Bereitschaftspflege in Deutschland – Das Nürnberger Modell, eine ausgereifte Variante

Im Jahr 1998 startete die bayrische Stadt Nürnberg ein Projekt mit professionellen Familienotplätzen für Kleinkinder. Was damals bundesweit Neuland war, hat sich unter dessen zum festen Bestandteil der Krisenintervention entwickelt.

von Anna Wohnlich

Quelle: Netz, Zeitschrift für das Pflegekinderwesen (Schweiz) Heft 2/ 1998

Die Pflegeform der Bereitschaft hat in verschiedenen Städten Deutschlands nicht viele gemeinsame Nenner. Die Unterschiedlichkeiten beginnen bei einer Vielzahl verschiedener Namen und enden bei einer sehr starken differierenden Finanzierungsmodellen. In eineigen Städten wird die pädagogische oder psychologische Berufsausbildung der Bereitschaftspflegeperson vorausgesetzt, in anderen zählt die persönliche Eignung.

Säuglinge und Kleinkinder

Das Jugendamt der Stadt Nürnberg richtet 1989 für die kurzfristige Versorgung von Säuglingen und Kleinkindern professionelle Bereitschaftspflegestellen (sprich Pflegefamilien) ein und betrat dabei bundesweit Neuland. IN Nürnberg (ca. 500`000 Einwohner) müssen jährlich rund 50 Säuglinge und Kleinkinder zwischen null und drei Jahren weitgehend unvorbereitet aus ihren Familien genommen werden. Gerade für diese Altersgruppe ist eine intensive, individuelle Betreuung durch eine konstante Person zur Krisenbewältigung notwendig.

Das A und O dieses Modells ist, dass sich die Kinder an einer Person orientieren können. Maria Schreiber, Diplompädagogin und seit Beginn des Projektes dabei: „Vor allem kleine Kinder werden in der für ihre Bedürfnisse geeigneten Form betreut und stabilisieren sich schnell.“ Seit 1994 ist die Bereitschaftspflege im Bereich Krisenintervention ein feste Angebot. Bei Bedarf finden auch ältere Kinder in einer Bereitschaftspflegefamilie Aufnahme. „Für die Sechs bis Zwölfjährigen hingegen haben wir die Kindernotwohnung“, sagt Frau Schreiber. Die über Zwölfjährigen wenden sich an die Jugendschutzstelle oder den freien Träger Schlupfwinkel. Kinder, deren Eltern nur vorübergehend wegen Krankheit, Haft oder anderen Gründen an Versorgung und Erziehung gehindert sind, werden Nürnberg in Kurzvollzeitpflegestellen nicht professioneller Pflegfamilien platziert.

In den Bereitschaftspflegefamilien sind aktuell 20 pädagogische Fachkräfte tätig. Sie haben sich zu einer Arbeitsgemeinschaft zusammengeschlossen.

Diese Fachkräfte müssen über eine pädagogische Ausbildung und möglichst Berufserfahrung verfügen. Die Erfahrung zeige, so die Jugendamtsmitarbeiterin, dass die eigenen Kinder der Bereitschaftspflegefamilien bereits den ersten Schritt der Loslösung vollzogen haben, aber im Schulalter sein sollten. Von den Familien gefordert sind zudem die Fähigkeit zur Kontaktnahme mit den Herkunftseltern und die Offenheit gegenüber anderen Lebensstilen. Die Fachkräfte seien in den Entscheidungsprozess über den weiteren Verbleib des Kindes einbezogen und begleiteten die Kontakte zwischen Eltern und Kind, erklärt Maria Schreiber. „Hier erwarten wir Mobilität und Flexibilität.“

Bereitschaftspflegepersonen müssen mit Ambivalenzen leben können. Sie müssen Ansätze gegensätzlicher Natur wie Professionalität – Familie, Distanz Nähe, Trennung – Bindung oder Fluktuation – Beständigkeit aushalten können. Enge Zusammenarbeit mit den beteiligten Sozialdiensten, die Teilnahme an der monatlichen Praxisberatung, den Fortbildungsanlässen und den Arbeitssitzungen des Jugendamts sind weitere Voraussetzung. Mittlerweile müssen die Fachkräfte während der Phase der Rufbereitschaft bis zur Aufnahme eines Kindes rund um die Uhr über den Cityruf erreichbar sein. Frau Schreiber ist sich bewusst: „Das kann eine grosse zusätzliche Belastung sein.“

Anwälte des Kindes

Das Sachgebiet Bereitschaftspflege – beim Jugendamt Nürnberg ausgestattet mit zweieinhalb Planstellen für Sozialpädagogen – vermittelt die Kinder in die Bereitschaftspflegefamilien und erledigt die Formalitäten. Ausserdem ist sie die Nahtstelle zwischen den beteiligten sozialen Diensten, der Herkunftsfamilie und der Kinderklinik. Jede Bereitschaftspflegekraft wird von einer Sozialpädagogin regelmässig fallbezogen betreut und beraten. Die Fachkräfte werden als „Anwälte des Kindes“ in gewisse verfahren einbezogen, indem sie die Interessen des Kindes und den Blickpunkt de4s Kindes vertreten.

Alle Fachkräfte in Nürnberg müssen monatlich an der Gruppensupervision tielnehmen. Diese Angebot erleben sie selbst als wichtigen Entlastungsfaktor. Darüber hinaus können sie bei höherer Belastung zu bis fünf stunden vollzogene Einzelsupervision beanspruchen. „ In sehr kritischen Fällen, wenn etwa die Loslösung von einem Kind sehr schwer fällt, oder wenn ein Kind Spuren in der Familie hinterlässt, kann die Supervision sehr hilfreich sein“, ist Maria Schreiber überzeugt. Zusätzlich findet monatlich ein Treffen des Jugendamtes statt, etwa jedes zweite Mal wird für eine Fortbildung oder Informationsveranstaltung mit externen Referenten genutzt. Eine weitere Entlastung hat sich dadurch entwickelt, dass sich dioe Fachkräfte in einem Verein organisiert haben.

Dreißig Mark für Rufbereitschaft

Das ursprüngliche Modell beinhaltete eine Grundvergütung von DM 1`100.- und DM 90.- pro Belegungstag. Heute wird pro Betreuungstag ein Tagespflegegeld von DM 160.- (123. für die Vergütung der Betreuung, 37. für Aufwendungen), für die Rufbereitschaft werden pro Tag DM 30.- bezahlt. „Beide Bezahlungssysteme haben ihre Vorteile- und Nachteile“, findet Frau Schreiber. Die Fachkräfte trügen das Risiko von Selbständigen. Insgesamt stimmen die Bedingungen für diesen schwierigen Dienst, sagt Maria Schreiber. Sie berichtet, dass fünf der 20 Fachkräfte bereits mehr als fünf Jahre dabei seien.

Konkurrenz unter Kindern

Als problematisch erweist sich scheinbar immer wieder die Überschreitung einer Aufenthaltsdauer von mehr als vier Monaten. Danach beginnen besonders ältere Pflegekinder oft mit dem für alle anstrengenden „Kampf um den Platz in der Pflegefamilie“. Dies kann unter Umständen zu Auseinandersetzungen und Ausgrenzungstendenzen seitens der Familienkinder führen. Zudem kommt es vor, dass sich nach diesen Zeitpunkt die berufliche Distanz der Fachkräfte zugunsten einer beginnenden „inneren Vereinnehmung“ auflöst, dies vor allem bei weniger problematischen Säuglingen und Kleinkindern. Eine grosse Belastung sie der Umgang mit teils gewalttätigen, teils distanzlos interagierenden Eltern, ist in einem Bericht zu lesen. Wenn eine Bereitschaftpflegefamilie die notwendige regenerative Pause nicht einhalten könne, sei dies äusserst ungünstig – besonders nach längerdauernder Betreuung, so der Bericht.