Die emotionale Brisanz ist enorm

Interview mit Jürgen Blandow über die Besonderheiten der Verwandtenpflege

Von Kathrin Barbara Zatti

Quelle: Netz, Schweizer Zeitschrift für das Pflegekinderwesen Heft 1/2002

Jürgen Bladow ist Professor für Sozialpädagogik an der Universität Bremen. Seit Ende der 60er-Jahre arbeitet er auch im Bereich des Pflegekinderwesens, er ist einer der renommiertesten Forscher zu diesen Thema. Zurzeit läuft unter seiner Leitung ein Forschungsprojekt über Verwandtenpflege.

Die Verwandtenpflege erlebte in den USA in den letzten Jahren einen regelrechten Boom. Wie sieht es in Europa aus?

Der Boom bezieht sich vor allem auf die Annerkennung der Verwandtenpflegestellen als Teil des Jugendhilfesystems und weniger auf einen tatsächlichen Anstieg. Vor allem in den grossen Metropolen wie New York oder Bosten hat die Bedeutung der Verwandtenpflege für die Jugendhilfe enorm zugenommen. Man hat diese Ressource entdeckt – nicht zuletzt, weil die Fremdpflege erheblich zurückgegangen ist.

Es ist anzunehmen, dass auch in Deutschland die Fremdpflege zurückgehen und man sich verstärkt auf Verwandtenpflege besinnen wird. In manchen europäischen Ländern, wie in den Niederlanden, ist ein ähnlicher Boom zu beobachten, hier allerdings unter der erweiterten Perspektive der „sozialen Netzpflege“. Das heisst, neben den Verwandten werden auch andere dem Kind oder dessen Eltern vertraute Personen wie z.B. die Eltern von Schulkameraden, die Kindergärtnerin oder Nachbarn der Familie miteinbeziehen.

Was sind die Gründe für diese neue Praxis?

Zum einem sind es finanzielle Gründe, denen die Verwandten bekommen in der Regel weniger Geld. Ein zweiter wichtiger Grund ist die Schwierigkeit, Pflegefamilien zu finden. Überlegungen hinsichtlich der schonenden Unterbringung von Kindern in einem vertrauten Umfeld. In der Jugendhilfe werden Konzepte diskutiert, die in der Verwandtenpflege praktiziert werden, etwa die milieunahe Unterbringung oder die Sozialaltraum-Orientierung.

In den USA haben die empirischen Untersuchungen gezeigt, dass die Verwandtenpflegeverhältnisse und dass sie im Ergebnis zumindest nicht schlechter sind. Ob das allerdings auf Deutschland und auf die Schweiz übertragbar ist, muss man prüfen. Wenn man Wert auf Kontinuität legt, dann spricht das jedenfalls für die Verwandtenpflege. Offenbar führt die emotionale Verbundenheit dazu, dass sich Verwandte weniger schnell vom Kind trennen – das ist aber nicht nur ein Vorteil.

Sie haben letztes Jahr ein Forschungsprojekt gestartet, das die Verwandtenpflege in Deutschland untersucht. Weshalb gerade dieses Thema?

Der Boom in der USA hat uns neugierig gemacht. Wir möchten einfach mehr darüber wissen: In Deutschland ist es stark vernachlässigter und uneinheitlicher Bereich. Wir gehen davon aus, dass die Verwandtenpflege völlig falsch gesehen wird. Verwandte werden als Pflegefamilie betrachtet, obwohl sie das eigentlich nicht sind. Sie betreuen ein Kind, das ihnen vertraut ist, aus familiären Gründen, aus Schuldgefühlen oder auch was immer, aber nie, weil sie Pflegeeltern für ein Kind sein wollen. Es ist ein grosses Anliegen zu begründen, dass es sich bei der Verwandtenpflege um eine Pflegeform handelt.

Es gibt in der Praxis viele Klagen über Verwandtenpflegefamilien, so zum Beispiel, dass sie sich erst melden, wenn das Kind schon bei ihn lebt. Dies scheint in einem anderen Licht, wenn man sieht, dass diese Familien nicht ein Selbstverständnis als Pflegefamilie haben. Wenn man sie mit Fremdpflegefamilien vergleicht, schneiden sie immer schlecht ab. Pflegeeltern sind in der Regel eher gebildete, reflektierte Menschen. Verwandte, die ein Kind aufnehmen, kommen eher aus einfacheren Schichten.

Was bedeutet das für die Praxis?

Um einen Umgang mit diesen Familien zu finden, braucht es spezielle Informations-, Schulungs- und Beratungsmethoden. Solche sind in den USA entwickelt worden, währen in Deutschland immer noch gesagt wird, mit Verwandten könne man nicht arbeiten, sie liessen sich nicht beraten. Auch in den Niederlanden gibt es ganz neue Modelle, die auf systemischen Familientheorien basieren, eine Kombination von Familienkonferenzen, Genogrammmethoden und soziografischen Methoden. Aber überhaupt Methoden zu entwickeln, muss zuerst akzeptiert werden, dass es sich um eine eigene form handelt und dass ein besonderer Bedarf vorhanden ist.

Was zeichnet denn diese neuen Methoden und Modelle aus?

Man muss sehr viel Respekt vor der Autonomie dieser Familien haben. Sie sehen sich ja nicht in einem öffentlichen Auftrag der Kinder- und Jugendhilfe. Man muss bei ihren positiven Wunsch ansetzen, etwas für das Kind zu tun. Der Aufbau des Vertrauensverhältnisses spielt eine viel grössere Rolle. Pflegefamilien sind verpflichtet, mit dem Jugendamt zusammenzuarbeiten, bei Verwandten dagegen ist das viel weniger plausibel. Sie profitieren zunächst einmal weniger von der Sozialarbeit, denn sie wissen ja am meisten über das Kind, nicht die Sozialarbeiterin.

In Fremdpflegefamilien bezieht die Sozialarbeit einen Teil ihrer Position daraus, dass sie Informationen zu vermitteln hat. In der Verwandtenpflege ist es umgekehrt: die Sozialarbeit ist darauf angewiesen, dass sie Informationen bekommt. Wenn es nicht gelingt, eine Vertrauensbasis aufzubauen, dann hält die Familie diese Informationen zurück. Es ist also nötig, bei den Stärken der Familien anzusetzen und zu versuchen, gemeinsam zu überlegen, was das Beste für das Kind ist.

Worauf müssen Sozialarbeiterinnen sonst noch achten, wenn sie mit Verwandten arbeiten?

In der Schule machen kognitiv und gruppendynamisch orientierten Verfahren oft nicht mit. Es braucht andere Methoden, auch solche, die dem Alter der vielen Grosseltern angemessen sind. Sie machen – nach den ersten statistischen Auswertungen unserer Studie – rund 60 Prozent der Verwandten aus, die ein Kind betreuen. Sie sind eher mit einem lockeren Gespräch beim Kaffeeklatsch zu erreichen als mit einem strukturierten Beratungsverfahren.

Auch gewöhnliche Eltern lösen viele Erziehungsprobleme auf diese Weise. Zudem liegen die Probleme von verwandten Pflegeeltern weniger darin, dass sie nicht wissen, wie sie mit dem Kind umgehen sollen. Da fühlen sie sich als Experten, denn sie kennen das Kind ja schon lange. Man muss ihnen vor allem helfen, ein Unterstützungsnetz aufzubauen. Das gilt vor allem für Grosseltern. In der Regel sind sie nicht mehr alt, so zwischen 50 und 60. aber sie fallen möglicherweise öfter durch Krankheit aus oder kommen mit den mit den schulischen Anforderungen nicht zurecht.

Was kann man da machen?

Man kann schauen, ob es noch nahe andere Personen gibt, die etwas für das Kind tun wollen. Vielleicht gibt es einen mathematisch begabten Onkel, der dem Kind bei den Hausaufgaben helfen kann. Man kann auch klären, was geschieht, wenn die Grossmutter ernsthaft krank wird. Das minimiert die Unsicherheiten für das Kind. Was Pflegeltern in der Regel alleine managen, muss für Verwandte oft organisiert werden. Berichte aus Schweden zeigen, dass in einem erweiterten Familienumfeld Ressourcen vorhanden sind, die einfach vorher nicht mobilisiert worden sind (siehe FOKUS auf Seite 18).Zum Beispiel engagiert sich plötzlich ein ehemaliger Stiefvater oder ein früher Freund der Mutter, oder die zweite Grossmutter lässt sich auch noch einbeziehen.

Natürlich gibt es auch Familien, bei denen überhaupt nicht zu mobilisieren ist; hier wäre es denn Aufgabe der sozialen Dienste, Unterstützung zu organisieren und zu finanzieren. Weiter ist es wichtig, der Familie Impulse zu geben, damit sie sich nicht abschottet. Verwandtenpflegefamilie neigen dazu, sich zu isolieren.

Wenn Ressourcen im Familiensystem vorhanden sind, ist dann eine Unterbringung des Kindes bei den Verwandten einer Fremdplatzierung vorzuziehen?

Man kann es pauschal sagen, aber man muss es auch zu gleich im selben Satz differenzieren. Wenn die Konflikte zwischen den Grosseltern und den Eltern des Kindes eine Dynamik haben, die nicht aufzulösen ist, wenn es Hass gibt – dann geht es nicht. Man sollte auf keinen fall so naiv sein und meinen, die Herkunftsfamilie oder die erweiterte Familie sei in jedem Fall das Beste. Es gibt viele Probleme, in manchen Fall sehr grosse Probleme, die oft mit der Verwirklichung inner halb der Familie zusammenhängen.

Die alten und die aktuellen Konflikte zwischen den Personen müssen bearbeitet werden, und dabei ist möglicherweise die Präsenz von Sozialarbeiterinnen für das Erarbeiten von neuen Lösungen notwendig. Es muss sowohl mit der Herkunftsfamilie wie auch mit der Pflegefamilie gearbeitet werden. In der Verwandtenpflege ist die emotionale Brisanz enorm, weil hier bei jeden Besuch sozusagen die ganze Familiengeschichte mit am Tisch sitzt.

Es ist also anzunehmen, dass viele Kinder in der Verwandtenpflege unter Bedingungen leben, die nicht gut sind für sie?

Man muss zumindest damit rechnen. Auch bei denjenigen Pflegeverhältnissen, die dem Jugendamt bekannt sind. Sozialarbeiter berichten vielfach von eigentlich nicht tragbaren Verhältnissen, es wird kaum einmal etwas dagegen unternommen. Die Verwandten und damit auch die Kinder werden mir ihren Problemen allein gelassen. Bevor man sagt, es ist nicht gut für die Kinder, muss man schauen, was man noch tun könnte. Hier muss die Sozialarbeit etwas investieren.

Wenn eine Unterbringung bei Verwandten sorgfältig geplant wird, wenn sie akzeptiert wird als eine besondere Form, die eigene Methode erfordert, kann sie möglicherweise in vielen Fällen eine besondere positive Wirkung auf das Kind haben. Wichtig ist es, die Verwandten zuerst einmal zu respektieren in ihren Wunsch, etwas für ihre verwandten Kinder zu tun. In der Praxis werden sie jedoch immer noch oft zuerst kritisiert, und so besteht natürlich keine Chance, etwas zum Besseren zu verändern.

Warum sind viele der Grosseltern-Pflegefamilien sozial und wirtschaftlich eher unterprivilegiert?

Soweit wir schon Daten dazu haben, kann man sehen, dass es nicht nur ein Unterschichtsphänomen ist, aber sicher sind unterprivilegierte Familien überrepräsentiert. Man kann davon ausgehen, dass in diesen sozialen Gruppen diejenigen Probleme häufiger auftauchen, die schliesslich zur Übernahme eines Kindes führen: Drogenabhängigkeit, Alkoholabhängigkeit, psychische Probleme, Erkrankung der Eltern, Geburten bie sehr jungen Müttern, Vernachlässigung, das alles kommt in unteren Schichten mehr vor als in mittleren oder höheren.

Möglicherweise neigen Personen aus unteren Schichten dazu, sich impulsiv für die Übernahme eines Kindes aus dem Verwandtenkreis zu entscheiden und das „Für und Wider“ weniger zu reflektieren. Auch eine rolle dürfte spielen, dass „einfachere“ Menschen seltener Alternativen für einen kreativen Umgang mit dem Ruhestand haben als Personen, die über Geld und Bildung verfügen. Und schliesslich kann man davon ausgehen, dass es in unteren Schichten höhere Vorbehalte gegen das offizielle Jugendhilfesystem gibt. So nimmt man zum Beispiel ein Enkel oder eine Nichte auf, weil man dem Kind einen Heimaufenthalt oder die Versorgung durch Fremde ersparen möchte.

Problematisch wird es, wenn die an sich ja begrüssenswerte spontane Solidarität kein Pendant in den realen Verhältnissen findet, wenn die Kräfte nicht ausreichen, die Konflikte mit den Eltern nicht erreichbar sind und der Kindesschutz nicht gewährleistet werden kann. Das Entscheidende ist immer das Verhältnis zu den Eltern des Kindes – hier spielen sich die grössten Tragödien in der Verwandtenpflege ab. Hier liegen aber auch – sofern es gelingt, Verwandte und Eltern des Kindes zu versöhnen – grosse Chancen für die Kinder.