Kaleidoskop Pflegekinderwesen

Um das Pflegekinderwesen umfassend zu verstehen ist es notwendig es in seiner Vielfalt und Breite zu betrachten. Hierzu gehört der Fokus auf rechtliche Rahmenbedingungen ebenso, wie der Blick auf Partner von Pflegefamilien und auf besondere Pflegekinder. Am 18.02. stellten wir uns mit dem diesjährigen Fachtag dieser thematischen Breite, griffen Entwicklungen im Pflegekinderwesen auf und stellten sie zur Diskussion. Für alle, die nicht dabei sein konnten, haben wir den Fachtag hier zusammengefasst.

Manchmal erschließt sich ein Ganzes erst vollständig, wenn der Blick auf seine Einzelteile, auf einzelne Facetten gerichtet wird. Der Fachtag „Kaleidoskop Pflegekinderwesen“ des Fachzentrums für Pflegefamilien Sachsen – Anhalt am 18.02. in Bernburg hatte den Anspruch, einzelne Aspekte, die bei den Mainstreamdiskussionen um Folgen von frühkindlicher Traumatisierung und unsicheren Bindungen ein wenig auf der Strecke bleiben, für einen Tag in den Focus zu rücken.

 

Zusammenarbeit mit der Herkunftsfamilie

Eines der Themen, die Pflegefamilien immer wieder als Herausforderung erleben, ist dabei die Zusammenarbeit mit der Herkunftsfamilie. Elisabeth Helming, die am Deutschen Jugendinstitut an der Studie zur Pflegekinderhilfe in Deutschland mitgearbeitet und in diesem Rahmen Herkunftsfamilien befragt hat, stellte in ihrem Vortrag sehr deutlich heraus, wie unterschiedlich die Lebensverhältnisse und Erfahrungen von Pflegefamilien und Herkunftsfamilien sind.

Im Gegensatz zu Pflegefamilien leben immerhin 61 % der abgebenden Eltern als Alleinerziehende. Häufig empfinden sie dies gegenüber der Paarbeziehung, die die meisten Pflegeeltern leben, als Mangel, der mit Trauer und Wut über die eigenen Lebensverhältnisse behaftet sein kann. Ähnliches gilt für die deutlich schlechtere materielle Situation. Immerhin leben 81 % der Herkunftseltern von ALG II oder Sozialhilfe während der weitaus größte Teil der Pflegefamilien über ein mittleres Einkommen verfügt. Die Situation von Herkunftsfamilien ist häufig durch niedrige Bildungsabschlüsse, geringes Einkommen, soziale Isolation, eine problematische Wohnsituation, gesundheitliche Beeinträchtigungen und mangelnde gesellschaftliche Teilhabe gekennzeichnet. Häufig ist in den Familien bereits über Generationen hinweg die Erfahrung sozialer Benachteiligung und Ausgrenzung gemacht worden.

Dies hat häufig ein verfestigtes Gefühl von Nutzlosigkeit und Überflüssigkeit zur Folge. Insgesamt haben sie häufig eine negative Weltsicht, weil dies ihrem Erleben entspricht. Hieraus folgt oft auch eine Abwehr, lebenspraktische Fähigkeiten überhaupt erwerben zu wollen, weil die Angst vor dem oft erlebten Scheitern größer ist.

Aus diesen Gründen wird es von den Herkunftseltern als negativ erlebt, wenn sie von Pflegeeltern oder Fachkräften mit eigener Schuld oder Versagen konfrontiert werden. Schwierig ist für Herkunftseltern auch, dass sie bei Besuchskontakten die eigene Traurigkeit im Bezug auf die Trennung von ihrem Kind wieder erleben. Hier benötigen sie ebenso Unterstützung wie im Umgang mit dem Kind. Erschwerend kommt hinzu, dass Herkunftseltern auf Grund ihrer Erfahrungen oft „emotional taub“ in dem Sinne sind, dass sie argumentieren, dass alles, was die Kinder erfahren mussten, doch nicht „so schlimm war“, weil es noch schlimmer hätte kommen können.

Positiv erleben Herkunftseltern, wenn sie sich von den Pflegeeltern akzeptiert fühlen und am Leben der Kinder beteiligt werden und darüber hinaus konkrete Unterstützungsangebote der Fachkräfte im Jugendamt in Form von Gesprächen oder Gruppentreffen erhalten. Außerdem hilft es Herkunftseltern wenn sie das Gefühl haben, dass ihr Kind in der Pflegefamilie gut aufgehoben ist.

Im Bezug auf den Umgang konnte in der Studie des DJI festgestellt werden, dass dieser den Pflegekindern in der Regel wichtig ist. Rund 60 % der Pflegekinder wünschten den Umgang mit ihren Eltern.  In ca. der Hälfte der Fälle wurden leicht positive Effekte des Umgangs festgestellt, während in der anderen Hälfte keine Effekte durch den Umgang festgestellt wurden.

Schwierigkeiten, bei der Gestaltung des Umgangs wurden besonders in folgenden Fällen festgestellt:

  • Erwartbare Irritationen des Kindes durch den Umgang werden von den Pflegeeltern überbewertet.
  • Das Kind findet bei den Pflegeltern noch keine emotionale Sicherheit und agiert seine Verunsicherung daher aus.
  • Die Herkunftseltern sind zu einer kindgemäßen Gestaltung des Umgangs nicht in der Lage und belasten / gefährden das Kind beim Umgang
  • Der Umgang aktualisiert beim Kind und/oder anderen Beteiligten Unsicherheiten hinsichtlich der Zukunft
  • Nach Gewalt in der Vorgeschichte triggert der Umgang posttraumatische Belastungssymptome

Dies zeigt, dass Umgang bewusst gestaltet werden muss. Notwendig ist hierfür auch eine gute Vor- und Nachbereitung mit den Herkunftseltern und den Pflegeeltern durch das Jugendamt. Herkunftseltern brauchen Unterstützung, um angemessen auf die Signale des Kindes zu reagieren. Insbesondere der Abschied fällt ihnen häufig schwer. Pflegeeltern fällt es leichter, mit dem Umgang zu leben, wenn der Verbleib des Kindes in der Pflegefamilie gesichert ist.

Im Bezug auf die Zusammenarbeit von Pflegefamilie und Herkunftsfamilie sollte man sich stets bewusst sein, dass

  1. Es mehr Ähnlichkeiten zwischen Herkunftseltern, Pflegeeltern und SozialpädagogInnen als Unterschiede gibt.
  2. (Fast) jeder/jede das Beste, was er/sie kann innerhalb der Grenzen seiner/ihrer Fähigkeiten, Intelligenz Geschichte, Umgebung, Einkommen, Energie-Niveau, Gesundheit, Wissen, sozialem Netz tut.
  3. Es Achtsamkeit braucht, um die Sehnsucht von Herkunftseltern nach Nähe und Anerkennung wahrnehmen zu können
  4. Man nicht im Voraus wissen kann, ob eine Situation hoffnungslos ist
  5. Es hilfreich ist, zuzugeben, nicht Alles zu wissen: „Wir haben unser Leben nicht gelöst, und wir werden das der Kinder nicht lösen“
  6. Pflegeeltern/SozialpädagogInnen müssen wissen, dass auch sie Schaden anrichten können.

Änderungen im familiengerichtlichen Verfahren

In den letzten Jahren hat sich die Rechtsstellung von Pflegeeltern durch einige gerichtliche Entscheidungen verschlechtert. So hat beispielsweise der Bundesgerichtshof in einem Urteil festgelegt, dass Pflegeeltern in Verfahren, die den Umgang des Kindes mit den Eltern betreffen, nicht beteiligt sind und somit auch keine eigenen Anträge im Verfahren stellen können.

Zum 01.09. tritt nun ein neues Verfahrensrecht für Familienverfahren in Kraft, dass von Thomas Krille, der selbst Richter am Familiengericht und darüber hinaus Vorsitzender des Verbandes Anwalt des Kindes ist, vorgestellt wurden.

Ziel der Gesetzesänderung ist es, endlich eine einheitliche Verfahrensordnung mit einheitlichen Rechtsmitteln für familiengerichtliche Verfahren zu schaffen. Hierzu wird auch die Organisation der Gerichte gestrafft, indem das Vormundschaftsgericht abgeschafft wird und auch Adoptions- und Gewaltschutzverfahren vom Familiengericht bearbeitet werden. Darüber hinaus sollen Kindschaftsverfahren, wie Sorgerechts-, Umgangsrechts- und Verbleibensanordnungsverfahren künftig vorrangig bearbeitet werden. Schließlich dient das neue FamFG auch dazu, dass Prinzip der Einvernehmlichen Regelung von Familienkonflikten stärker als bisher zu betonen.

Für Pflegeeltern interessant ist, dass sie künftig an Verfahren, die das Pflegekind betreffen, beteiligt werden können. Dies bietet die Möglichkeit, sich stärker als bisher in Umgangsverfahren einzubringen, da jemand, der als Prozessbeteiligter gilt, eigene Anträge im Verfahren stellen, im Zweifelsfall auch Rechtsmittel einlegen und der Verhandlung beiwohnen kann. Außerdem erhalten alle Verfahrensbeteiligten den kompletten Schriftverkehr im Verfahren und sind so auf dem Laufenden.

Allerdings ist die Verfahrensbeteiligung von Pflegeeltern eine Ermessensentscheidung des Familienrichters. Sollte er Pflegeeltern jedoch nicht beteiligen, so kann hiergegen Beschwerde eingelegt werden.

Eine wichtige Änderung ist die Einführung eines sogenannten „frühen ersten Termins“. Dies bedeutet, dass in allen Kindschaftssachen (bspw. Sorgerecht, Umgangsrecht, Verbleibensanordnung) künftig innerhalb eines Monats, nachdem die Klage beim Familiengericht eingegangen ist, ein erster Termin mit allen Beteiligten stattfindet, in dem die Angelegenheit erörtert wird. Auch das Jugendamt muss zu diesem Termin erscheinen und Stellung nehmen. Natürlich muss in diesem Termin noch keine schnelle Entscheidung getroffen werden, aber er bietet dem Richter die Möglichkeit, frühzeitig im Verfahren auf eine einvernehmliche Lösung hinzuwirken und Umgangsverfahren, bei denen die Beteiligten zum ersten mal nach eineinhalb Jahren vor dem Gericht zusammen treffen, gehören damit endlich der Vergangenheit an.

Vorteilhaft ist auch, dass die Vielzahl der verschiedenen Rechtsmittel nunmehr zusammengefasst wurde. Künftig wird es in Familiensachen nur noch Beschlüsse geben, gegen die Beschwerde eingelegt werden kann.

Neu ist auch, dass gegen Konfliktparteien, die Beschlüsse missachten, ein Ordnungsmittel wie Ordnungsgeld verhängt werden können. Verstößt also jemand gegen Beschlüsse des Familiengerichts kann ihm eine „Geldstrafe“ drohen. Dies gilt beispielsweise, wenn jemand einen gerichtlich angeordneten Umgang vereitelt oder sich bei Umgangskontakten nicht an gerichtliche Auflagen hält.

Ein Wermutstropfen der Reform ist, dass zwar die Rechtsstellung des Vertreters des Kindes im Verfahren gestärkt wurde und der künftige Verfahrensbeistand öfter als bisher zu bestellen ist, gleichzeitig aber seine Vergütung auf eine so geringe Pauschale gekürzt wurde, dass ernsthaft befürchtet werden muss, dass sich künftig keine qualifizierten „Anwälte des Kindes“ mehr finden lassen werden.

Alles in allem bringt das neue FamFG jedoch überwiegend positive Änderungen für Kinder und Pflegefamilien.

 

Pflegekinder mit Migrationshintergrund

Eine wenig beachtete Gruppe von Pflegekindern, die in einer besonders schwierigen Situation leben, sind Pflegekinder mit Migrationshintergrund. Ronald Bartnig, der als Vormund für minderjährige unbegleitete Flüchtlinge für den Verein Refugium e.V. in Magdeburg arbeitet, schilderte eindrücklich und bewegend die Schwierigkeiten dieser Kinder.

Fällt es „normalen“ Pflegekindern oft schon schwer, sich den Pflegeeltern zu öffnen, weil sie Loyalität mit ihren Eltern empfinden und die Erlebnisse oft schlimm sind, gilt dies um so mehr für Kinder, die von ihren Familien nach Deutschland geschickt werden, weil die Verhältnisse im Heimatland so sind, dass sie sich von der Migration bessere Chancen für die Kinder versprechen.

Oft werden die Kinder von den Familien und von professionellen Schleppern geimpft, was sie sagen dürfen und was nicht. So sind sie häufig gezwungen, mit ihren Geheimnissen in einer Familie zu leben, denen sie nicht erzählen dürfen, was sie wirklich bewegt.

Dies wird noch verstärkt durch eine völlig unsichere Rechtsposition, die es ihnen nicht ermöglicht, sich zu öffnen, weil sie mit Abschiebung rechnen müssen, wenn sie ehrlich sind. So ist es auf der Flucht vergewaltigten Mädchen häufig nicht möglich, sich an die Polizei oder an Beratungsstellen zu wenden.

Eine besondere Schwierigkeit ist es auch, sich in einem völlig fremden Land, dessen Sprache man nicht kennt und dessen Kultur im Miteinander und in der Familie so anders ist, einzuleben. Eine große Herausforderung für die Kinder, aber auch für Pflegeeltern, ist, dass die Familienrollen und die Beziehungen zwischen Erwachsenen und Kindern in den Herkunftsländern oft sehr von unserer, mitteleuropäisch geprägten Kultur abweichen. So kann es beispielsweise für eine zwölfjährige Vietnamesin schwierig sein, in der Pflegefamilie bekocht zu werden, wenn ihre Rolle und Bedeutung in der Familie in Vietnam gerade darin bestand, für die Familie zu kochen. So kommt es zu interkulturellen Missverständnissen, die eine Integration erschweren.

Oft leben die Kinder auch mit dem Gefühl, in Deutschland unwillkommen zu sein, weil sie den unterschwelligen Rassismus im Umfeld spüren, die Blicke, die ihnen zugeworfen werden, die unbedachten Sätze, die sie ertragen müssen, die bürokratischen Schikanen, die sie über sich ergehen lassen müssen. Das Heimweh, dass sie spüren, dürfen sie aber nicht zeigen und ausleben, weil sie andererseits den Familienauftrag, in Deutschland Fuß zu fassen, erfüllen sollen. Erschwerend kommt hinzu, dass Kinder oft in Gegenden geschickt werden, in denen bereits Verwandte wie Onkel oder Tante leben, die aus dem Hintergrund kontrollieren, dass das Kind sich den Intentionen der Familie entsprechend verhält, von denen das Kind aber niemanden erzählen darf. Diese Kinder stehen unter einem großen Druck, ohne jemanden zu haben, mit dem sie wirklich vertrauensvoll sprechen können.

Hochproblematisch ist darüber hinaus die unsichere Perspektive der Kinder. Nicht wenige haben regelrecht Angst vor dem Erwachsenwerden, weil ihnen dann die Abschiebung droht. Hier gibt es einen offenen rechtlichen Konflikt zwischen den Zielen der Jugendhilfe, die den Kindern Chancen bieten möchte und sie unterstützen soll, sich zu integrieren, und den Zielen des Ausländerrechts, das eine Integration weitestgehend verhindern möchte. Nicht selten führt dies auch zu problematischer Praxis der Behörden, die Kinder dazu bewegen, Asylanträge zu unterschreiben, auch wenn diese aussichtslos sind, weil abgelehnte Asylbewerber leichter abgeschoben werden können. Oft werden Jugendliche, die ohne Papiere nach Deutschland kommen, auch zu Erwachsenen erklärt, um zu verhindern, dass sie einen Vormund erhalten, der sich für ihre Belange engagiert. Hier wird von Staatsseite die schwache Position der Kinder und Jugendlichen ausgenutzt, um ausländerrechtliche Ziele durchzusetzen.

 

Pflegekinder mit Behinderung

Eine weitere Gruppe von Pflegekindern, die in einer besonderen Situation leben, sind Pflegekinder mit Behinderung. Für die Pflegefamilie spricht bei jüngeren Kindern, Kleinkindern und Säuglingen die allgemein in Fachkreisen anerkannte Tatsache, dass das Vorhandensein mindestens einer liebevoll zugewandten Bindungs- und Bezugspersonen für die gedeihliche Entwicklung des Kindes eine notwendige Voraussetzung ist, so Christoph Malter, Mitarbeiter der AGSP und Vorstandsmitglied der Bundesarbeitsgemeinschaft Kinder in Adoption und Pflege (BAG KiAP).

Die Unterbringung von jüngeren Kindern mit sogenannten emotionalen Behinderungen ist im Rahmen der Jugendhilfe zumindest aus juristischen und fachlichen Erwägungen eindeutig geregelt und dem SGB VIII zugeordnet. Pflegefamilien sollen selbstverständlich auch Kindern zu Gute kommen, die

  • aufgrund von schwerer emotionaler Vernachlässigung oder Misshandlung,
  • durch Beziehungsabbrüche während der bindungssensiblen Phasen oder
  • durch toxische Einflüsse wie Alkoholabusus und Drogenmissbrauch während der Schwangerschaft nicht nur vorübergehend in ihrer Entwicklung beeinträchtigt sind. Diese Kinder bringen meist chronische Schädigungen im Sinne einer Behinderung mit.

Werden sie in Pflegefamilien untergebracht, gelingt es erfahrenen Pflegeeltern meist recht schnell, dem Kind zu helfen, ihm Sicherheit zu bieten und sich (mehr oder weniger) angemessen und angepasst zu benehmen.

Allerdings lässt die fachliche Beratung von Pflegeeltern an dieser Stelle bedauerlicherweise noch viel zu wünschen übrig: anstatt die emotionale Behinderung des Kindes zur Kenntnis zu nehmen, wird nicht selten nach kurzer Zeit auch von den Pflegeeltern erwartet, dass alle speziellen Probleme des Kindes gelöst sind und die Kinder sich innerhalb der alterstypischen Norm bewegen und auf entsprechende Hilfsmittel oder Hilfen verzichten können, was so gut wie nie gelingt.

Eine leidvolle Debatte bei der Unterbringung von Kindern mit schweren Behinderungen ist die um Zuständigkeiten. Seit vielen Jahren wird immer wieder regelmäßig von Fachkräften reklamiert, dass die ungeklärte Rechtssituation für Kinder und junge Erwachsene mit körperlichen oder geistigen Einschränkungen und Behinderungen ursächlich dafür sei, dass verhältnismäßig viele der Kinder in Institutionen untergebracht werden. Wird erst einmal darauf abgestellt, dass keine „erzieherischen“ Ziele zu verfolgen sind, bzw. erzieherische Defizite der Eltern für die Unterbringung ursächlich sind, verweist § 10 SGB VIII (Verhältnis zu anderen Leistungen und Verpflichtungen) in Absatz 4 auf die Sozialhilfe. So berichtete eine Pflegemutter in einer Studie zu behinderten Pflegekinder: „Die Tatsache, ein Pflegekind und gleichzeitig ein behindertes Kind zu haben, führt zu einem Status für das Kind, den es bei den Behörden nicht gibt. So werden wir immer hin- und hergeschoben zwischen Jugendamt, Sozialamt und Gesundheitsamt.“ Die vielen einzelnen Hilfeleistungen provozieren demzufolge eine Antrags- und Prüfungsflut, die den Alltag der betroffenen Pflegeeltern so dominieren, dass es die Pflegeeltern einen erheblichen Teil ihrer Kraft kostet.

In der selben Studie, die in Zusammenarbeit mit dem Bundesverband behinderter Pflegekinder erarbeitet wurde, und an der 187 Familien teilnahmen, kam man zu folgenden Ergebnissen:

  • Erstaunlich war die hohe Kontinuität in den Pflegen. Die durchschnittliche Dauer lag mit über 6 Jahren im Mittel über dem Bundesdurchschnitt bei Vollzeitpflege und viele Pflegen dauerten sogar weit über 10 Jahre.
  • Ein hoher Anteil der Kinder (43%) kam im Säuglingsalter zu den Pflegeeltern.
  • Auf den Spitzenplätzen der Problemlagen waren mit 50% der Nennungen rechtliche und wirtschaftliche Probleme genannt, gefolgt von Problemen mit dem Jugendamt.

Interessant war, dass wir Unterschiede in den Problemlagen identifizieren konnten zwischen Pflegekindern, die keinen Schwerbehindertenausweis haben und solchen Kindern mit 100%iger Schwerbehinderung. Besonders gravierend sind die Unterschiede bei den Kategorien „Probleme mit dem Pflegekind selbst und seiner Persönlichkeit“ und „Probleme der Kinder in der Familie untereinander“. Diese werden häufiger von Pflegeeltern angekreuzt, die Kinder mit seelischer Behinderung (ohne Schwerbehindertenausweis) aufgenommen haben, wogegen Pflegeeltern mit schwerstbehinderten Kindern eher wirtschaftliche Hilfen als großen Problembereich benennen.

Ob es gelingen wird, beim Vorliegen von Ansprüchen gegenüber unterschiedlichen Leistungsträgern, durch die Bewilligung von Komplexleistungen gemäß SGB IX eine tatsächliche Verbesserung zu erreichen, bleibt eine spannende in die Zukunft gerichtete Frage. Durch eine Änderung im § 10 SGB VIII (Jugendhilfe) und entsprechende Landesverordnungen könnte leicht bewirkt werden, dass Jugendämter auch Kinder mit Behinderungen im Rahmen der Eingliederungshilfe in Pflegefamilien vermitteln und diese betreuen, was in Sozialämtern nur erschwert zu leisten wäre. Für den Übergang ins Erwachsenenleben wird aber auch in der Sozialhilfe eine Anerkennung der Pflegefamilien benötigt, wenn man nicht weiterhin einseitig teure institutionelle Unterbringungen privilegieren will und der Menschlichkeit  ausreichend Rechnung tragen möchte.

 

Beratung und Therapie in Pflegefamilien

Viele Pflegefamilien klagen darüber, dass sie von Seiten der Jugendämter nicht hinreichend Unterstützung erhalten und dass sie sich unverstanden fühlen, wenn sie sich an Familien- oder Erziehungsberatungsstellen wenden. Karo Babelscheck vom Fachzentrum für Pflegefamilien betonte in ihrem Vortrag, dass gerade in der Beratung häufig Fehler passierten, weil die klassische Familienberatung und –therapie die besonderen Rahmenbedingungen des Pflegekinderwesens nicht im Blick habe. Dies sei ihr in ihrer Arbeit auch schon passiert, als sie sich noch nicht mit Pflegefamilien befasst habe.

So sei beispielsweise der besondere Druck, der auf Pflegefamilien laste, weil sie als „öffentliche Familie“ wahrgenommen werden, die im Focus von Ämtern, Herkunftsfamilie, Nachbarn, Kita und Schule steht, dringend bei der Beratung oder Familientherapie zu berücksichtigen. Pflegeeltern hilft es nicht, wenn über Beratung oder Therapie der ohnehin auf ihnen lastende Druck erhöht wird.

Außerdem müssen Berater und Therapeuten die geringere Autonomie der Pflegefamilie berücksichtigen, die sich aus ihrer rechtlichen Sonderstellung ergibt. Keine andere Familie ist in Fragen des Sorge- und Umgangsrechts der bei ihnen lebenden Kinder so eingeschränkt handlungsfähig wie die Pflegefamilie, die darüber hinaus auch durch die Kooperationsbeziehungen in der Hilfe zur Erziehung nur eingeschränkt selbstbestimmt handeln kann.

Da die Pflegefamilie nicht nur Familie, sondern gleichzeitig auch semiprofessionellle Hilfe zur Erziehung ist, sind die Rollen, in denen sich die Familienmitglieder befinden, weitaus komplexer, als die Rollen in herkömmlichen Familien. Familienmitglieder sind eben nicht nur Vater, Mutter oder Kinder/ Geschwister, sondern gleichzeitig auch Pflegevater, Pflegemutter und Geschwister eines Kindes, dass auf unbestimmte Zeit in der Familie lebt und auf Grund seiner problematischen Vorerfahrungen besondere Unterstützung benötigt.

Berater und Therapeuten, die in Pflegefamilien arbeiten, müssen außerdem stets im Blick haben, dass bestimmte Annahmen, insbesondere der systemischen Familientherapie und –beratung, in der Pflegefamilie nur eingeschränkt gelten. So wird in diesem Beratungssetting normalerweise davon ausgegangen, dass das Kind „Symptomträger“ ist, soll heißen, dass sein Verhalten eine Reaktion auf bestimmte Verhaltensweisen im Familiensystem ist. Dies gilt für Pflegefamilien nur eingeschränkt, weil Pflegekinder auf Grund ihrer Vorerfahrungen eben häufig ein Verhalten zeigen, dass sich nicht auf die aktuelle Situation in der Pflegefamilie, sondern auf die vorherigen Erlebnisse in der Herkunftsfamilie bezieht. Wenn die Kinder die Familien verwechseln, müssen Berater und Therapeuten dies wahrnehmen und erkennen, dass das Kind in diesen Situationen eben nicht Symptomträger für das Verhalten der Pflegeeltern ist.

Schließlich sollten Berater im Blick haben, dass er in einer Krisensituation mit Semiprofessionellen Klienten zusammenarbeitet, weil es sich um eine Hilfe innerhalb von Hilfe zur Erziehung handelt, letztendlich die Klienten selbst auch Helfende sind.

Diese Besonderheiten des „Systems Pflegefamilie“ führen zu besonderen Anforderungen an Therapeuten und Berater. Die deshalb besondere Fortbildung benötigen.

Dies bestätigte auch Steffen Szwillus, der als selbständiger Familientherapeut in Magdeburg arbeitet und eine Zusatzausbildung in Aufsuchender Pflegefamilientherapie belegt hat.

 

Fazit

Durch die verschiedenen Vorträge wurde noch einmal bewusst, wie vielfältig das Pflegekinderwesen in allen seinen Facetten ist und unter welchen oft schwierigen Rahmenbedingungen die Pflegefamilien und die Pflegekinderdienste ihre verantwortungsvolle Aufgabe angehen müssen. Für alle Beteiligten hat sich der Ausflug an die Ränder des Pflegekinderwesens an diesem informationsreichen Tag gelohnt.

Die Dokumentation der einzelnen Beiträge:

Zusammenarbeit mit der Herkunftsfamilie

Das neue Familienverfahrensrecht

Pflegekinder mit Migrationshintergrund

Zwischen Stigma und Rechtsanspruch – Pflegekinder mit Behinderung

Therapie und Beratung in der Pflegefamilie