefahr begeben könnte.

Empfehlung: Hier scheint es sinnvoll, wenn Pflegeeltern ihre „Exklusivität“ für das Kind betonen und etwas aktiver auf das ungerichtete Bindungsverhalten des Kindes eingehen. Das kann z.B. heißen, dass sie reagieren, auch wenn das Kind eigentlich jemand anderen anspricht.

Übersteigertes Bindungsverhalten

Diese Kinder zeigen starke Trennungsangst und exzessives Klammern. Ihr Verhalten wird häufig erst bei Eintritt in den Kindergarten oder in die Schule als „seltsam“ wahrgenommen. Das Bindungsverhalten dieses Kindes ist wie bei der unsicher-ambivalenten Bindung ständig aktiviert und ist auf eine Person gerichtet. Das Klammern ist dabei aber wesentlich intensiver, teilweise verlassen die Kinder den mütterlichen Schoß kaum. Ihr Explorationsverhalten (Neugier, Spielen) ist gehemmt. Brisch sieht hier Zusammenhänge zu unverarbeiteter Trennungsangst.

Empfehlung: Den Abschied (z.B. beim Kindergarten) für das Kind gestalten und die Rückkehr der Bindungsperson vorhersehbar machen sowie parallel die elterlichen Trennungsängste bearbeiten. Das Elternverhalten sollte hier sowohl einfühlsam sein als auch die Neugier des Kindes anregen. In Pflege- und Adoptivfamilien kommt übersteigertes Bindungsverhalten im Zuge des Bindungsaufbaus häufig vor. Dabei kann es sich auch um ein Durchgangsstadium handeln.

Gehemmtes Bindungsverhalten

Es handelt sich um Kinder, die Trennung wenig oder gar keinen Widerstand entgegensetzen. In Anwesenheit der Bindungsperson wirken sie sehr gehemmt. Sie zeigen übermäßige Anpassung an deren Wünsche oder Befehle. In Abwesenheit der Bindungsperson verhalten sie sich fremden Personen gegenüber freier, weniger angespannt und gehemmt. Diese Verhalten basiert auf Elternverhalten, das von Misshandlung, Gewalt oder Androhung von Gewalt geprägt ist.

Diese Kinder haben gelernt, ihre Bindungsbedürfnisse vorsichtig zu äußern, da sie Sicherheit bei einer Person suchen (müssen), deren gewalttätiges oder drohendes Verhalten ihnen Angst macht. Da ein nicht unerheblicher Anteil der Pflegekinder Gewalterfahrung mitbringt, ist bei vielen mit dieser Art von Bindungsstörungen zu rechnen.

Empfehlung: Je mehr Sicherheit sie in der Pflegefamilie entwickeln können, desto eher können sie diese Anpassung lockern. Dann ist aber damit zu rechnen, dass sie ihre Gewalterfahrungen durch aggressives Bindungsverhalten in der Pflegefamilie gestalten.

Aggressives Bindungsverhalten

Diese Bindungsstörung erleben Pflegeeltern häufig. Hier hat das Kind gelernt, seine Wünsche nach Nähe und Schutz in aggressiver Weise auszudrücken. Damit verhindert es regelmäßig eine befriedigende Antwort.

Empfehlung: Für Pflegeeltern ist es darum besonders wichtig, die Bindungsanfrage hinter dem aggressiven, beleidigenden oder entwertenden Verhalten zu erkennen. Um diesem Kind eine sichere Basis sein zu können, müssen sich Pflegeeltern gegen „vernichtende“ Angriffe des Kindes abgrenzen – nicht sie sind gemeint! Außerdem ist es günstig, wenn es ihnen gelingt, eskalierende Abläufe frühzeitig zu unterbinden, indem sie sich nicht verwickeln lassen. Das Kind hat in diesem Zustand noch kein „inneres Arbeitsmodell“, das ein gelingendes, befriedigendes Zusammenspiel von sich und der Bindungsperson vorsieht. Es zeigt den Pflegeeltern im aggressiven Kontakt das Arbeitsmodell, das es im Zuge „grob unangemessener Kinderbetreuung“ verinnerlicht hat.

Bindungsverhalten mit Rollenumkehr

Hier übernimmt das Kind Verantwortung für die Bindungsperson und verhält sich kontrollierend überfürsorglich oder bestrafend. Es hat gelernt, die Unsicherheit in der Bindungsbeziehung mittels kontrollierendem Verhalten zu verringern. In der Bindungsforschung wurden Zusammenhänge zwischen diesem Bindungsverhalten und desorganisiertem Bindungsverhalten gefunden. Dabei kann das Kind besonders (und altersun-angemessen) fürsorglich sein, z.B. als vierjähriges Kind für die Mutter sorgen und sie gleichsam „beschatten“. Es kann aber auch mit Beschimpfungen und Drohungen versuchen, Kon-trolle über die Beziehung und die Bindungsperson auszuüben.

Dieses Verhalten zeigen besonders häufig Pflegekinder aus Suchtfamilien oder die Kinder, die in ihrer frühen Kindheit mehrfache Betreuungswechsel und Heimaufenthalte erleben mussten.

Empfehlungen: Für die Pflegeeltern ist es wichtig, diese Beziehungsmuster zu erkennen und vor dem Hintergrund kindlicher Bindungsunsicherheit zu verstehen. Dann können sie dem Kind sowohl liebevoll als auch entschieden eine angemessene Rollenverteilung anbieten.