Auf die Welt kommt man bei Mami

Biografiearbeit als Auseinandersetzung mit einer schweren Geschichte <br>Je&#8217;rome und Yves haben eine andere Geschichte als die meisten anderen Kinder. Für sie ist das aber ganz normal. Denn ihre Geschichte war schon immer ein Teil ihres Lebens.

von Kathrin Barbara Zatti

Quelle: Netz, Zeitschrift für das Pflegekinderwesen (Schweiz) Heft 2/ 2002

Da standen die beiden Brüder vor dem Haus in dem kleinen Dorf Ramsen, wo Je’romes Eltern gelebt hatten, als er auf die Welt kam. Da erzählte der Dreizehnjährige dem anderthalb Jahre jüngeren Yves, was er hier alles erlebt hat.

Unter anderen, dass ihn seine Mutter jeweils am Bett angebunden hat. Dabei habe er seinen Arm so platziert, dass er ihn später wieder hervorziehen konnte. Das, sagte Je’rome, habe seine Mutter nicht gemerkt. Wenn der Arm dann draussen war, habe er sich befreien können. Er war damals dreieinhalb Jahre alt.

Von diesen Zeiten und von all dem, was damals geschehen war, hätten sie jahrelang nicht mehr gesprochen, erzählt Lisa Burgener, die Pflegemutter von Je’rome und Yves. Die Pflegeeltern hatten mit den Kindern einen Ausflug mit dem Velo von Oberstammheim nach Ramsen unternommen: „Es war wie aus dem Buch über Biografiearbeit* – der Besuch an diesem Ort hat bei den Buben viele Erinnerungen wieder hervorgeholt.“ Nach einem Kurs der Pflegekinder-Aktion hat Lisa Burgener angefangen, sich explizit mit der Aufarbeitung der Biografie der beiden Pflegebuben auseinander zu setzen. Die Dokumentation mit Fotos von Yves und Je’rome bei der Pflegfamilie existierte bereits, drei Bundesordner voll. Das machen wohl alle Pflegeeltern, wie andere Eltern auch, intuitiv und ohne von Biografie gehört zu haben. Für die Kinder sind solche Dokumente wie ein Fotoalbum von grosser Bedeutung. Biografiearbeit geht dann aber noch ein Stück weiter.

Familiendiagramm

Jetzt zeichnet Lisa Burgener die Verwandtschaft der Kinder auf, die Stationen ihres Lebens mit den Eltern, die weiteren Stationen von Mutter und Vater, nachdem die Behörden die Kinder zu ihren Schutz der Mutter weggenommen hatten, gegen deren Willen. Das grosse Blatt mit der gesamten Familie von Yves und Je’rome ist wohl etwas komplizierter als bei den meisten anderen Kindern. Da stehen in der Mitte die beiden Buben. Links oben der Vater mit sener neuen Partnerin, dessen Mutter (die Grossmutter der Buben), dessen Vater (der Grossvater von Yves und Je’rome), die Grosseltern des Vaters, welche die Urgrosseltern der beiden Brüder sind. Gerade kürzlich haben die beiden ihre Grosseltern zum ersten Mal zusammen mit dem Vater besucht. Vom Uromi waren sie total begeistert, erzählt Lisa Burgener. Für die Buben war die Verwandtschaft spürbar, und vor allem mit dem tollen Uropa konnten sie sich indentifizieren. Die Pflegemutter wird sich das ganze Erlebnis von den Kindern nochmals erzählen lassen und es aufschreiben.

Rechts oben auf dem Blatt steht die Mutter mit ihren beiden weiteren Kindern Serge und Lucien, den Halbbrüdern von Yves und Je’rome. Auch die Schwester der Mutter steht da, welche die Gotte von Je’rome ist und – wie die Pflegemutter sagt – in die Pflegefamilie herübergerettet werden konnte.

Unten die Pflegeltern Martin Rufer und Lisa Burgener, ihre Mütter (das heisst die beiden anderen Grossmütter von Yves und Je’rome) und ihre Geschwister (als Onkel und Tanten der Kinder). Yves, der von der Schule heimkommt und seinen Znüniapfel isst, schaut auf das grosse Blatt. Seine Pflegemutter erklärt ihm, was darauf zu sehen ist. “Wieso ist isch s Grosi violett?“, will er wissen. Um die komplexen Familienbeziehungen der Kinder verständlicher zu machen, hat Lisa Burgener die verschiedenen Zweige in verschiedenen Farben dargestellt. So sind Rufner-Burgners und ihre Verwandten alle in unterschiedlichen Rottönen festgehalten. Solche bildlichen Darstelllungen, die auch kleinere Kinder begreifen können, sind wichtige Instrumente für die Biografiearbeit. „Sie zeigen den Hintergrund, sie geben einen Überblick“, sagt Lisa Burgener.

Auch das gewöhnliche Leben

Biografiearbeit war in der Familie Rufer-Burgener schon immer wichtig – wenn auch nicht immer bekannt. Seit der dreieinhalbjährige Je’rome und der zwölfjährige Yves von ihrer Notfallplatzierung zu den neuen Pflegeeltern kamen, war es Martin Rufer und Lisa Burgener eine Anliegen, dass die Buben wissen, woher sie kommen, und ihre Geschichte kennen. Lisa Burgener hat alle Situationen der Kinder mit Fotos dokumentiert.

Das Haus in Ramsen, dann die Wohnblöcke, wo die Buben – zuerst mit beiden Elternteilen, dann mit Mutter – gelebt haben, dann der Bauernhof: Vor dem Haus steht ein Wegweiser, neben anderen Wanderzielen ist Oberstammheim angegeben. Dort wohnen Rufer-Burgeners in einem grosszügigen Haus. Sie haben keine eigenen Kinder und waren bereit, die Geschwister aufzunehmen. Einen Monat lang klinkten sie sich aus ihrem gewöhnlichen Leben aus. Keine Arbeit auswärts, kein Besuch, keine Aktivitäten. „Ein Monat lang“, som Lisa Bugener, „haben wir vier uns eingelebt, jeder Tag lief genau gleich ab – spielen, baden, zu Abend essen, ins Bett gehen.“ Die Geschichte der Eltern kannten die Pflegeeltern: aus den Akten, von der platzierenden Sozialarbeiterin, vom leiblichen Vater der beiden Buben. „Er war immer total kooperativ“, sagt die Pflegemutter. Sie hat ihn jetzt für die Biografiearbeit gebeten, zu jeder gemeinsamen Station der Kinder mit seiner damaligen Frau, der Mutter der Kinder, etwas zu schreiben: Was sie so gemacht haben, zum Beispiel am Wochenende, Szenen aus dem Alltag. „Es gab ja auch damals“, meint Lias Burgener, „ganz viel gewöhnliches Leben, nicht nur die widrigen Dinge, die im Scheidungsurteil stehen.“

Ein Bild der Mutter

Den Kindern haben Rufner-Burgeners Ihre Geschichte bis zur Aufnahme in die Pflegfamilie nie verschweigen. Auf alle Fragen bekamen die Kinder eine Antwort, auch wenn es Schwierigeres war. „Wir haben ihnen immer die Wahrheit gesagt“, erzählt die Pflegmutter. „Wir sagten ihnen, habe es so und so gemacht, weil sie es nicht besser konnte.“ Es waren vor allem Je’rome, der viele Fragen stellte und versuchte zu verstehen, als er zwischen sechs und sieben Jahre alt war. Warum seine Mutter das gemacht habe, warum die Eltern gestritten haben, warum sie auseinander gegangen sind, warum Serge, der jüngere Halbbruder, nicht in den normalen Kidergarten gehen kann. „Über und rund um seine Mutter hat Je’rome viel gefragt“, sagt Lisa Burgner,. Yves hat nur zugehört.

Für Lisa Burgner war das ganz klar, dass es für Je’rome und Yves wichtig ist, ihre Mutter zu kennen. Ihr Besuchsrecht konnte sie nicht selbst wahrnehmen, und so brachte Lisa Burgener die Kinder alle sechs Wochen für einen Nachmittag zu ihrer Mutter. Yves weinte bei den Besuchen, er wollte nicht dort bleiben. „Ich verstand das gut, es war auch immer hektisch und chaotisch, laut und nervös“, so Luisa Burgner, „aber ich wusste auch, er verkraftet das.“ Wenn sie die Kinder wieder holte, war es ganz still im Auto. Nach etwa zwei Jahren wollten die Kinder dann nicht mehr alleine dort sein, damals kam ihr Halbbruder Serge auf die Welt. Die Pflegemutter schlug vor, an den Besuchsnachmittagen gemeinsam was zu unternehmen: So blieb während der folgenden drei Jahre der regelmässige Kontakt der Mutter gewahrt.

Die Besuche wurden dann immer weniger, beschränkten sich in der letzten Zeit auf zweimal im Jahr. Je’rome und Yves haben sich in all den Jahren ein Bild von ihrer Mutter machen können. Sie ist für sie keine Unbekannte und keine Fantasiegestalt. Vor zwei Jahren kam Lucien auf die Welt . Da sagte Yves, Damals neunjährig, zu seiner Pflegemutter: „So man muss man ihr aber das Kind sofort wegnehmen. Babys kommen nämlich gesund auf die Welt, aber nach fünf Jahren bei Mami sind sie nicht mehr normal.“

Aus dem Bauch von Mami

Als Je’rome und Yves in Ramsen das haus anschauten, in dem die Familie gewohnt hatte, sprachen sie auch noch auf dem Heimweg von ihren Erinnerungen. Yves, der zweijährig war, als die Mutter von der Mutter wegkamen, wusste noch, dass er nicht laufen und deshalb mit Je’rome nicht spielen konnte. Erst in der Pflegfamilie hat erlaufen gelernt. Und auch dann wollte er noch getragen werden. Wohl war es ihm nur auf ihren Arm. „Yves wollte zuerst nur unser Kind sein“, erinnert Lisa Burgener an diese Zeit mit den Pflegekindern. „Er sagt immer, er sei in meinen Bauch gewesen. Ich habe ihn aber immer erklärt, er sei bei Mami im bauch gewesen, und bei uns sei er uns dann ans Herz gewachsen.“ Je’rome hat dann seinen jüngeren Bruder klar gemacht : „Du kommst einfach nicht ganz draus. Auf die Welt kommt man bei Mami, sie ist die, die Kinder auf die Welt bringt. Erst nachher kommt man zu Lisa.“ Lisa Burgener hat das haus in Ramsen fotografiert, ebenso wie die anderen Häuser, in denen die Mutter gelebt hat: ein trister Wohnbloch nach den andern. Von den Besuchen der Mutter kennen die Kinder all diese Orte. Jetzt ist die Mutter in die Niederlande gezogen, sie hat von ihrem Luxemburger Grossvater Geld geerbt und sich ein Haus gekauft, das ganz anders aussieht als die bisherigen Schweizer Wohnorte: ein Reihenhaus mit einem Stück Garten und einem Baum. Die Buben waren noch nicht da, aber sie werden sicher mit den Pflegeeltern ihrer Mutter und die beiden Halbbrüder auch dort einmal besuchen.

Biografiearbeit in der Badewanne

Je’rome und Yves sind mit ihrer Geschichte ganz selbstverständlich aufgewachsen. Als sie Ramsen besuchten, sprachen sie über die Vergangenheit, ganz normal, wie Lisa Burgner meint: „So ist es gewesen.“ Dass es bei ihnen anders ist als bei anderen Kindern, dessen sind sich Yves und Je’rome schon bewusst, aber ihr Umgang damit ist ein selbstverständlicher, weil sie ihre Geschichte kennen, ihre tausend Fragen stellen konnten und Antwort bekamen, weil auch das Komplizierte bildlich dargestellt und erklärt werden kann. Als Yves vier Jahre alt war, sass er einmal in der Badewanne, streckte der Pflegemutter vier Finger seiner Hand entgegen und sagte, er habe vier Sachen: Lisa Burgener und Martin; dann Papi und Andrea; die Freundin des Vaters; dann Mami und Ingolf, den neuen Freund der Mutter; dann Grosi und Onkel Fritz – nämlich Lisas Mutter und ihren Bruder, welche im selben haus lebten.

Abstand im Alltag

Zurzeit interessieren sich die Buben mehr für ihre Kollegen und den Computer als für Biografiearbeit. Aus all dem, was Lisa Burgener zusammengestellt hat, wird ein grosses Buch entstehen, ein Lebensbuch. Die Arbeit daran ist auch für die Pflegemutter wichtig: Es gibt Abstand vom Alltag und all den alltäglichen Schwierigkeiten. Für sie ist ein Überblick über die zehn Jahre Zusammenleben mit den Kindern entstanden – „eine Bestätigung auch für meine Arbeit als Familienfrau“. Eine Arbeit, die über lange Phasen enorm anstrengend und beanspruchend war, vor allem Je’rome brauchte klare Grenzen und versuchte alles, sie einzurennen.Zu machen Sachen musste er ständig ermahnt werden: „Ich musste ihm wieder sagen, nach dem Sport müsste er duschen. Und jedes Mal hat er gefragt: Wieso?“ Da tut gelegentliche abstand gut. So arbeitet Lisa Burgener jede Woche einen Tag ausser Haus, während ihr Mann an diesem Tag die Kinder betreut. Dieser Tag ausser Haus hat die täglichen Mühsale immer relativiert. Und letzhin, so erzählt Lisa Burgener, kam Je’rome nach dem Sport nach hause und sagte: „Ich geh unter die Dusche!“