Leben in vertrauter Fremde – viele Kinder wachsen bei Grosseltern und anderen Verwandten auf

Sind Grosseltern gute Pflegeltern?Sind sie überhaupt Pflegeltern? Das Aufwachsen bei Verwandten birgt Gefahren, bietet aber auch viele Chancen.

Von Kathrin Barbara Zatti

Quelle: Netz, Schweizer Zeitschrift für das Pflegekinderwesen Heft 1/2002

Die Mutter von Sereina ist bei der Geburt des Kindes erst 18 Jahre alt, die Beziehung mit dem Vater des Kindes bricht bald auseinander. Die junge Mutter steckt mitten in ihrer Ausbildung und ist mit dem Kind überfordert. Sereina wird von den Grosseltern betreut, zuerst tageweise, dann während der Woche, schliesslich lebt Sereina fast immer dort. Ihre Mutter hat zwar ihre Ausbildung abgeschlossen, wohnt jedoch mit einem Freund zusammen, der nicht von einem Kind wissen will. Ein Fall, der typisch ist für alle Verwandtschaftsverhältnisse: Oft springt die Familie ein, wenn Eltern, meistens Mütter, ihr Kind nicht selber betreuen können.

Grosses Potenzial

In den letzten zwanzig Jahren ist die Zahl von Verwandtenpflegeverhältnissen wohl zurückgegangen. Nach der Volkszählung von 1990 lebten in der Schweiz noch mehr Kinder bei ihren Verwandten als in Fremdpflegefamilien. Für den Katon Zürich ermittelte eine Studie 1996, dass 30 Prozent der Pflegekinder bei Verwandten lebten. Im Koton Basel-Stadt lebte von insgesamt 85 Prozent fast die Hälfte bei Verwandten, der grösste Teil von ihnen bei Grosseltern. Dazu kommt eine Dunkelziffer von nicht gemeldeten Pflegeverhältnissen.

Verschiedene gründe haben dazu geführt, dass in letzter Zeit mehr über Verwandtenpflege diskutiert und geforscht wurde (Siehe Interview mit Professor Blandow), nicht zuletzt, weil es in der Praxis immer wieder zu Problemen kommt.

In der Fachdiskussion ist die Verwandtenpflege kontrovers beurteilt worden. Während beispielsweise die deutschen Fachleute Nienstedt und Westermann von Platzierungen bei Verwandten dringend abraten, weil viele Kinder in ihren Herkunftsfamilien traumatisiert wurden, sehen andere Autorinnen darin ein grosses Potezial. Der deutsche Psychologe Jörg Maywald hat den Begriff vom Aufwachsen in „vertrauter Fremde“ geprägt: Dass die Verwandten dem Kind oft schon seit Geburt vertraut sind, ist einer der grössten Vorzüge der Verwandtenpflege.

Familiendynamik

Untersuchungen in den USA haben gezeigt, dass verwandtschaftliche Pflegeverhältnisse stabiler sind als andere. Das ist – unter guten Voraussetzungen – eine grosse Chance für die Kinder, garantiert doch Kontinuität am ehestens eine positive Entwicklung. Den Kinderm bleibt ihre Familie und ihr Umfeld erhalten. Die schwierige Anpassung an eine andere Familienkultur, an eine andere soziale Kultur, unter Umständen an eine andere ethnische Kultur, fällt weg. Studien haben gezeigt, dass die Beziehungen ausgesprochen liebevoll und herzlich sind.

Viele Konstellationen weisen jedoch ein grosses Konfliktpotenzial auf. Dies gilt besonders für Grosseltern, welche als Eltern Schwierigkeiten ihrer Kinder direkt betroffen sind. Auch im Beispiel Sereina versteht Sereinas Grossmutter nicht, weshalb ihre Tochter so lebt, wie sie lebt. Unterschwellige Vorwürfe der Grosseltern und provozierendes Verhalten der Mutter machen das Klima unerträglich. Sereinas Mutter bricht den Kontakt ab. Von den Grosseltern bekommt Sereinas Klagen über das Versagen ihrer Mutteer zu hören.

Wie die deutsche Psychologin Irmela Wiemann schreibt, hat die Erziehungsunfähigkeit von Eltern „immer auch mit deren Aufwachsbedingungen in der Familie zu tun“. Die Konflikte in „verclinchten Familien“ sind denn auch der neuralgische Punkt von verwandtschaftlichen Pflegeverhältnissen.

Diese Konflikte müssen zu mindestens bearbeitbar sein. So geht es Sereina erst dann wirklich gut, als ihre Mutter und ihre Grosseltern mit Unterstützung einer erfahrenen Fachperson zum Gespräch finden und beide Seiten eingestehen, dass sie Fehler gemacht haben. Im Interesse des Kindes raufen sie sich zusammen. Kontakte und Zuständigkeiten werden klar geregelt. Manche Familien können solche Fragen selber lösen, aber meistens braucht es fachlicher Beistand. Es ist diem Aufgabe der zuständigen Institutionen, hier angemessene Methoden zu entwickeln.

Vernachlässigt

Viele Sozialarbeiterinnen berichten von Schwierigkeiten mit Verwandten. Oft werden Sozialdienste und Behörden erst beigezogen, wenn das Kind schon dort lebt, die Bewilligung muss im Nachhinein erteilt werden. Viele Familien wünschen keine Einmischung , sie wollen die Probleme innerhalb der Familie lösen. Auch die Behörden überlassen es vielfach gerne den Familien; Mit problematischen Situationen fertig zu werden. Schwierigkeiten ergeben sich aber auch aus einen Unvermögen, mit dieser besonderen Form von Pflegefamilien umzugehen. Sozialarbeiterinnen sind meist jünger als die betreuenden Grosseltern, gehören einer anderen sozialen Schicht an und orientieren sich an anderen Familienbildern. Oft finden sie auch nicht den richtigen ton im Umgang. Innerhalb das an sich vernachlässigten Pflegekinderwesens ist die Verwandtenpflege ein vernachlässigter Bereich. Modelle und Methoden für die Abklärung, Begleitung und Unterstützung sind bislang in der Schweiz nicht entwickelt worden.

Nicht ganz frei

Verwandte, die ein Kind aufnehmen, gelten als Pflegefamilie und unterliegen in fast allen Kontonen der Bewilligungspflicht (5). Sie unterscheiden sich aber von Fremdpflegefamilien. So sind verwandte Pflegeeltern im Durchschnitt rund zehn Jahre älter, und ihr Haushalt ist kleiner als der anderer Pflegefamilien. Das höhere Alter lässt sich mit den Anteil an Grosseltern erklären, obwohl Pflegegroseltern in der Regel relativ jung sind. Bei ihnen ist das Enkel oft das einzige Kind, das noch im Haushalt lebt.

Es sind meistens die Mütter der oft jüngeren Mütter, welches sich des Kindes annehmen. Für viele Verwandte ist es ganz selbstverständlich, in einer Notlage für das Kind zu sorgen. Dahinter stehen Familiensinn, Verantwortung, aber auch moralische Verpflichtung oder Schuldgefühle. Verwandte können sich deshalb nicht ganz frei für die Annahme eines Kindes entscheiden. Oft gehen Tagespflegeverhältnisse fliessend in Dauerpflege über – aus einer vermeintlich vorrübergehenden Situation wird plötzlich eine Dauerlösung. Noch weniger als Fremdpflegefamilien erhalten Verwandte Unterstützung, die gerade wegen des fortgeschrittenen Alters und/oder bescheidener Verhältnisse besonders nötig wäre.

Bedingung für die Aufnahme

Nur eine sorgfältige Abwägung in jedem einzelnen Fall kann die Frage beantworten, ob Verwandtenpflege gut oder schlecht ist für das Kind. Erfahrungen zeigen, dass folgende Voraussetzungen für das Gelingen erfüllt sein müssen:

  • Genügende finanzielle Unterstützung, allgemeine Akzeptanz, rechtliche Absicherung des Pflegeverhältnisses
  • Betreuung und Begleitung durch kompetente Fachleute
  • Die Verwandten kennen das Kind, die Beziehungen zu den Eltern sind gut
  • Die Aufnahme des Kindes kommt ohne Druck zu Stande und die Verwandten sind sich bewusst, was auf sie zu kommt
  • Mögliche Alternativen sind bekannt
  • Die Kinder wissen, dass sie bei ihren Grosseltern aufwachsen. Sie haben Kontakt zu ihren Eltern
  • Genügend Ressourcen, Defizite werden durch ein Unterstützungsnetz abgedeckt
  • Konflikte sind bearbeitbar

Krankheiten der Grosseltern, Suchtproblematik in der Verwandtschaftsfamilie und verfahrene Beziehung zu den Eltern des Kindes schliessen die Aufnahme eines Kindes aus. Traumatisierte Kinder sollen nicht bei Verwandtenplatziert werden.

Probleme in der Pubertät

Grosseltern, die ihren Eltern nicht nur hin und wieder betreuen, wie ein eigenes Kind erziehen, verzichten auf den Ruhestand und auf das Grosselterndasein. Dies macht denn den meisten Grosseltern zu schaffen: Das sie mit ihren Enkelkindern nicht die unbeschwerte Beziehung leben können, die sowohl für die Grosseltern wie für Enkel so wertvoll ist – gerade weil sie frei ist von Erziehung, Grenzensetzen, alltäglichen Reibereien. Probleme kann es geben, wenn die Kinder in die Pubertät kommen.

Die komplizierte Ablösung und die damit verbundenen Auseinandersetzungen treffen dann oft mit nachlassenden Kräften der Grosseltern zusammen. Hier gilt es, Alternativen, wie zum Beispiel den besuch einer Internatschule, zu prüfen.

In den USA haben sich Pflegegrosseltern Respekt und öffentliche Anerkennung verschafft. Sie haben sich zu so genannte kitchen-groups organisiert, aus denen sich einflussreiche Lobbyorganisaationen entwickelt haben. Für Grosseltern ist ese besonders wichtig, sich auszutauschen. Sie zu Zusammenkünften zu ermutigen und bei der Organisation von Gruppen mitzuhelfen, wäre auch eine wichtige Aufgabe der Soizialdienste.