Vollzeitpflege auf Zeit

Susanne, 12-järig, soll in eine Pflegefamilie vermittelt werden. Ihre Eltern haben sich vor 5 Jahren scheiden lassen. Seit dem lebt sie mit ihrer älteren Schwester, ihren zwei jüngeren Geschwistern und der Mutter in einer ziemlich kleinen Wohnung. Ihre Mutter ist schon seit geraumer Zeit arbeitslos und hat Schwierigkeiten den Alltag zu organisieren. Die Geschwister, insbesondere Susanne, machen es mit ihrem Verhalten und den schulischen Leistungen der Mutter nicht einfacher. Susanne fühlt sich nicht verstanden, an allem wäre sie schuld. Schon mehrmals ist sie „abgehauen“. Die Mutter ist dem Jugendamt schon bekannt. Zusammen mit ASD-Mitarbeiterin entwickelt die Mutter die Idee, dass eine Erziehungshilfe notwendig ist. Ihr soll eine Familienhelferin zur Seite stehen und für Susanne ist angedacht vorübergehend in einer Pflegefamilie in der Nähe des zu Hauses zu leben, die mit viel Empathie auf die Lebenssituation von Susanne eingehen soll. Ihre vier Jahre ältere Schwester soll in einem betreutem Jugendwohnen leben. Die Mutter hat die Aufgabe, ihre Lebensbedingungen so zu verbessern, dass sie die unterschiedlichen Interessen und Bedürfnisse der Kinder wahrnimmt und in entsprechendem Handeln umsetzt. Sie braucht eine größere Wohnung, muss ihre finanzielle Situation klären und Strategien entwickeln mit ihren Kindern einen gelingenden Alltag zu gestalten. Susanne hat regelmäßig Kontakt und soll so bald als möglich wieder in der Familie wohnen. Wann genau dies ist bleibt jedoch offen.

Vollzeitpflege auf Zeit hat das Ziel, die Rückführung des Pflegekindes in die Herkunftsfamilie zu ermöglichen oder zu prüfen, in wie weit die Herkunftsfamilie in der Lage ist die Bedingungen für eine dem Wohl des Kindes entsprechende Erziehung wieder herzustellen. Um die positiven Bindungen des Kindes zu seinen Familie beizubehalten sollten Kontakte zu diesen ermöglicht werden. Allerdings kann daraus eine Pflege auf Dauer werden, wenn die Bindung des Kindes an die Pflegeeltern so groß werden, dass eine Rückführung nicht dem Wohle des Kindes entsprechen würde.

Allen Beteiligten muss klar sein, dass ein Kind in einer anderen Familie zu den Mitgliedern dieser neue Beziehungen aufbaut sogar intensive Bindungen aufbaut und eingeht. Für Herkunftseltern bedeutet dies, dass sich ihr Kind u.U. in der Pflegefamilie viel wohler fühlt und dort leben bleiben möchte. Diese Gedanken allein lassen die Entscheidung ein Kind in eine Pflege auf Zeit zu geben nicht einfacher werden. Herkunftseltern benötigen genau an dieser Stelle intensive Begleitung und Unterstützung.

Überprüfung der Bedingungen Eines der wichtigsten Aufgaben bei der Gestaltung einer Vollzeitpflege auf Zeit besteht darin, zu überprüfen ob und wann eine Rückkehr in die Herkunftsfamilie stattfinden kann. Dafür haben die Beteiligten, unter Leitung des Jugendamtes, einen Hilfeplan zu erstellen, in dem die Perspektive, Ziele und notwendige Leistungen dafür beschrieben und von allen unterschreiben werden.

Bindungsbesonderheit Es ist bei einer Vollzeitpflege auf Zeit immer zu berücksichtigen wie sich die bestehenden Bindungen vor dem Hintergrund des Alters und des Entwicklungsstandes entwickeln. Gemeint sind die Bindungen des Pflegekindes zur Herkunftsfamilie, wie auch die zur Pflegefamilie.

Das Pflegekind hat in einer solchen Situation eine doppelte Aufgabe, nämlich einerseits die Beziehung zur Herkunftsfamilie aufrechterhalten zu wollen und andererseits die zur Pflegefamilie aufbauen zu müssen, denn dort lebt das Kind ja, deren Normen und Regeln gelten auch. Es ist für Pflegekinder nicht einfach mit dieser Doppelrolle klarzukommen. Auf keinen Fall dürfen Kinder darunter leiden, dass sie zwischen Menschen, die sie lieben, hin und her gerissen werden.

Aber auch für die Pflegefamilie ist es nicht einfach, jemanden zu betreuen, von dem man weiß er/ sie vielleicht wieder gehen wird. Wieviel Nähe und Vertrauen kann ich diesem Kind zumuten? Wie gehe ich mit der Ungewissheit um?

Pflegefamilien haben zu jeder Zeit im Hilfeverlauf das Recht auf Beratung, Begleitung und Unterstützung in allen Fragen die Pflege betreffend (§ 37 KJHG).

Aufgaben und Anforderungen Neben der alltäglichen Sicherung der Versorgung und der Sorge um das Pflegekind hat die Pflegefamilie die Anforderung sich ständig, durch die regelmäßigen Kontakte mit der Herkunftsfamilie, auseinander zu setzen. Von der Pflegefamilie werden Strategien erwartet mit diesen Situationen kommunikativ umgehen zu können. Vor allem wenn man bedenkt, dass in vielen Fällen – auch der Pflege auf Dauer, anders als im oben beschriebenen Fall – die Herkunftseltern nicht immer mit der Unterbringung ihres Kindes in einer Pflegefamilie glücklich sind.

Dauer der Pflege auf Zeit Die Dauer der Pflege auf Zeit ist abhängig von der Entwicklung der Erziehungs- und Lebensbedingungen in der Herkunftsfamilie. Immer wieder kommt es vor, dass aus einer Pflege auf Zeit eine Dauerpflege wurde, weil die Herkunftseltern nicht genügende Anstrengungen unternommen haben oder dazu nicht in der Lage sind, um besagte Bedingungen zu verbessern. Es gibt Jugendämter im Land Sachsen-Anhalt, die in solchen Fällen generell zwei Jahre zunächst als Zeitziel angeben.