Erfahrungsbericht zur Zusammenarbeit mit Kita und Schule

Dies ist der Bericht über N. und C., zweier Pflegekinder aus Paderborn. Die Pflegeeltern haben sehr unterschiedliche Erfahrungen in der Zusammenarbeit mit Kita und Schule gemacht und beschreiben sehr klar und bewegend, die Erfahrungen, die viele Pflegeeltern teilen, wenn sie von der Zusammenarbeit mit Kita, Schule und Hort berichten.

 

Kindergarten/Schule

Altersentsprechend besuchten beide Jungen einen Kindergarten. Mit Erreichen des
Schulpflichtalters wurde N. im Jahre 1997 und C. im Jahre 1999 in den Schulkindergarten
einer Grundschule aufgenommen. Auf Grund ihrer Vorgeschichte besaßen beide Kinder
noch nicht die notwendige Schulreife. Sie brauchten einfach noch mehr Zeit. Im
Schulkindergarten haben N. und C. sich positiv weiterentwickelt. Durch die intensive
Betreuung und die Förderung machten beide gute Fortschritte. Es war ihnen möglich, viele
bestehende Defizite aufzuholen. Anschließend wechselte N. im Jahr 1998 und C. im Jahr 2000 ins 1. Schuljahr der gleichen Grundschule.

N. Schule

Die ersten Schuljahre sind prägend für ein Kind. N. verhielt sich sehr zurückhaltend, fügte sich aber gut in die Klassengemeinschaft ein. Schriftliche Arbeiten erledigte er ordentlich, brauchte allerdings viel Zeit und lenkte sich dabei häufig selbst ab. Oft hatte er Angst etwas falsch zu machen. Aus diesem Grund äußerte er sich vor der Klasse nicht gern. Er wollte nicht vorlesen und auch kein Gedicht aufsagen. Seine Leistungen und sein Arbeitsverhalten beurteilte die Lehrerin durchaus positiv. Im sozialen Bereich hatte er Probleme. Er hatte Schwierigkeiten sich an Regeln zu halten.
N. konnte berechtigte Kritik und Hinweise auf Regeln, die er wie alle anderen beachten sollte, nicht annehmen. Dies drückte er dann in seiner Körperhaltung aus, er verschloss sich dann und zog sich in sich zurück. Dann konnte die Lehrerin ihn nicht erreichen. Er schien nicht zuzuhören und sie konnte auch nicht mit ihm reden. Wir führten ein vertrauensvolles Gespräch mit der Lehrerin. Nachdem sie wusste, warum N. so reagierte, verhielt sie sich sehr verständnisvoll. Sie hat ihm dann Zeit gelassen und in Ruhe abgewartet, bis N. sich entspannte und wieder öffnete. Im anschließenden Gespräch zeigte er sich einsichtig. Er lernte mit negativen Konsequenzen umzugehen.
Die ersten zwei Schuljahre fiel er immer wieder in diese alte Verhaltensweise zurück. Mit anderen Jungen bekam er ab und zu Streit und schaffte er nicht sich durchzusetzen. Er wurde von diesen Jungen (Rabauken) unterdrückt. Diese wussten, dass N. es nicht schaffte, sich durchzusetzen. Die Lehrerin hat oft vermittelt und ihn wieder aufgerichtet. Trotz dieser Schwierigkeiten entwickelte N. sich positiv. Wir haben der Lehrerin viel zu verdanken. Im 3. Schuljahr hatte er guten Kontakt zu seinen Mitschülern und ein vertrauensvolles Verhältnis zu seiner neuen Lehrerin. Zu dieser Lehrerin hatte er nach einer gewissen Zeit eine sehr positive Beziehung aufgebaut. Dadurch entwickelte sich bei ihm ein besseres Selbstwertgefühl. Dieses wiederum machte sich positiv im Umgang mit seinen Mitschülern bemerkbar. Er wurde nun nicht mehr unterdrückt und war fähig einzelne Freundschaften aufzubauen. Allerdings versuchte er auch gezielt und mit sichtbarem Vorsatz, die auch für ihn geltenden Grenzen zu überschreiten. Wenn ihm dies gelang, wurde er von der Lehrerin zur Rechenschaft gezogen. Er wusste den Grund für sein Verhalten nicht zu nennen, versuchte aber alles um das Vertrauensverhältnis schnell wieder herzustellen. Nur noch selten reagierte er bei Kritik und Enttäuschungen mit Rückzug und Verweigerung. Er schaffte es immer besser sich selbst zu kontrollieren. Er geht gern zur Schule und ist mit Eifer dabei.
Hausaufgaben erledigt er selbstständig ohne Stress. Allerdings fällt ihm einiges nicht leicht,
er muss sich für vieles anstrengen und fleißig arbeiten. Zu Hause wird er von uns in den schulischen Aufgaben unterstützt und bekommt wenn nötig Hilfestellung. Hat er etwas gut  gemacht, erhält er nicht nur Lob von uns, sondern auch Lob von der Lehrerin in der Schule.  Von seinen schulischen Leistungen her bewegt er sich in der Mitte. Allerdings konnte er sich manchmal schlecht konzentrieren, so machte er unnötig viele Fehler.
Vertrauensvolle Gespräche mit der Lehrerin fanden statt. Diese wurde von uns über die Vorgeschichte von N. informiert. Die daraus resultierenden Probleme und Verhaltensauffälligkeiten waren für sie dann verständlich. N. Entwicklung in der Schule hat weiterhin einen positiven Verlauf genommen. Im 4. Schuljahr gelang N. eine spürbar konstanter werdende Haltung zum Unterrichtsgeschehen und seinen Inhalten. Er hielt sich auch deutlich problemloser und erfolgreicher an die Regeln. Die Lehrerin setzte hohe Maßstäbe an Grenzsetzungen. Dies ist auch ein Grund, warum N. in sozialen Bereichen große Fortschritte gemacht hat. N. selbst bezeichnet seine Lehrerin als streng, aber lieb und gerecht. Auch weiterhin hat N. im schulischen Alltag noch Schwierigkeiten.
Da im 4. Schuljahr die Anforderungen gewachsen sind, ist der Leistungsdruck größer geworden. Manchmal haben wir den Eindruck, als ob er sich selbst unter Druck setzt. Dann wird er nervös und darunter leidet die Konzentration. Dadurch macht er dann unnötige Fehler. Auch seine Angst etwas verkehrt zu machen nimmt dann zu. Die Lehrerin von N. hat den Kindern nicht nur Lehrstoff vermittelt, sondern entscheidend dazu beigetragen, dass er sich in allen Bereichen positiv weiterentwickelt hat.
Die Fortschritte in der gesamten Grundschulzeit sind dem Verständnis und dem Einfühlungsvermögen der Lehrerinnen zu verdanken.

C. Kindergarten

Die Entwicklung von C. verlief nicht einfach. Schon im Kindergarten gab es Probleme. Oft hielt er sich nicht an vorgegebene Regeln. In seiner Kindergartengruppe gab es vermehrt 3- und 4-jährige Kinder. Die Erzieherinnen mussten viel Zeit und Zuwendung für diese Kleinen aufwenden. Es blieb weniger Zeit für die Großen. In jeder Kindergartengruppe sind mehr als 20 Kinder. Deshalb war es den Erzieherinnen nicht möglich, sich intensiv um jedes einzelne Kind zu kümmern.
Die bestehenden Verhaltensauffälligkeiten von C. nahmen viel Zeit in Anspruch. In diesem Kindergarten waren die einzelnen Gruppen nicht mehr getrennt, sondern offen. Die Kinder durften jeden Tag neu entscheiden, in welche Gruppe und an welchen Aktivitäten sie teilnehmen wollten. Dadurch hatten die Kinder nicht mehr den engen Bezug zu einer Erzieherin und auch nicht mehr so eng zu den übrigen Kindern in ihrer Gruppe. Sie wechselten ja ständig. Grenzsetzungen, so wie sie für C. erforderlich gewesen wären, hat er deshalb nicht erfahren. Ein streng strukturierter Tagesablauf ist entscheidend für sein Sozialverhalten. Es kam häufig zu Streitigkeiten mit anderen Kindern, da er sehr dominant ist. Schnell war er wütend und verlor die Selbstkontrolle. Andere Kinder zogen sich zurück und wollten mit ihm nicht mehr spielen. Er gab immer den anderen Kindern die Schuld. Von der Erzieherin zur Rechenschaft gezogen beschimpfte er diese und zeigte wenig Einsicht. Er wurde immer mehr zum Außenseiter.
Dies spürte C. und sein aggressives Verhalten verstärkte sich noch. Er hatte keine Freunde. Zuletzt hatte er dem Kindergarten gegenüber eine ablehnende Haltung. Er weigerte sich hinzugehen und jeden Morgen gab es deswegen zu Hause bei uns Auseinandersetzungen. Eine Integration in seine Kindergartengruppe ist nicht erfolgt.

C. Schulkindergarten

Unser Pflegekind C. ging sehr gern in den Schulkindergarten. Er sah seine eigene Lehrerin als Respektperson an, gegenüber den anderen Lehrern verhielt er sich frech. Die erste Zeit war er sehr schüchtern und fügte sich gut in die Klassengemeinschaft ein. Er lernte ausdauernd zu malen und zu basteln. Dies hatte er im Kindergarten selten gemacht. Die Schulkindergartenleiterin erarbeitete mit den Kindern viele Arbeitsblätter zur Konzentration und Merkfähigkeit. C. freute sich über Lob. Lob bei anderen Kindern ertrug er nur schlecht.
Er hatte Vertrauen zu der Lehrerin gewonnen. Die Kinder lernten sogar Buchstaben und Zahlen zu schreiben. C. schrieb die Seite mit Fleiß voll. Der Tagesablauf war strukturierter als im Kindergarten. Im Schulkindergarten war eine gesunde Mischung zwischen Spiel und Lernen. C. wollte immer im Mittelpunkt stehen. Er hatte genügend Sicherheit gewonnen. Er suchte die ständige Zuwendung der Lehrerin. Bei Nichtbeachten fühlte er sich tief gekränkt, wurde wütend und beschimpfte die Lehrerin. Oft provozierte C., indem er Verbotenes machte. Er hatte ein starkes Ess- und Trinkbedürfnis. Er aß große Mengen und stopfte alles in sich hinein. Seine Flasche mit Saft leerte er meist schon in der ersten Stunde. Dann trank er am Wasserhahn und sogar Farbkastenwasser. Hinterher stritt er alles ab.
Gern hörte er Geschichten und konnte sich sprachlich gut ausdrücken. Er fing an Wörter zu buchstabieren und zusammenzusetzen. Bald konnte er erste Wörter erlesen. Die Lehrerin meinte, dass noch längst nicht alle Kinder dies schaffen. Zu Hause übten wir und er wurde für den Erfolg
sehr gelobt. Dies spornte ihn an weiter zu üben. Leider kam es wieder vermehrt zu Streitigkeiten mit anderen Kindern. Auf dem Schulhof bildete er auf Widerstand. Dann haute oder schubste er andere Kinder. Diese beschwerten sich über C. Zwischen uns und der Lehrerin bestand ein vertrauensvoller, enger Kontakt während der gesamten Schulkindergartenzeit. Belohnungen oder Strafen oder auch Verbote wurden oft unter uns abgesprochen, und zwar so, dass C. dies mitbekam. Meist versuchte er negative Vorfälle vor  uns zu verheimlichen, merkte aber, dass dies nicht funktionierte.

C. Schule

Im Anschluss an den Schulkindergarten wechselte C. in die 1. Klasse derselben Grundschule. Es handelte sich um eine integrative Klasse. In dieser Klasse waren 24 Kinder, davon vier lernbehinderte Inder. Der Unterricht fand zeitweise in Doppelbesetzung mit der Klassenlehrerin und einer Sonderschullehrerin statt. C. fügte sich gut in den Schulalltag und die Klassengemeinschaft ein.
Die erste Zeit machte er einen schüchternen Eindruck. C. baute Vertrauen zu beiden Lehrerinnen auf. Vom Verhalten her war er anfangs eher unauffällig. Er suchte den Kontakt der Erwachsenen und arbeitete fleißig mit. Am Anfang fiel ihm vieles leicht. Man merkte, dass er den Schulkindergarten besucht hatte. So positiv äußerte sich die Lehrerin uns gegenüber. Wir waren sehr froh. Ab und zu hatte er Streit mit anderen Kindern. Mit einem Jungen aus seiner Klasse war er schon im Schulkindergarten zusammen gewesen. Hier schubste und haute C. auch im Streit und versuchte diesen zu unterdrücken. Diese Auseinandersetzungen verliefen alle noch im normalen Bereich.
Einige Monate später hatte er genügend Sicherheit gewonnen. Jetzt wurde auch hier deutlich, dass C. Probleme hatte, sich an aufgestellten Regeln zu halten und Grenzen zu akzeptieren. Sein Verhalten wurde fordernd und bestimmend. Auch zu Hause machte sich dies wieder negativ bemerkbar. Vertrauensvolle Gespräche mit den Lehrerinnen fanden statt um diese über die Vorgeschichte von C. und die daraus resultierenden Probleme und Verhaltensauffälligkeiten zu informieren. Außerdem war C. nicht neu an der Schule. Wir baten die Lehrerinnen ihm deutliche Grenzen zu setzen.
Anfangs waren wir eigentlich alle der Meinung, dass C. in der Integrationsklasse richtig aufgehoben war. Gerade im sozialen Miteinander wie z. B. Rücksicht nehmen auf den Anderen, Selbstwertgefühl, Eigenverantwortlichkeit, lernen die Kinder viel voneinander. Beim nächsten Elternsprechtag teilte die Lehrerin uns mit, dass die schulischen Leistungen von C. durchaus positiv zu bewerten waren und wir uns keine Sorgen zu machen brauchten. Seine Probleme seien eher emotional getragen. C. wollte immer im Mittelpunkt stehen. Dazu war ihm jedes Mittel recht. Wenn er es nicht im Positiven schaffte, dann versuchte er es im Negativen. Der Erfolg blieb der gleiche. So erhielt er wieder Beachtung und stand wieder im Mittelpunkt. Ein weiteres Problem von C. zeigte sich deutlich, er konnte nicht warten. Es aushalten zu müssen, dass außer ihm auch
noch 23 andere Kinder mal an der Reihe waren, damit konnte er oft nicht umgehen. Er reagierte beleidigt, schimpfte oder zog sich zurück (ich kann das sowieso nicht oder dann mache ich das eben nicht). C. suchte die ständige Zuwendung und Aufmerksamkeit.
Auffallend war auch sein großes Trinkbedürfnis und sein häufiger Toilettengang. Bedingt durch sein dominantes Verhalten kam es nun auch immer wieder zu Auseinandersetzungen mit anderen Kindern. Er wollte bestimmen und stieß oft auf Widerstand. Bei Auseinandersetzungen kam es vermehrt zu tätlichen Übergriffen. Die Lehrerin sprach noch weitere Probleme an. C. konnte sich oft schlecht konzentrieren. Er ließ sich von anderen Kindern ablenken, lenkte sich aber auch selbst ab. Sein Arbeitsverhalten wurde auch von der Lehrerin angesprochen. C. begann häufig nicht mit der Arbeit bzw. Arbeitsaufgabe. Sehr oft fing er erst an, wenn die anderen Kinder schon
mittendrin oder fast fertig waren. Er vertrödelte viel Zeit, träumte vor sich hin. Trotzdem würde es ihm oft gelingen, in der verbliebenen kurzen Zeit noch viel zu schaffen oder sogar fertig zu werden. Schaffte er in der Schule seine Arbeitsaufgabe nicht, wurde diese zu Hause nachgearbeitet. Die Lehrerin meinte, dass er einfach noch mehr Zeit brauchte.
Hausaufgaben erledigte C. nicht mit Verlass. Diese trug er in der Schule oft nicht ins  Hausaufgabenheft ein oder brachte Arbeitsblätter nicht mit nach Hause. Ständig mussten  Hausaufgaben anderweitig erfragt werden oder am nächsten Tag nachgearbeitet werden. Da wir uns als Eltern mitverantwortlich fühlen, war dies eine sehr belastende Situation. Sanktionen von unserer Seite änderten nichts. Obwohl er auch in der Schule nacharbeiten musste, änderte er sein Verhalten nicht. Er sah dies nur als lästige Pflicht an und versuchte sich weiterhin zu drücken. Die Lehrerin meinte, viele Kinder hätten dieses Problem und müssten diese Eigenverantwortlichkeit erst lernen.
Obwohl wir mit den Lehrerinnen zusammenarbeiteten, über Vieles informiert waren und zu Hause erzieherisch auf ihn einwirkten, nahmen die bestehenden Probleme und Verhaltensauffälligkeiten im Laufe der Zeit noch zu. Seine Arbeitseinstellung änderte sich nicht. Da der Stoff immer umfangreicher wurde, konnten wir uns vorstellen, dass C. bald nicht mehr mithalten konnte und sich die Lücken und Defizite vergrößerten. Auch die Probleme im Bereich des Sozialverhaltens verstärkten sich. Es verging fast kein Tag, an dem es nicht zu irgendwelchen negativen Vorfällen mit anderen Kindern kam. Viele Kinder beschwerten sich über ihn. Einige wollten nicht mehr mit ihm spielen. C. wollte bestimmen und befehlen. Vermehrt versuchte er sich mit Gewalt durchzusetzen. Mit einigen Jungen kam es häufiger zu tätlichen Auseinandersetzungen. Er gab immer den anderen die Schuldzuweisung. Die Lehrerin von C. hatte uns angesprochen. Wir sollten doch mal gemeinsam überlegen, ob C. den Anforderungen des 3. Schuljahres gewachsen wäre, wenn er sich nicht ändert.
Bis dahin war noch viel Zeit. Trotzdem machten wir uns Sorgen. Auch zu Hause versuchte er verstärkt zu dominieren. Da C. sich sehr aggressiv verhielt, musste N. darunter leiden. Ein friedliches Familienleben war nicht möglich. Klare Grenzsetzungen und ein strukturierter Tagesablauf sind unverzichtbar. Er konnte es nicht ertragen, nicht im Mittelpunkt zu stehen. Seine Eifersucht N. gegenüber verstärkte sich wieder. Wir versuchten beiden Kindern mit Liebe und Zuwendung zu vermitteln, wie lieb wir sie haben. Häufig überschritt C. wieder Grenzen und hielt sich nicht an vereinbarte Regeln. Ermahnungen begegnete er oft als Provokation. Er bekam unkontrollierte Wutausbrüche und konnte sein Verhalten nicht steuern. Für sein negatives Verhalten, auch uns gegenüber, erfuhr er Sanktionen. Eine noch konsequentere Erziehung wurde erforderlich.
Verstärkt im letzten Drittel des Schuljahres fiel uns auf, dass C. zusätzlich Hilfe und eine noch intensivere Förderung benötigte, als es in der normalen Grundschule möglich ist. Durch sein Verhalten ist seine Eigenentwicklung gestört. Die psychischen Probleme und Verhaltensauffälligkeiten von C. sind in seiner Vorgeschichte begründet. Er hatte sich im Schulkindergarten und im anschließenden 1. Schuljahr trotz der Schwierigkeiten positiv weiterentwickelt. Es wurde uns klar, dass für C. ein engerer Rahmen und eine strengere Erziehung erforderlich ist.
C. war ein Kind von 24 Kindern. Auf Grund der hohen Schülerzahl war es den Lehrerinnen nicht möglich, sich so intensiv um C. zu kümmern, wie es für ihn erforderlich gewesen wäre. Da C. schon die Vorschule besucht hatte, gehörte er zu den älteren Kindern. Müsste er evtl. das Schuljahr wiederholen, wäre er mit wesentlich jüngeren Kindern in einer Klasse. Natürlich wäre es ihm möglich, Versäumtes aufzuholen und Lücken zu schließen. Allerdings hätte es wahrscheinlich auch negative Auswirkungen auf sein Selbstvertrauen und auch auf sein Sozialverhalten. Verstärkt würde er sich wieder dominant anderen jüngeren Kindern gegenüber verhalten. Nach gründlicher Überlegung stellten wir einen Antrag zur Feststellung des sonderpädagogischen Förderbedarfs und zur Entscheidung über den schulischen Förderhort. Wir hofften auf die Aufnahme an die Schule für Erziehungshilfe.
Das Verfahren wurde durchgeführt. Aus dem Gutachten wurde ein erheblicher sonderpädagogischer Förderbedarf deutlich. Eine Schule für Erziehungshilfe wurde zum Förderort für unser Pflegekind C. bestimmt. Über die getroffene Entscheidung waren wir sehr froh.
Die Schulleiterin der Grundschule und die beiden Lehrerinnen von C. unterstützten unsere
Entscheidung.
Zum jetzigen Zeitpunkt ist es noch möglich, die Verhaltensauffälligkeiten von C. zu beeinflussen. Zu einem späteren Zeitpunkt sind seine Verhaltensweisen so festgelegt, dass wahrscheinlich keine wesentliche Veränderung mehr bewirkt werden kann.

C. Schulwechsel

Seit Oktober 2001 besucht unser Pflegekind C. die Schule für Erziehungshilfe. Diese Schule will mit ihren besonderen Möglichkeiten Schülern und Eltern Entlastung und Hilfe in schwierigen Schul- und Lebenssituationen geben. Der Unterricht orientiert sich an den Lehrplänen und Richtlinien der Grundschule.
Ziel ist es, möglichst viele Kinder zurückzuführen an weiterführende Schulen. Bestehende Lehrdefizite sollen aufgeholt werden. Es wird beabsichtigt, vorhandene Verhaltensauffälligkeiten bei einem Kind abzubauen und eine positive Verhaltensänderung zu bewirken. Ausgebildete Lehrer für Sonderpädagogik unterrichten und erziehen zumeist in Doppelbesetzung die Schulkinder. Es handelt sich dabei um Kinder, deren Entwicklung auf Grund von verschiedenen Problemen gestört ist. An dieser „besonderen Schule“ sind „besondere Kinder“ und auch „besondere Lehrer“.
C. ist in einer Klasse, in der zurzeit 10 Kinder von einer Lehrerin und einem Lehrer unterrichtet werden. C. wird dort intensiv gefördert. Er erfährt eine liebevolle, aber sehr konsequente Erziehung. Er geht gern zur Schule. Er erhält viel Zuwendung. Langsam und vorsichtig beginnt er Vertrauen und eine Beziehung zu seinen Lehrern aufzubauen. Anfangs hat er beobachtet und ständig Vergleiche zu seiner alten Schule angestellt. Es fielen ihm viele Unterschiede auf. Mittlerweile hat er auch Kontakt zu den übrigen Kindern aus seiner Klasse bekommen und mehr Sicherheit gewonnen. C. findet einige Kinder schrecklich, einige Kinder doof und einige Kinder voll in Ordnung. Seine Lehrer findet er nett, aber viel zu streng.
Selbst hat er auch schon Konsequenzen erfahren. Er beobachtet und erlebt aber auch die Konsequenzen, die Folgen, wenn sich ein anderes Kind nicht an Regeln hält. Aufgrund dessen überlegt er manchmal vorher, dass es besser ist, sich an die aufgestellten Regeln zu halten. Der Start an der neuen Schule ist positiv verlaufen. Wir sind überzeugt davon, die richtige Entscheidung getroffen zu haben. Alles Weitere braucht natürlich noch viel Zeit.
Unserer Erfahrung nach ist die Zusammenarbeit der Pflegeeltern mit der Erzieherin im Kindergarten und später mit den Lehrern in der Schule überaus sinnvoll und wertvoll. Dies erfordert viel Verständnis und Einfühlungsvermögen von Erziehern und Pädagogen. Auch die Zusammenarbeit der Pflegeeltern mit Psychologen und Therapeuten, falls erforderlich, hilft dem Kind weiter.

Zusammenarbeit mit dem Jugendamt

Seit Aufnahme unserer Pflegekinder N. und C. in unserer Familie besteht der Kontakt zum Jugendamt. Die ganzen Jahre waren die beiden Sozialarbeiterinnen, die für unsere Pflegekinder zuständig sind, begleitend für uns da. Wir haben Unterstützung, Rat und Hilfe erfahren. Nicht nur wir als Eltern, sondern auch unsere Kinder N. und C. sowie A. bringen beiden Sozialarbeiterinnen absolutes Vertrauen entgegen. Auf Grund der guten Zusammenarbeit haben wir wichtige Entscheidungen, die N. und C. betrafen, gemeinsam besprochen und entschieden.
Durch das Zusammenwirken aller Beteiligten wird dem Kind geholfen. Durch die Zusammenarbeit kann auf Dauer eine Verhaltensänderung bei dem Kind bewirkt werden. Zwischenzeitliche Schwierigkeiten und Probleme sind nicht als Rückschritt anzusehen, sondern das Pflegekind durchläuft verschiedene Entwicklungsphasen um seine Vergangenheit aufzuarbeiten. Entwicklungsbedingte Schwierigkeiten sind in Familien mit Pflegekindern dieselben, wie in
Familien mit leiblichen Kindern.

Rückblick

In den Jahren haben wir dann erlebt, wie sich unser Adoptivkind N. und unser Pflegekind C. in ihrer Persönlichkeit, im Denken und Verhalten verändert haben. Dazu haben wir bisher viel Liebe, Kraft und Geduld gebraucht.Es macht uns sehr glücklich, zu erleben, dass N. und C. Liebe und Nähe annehmen können und auch fähig sind Liebe zu erwidern.
Gemeinsam haben wir bisher viel erreicht. Mit Stolz und Zufriedenheit können wir
zurückblicken. Ein langer, manchmal schwieriger, aber auch ein sehr schöner Weg liegt hinter uns. Viel Freude haben wir gemeinsam erlebt.
Am Anfang war der Weg, auf dem N. und C. waren, sehr steinig. Oft sind sie über Steine, die
auf dem Weg lagen, gestolpert. Immer, wenn ein besonders großer Stein im Weg lag, sind N. und C. nicht nur gestolpert, sondern auch hingefallen. Manchmal haben N. und C. es geschafft, allein wieder aufzustehen. Manchmal haben wir es geschafft, N. und C. aufzufangen. Nicht immer war dies möglich. Aber wir waren immer da um ihnen die Hand zu geben und ihnen zu helfen wieder aufzustehen. N. und C. haben dann vertrauensvoll unsere Hand genommen und sie festgehalten um dann mit unserer Hilfe wieder aufzustehen. Es ist uns gelungen, eine positive Beziehung zu unseren Kindern aufzubauen. Mit der Zeit ist eine tiefe Eltern-Kind-Bindung zwischen N. und uns und zwischen C. und uns entstanden. Ist eine Bindung zwischen Pflegeeltern/Adoptiveltern und Pflegekind/Adoptivkind entstanden, dann ist die Familie zusammengewachsen, genauso wie eine leibliche Familie mit leiblichen Kindern.

Wir danken den Pflegeeltern von N. und C. für diesen umfangreichen und
ausdrucksstarken Erfahrungsbericht.
Der Pflegekinderdienst der Stadt Paderborn