Aspekte selbstschädigenden Verhaltens bei Pflegekindern, Adoptivkindern und Stiefkindern

von Richard M. L. Müller-SchlotmannPflegeeltern, Adoptiveltern und nicht zuletzt auch Stiefeltern kommen, wenn sie sich mit selbstverletzendem Verhalten bei ihren Kindern befassen, schnell an einen Punkt, an dem sie das kindliche Handeln aus der eigenen, scheinbar normalen Lebensgeschichte nicht verstehen können. Aber wer für die Fragen, warum oder, wichtiger noch, wozu sich Kinder selbst verletzen, offen ist, dem zeigen sich Wege, mit selbstschädigenden Verhaltensweisen angemessener umzugehen.

1. Selbstverletzendes Verhalten bei Adoptivkindern, Pflegekindern und Stiefkindern

Besonders in kindzentrierten Familien sind die Eltern erschrocken und beunruhigt über größere oder kleinere Verletzungen, die Kinder oder Jugendliche sich selbst beibringen, zeigen sich aus den unterschiedlichsten Gründen betroffen und sind unsicher, wie sie mit offenbar selbstverletzendem Verhalten umgehen sollen. Gerade Adoptiveltern und Pflegeeltern haben zunächst einmal Wissenslücken, denn sie sind nicht über die persönliche Erfahrung mit der Vorgeschichte und der Lebensgeschichte des Kindes verbunden. Außerdem trägt die Verantwortung für ein zunächst fremdes Kind zur Unsicherheit bei. Die sozialen Eltern wollen nichts falsch machen. Ähnlich ergeht es einer Reihe von Stiefeltern.

Die eigene Sensibilität, mit der ein Verhalten als selbstverletzend beschrieben wird, spielt bei der Problemauffassung eine entscheidende Rolle. Manche Eltern empfinden schon Nägelkauen als selbstverletzend, andere erst das Schlagen mit dem Kopf gegen die Bettseiten oder die Wand. Andere Kinder kommen so häufig mit Beulen, Schrammen oder Platzwunden nach Hause, dass die Überlegung nahe liegt, dass bei einer Reihe dieser Kinder eine – nicht bewusste Absicht zur Selbstverletzung vorliegt. Aber gerade an dem Beispiel von Unfällen wird deutlich, dass eine latente Tendenz zur Selbstverletzung nur eine Erklärungsmöglichkeit darstellt. Andere Erklärungsmodelle mit dem Hinweis auf Wahrnehmungsstörungen, Aufmerksamkeitsstörungen, Hyperaktivität bieten sich zunächst ebenso an.

2. Selbstverletzendes Verhalten als selbstschädigendes Verhalten

Selbstverletzendes Verhalten bei Stiefkindern, Adoptivkindern und Pflegekindern ist nur eine Verhaltensmöglichkeit und die sichtbaren Verletzungen sind nur ein äußerer Ausdruck für das innere Befinden des Kindes. An anderen, weniger offensichtlichen Verhaltensweisen lassen sich die langanhaltenden Wirkungen, die psychischen Folgen und die Widerstände gegen Veränderungen im Verhalten wesentlich besser darstellen. Die Wunden körperlicher Verletzungen heilen oder vernarben, aber die psychischen Verletzungen heilen nicht mit der gleichen Geschwindigkeit.

Den Blick auf ein breites Feld von Verhaltensmöglichkeiten aufzufächern, bedeutet auch, die Folgen und Konsequenzen in einem anderen Maßstab wahrzunehmen. Die Folgen von selbstverletzendem Verhalten können natürlich gravierend sein, aber vielleicht bleibt auch „nur“ eine Narbe zurück. Die Konsequenzen selbstschädigenden, aber nicht selbstverletzenden Verhaltens können dagegen trotz der offensichtlich geringeren körperlichen Schädigung lang andauernde Folgen haben. Wenn ein 17-jähriges Mädchen, das regelmäßig die Schule besuchte, aber für die erforderliche Nachprüfung wissentlich den falschen Lernstoff lernt, die Nachprüfung nicht schafft und die Schule ohne Schulabschluss verlässt, werden die Konsequenzen für das ganze spätere Leben schwerwiegend sein.

3. Selbstschädigendes Verhalten

Wenn wir versuchen, selbstschädigendes Verhalten objektiv zu erfassen und zu definieren, stoßen wir fast zwangsläufig auf Schwierigkeiten, weil Selbstschädigung einerseits immer damit verbunden ist, dass sich die selbstschädigende Person durch ihr Verhalten zwar einen erkennbaren Schaden oder Nachteil zufügt, sie andererseits einen Vorteil in einem anderen Bereich erlebt, der für Außenstehende nicht immer leicht zu erkennen ist. Am Beispiel häufiger Verspätungen eines Arbeitnehmers zum Arbeitsbeginn, die letztendlich zur Entlassung führen können, macht Mummendey (2000) deutlich, dass der Vorteil darin liegen kann, aus einem ungeliebten Arbeitsverhältnis auszuscheiden oder mehr Freizeit zu haben. Bei einigen Verhaltensweisen kehrt sich die Wirkung erst bei einer bestimmten, auch individuell unterschiedlichen Intensität oder Menge ins Negative: Zu viel Sonneneinwirkung führt zu Sonnenbrand oder Hauterkrankungen.

Nach Mummendey (2000) kann selbstschädigendes Verhalten in einer quantitativen Skalierung von wenig bis sehr selbstschädigend dargestellt werden. Innerhalb dieses Kontinuums lassen sich unterschiedliche Schweregrade leichter, mittlerer, schwerer oder pathologischer Selbstschädigung unterteilen. Mittels qualitativer Abstufungen werden nicht-dienliches, selbstbeeinträchtigendes, selbstschädigendes und selbstzerstörerisches Verhalten unterschieden.

4. Offenes und heimliches selbstverletzendes Verhalten

Offene und heimliche Selbstverletzung können nebeneinander einhergehen (vgl. Sachsse 1997). Eine offene, extrovertierte Haltung macht es einfacher, sich mit selbstverletzendem Verhalten auseinander zu setzen, weil bereits in dieser Haltung deutlich wird, dass die Kommunikation mit anderen eine nicht untergeordnete Rolle spielt. Wo der Mitteilungsimpuls fehlt, fehlt der Schutz, der mit der Herstellung von Öffentlichkeit verbunden ist. Heimliches selbstverletzendes Verhalten erscheint daher als gefährlicher, weil der Teufelskreis von Selbstbestrafung oder Misserfolgsorientierung nicht durchbrochen wird und es so zu einer Eskalation selbstverletzenden Verhaltens kommen kann.

Selbstverletzungen zu verbergen, ist nur eine Form der heimlichen Selbstverletzung. Wesentlich schwieriger dürfte es sein, das aktive Erzeugen von Krankheiten zu erkennen.Diese Form der Selbsterzeugung wird unter der Bezeichnung artifizielle Krankheiten zusammengefasst. Dabei kann nach Einschätzung von Experten „nahezu jedes Krankheitsbild … auch artifiziell verursacht werden“ (Eckhardt; zit. n. Schmeißer 2000, 24).

Heimliches selbstverletzendes Verhalten muss nicht bedeuten, dass selbstverletzendeKinder und Jugendliche ihr Handeln verstecken wollen. Vielleicht stellen sie höhere Anforderungen an die Sensibilität der Eltern. Dies ist vor allem dann einleuchtend, wenn sie damit die Beziehungsqualität zu testen versuchen. Die Erwartung, dass Menschen, die wirklich an ihnen und ihrem Wohlergehen interessiert sind, die Spuren selbstverletzenden Verhaltens entdecken und mit dem Kind oder Jugendlichen sprechen, kann aber durch Verzerrungen oder Idealisierungen getrübt sein.

5. Formen selbstverletzenden Verhaltens

Zu selbstverletzendem Verhalten gehören Ritze oder Schnitte der Haut mit Stecknadeln, Rasierklingen, Glasscherben, Messern und Scheren oder das Offenhalten und Verschmutzen der Wunde. Die Verletzungen bringen sich die Betroffenen vor allem an Unterarmen und Oberschenkeln bei, seltener im Brust-Bauch-Bereich oder im Gesicht. Seltener werden Vergiftungen, Verätzungen, Verbrühungen oder Knochenbrüche beobachtet (vgl. Schmeißer 2000).

Schwierig zu beurteilen ist neben dem Offenhalten und Verschmutzen der Wunden die erhöhte Unfallgefahr mancher Kinder. Wenn Kinder aber häufig mit Blessuren, Beulen und Schrammen nach Hause kommen, kann eine Sensibilität für selbstverletzende Anteile sinnvoll sein, um mit dem Kind sein Verhalten zu verändern. Aber dieser Bereich macht deutlich, dass ein selbstverletzendes Motiv schwierig zu erkennen ist und noch vorsichtiger dem Kind oder Jugendlichen selbst unterstellt werden darf. Schließlich ist es wahrscheinlicher, dass eine Wahrnehmungsstörung beim Kind vorliegt und dass es sich nach einer entsprechenden medizinischen oder heilpädagogischen Behandlung seltener verletzt.

Zu den selbstverletzenden Verhaltensweisen gehören sicher auch Essstörungen, die keinen direkten Eingriff in die Unversehrtheit des Körpers darstellen, dennoch deutlich körperliche Auswirkungen haben. Besonders Mädchen sind von Essstörungen mehr betroffen als Jungen und versuchen meistens, sie geheim zu halten. Im Rahmen einer stoffgebundenen Sucht kann sich eine Abhängigkeit von Medikamenten, Alkohol oder Drogen entwickeln (vgl. Sachsse 1997).

6. Gründe für selbstschädigendes Verhalten

Selbst mit der Selbsttötung als Selbstzerstörung ist nicht immer das Motiv verbunden, dem eigenen Dasein ein Ende zu bereiten. Selbsttötungsversuche sind offenbar in der Regel Hilferufe.

Gerade bei Pflegekindern und Adoptivkindern, aber auch bei Stiefkindern und natürlich in der Kernfamilie fragen sich Eltern, wenn sie ein Verhalten als selbstschädigend bezeichnen, zuerst nach dem Warum. Im Pflegekinderwesen liegt ein deutlicher Schwerpunkt darin, diese Frage mit Fakten oder Vermutungen aus der Biografie des Kindes zu beantworten. Vernachlässigung, Misshandlung, sexueller Missbrauch, Bindungsstörungen sind die gängigsten Erklärungen, die ohne Zweifel zu Verhaltensstörungen und selbstschädigendem Verhalten beitragen.

Darüber hinaus wird die Bedeutung, die Krankheit in der Herkunftsfamilie gespielt hat, eine große Rolle spielen. Wenn Kranke in der Familie gut versorgt wurden, wenn das Kind kranke Eltern versorgen musste oder wenn Krankheiten zur Vermeidung von Konflikten oder Anforderungen beigetragen haben, ist es möglich, dass Kinder dieses Verhaltensmuster übernehmen. Sie werden bei Anforderungen, denen sie sich nicht gewachsen fühlen, krank. Es gibt Kinder, die Krankheit mit guter Versorgung verbinden. Manche Pflegeeltern oder Adoptiveltern beobachten, dass die Kinder bei einem Krankenhausaufenthalt regelrecht aufblühen, die Versorgung genießen, sich gut in den Krankenhausalltag einfügen und darüber die Trennung von den Eltern kaum betrauern. Thyen (1987) beschreibt solche Beispiele einer guten Entwicklung von vernachlässigten Kindern. Bei Adoptivkindern ist es schon schwieriger, Gründe für selbstschädigendes Verhalten zu finden, insbesondere dann, wenn sie bereits wenige Tage nach der Geburt zu den Adoptiveltern kommen.

Vermutungen über mögliche Vernachlässigung, Misshandlung oder gar sexuellen Missbrauch vor der Stieffamilienbildung stellen für den biologischen Elternteil in der Familie eine direkte Bedrohung und Unterstellung dar, das Kind nicht ausreichend versorgt oder geschützt zu haben. Verständlicherweise reagieren die leiblichen Eltern empfindlich auf entsprechende Vermutungen oder wollen nicht offen über zurückliegende Ereignisse sprechen.

7. Der Sinn selbstschädigenden Verhaltens

Es ist nicht verkehrt, sich über die Gründe selbstverletzenden Verhaltens Gedanken zu machen. Die Frage, wozu das Verhalten dient, eröffnet aber einen weiteren wichtigen Aspekt. Selbstschädigendes oder selbstverletzendes Verhalten ist kein neues Verhalten. Die Geschichte weist viele Beispiele von Märtyrertum oder Selbstverbrennungen mit einem religiösen Hintergrund auf. Religiöse Rituale wie Selbstgeißelungen dienen der Buße.

Selbstschädigung ist häufig mit dem Erreichen eines Schönheitsideals verbunden. Männer und Frauen unterziehen sich zum Teil schmerzhaften Eingriffen, um Schmuckstücke in Ohrläppchen, Augenbrauen oder Zunge zu befestigen. Aktuell erfreuen sich Tätowieren, Piercing, Branding und Cutting einer enormen Beliebtheit. Auch alltäglichere Freuden können, im falschen Maß genossen, selbstschädigend sein. So kann allzu intensive Sonneneinwirkung zu Sonnenbrand oder sogar zu Hautkrankheiten führen. Das allseits beliebte Joggen bedeutet für die Betreiber dieses Sports nicht nur körperliche Fitness und ein akzeptables Gewicht, vielmehr kann Joggen auch zur Sucht werden. Die Produktion körpereigener Opiate, vor allem der so genannten Endorphine, wirkt nicht nur schmerzstillend, sondern führt auch zu dem Wunsch, diesen Zustand wiederherzustellen (vgl. Schmeißer 2000,46f).

Wer bereit ist, sich mit dem Sinn oder Vorteil selbstschädigenden Verhaltens auseinander zu setzen, läuft weniger Gefahr, einseitige Erklärungen in den Mittelpunkt zu rücken und damit die Komplexität möglicher Gründe zu übergehen. Wenn ein kleines Kind mit seinem Verhalten damit droht, sich aus dem Hochstuhl zu stürzen, ist die Unterstellung einer Provokation gegenüber den Eltern häufig das erste Motiv, das Eltern in den Sinn kommt. Selbstschädigendes Verhalten ist aber wesentlich komplexer, und auch wenn die Menschen in der Umgebung selbstverletzender Kinder oder Jugendlicher nicht immer verstehen, was diese zu selbstverletzendem oder selbstschädigendem Verhalten antreibt oder führt, macht es Sinn, eine breitere Basis für die Betrachtung selbstverletzenden Verhaltens zu haben.

Tatsächlich können wir weder in die Kinder und jugendlichen hineinschauen, noch können wir mit unseren Erfahrungen und Normalbiografien immer verstehen, welche Denkprozesse im Kind ablaufen. Aber wer bereit ist, im Verhalten mehr zu sehen als Provokation, kann mit dem Verhalten angemessener umgehen.

Zunächst ist selbstverletzendes Verhalten häufig auf sich selbst bezogen. Eine Selbststimulation, Selbstberührung empfindungsgehemmter oder empfindungsschwacher Menschen, Selbsttröstung. Für andere magselbstverletzendes Verhalten eine Minderung innerer Anspannung bedeuten oder die Versicherung, noch am Leben zu sein. Der selbst zugefügte Schmerz ist vielleicht eine Wiederholung und ein Nacherleben von fremdzugefügtem Schmerz, eine Auseinandersetzung mit Erlebnissen aus der eigenen Biografie. Dabei spielen die Erfahrungen von Vernachlässigung und Misshandlung eine bedeutende Rolle. Insbesondere sexuell missbrauchte oder misshandelte Kinder und Jugendliche erleben tiefe Schuldgefühle und halten sich für die Misshandlung für mitverantwortlich. Das Schuldgefühl wird durch die Zufügung von Schmerz und Verletzung ernst genommen, gleichzeitig kann die Selbstbestrafung vor Schlimmerem, nämlich Suizid, schützen.

Eine grundlegende Fähigkeit, mit verletzenden frühkindlichen Erfahrungen umzugehen, besteht in der Leugnung, dem Nicht-Wahrhaben-Wollen der Realität. Logisch und emotional unvereinbare Erfahrungen, wie sie zum Beispiel bei sexuellem Missbrauch und Misshandlung durch Eltern erlebt werden, werden abgespalten. Die Eltern werden als fürsorgende und schützende Bindungspersonen und zugleich als verletzend und bedrohlich wahrgenommen. Die Verarbeitung dieser Erfahrungen durch die Abwehr und Abspaltung des Erlebten, nennt die Psychologie Dissoziation (vgl. Sachsse 1997). Schmeißer (2000) beschreibt dissoziative Techniken, mit deren Hilfe das betroffene Kind aktiv aus seinem Körper „aussteigt“, um die Schmerzen und Demütigung nicht mehr zu spüren, das reale Geschehen leugnet oder mittels intensiver Fantasietätigkeit die Realität während der Misshandlungssituation verlässt.

8. Selbstschädigendes Verhalten als Lösung im Kontext

Selbstschädigendes Verhalten muss vor allem innerhalb eines Kontextes beurteilt werden. Nicht selten ist selbstschädigendes Verhalten ein dem Betrachter zunächst unverständlich erscheinender Lösungsversuch. Bei der Frage, wozu selbstschädigendes Verhalten dient, geht es nicht darum, es zu bewerten, sondern darum zu verstehen, dass das Verhalten für die Person sinnvoll sein kann. Erst in einem zweiten Schritt geht es darum, mit der selbstschädigenden Person gemeinsam zu überlegen, ob das Verhalten angemessen oder unangemessen ist.

9. Selbstschädigendes Verhalten als Kommunikation mit sich und anderen

Wird unter Kommunikation allgemein die Übermittlung von Informationen verstanden, kann selbstschädigendes Verhalten Kommunikation mit sich selbst oder mit anderen sein. Als Kommunikation mit sich selbst geht es häufig darum, den eigenen Körper mittels selbstverletzendem Verhalten zu erleben, zu spüren.

Aber auch die Bestätigung eines Selbstbildes, eines Selbstkonzeptes oder von Erfahrungen mit anderen Menschen, können Inhalt eines inneren Dialoges sein. „Mein Vater ist selbst Schuld, dass mir die Hände frieren, warum kauft er mir keine Handschuhe.“ Damit ändert sich der Adressat der Kommunikation von der eigenen Wahrnehmung weg anderen Personen zu. Dennoch bleibt der Ausdruck von Motivation, Enttäuschung, Schuldzuschreibung im inneren Dialog für die Außenwelt verborgen. Mit ihrer Nichtreaktion, die der selbstschädigende Mensch der sozialen Außenwelt durch sein introvertiertes Verhalten fast schon abnötigt, fühlt er sich gleichzeitig in seiner Sichtweise bestätigt.

In der Kommunikation mit anderen haben die Beteiligten die Chance, sich über Selbstbilder und Fremdbilder, über Motive und Hintergründe auszutauschen. Hinter selbstverletzendem Verhalten steht nicht selten der Wunsch nach mehr Annahme und Anerkennung.

10. Situative Variablen selbstschädigenden Verhaltens

Zu den äußeren Einflussgrößen, die selbstverletzendes Verhalten begünstigen, gehören wichtige Veränderungen, Wendepunkte im Leben und besonders belastende Situationen. Sowohl die mit starken Veränderungen einhergehende Phase der Pubertät und Ablösung vom Elternhaus, bei Mädchen das Einsetzen der unkontrollierbaren Monatsblutung, die nicht zuletzt mit Stimmungsschwankungen und Unsicherheiten verbunden ist, tragen zu selbstschädigendem Verhalten bei, aber auch viele als bedrohlich empfundene Trennungsoder Verlusterfahrungen. In Krisensituationen jeglicher Art sucht sich die erhöhte innere Spannung ein Ventil. Besonders in Einsamkeits- und Entscheidungssituationen kann es zu selbstverletzendem Verhalten kommen.

Es scheint so zu sein, dass Kinder selbstverletzendes Verhalten vor allem in bestimmten, wahrscheinlich mit innerer Spannung verbundenen Situationen zeigen. Das Abknabbern von Zehennägeln mag dazu gehören. Gerade dann, wenn Kinder abends allein im Bett liegen, empfinden sie Trennungsschmerzen oder Verlassenheitsängs te. Da kann das Knabbern eine beruhigende Wirkung haben. Vielleicht ist es der Halbschlaf, in den das Kind sinkt, das mit selbstverletzendem Verhalten einhergeht. Gerade in solchen Einsamkeitssituationen hat selbstverletzendes Verhalten eine selbsttröstende, beruhigende Funktion. Regelhaft stellt Sachsse (1997) bei selbstschädigenden Menschen eine Angst vor dem Alleinsein fest.

11. Passive und aktive Formen selbstschädigenden Verhaltens

Mummendey (2000) zählt das Auslassen von Chancen zu den eher passiv erlittenen Formen selbstschädigenden Verhaltens. Gerade hier wird eine Grundhaltung deutlich, in der Kinder und Jugendliche sich ebenso wie Erwachsene als handlungsunfähig, als Opfer definieren. Zu Grunde liegen aber Charaktereigenschaften, die eine Opferhaltung begünstigen. Sich einschüchtern zu lassen, zögerlich abzuwarten, Problemlösungen aufzuschieben, die eigenen Fähigkeiten zu unterschätzen oder Auseinandersetzungen zu vermeiden, führen letztlich dazu, dass weder eine aktive Gestaltung der Beziehungen noch ein erfolgreicher Einfluss auf die eigene Lebensgestaltung erlebt wird. Menschen mit einer solchen Haltung werden oft von anderen ausgenutzt, gegängelt oder sogar gequält. Sie können schlecht Nein sagen, grenzen sich häufig nicht gut genug von Anforderungen anderer ab. Vielfach beginnen sie etwas, ohne es zu Ende zu führen.

Gerade bei Pflegekindern finden wir viele Kinder, die sich nicht erfolgreich gegen massive Grenzüberschreitungen durch ihre Eltern wehren konnten, die entsprechende soziale Kompetenzen für den angemessenen Umgang mit anderen Menschen nicht erworben haben oder eine realistische Kontrollüberzeugung nicht entwickeln konnten.

Zu den eher aktiven Formen selbstschädigenden Verhaltens über selbstverletzendes Verhalten hinaus und mehr die psychischen Folgen berücksichtigend zählt Mummendey (2000) die Selbstschädigung durch Angeberei, wenn die eigenen Fähigkeiten in geradezu peinlicher Weise überschätzt werden. Durch Übertreiben und angeberisches Verhalten wirkt das Auftreten peinlich und aufdringlich.

Während die einen sich durch Genussstreben und Konsum schädigen, sodass die Freizeitorientierung zu einer Vernachlässigung von Verpflichtungen führen kann, vernachlässigen andere den Ausgleich durch Freizeittätigkeiten und Erholung. Sie überlasten und überfordern sich und ihre soziale Umgebung mit einer grenzenlosen Ubernahme von Arbeit, Verantwortung und Pflichten. Der mittlerweile auch im deutschen Sprachraum gängige Begriff Workaholic steht für diesen Typen.

Ein vernachlässigender oder gefährlicher Umgang mit dem eigenen Körper äußert sich in einem riskanten Gesundheitsverhalten. Eine gerade für Pflegekinder und Stiefkinder zu beachtende Form von selbstschädigendem Verhalten ergibt sich durch ungünstige Vorbilder und soziale Beziehungen, beispielsweise durch Kontakte zu Jugendlichen aus dem Drogenmilieu. Ein enger Kontakt zu Gleichaltrigen, die den Einfluss von Erwachsenen auf das eigene Leben rundweg ablehnen und sich ungünstig untereinander beraten, kann im Konfliktfall mit Eltern zur Eskalation deutlich beitragen.

12. Kontrolle und Kontrollverlust

Zentrales Element von selbstverletzendem Verhalten ist die Frage der Kontrolle. Im erweiterten Aspekt von selbstschädigendem Verhalten stellt sich der Wunsch nach Kontrolle und der Versuch, diese zu erlangen, über die Erfahrung des eigenen Körpers und seiner Kontrollierbarkeit hinaus als Kontrolle über soziale Bezugssysteme und damit als Prüfung ihrer Verlässlichkeit dar. Kinder, die keine oder allenfalls unangemessene Kontrollmöglichkeiten über ihre Eltern entwickeln konnten, können dazu neigen, eine Kontrolle über die Eltern oder andere Kinder zu erreichen (vgl. Müller-Schlotmann 1997b). Damit sichern sie die Verlässlichkeit der sozialen Umwelt ab. Durch die Versorgung der eigenen Eltern stellen sie eine emotionale Zufriedenheit der Eltern her, an denen sie merken, dass sie Reaktionen hervorrufen können. Damit werden sie zur handelnden Person.

Dies geschieht allerdings zu dem Preis, dass sie nicht Kind sein dürfen und sich nicht vertrauensvoll auf die Versorgung durch erwachsene Menschen verlassen können. Andere Kinder versuchen, die Interaktion mit anderen Kindern zu beeinflussen. Sie versuchen jedes Spiel zu bestimmen, die Rollen zu verteilen und zu bestimmen, wer mitspielen darf. Lassen sich die anderen Kinder dies nicht gefallen, reagiert das Kind häufig mit sozialem Rückzug. Nur eine bestimmende Haltung macht es dem Kind möglich, nicht nur seine soziale Umwelt in eine strukturierte, verlässliche zu verwandeln, sondern diese Strategie kann das Selbstwertgefühl des Kindes schützen. Ein Abbruch der Beziehung durch die anderen Kinder, etwa wenn sie sich den Spielregeln des Kindes nicht anschließen, wird letztlich als eine Ablehnung empfunden und bedeutet einen Schlag gegen das Selbstbewusstsein des Kindes.

Einen Kontrollverlust erleben manche Mädchen mit dem Einsetzen der Menstruation. Bei ihnen sind die unkontrollierten und unkontrollierbaren Blutungen Ausdruck von Kontrollverlust, der durch kontrollierte Handlungen ausgeglichen werden muss. Selbstverletzung kann ein Mittel sein, um die Kontrolle über den eigenen Körper wiederzugewinnen. Untersuchungen weisen darauf hin, dass Frauen doppelt bis viermal so häufig von selbstverletzendem Verhalten betroffen sind wie Männer (vgl. Schmeißer 2000,3 8f). Vermutlich hängt mit dieser Verteilung auch die Beobachtung zusammen, dass selbstverletzendes Verhalten durchschnittlich mit dem 14. Lebensjahr beginnt und damit mit der ersten Menstruation zusammenfällt.

Besonders bei früh Adoptierten fragen sich viele nach den Beweggründen, wenn sie, häufig im Rahmen von Ablösung und Identitätsfindung, selbstschädigendes Verhalten zeigen. Dabei scheint die Erfahrung der Ablehnung durch die Herkunftseltern eine dominierende Rolle zu spielen. In der Abgabe durch die Herkunftseltern haben die Kinder keine Möglichkeit, eigene Anteile bei sich festzumachen. Sie wurden als kleine Kinder abgelehnt, und manche werden in ihrer Fantasie zu Menschen, mit denen niemand zusammen leben wollte. Die Erfahrung von Ablehnung als Person und die Unmöglichkeit, auch nur einen kleinen Anteil zu entdecken, mit dem die Kinder auf der Verhaltensebene zur Abgabe beigetragen haben, scheint eine massive Ablehnungserfahrung zu beinhalten. Die Kinder erleben sich als ungeliebt, abgelehnt und nicht liebens- und lebenswert.

13. Der Krankheitsgewinn

Wenn sogar ein volljähriges Pflegekind die Teilnahme am Gespräch mit an der Hilfe zur Erziehung beteiligten Großeltern mit der Drohung ablehnt, sie werde sich ein Bein brechen oder die Pulsadern aufschneiden, macht es damit mehrere Aspekte deutlich. Zwar ist der Begriff Krankheitsgewinn aus der Mode gekommen, er macht aber deutlich, dass selbstschädigendes Verhalten sozusagen zwei Stoßrichtungen hat und dass Veränderungen aus zwei unterschiedlichen Gründen schwierig sind. Bei der Frage der Veränderungsmöglichkeiten spielen vielleicht beide Anteile eine Rolle, vielleicht überwiegt aber ein Anteil oder der andere wird nicht deutlich. Das Bewahren von eingeübten, sicheren Verhaltensweisen gibt Sicherheit und Struktur, die Angst vor neuen unbekannten Verhaltensweisen verunsichert. Krankheit ist ein Grund zu entschuldigtem Fehlen und trifft auf soziale Akzeptanz.

Bewerber für Pflegekinder werden im Vorbereitungsverfahren mit der Frage konfrontiert, ob sie sich vorstellen können, ein Kind in Pflege zu nehmen, dessen Eltern drogenabhängig sind. Es kann sicher nicht davon ausgegangen werden, dass es zwischen Lösungsverhalten des Kindes und Lösungsverhalten der Herkunftseltern eine direkte Verbindung besteht. Immerhin neigen aber vielleicht Kinder drogenabhängiger Eltern zu Lösungen, die ebenfalls Suchtstruktur und Vermeidungsstrategien aufweisen.

Es ist häufig der einfachere Weg, sich nicht auseinander setzen zu müssen. Insofern macht es Sinn, danach zu fragen, welche Rolle Krankheiten in der Herkunftsfamilie spielen oder gespielt haben. Wenn eine Erkrankung der Mutter dazu geführt hat, dass sie von der Tochter versorgt wurde, ist Erkrankung deutlich ein Zeichen für Versorgungsansprüche.

14. Aspekte selbstverletzenden Verhaltens von Kindern und Jugendlichen in Folgefamilien

„Das habe ich noch nicht erlebt, der Kleine stürzt sich aus dem Hochstuhl, aber nur wenn ich zusehe. Wenn ich nicht hinsehe, tut er es nicht.“ Die Bereitschaftspflegemutter berichtet der zukünftigen Pflegemutter über selbstgefährdendes Verhalten des 2-jährigen Maurice und gibt ihr gleich den Tipp wegzuschauen. Dem Kind bloß keine Aufmerksamkeit widmen.

Selbstschädigendes und selbstverletzendes Verhalten bei Kindern in Folgefamilien, seien es Pflegekinder oder Stiefkinder, unterscheidet sich vom Verhalten in Kernfamilien wesentlich dadurch, dass das Verhalten bereits in seiner Wirkung auf Eltern erprobt ist. Das Kind versucht auf Grund seiner Erfahrung, diese Wirkung bei den Folgeeltern auszulösen.

Schmeißer (2000) weist darauf hin, dass selbstverletzendes Verhalten meistens autistisches, auf sich selbst bezogenes Handeln ist. Es ist nicht in erster Linie darauf abgestellt, andere, vor allem die Eltern, in ihrem Verhalten dem Kind gegenüber zu beeinflussen. Diese Perspektive ergibt sich erst durch die Reaktionen der Umwelt. Durch sie wird selbstverletzendes Verhalten zu einem Mittel, um Aufmerksamkeit zu erregen, zu provozieren oder die soziale Umwelt zu beeinflussen. In der Folgefamilie setzt das sich selbst verletzende Kind aber von vornherein das Verhalten zu diesen Zwecken ein. Da es in der Vorgängerfamilie häufig bis zu einem gewissen Grad entsprechende Erfolge erreicht hat, geht es davon aus, dass soziale Eltern ähnlich reagieren. Gerade in vernachlässigenden Familien entwickeln manche Kinder extreme Strategien, um die Aufmerksamkeit der Eltern auf sich zu lenken. Die Reinszenierung frühkindlicher Beziehungserfahrungen ist einerseits für die Folgeeltern schwer nachzuvollziehen, andererseits sind sie eingeladen, sich mit Gewalterfahrungen des Kindes auseinander zu setzen. Sachsse (1997) betont die Bedeutung einer ausführlichen Anamnese. Aus der Familiengeschichte zeigt er anhand von Beispielen Zusammenhänge von selbstverletzendem Verhalten und früher Ablehnung, Misshandlung, emotionaler Vernachlässigung oder sexuellem Missbrauch auf.

Die soziale Anerkennung, der Trost, die Bewunderung für die Wunden und Narben, die Kinder als Reaktionen aus der sozialen Umwelt ernten, die Rücksichtnahme, die aus der _Berücksichtigung von Krankheit oder Verletzungen entspringt, unterstützen möglicherweise eine Entwicklung, in der das Kind vielleicht zum ersten Mal Fürsorge und Zuwendung erfährt.

Die Integration der neuen Familienform Stieffamilie, Adoptivfamilie oder Pflegefamilie ist mit einer Beziehungsdynamik verbunden, die sich idealtypisch als Phasenverlauf beschreiben lässt. Dabei können die Phasen der Beziehungsaufnahme, ganz besonders aber die Phase der Übertragung vorhergehender Beziehungserfahrungen auf die aktuelle Beziehung und die Loyalitätskonflikte des Kindes, das sich zwischen dem leiblichen und dem sozialen Elternteil entscheiden muss, eine besondere Rolle spielen. In diesen Phasen können sich die Konflikte verschärfen (vgl. Müller-Schlotmann 1997 a). Auch für soziale Eltern dürfte in einem besonderen Umfang gelten, was Schmeißer (2000, 58) feststellt: „Je enger die Beziehung und je abhängiger das Kind, desto traumatischer wirkt die Grenzund Vertrauensverletzung.“

15. Der Umgang mit selbstverletzendem Verhalten in der Folgefamilie

Der Umgang mit selbstverletzendem Verhalten kann in Folgefamilien gerade deshalb schwierig werden, weil das Kind einerseits durch die Reinszenierung seine Erfahrungen bestätigen und das Funktionieren der sozialen Welt als verlässlich wiederkehrend erfahren will, andererseits die Eltern versuchen, durch Nichtbeachtung dieses Verhalten zum Verschwinden zu bringen. Das Ziel müsste aber darin bestehen, das Verhalten als für den früheren Kontext als sinnvoll zu akzeptieren und dem Kind zu vermitteln, dass es diese Mittel im aktuellen, kindzentrierten Kontext nicht mehr benötigt. Gerade bei jungen Kindern ist dies aber außerordentlich schwer.

Die Pflegefamilie nimmt durch eine entsprechende Vorbereitung und vor allem durch die vor der Aufnahme des Kindes bestehende Partnerschaft die Bedürfnisse des Kindes in einem besonderen Maße wahr. In der Stieffamilie liegt dagegen der Schwerpunkt der Familienbildung bei der Etablierung einer Partnerschaft. Auch wenn die Erwachsenen die Bedürfnisse des Kindes wahrzunehmen versuchen, gerät der Blick auf das Kind zumindest zeitweise in den Hintergrund. Selbstverletzendes Verhalten wird darüber hinaus von unvorbereiteten Erwachsenen eher als Provokation denn als Überlebensstrategie erlebt. Die Sicherheit, die das Kind mit dem allein erziehenden Elternteil hat, kann unabhängig vom Umgang mit dem andersge schlechtlichen Elternteil sein. Die Auseinandersetzungen, die das Kind führt, sind dann für den leiblichen Elternteil in der Stieffamilie kaum nachzuvollziehen. Besondere Aufmerksamkeit ist dem selbstschädigenden oder gar selbstverletzenden Verhalten in der Pubertät zu schenken.

Die dissoziativen Techniken wirken zunächst schützend und lebenserhaltend, aber sie können sich verselbstständigen „und zu enormen inneren Spannungen und Konflikten führen“ (Schmeißer 2000, 59). Daher ist es ein wichtiges Ziel, die dissoziativen Techniken als Überlebensstrategien in der früheren Situation zu akzeptieren, aber als Strategien im veränderten sozialen insbesondere familialen Umfeld als überflüssig zu betrachten.

Eine Beendigung selbstverletzenden Verhaltens geht nicht automatisch mit einer Veränderung der inneren Einstellung einher, vielmehr kann eine Symptomverschiebung von einer offenen zu einer heimlichen Selbstverletzung das Kind oder die jugendliche Person in gewisser Weise in die Vereinsamung treiben. Kinder und Jugendliche in Folgefamilien neigen auf Grund der erlebten Beziehungserfahrungen dazu, den Inhaltsaspekt dem Beziehungsaspekt deutlich unterzuordnen. Kritik wird als Ablehnung empfunden. Daher erscheint es notwendig, erst eine gute Beziehung herzustellen und dann das Kind zu Verhaltensänderungen zu ermutigen.

Gerade in Zeiten, in denen das Kind.Beziehungserfahrungen mit dem Ziel der Bestätigung oder der Bearbeitung von Schuldgefühlen, Mitverantwortung und Loyalitätskonflikten auf aktuelle Beziehungen überträgt, ist es sehr sensibel und empfindlich. Eine frühzeitige Vorbereitung auf eigene aktive Verarbeitungsstrategien im Sinne einer Vorbeugung gibt dem Kind mehr Alternativen und weniger selbstgefährdende Hilfen an die Hand. Die Vorbereitung der Eltern scheint dafür eine gute Voraussetzung zu sein. Insgesamt muss am Selbstkonzept gearbeitet werden, das Kind immer wieder erfahren, dass es ein liebenswerter Mensch ist. Die erlebten und erlittenen Grenzüberschreitungen oder diffusen Grenzen zwischen Erwachsenem und Kind in der ElternKind-Beziehung legen eine Auseinandersetzung mit den eigenen Körpergrenzen nahe. Körperzentrierte Interaktion miteinander, bei denen sehr wohl Grenzen und Missempfindungen des Kindes beachtet werden müssen, tragen erheblich dazu bei, dass Kinder ihre körperlichen Außengrenzen erleben und erfahren. Knuddeln, Schaukeln, gemeinsam toben, Reize auslösen, aushalten und genießen, lassen das Kind Spannung und Entspannung in einem Wechsel erleben. Sich mal fest zu drücken, mal sanft zu streicheln, das Kind einzucremen, eine Sinnenstraße entlangzugehen usw. sind Mittel, um den Körper sensibel für Empfindungen zu machen, die Haut als Grenze des Körpers und als Kommunikationsmittel mit der Umwelt zu erleben, Widerstände zu erleben, zuzulassen und auszuüben. Druck und Gegendruck als aktive Abgrenzung zunächst von der sachlichen, später von der personalen Umwelt, erlauben dem Kind einen selbstbestimmten Umgang mit anderen und mit dem eigenen Körper. Ein neues und normaleres Bestimmen über Nähe und Distanz und die Abgrenzung des Ich vom Du zunächst auf der rein körperlichen und nonverbalen Ebene tut dem Kind gut.

Später wird es entscheidend darauf ankommen, dem Kind die Verantwortung für sein Handeln zuzugestehen und mehr und mehr zu überlassen. Damit sollte eine Orientierung und Wertevermittlung verbunden sein, die dem Kind versichert, ein geliebtes und angenommenes Kind zu sein. Aber den Wert des eigenen Lebens und Daseins zu schätzen, kann und muss auch im Rahmen einer angemessenen Gewissensentwicklung unterstützt werden. Ein verinnerlichter Wert ist es, mit dem eigenen Körper gut und verantwortlich umzugehen.

Die Ziele der Arbeit mit dem Kind sollten übersichtlich und erreichbar erscheinen. Jede zu große Überforderung kann dazu beitragen, dass dem Kind oder dem Jugendlichen mit einem weiteren Misserfolg der Mut für weitere Versuche genommen wird.

In der Interaktion mit den betroffenen Kindern und Jugendlichen ist es notwendig, aus der eigenen Unsicherheit und Überforderung herauszufinden. Die Eltern müssen aus dem ängstlichen Reagieren wieder zur aktiven Rolle und zum Agieren finden (vgl. Mummendey 2000). Mit neuen, unberechenbaren Verhaltensweisen auf das Verhalten des Kindes zu reagieren, erhöht nicht nur die eigene Flexibilität und Selbstsicherheit, reduziert nicht nur die eigenen Ohnmachtsgefühle und Ängste, sondern löst beim Kind Irritation, Unsicherheit und damit eine Denkpause aus. In Folge des Ausbleibens bekannter Reaktionen muss das Kind neue Verhaltensmöglichkeiten entdecken und ausprobieren und erlebt damit die eigenen aktiven. Anteile am Verhalten – und damit die Möglichkeit, sein Verhalten zu verändern.

Literatur

Lambeck, S., 1998: Eine fürsorgliche Kindesmisshandlung. In: Paten, 15 Jg., H. 2, S. 14-15

Müller-Schlotmann, R. M. L., 1997a: Integration vernachlässigter und misshandelter Kinder in Pflegefamilien. Eine Handreichung für Jugendämter, Beratungsstellen und Pflegeeltern. Regensburg

Müller-Sch’otmann, R. M. L., 1997 b: Beziehungsstörungen von Jugendlichen als Folge von Vernachlässigung. In: Sozialpädagogik, 39. Jg., H. 3, S. 119-125

Müller-Schlotmann, R.M.L., 1997c: Die Beziehung zwischen Stiefkindern und Stiefeltern als Folgebeziehung. In: Zeitschrift für Familienforschung, 9. Jg., H. 2, S. 69-83

Müller-Schlotmann, R. M. L., 1998: Folgeelternschaft. In: Familiendynamik, 23. Jg., H. 3, S. 252-265

Mummendey, H. D., 2000: Psychologie der Selbstschädigung. Göttingen u. a.

Rohmann, U./Elbing, U., 1999: Selbstverletzendes Verhalten. Dortmund

Schmeißer, S., 2000: Selbstverletzung. Symptome, Ursachen, Behandlung. Münster

Sachsse, U., 1997: Selbstverletzendes Verhalten. Psychodynamik – Psychotherapie. Das Trauma, die Dissoziation und ihre Behandlung. Göttingen

Thyen, U., 1987: Kindesmisshandlung und -vernachlässigung. Prävention und therapeutische Intervention. Lübeck

Dr. phil. Richard M. L. Müller-Schlotmann, Fachberater für Westfälische Pflegefamilien, Evangelische Jugendhilfe Menden gGmbH, Droste-Hülshoff-Str.70, 58708 Menden

aus: unsere jugend 5/03