Familienpflege als Hilfe zur Erziehung – Möglichkeiten, Grenzen und Qualitätsanforderungen

von Irmela Wiemann

Interessenkollisionen zwischen Herkunftsfamilie, Jugendamt und Pflegefamilie bringen das Konstrukt »private Pflegefamilie« als Hilfe zur Erziehung oftmals an seine Grenzen. Viele Kinder und Jugendliche, die gemäß § 33 KJHG in Vollzeitpflege untergebracht sind, leben in einem Spannungsfeld und damit im seelischen Dauerstress. Bei der Vermittlung von Kindern und Jugendlichen in eine Pflegefamilie darf es sich nicht einfach um eine preiswerte Alternative zum Heim handeln. Damit sie sich als pädagogisch wertvoll erweist und sich Kinder und Jugendliche in der Familienpflege positiv entwickeln können, müssen viele soziale, perspektivische und psychologische Variablen miteinander abgestimmt werden und eine qualifizierte Betreuung für Pflegeeltern, Kinder und Jugendliche und Herkunftseltern ermöglicht werden.

 

Die Pflegfamilie – strukturell ein kompliziertes Gebilde

Bei der Hilfe zur Erziehung nach § 33 KJHG wird kein professioneller Anbieter beauftragt, sondern eine private Familie. Die öffentliche Jugendhilfe wandert auf einem schwierigen Grat, indem sie ganz persönliche Motive der Menschen, die ein Kind aufnehmen wollen, mit den Interessen der Jugendhilfe zu verbinden sucht. Pflegeeltern bekommen Pflegegeld für den Unterhalt des Kindes und einen Erziehungsbeitrag von derzeit 371,- DM zur Anerkennung der pädagogischen Leistung. Mit 371,- DM ist der immense Rund-um-die-Uhr-Einsatz von Pflegeeltern nicht abzugelten. Ohne private Ressourcen und einen hohen Anteil von unbezahltem Engagement entspräche die Maßnahme Familienpflege auch nicht dem Interesse der Kinder. Zugleich sind Pflegeeltern Vertragspartner des Jugendamtes und sorgen im Auftrag der Herkunftseltern für die Kinder. Sie werden regelmäßig zur Hilfeplanung herangezogen. Nehmen wir die Bezahlung als Symbol, dann besteht ein Pflegeverhältnis zu einem großen Anteil aus privatem Engagement und zu einem kleinen Anteil aus bezahlter, professioneller Tätigkeit.

Rolle und Status in der Pflegefamilie – auch für das Pflegekind widersprüchlich

Hat ein Heimkind eine innige Beziehung zu einer Heimerzieherin, so steht diese nicht in Konkurrenz zur Bindung an eigene Eltern und Geschwister. Kommt ein Kind hingegen in eine Pflegefamilie, so wird ihm eine Alternative zu seiner eigenen Familie angeboten. Die Jugendhilfemaßnahme Familienpflege hat einen hohen Aufforderungscharakter, sich als Kind der Familie zu definieren. Selbst Jugendliche setzen sich häufig unter den Zwang, sich für die eine und gegen die andere Familie zu entscheiden, um wieder »Ordnung« in ihr Leben zu bringen. Dazu vergleicht das Pflegekind seine Pflegefamilie mit der eigenen Familie und begreift, dass seine Eltern vieles nicht leisten können, was für die Pflegeeltern selbstverständlich ist. Dies erlebt das Kind als Niederlage.

Je nach Alter der Inpflegegabe hat auch das Kind oftmals Zweifel, wie sehr es die Pflegeeltern als Eltern definieren darf. Manchmal wird vom Pflegekind und Pflegeeltern die »nur« soziale Elternschaft als weniger wertvoll und tragfähig eingestuft. Viele Jugendliche sind erschrocken, wenn sie erfahren, dass die Pflegeeltern »Geld« bekommen. Sie fragen sich, ob sie um ihrer selbst willen geliebt werden oder ob die Familie sie nur betreut, weil sie bezahlt wird. Dieses Thema wird oftmals in Pflegefamilien tabuisiert. Auch hier hat das Heimkind viel eindeutigere Grundlagen: Es gibt keinen Zweifel, dass das Heim der Arbeitsplatz der Bezugspersonen ist, auch wenn mit dieser Arbeit ein nicht bezahlbarer emotionaler Anteil verknüpft ist.

Streitthema: Rückkehroption des Kindes

Die Frage nach der Rückkehr von Pflegekindern in ihre Herkunftsfamilie ist ein altes Konfliktfeld zwischen Allgemeinen Sozialen Diensten und Spezialdiensten für Pflegekinder. Die Fachkräfte der Allgemeinen Sozialen Dienste (ASD) werfen den Pflegekinderdiensten (PKD) vor, eine Rückkehr der Pflegekinder in ihre eigene Familie sei nahezu ausgeschlossen. Die Pflegekinderdienste vertreten häufig, dass Kinder sich in Familien binden und nicht beliebig wieder umplatzierbar sind.

Hat ein Kind jahrelang im Heim gelebt und seine Beziehung zu seinen Eltern aufrechterhalten, so wird es meist im Interesse des Kindes liegen, zu seiner Familie zurückzukehren, wenn sich deren Situation nachhaltig verbessert hat. Wurde das Kind hingegen als Hilfe zur Erziehung in eine andere Familie integriert, liegt es meist nicht im Interesse des Kindes, dieses Zuhause wieder aufzugeben, selbst wenn es seinen Eltern viel besser geht. Somit ist mit der Maßnahme »Familienpflege« durch den Austausch der Familien eine Rückführung in weitere Ferne gerückt, als bei einer Heimunterbringung. Auch der Gesetzgeber schützt mit dem § 1632 Abs. 4 BGB die frühen Bindungen eines Kindes an seine Pflegeperson.

Je jünger ein Kind zu sozialen Eltern kommt, desto stärker entwickelt es eine Bindung an diese Menschen, ganz gleich, wie professionell die Erwachsenen ihre Rolle sehen. Die Familienpflege wird schließlich seit den siebziger Jahren gegenüber der Heimerziehung favorisiert: Sie gilt als pädagogisch wertvoller, weil das Kind hier Familienbindungen eingehen kann. Sie dürfen ihm nicht beliebig wieder fortgenommen werden. Somit ist strukturell gesehen Dauerpflege vor allem dann die zu bevorzugende Hilfe zur Erziehung, wenn vorherzusehen ist, dass Mütter oder Väter nicht wieder für ihr Kind werden sorgen können.

Natürlich gibt es Kinder mit einer Rückkehrperspektive oder einer offenen Perspektive. Hier müssen jedoch von Anfang an ganz besondere Bedingungen geschaffen werden, damit Dauerpflege die geeignete Hilfemaßnahme darstellt.

Kongruenz zwischen den Perspektiven der Kinder und dem Leistungsanbieter Pflegefamilie

Ist absehbar, dass eine Mutter oder ein Vater wieder für das Kind sorgen kann, scheidet die klassische Pflegefamilie aus, bei der ein Kind langfristig zum Teil der Familie wird. Gebraucht wird eine Familie, die eng mit der Herkunftsfamilie zusammenarbeitet und die das Kind ermutigt, seine eigene Familie nicht gegen die Pflegefamilie einzutauschen. Der professionelle Anteil müsste hier eigentlich größer sein als die private Motivation. Die Pflegefamilie darf nicht Ersatzfamilie werden sondern soll Assistenzfamilie für das Kind und seine Herkunftsfamilie sein. Noch komplizierter wird es, wenn zu Beginn der Unterbringung noch nicht klar ist, ob das Kind wieder zu seinen Eltern zurückkehren kann. Liebe und Engagement für ein Kind einzusetzen, das nach einer Zeit wieder fortgehen wird: Welche Privatfamilie ist freiwillig dazu bereit und warum sollte sie es sein? Hier erwartet der Auftraggeber Jugendamt Leistungen vom Anbieter Privatpflegefamilie, die im Repertoire einer Familie nicht vorgesehen sind. Ich kenne Pflegefamilien, die solche Aufträge hervorragend meistern. Doch sie sind selten und sie wurden durch Schulung und vielfältige Unterstützung im Lauf der Jahre zu Anbietern dieser besonderen Variante der Familienpflege. Fast alle Jugendämter verfügen inzwischen über ein Netz von teilprofessionalisierten Bereitschaftspflegeeltern, die Kinder für einen bestimmten Zeitraum aufnehmen. Diese Familien sind auf das Ablösen und Wiederhergeben der Kinder eingestellt und bekommen begleitende Hilfen, um diese schmerzlichen Prozesse bestmöglich zu meistern.

Oberstes Gebot im Pflegekinderwesen muss sein, dass eine Pflegefamilie nur zu dem herangezogen wird, was sie auch leisten kann. Die Verantwortlichen müssen bei der Weichenstellung klären: Will die Pflegefamilie Assistenzfamilie oder Ersatzfamilie, Familie auf Dauer oder auf Zeit sein? Wie hoch ist der Anteil privater Motivation und wie groß der professionelle Anteil? Und die Perspektiven der Kinder und ihrer Herkunftseltern müssen zu dem, was die Pflegefamilie leisten kann, passen.
Rückkehr in die Herkunftsfamilie – nicht ohne umfassende Konzeption

Rückführung muss sich an den Bedürfnissen der Kinder orientieren: Sie darf weder zum radikalen Verlust noch zum völligen Neuanfang von Beziehung führen. Säuglinge und Kleinkinder können später nur in ihre Herkunftsfamilie überwechseln, ohne erheblichen seelischen Schaden zu erleiden, wenn die Mutter oder der Vater neben der Pflegefamilie gleichrangige Bindungsperson für das Kind geblieben ist.

Die nachfolgende Hilfe zur Erziehung nach einer Heimunterbringung kann beispielsweise eine sozialpädagogische Familienhilfe sein, die bei der Integration des Kindes in seine alte Familie hilft. Der Wechsel von einer Pflegefamilie, in der das Kind sich zuhause gefühlt hat, zurück in seine Herkunftsfamilie, hat eine andere Qualität und andere Konsequenzen: Das Kind sollte langfristig Beziehungen zu zwei Familien behalten dürfen. Es gehört zu einer guten Konzeption von Rückführung, dass ein Kind, das Jahre in einer Pflegefamilie verbracht hat, diese nie mehr vollständig verlieren sollte. Hier müssen Möglichkeiten der Nachbetreuung institutionalisiert und die Akzeptanz der Herkunftsfamilien für eine solche teilweise Fortsetzung des bisherigen Pflegeverhältnisses gefördert werden.
Keine Qualität ohne intensive Beratung, Betreuung und Schulung von Pflegeeltern

»Ich war schon ein Jahr lang nicht in der Pflegefamilie M. Wenn keine Konflikte auftauchen, dann habe ich außer dem Hilfeplangespräch keinen Kontakt.« Diese Aussage einer Mitarbeiterin eines Pflegekinderdienstes ist keine Ausnahme. Der Schlüssel der von einer Vollzeitkraft zu betreuenden Pflegekinder liegt in einigen Jugendämtern bei über 100, in einigen bei 80 und bei wenigen Jugendämtern bei etwa 30. In vielen Kommunen und Landkreisen werden hochgradig seelisch verletzte Kinder in Pflegefamilien vermittelt, doch die im KJHG geforderte Fachberatung und Unterstützung ist wegen der zu knapp bemessenen Personalsituation kaum leistbar. Erst bei Fallzahlen von maximal 25 Pflegekindern pro Vollzeit-Fachkraft ist annähernd eine angemessene Betreuung des Pflegeverhältnisses gewährleistet.

Noch immer gehen die meisten Pflegeeltern (manchmal auch die Fachkräfte) davon aus, wenn ein Kind Liebe, Halt und Ordnung bekommt, dann würde es sich in absehbarer Zeit zu einem »normalen Kind« entwickeln. Doch dies tritt nur teilweise ein. Nur selten kommt ein Pflegekind als Säugling in eine neue Familie. Deprivationen und Traumatisierung hinterlassen Spuren in der Seele der Kinder. Pflegeeltern müssen damit leben lernen, dass das Pflegekind sich in Teilen positiv entwickelt und in anderen Bereichen noch lange regressiv bleibt und oft ein hoher Förderbedarf besteht. Frühe Bindungsmuster, Regeln und Normen haben das Kind geprägt. Oftmals hat das Kind keine stabile Gewissensbildung durchlaufen, sodass Fähigkeiten von Selbstkontrolle und Selbstverantwortung vermindert sind. Pflegeeltern sind häufig einem erhöhten Druck aus Kindergarten, Schule, Nachbarschaft und Verwandtschaft ausgesetzt, da ihnen die Verhaltensprobleme der Kinder angelastet werden.

Emotional müssen Pflegeeltern lernen, der Herkunftsfamilie des Kindes einen angemessenen Platz einzuräumen. Damit helfen sie dem Kind, Identitäts- und Loyalitätskonflikte abzumildern. Pflegeeltern werden im § 37 KJHG zur Zusammenarbeit mit der Herkunftsfamilie des Kindes verpflichtet. Die Erfahrung zeigt, dass jene Mütter oder Väter ihren Kindern am ehesten gönnen, in einer anderen Familie groß zu werden, die von den Pflegeeltern miteinbezogen und trotz ihrer Schwächen und Grenzen geachtet werden.

Ohne intensive Beratung und fachliche Unterstützung können Pflegeeltern diese vielfältigen, im Interesse der Kinder an sie gestellten Anforderungen nicht erfüllen.
Intensive Beratung für Herkunftseltern

Mütter und Väter, deren Kind in einer anderen Familie lebt, brauchen, anders als Eltern, deren Kind im Heim lebt, spezifische Beratung, wie sie in dem komplizierten Netz zweier Familien ihren Platz finden können. Die intensive Betreuung und Unterstützung, die diese Eltern zusätzlich zum Hilfeplanverfahren benötigen, kann aus Kapazitätsgründen vom ASD kaum im notwendigen Umfang geleistet werden und wird vom Pflegekinderdienst aus Zuständigkeitsgründen oder Kapazitätsgründen häufig nicht mitgeleistet.

Mütter und Väter, deren Kind bei anderen Menschen groß wird, fühlen sich als Außenseiterinnen und Außenseiter. Und sie empfinden Scham, Trauer, Bitterkeit. Stark ist ihr Bedürfnis nach Wiedergutmachung und Rückgängigmachen dieses schweren Einbruchs im Leben. Deshalb können Herkunftseltern oft nicht gut unterscheiden: Was tun sie, um ihren Seelenfrieden wiederzufinden und was entspricht dem Interesse ihres Kindes?

 

Hilfe durch Gruppenarbeit
In der Kinder-Jugend-Eltern-Beratung Gallus in Frankfurt am Main bildet die Beratung von Herkunftseltern einen Schwerpunkt neben der Beratung von Pflege- und Adoptivfamilien. Dazu wird fachlich angeleitete Gruppenarbeit für diese Eltern angeboten. Wir haben im Januar 2001 mit einem Wochenendseminar begonnen und bieten kontinuierlich Tagesveranstaltungen an. In diesen Gruppen wird deutlich, dass viele Herkunftseltern noch nie andere Menschen in ähnlicher Situation getroffen haben. Sie lernen in der Gruppenarbeit die Bedeutung und den Wert von leiblicher und sozialer Elternschaft realer einzuordnen, sie vollziehen die Integration vergangener schwieriger krisenhafter Lebensphasen in die Gegenwart und sie trennen stärker zwischen eigenen Wünschen und den realen Interessen der Kinder. Einige Teilnehmerinnen und Teilnehmer haben am Ende des Seminars eine ausgesöhntere Haltung zu der Fremdplatzierung ihrer Kinder.
Balance zwischen Herkunfts- und Pflegefamilie herstellen

Aus meiner nun fast 25-jährigen beraterischen und therapeutischen Arbeit mit Pflegekindern, ihren Pflege- und ihren Ursprungsfamilien, hat sich als wichtigstes Prinzip erwiesen: Dort, wo es ein Einvernehmen, eine Akzeptanz und eine Balance zwischen den beiden Familien gibt, können Kinder am zufriedensten mit ihrer Ausnahmesituation leben. So wie Scheidungskinder sich nur dann gut entwickeln, wenn beide Elternteile das Kind darin unterstützen, den anderen Elternteil zu lieben, so benötigt das Pflegekind die Erlaubnis seiner Herkunftsfamilie, sich in der Pflegefamilie daheim zu fühlen und von der Pflegefamilie die Zustimmung, den eigenen Eltern einen angemessenen Platz im Leben einzurichten, zunächst einmal unabhängig davon, ob Kontakte stattfinden oder nicht.

Ich habe für einige Jugendämter Wochenendseminare mit Pflegeeltern und Herkunftseltern gemeinsam gestaltet. Hier stieg das gegenseitige Verständnis in erheblichem Maße. Beiden Seiten wurde emotional klar, dass sie ein zentrales gemeinsames Interesse haben, nämlich das Wohlergehen der Kinder.

Selbstverständlich gibt es und wird es weiterhin Herkunfts- und Pflegeeltern geben, die sich solch intensiven Bemühungen um eine Befriedung der beiden Familien im Interesse der Kinder und Jugendlichen entziehen. Ist eine Mutter oder ein Vater überhaupt nicht mit der Unterbringung in einer Pflegefamilie einverstanden, kann eine Heimunterbringung manchmal angemessener sein, bevor das Kind dauerhaft im Loyalitätskonflikt zerrieben wird. Ist ein Kind jedoch noch jung, so kann ihm das Aufwachsen im Heim erspart werden, wenn Pflegeeltern gefunden werden, die das nicht vorhandene Einverständnis der Herkunftseltern emotional aushalten und ausgleichen und die ablehnende Haltung respektieren, z.B. mit folgenden Worten: »Ich würde an Ihrer Stelle vielleicht auch so handeln. Ich kann Sie verstehen.« Und das Kind benötigt die Botschaft: »Ich kann deine Mutter bzw. deinen Vater verstehen, dass sie dich nicht hergeben wollten. Sie erkennen noch nicht, dass sie es nicht alleine geschafft hätten. Ich bin deinen Eltern überhaupt nicht böse.«
Direkte Information des Kindes durch die verantwortlichen Fachkräfte

Häufig wird die Chance versäumt, Kinder von klein auf über ihr Schicksal und ihre Rolle in der Pflegefamilie angemessen zu informieren. Hilfreich ist es, wenn von den verantwortlichen Fachdiensten nicht nur ein Pflegevertrag mit den Pflegeeltern geschlossen wird, sondern das Kind auch eine »Kinderakte« überreicht bekommt, ein Dokument, aus dem in kindgerechter Weise hervorgeht, weshalb das Kind nicht bei seiner Herkunftsfamilie bleiben konnte und dass es ein Vertragsverhältnis zwischen Herkunftsfamilie, Pflegefamilie und Jugendamt gibt. Es ist für Kinder schon von fünf Jahren an außerordentlich hilfreich, wenn ihnen beispielsweise vorgelesen wird:

»Deine erste Mama und dein erster Papa haben dir das Leben gegeben. Aber sie können dir kein Zuhause geben. Wenn Eltern nicht selbst für ihr Kind da sein können, dann haben sie Anspruch darauf, dass ihnen jemand dabei hilft. Das Jugendamt hat ihnen geholfen und hat deine Pflegeeltern gesucht. Und deine Pflegeeltern helfen deinen Eltern, indem sie jetzt jeden Tag für dich da sind. Du wohnst bei ihnen und hast sie lieb. Du hast zweimal Eltern: Eltern, die dir das Leben gegeben haben und Pflegeeltern, die du so lieb hast, wie Eltern.«

Die Klarheit gibt Kindern Stärke. Selbst über die Bezahlung des Pflegeverhältnisses sollte ein Kind früh unterrichtet werden, damit später böse Überraschungen vermieden werden. Hier könnte dem Kind gesagt werden:

»Deine Pflegeeltern bekommen etwas Geld für dein Essen, deine Kleidung und deine Miete und dafür, dass sie immer für dich da sind. Aber sie haben dich nicht wegen des Geldes aufgenommen. Dafür ist es viel zu wenig Geld. Sie wollen für dich da sein und dich lieb haben. Das Geld ist eine Erleichterung und es erinnert daran, dass deine Pflegeeltern für deine Eltern eingesprungen sind und im Auftrag des Jugendamtes mit dir zusammenleben.«
Fazit

Noch immer gehen viele politisch Verantwortliche davon aus, die Hilfe zur Erziehung in Familienpflege sei beinahe zum Nulltarif zu haben. Kinder und Jugendliche können sich jedoch in einer Pflegefamilie nur gut entwickeln, wenn ein breites Spektrum an Beratung und Unterstützung installiert wird, um der Ausnahmesituation, in der sich Kinder, Pflegeeltern und Herkunftseltern befinden, gerecht zu werden. Qualifizierte Pflegekindervermittlung und -betreuung ist zeit-, kosten- und personalintensiv. Werden die erforderlichen Hilfen nicht spezifisch und umfassend geleistet, so sind Kinder und Jugendliche in Familienpflege qualitativ schlechter gestellt als Kinder in der Heimerziehung.

Literatur

Gintzel (Hrsg.), Erziehung in Pflegefamilien, Münster 1996.

Kaiser u.a., Strukturprobleme von Pflegefamilien – Möglichkeiten und Grenzen von Selbsthilfe. In: Familiendynamik, Stuttgart 1990.

Maywald, Zwischen Trauma und Chance, Trennungen von Kindern im Familienkonflikt, Freiburg 1997.

Rutter, Bindung und Trennung in der frühen Kindheit, München 1978.

Ryan/Walker, Wo gehöre ich hin?, Biografiearbeit mit Kindern und Jugendlichen, Weinheim 1997.

Spangler/Zimmermann (Hrsg.), Die Bindungstheorie; Grundlagen, Forschung und Anwendung, Stuttgart 1995.

Stolte-Friedrichs, Zwischen zwei Familien?, Münster 1995.

Textor/Warndorf (Hrsg.), Familienpflege – Forschung, Vermittlung, Beratung, Freiburg 1995.

Wiemann, Pflege- und Adoptivkinder, Familienbeispiele, Informationen, Konfliktlösungen, Reinbek 2000.

Wiemann, Ratgeber Pflegekinder, Erfahrungen, Hilfen, Perspektiven, Reinbek 2001.

Wiemann, Wie viel Wahrheit braucht mein Kind? Von kleinen Lügen, großen Lasten und dem Mut zur Aufrichtigkeit in der Familie, Reinbek 2001.

Wiemann, Psychologische und soziale Voraussetzungen für die Rückführung von Pflegekindern zu ihren leiblichen Eltern. In: Unsere Jugend, 6/1997, S. 229–237.

Wiemann, Konfliktfeld Rückplatzierung. In: Netz 3/2000, S. 4–7.

Wiemann, Die Auflösung der Spezialdienste für Pflegekinder – ein großer Qualitätsverlust. In: Kindeswohl, 4/2000, S. 8–11.

 

Irmela Wiemann
Kinder-Jugend-Elternberatung der
Kommunalen Kinder-, Jugend- und Familienhilfe
Kostheimer Straße 11,
60326 Frankfurt/M.
e-mail: mail@irmelawiemann.de

aus: Jugendhilfe 5/2001

mit freundlicher Genehmigung von Wolters Kluwer Deutschland / Herrmann-Luchterhand-Verlag, Neuwied