Eignungskriterien zur Auswahl von Pflegeeltern

Neben der Motivation von PflegeelternbewerberInnen spielen bestimmte qualifizierbare Eignungskriterien eine wichtige Grundlage zur Auswahl von Pflegeeltern. Die Festlegung von Eignungskriterien sichert zum einen fachlich-inhaltliche und zum anderen strukturelle Standards. Mit unterschiedlichen Methoden haben die Fachkräfte im Pflegekinderdienst eine sorgfältige Prüfung der Eignung im Rahmen des Bewerberverfahrens vorzunehmen, um wesentliche Voraussetzungen für ein gelingendes Pflegeverhältnis zu schaffen.

von Adrian Einecke für Arbeitsgruppe Qualitätssicherung und Qualitätsmerkmale im Pflegekinderwesen in Sachsen-Anhalt

Mit unterschiedlichen Methoden haben die Fachkräfte im Pflegekinderdienst eine sorgfältige Prüfung der Eignung im Rahmen des Bewerberverfahrens vorzunehmen, um wesentliche Voraussetzungen für ein gelingendes Pflegeverhältnis zu schaffen. Der Pflegekinderdienst erhält damit familienbezogene Aussagen, die im Vermittlungsprozess von Pflegekindern einen nicht zu unterschätzende Wert besitzen die „richtige“ Pflegefamilie zu finden. Eine individuelle Prüfung von PflegeelternberweberInnen sichert darüber hinaus deren Ressourcen und Möglichkeiten für unterschiedlichen Pflegeformen zu erkennen und zu stärken.

Die im folgenden vorgestellte Eignungskriterien stellen eine Auswahl zu prüfender Kriterien dar und erheben keinen Anspruch auf Vollständigkeit. Die Ausprägung der Kriterien bewegt sich zwischen den Polen „sehr deutlich wahrnehmbar“ bis hin zu „nicht feststellbar“. Die Gewichtung der unterschiedlichen Kriterien im Hinblick auf die generelle Eignung muss jedoch immer einzelfallbezogen erfolgen. Damit unterliegt auch die Reihenfolge der aufgeführten Kriterien keinerlei Wertung. Nicht zu vergessen ist, dass die Eruierung der meisten Kriterien im kommunikativen Prozess zwischen BewerberIn und Fachkraft erfolgt, der ein wichtiges Element im Entscheidungsprozess darstellt ( In der Beschreibung der einzelnen Pflegeformen finden sich weitere, auf die Pflegeform bezogene Kriterien. Vor allem was Familienstruktur und Zeitressourcen der Pflegepersonen anbelangt.).

Individuelle Kriterien

sind solche, die vor allem im Kommunikationsprozess zwischen BewerberIn und MitarbeiterIn des Pflegekinderdienstes eruiert werden. Dazu gehören:

Die Motivation der PflegeelternbewerberInnen ein fremdes Kind zur Pflege und Erziehung im eigenen familiären Haushalt aufnehmen zu wollen. Hier spiegeln sich die Wünsche und Vorstellungen der PflegeelternwerberInnen im Bezug auf das Pflegekind wieder.

Mit der Einstellung zur Zeitelternschaft wird eine positive Sichtweise auf das Pflegeverhältnis mit dem Wissen um den Kontakt des Pflegekindes zu seinen leiblichen Eltern und anderen Bezugspersonen umschrieben (im Rahmen gültiger Sorgerechtsvereinbarungen und zum Wohl des Kindes). Damit verbunden ist das Akzeptieren und Fördern der bestehenden Bindungen des Kindes. Elternkontakten ist der erforderliche Stellenwert einzuräumen. Rückführungs- und Trennungsaspekte müssen den Pflegeeltern bewusst sein. Es sollte eine grundsätzliche Bereitschaft vorhanden sein eine Rückführung des Kindes mit zu gestalten.

Pflegepersonen sind in der Lage die Religion des Pflegekindes zu akzeptieren und dieser offen zu begegnen. Pflegepersonen setzen sich aktiv mit der Nationalität/ Kultur des Pflegekindes und Herkunftseltern auseinander. Soweit dies möglich ist und notwendig erscheint sind Pflegepersonen aus einem ähnlichen Kulturkreis zu suchen.

Anderen sozialen Schichten und Lebensformen müssen Pflegeeltern Toleranz entgegenbringen können.

Das Erziehungsverhalten der Pflegepersonen ist vom Einfühlungsvermögen in die individuelle Lebensgeschichte des Pflegekindes geprägt. Es muss die Bedürfnisse und den Entwicklungsstand berücksichtigen und Veränderungen zulassen, um flexibel auf das Pflegekind reagieren zu können. Das Erziehungsverhalten ist in transparenter Weise für alle Familienmitglieder zu gestalten.

Erziehungserfahrungen in Elternschaft über einen längeren Zeitraum sind als wesentliche Faktoren für eine gelingende Erziehung zu betrachten. Gerade für ältere Pflegekinder sind vielfältige praktische Erfahrungen von Bedeutung. Es ist für alle Pflegepersonen wichtig, offen gegenüber neuen Erziehungserfahrungen zu sein.

Die Belastbarkeit und Konfliktfähigkeit von Pflegepersonen sind wenig vorher bestimmbare Kriterien. Hier spielen Vorerfahrungen der BewerberInnen eine wesentliche Rolle und können beispielsweise mit den Fragen: Welche Krisen im Erziehungsalltag habe ich erlebt? Wie habe ich diese bewältigt? Wie gehe ich mit bestimmten Erziehungsproblemen um? umschrieben werden. Im Umgang mit Krisen und Konflikten haben Bewältigungsstrategien der gesamten Familie Bedeutung. In welchen Familiensituationen gab es welche Krisen? Wer hatte welche Anteile bei der Bewältigung? Wie stabil erwies sich die Familienkonstellation?

Darüber hinaus erleben Menschen im Lebenszyklus Krisen. Zum Beispiel die schwere Krankheit der Eltern oder deren Tod oder die Trennung und Scheidung von Lebenspartnern, der Verlust von Kindern, Todgeburten oder eigene Kinderlosigkeit. Wie gehen die PflegeeelternbewerberInnen damit um? Welche Ressourcen konnten und können sie mobilisieren? Die Antworten auf solche und ähnlich Fragen geben wichtige Hinweise auf die Belastbarkeit und Konfliktfähigkeit, auch im Bezug auf besondere Situationen durch Pflegekinder und deren Lebensbereiche.

Pflegepersonen sind in der Lage eigene familiäre und persönliche Bedürfnisse und Ansprüche zu artikulieren. Sie sollten darüber hinaus fähig sein ihre Ansichten aber auch ihre Grenzen im Bezug auf das Pflegeverhältnis gegenüber den Beteiligten durchzusetzen.

Die Gesundheit von Pflegepersonen darf die Pflege und Erziehung von Pflegekindern nicht beeinträchtigen. (Erbkrankheiten, sich in der Familiengenese wiederholende gesundheitliche Probleme dürfen den Erziehungsalltag nicht maßgeblich beeinflussen und die Erziehungsbedingungen dauernd verschlechtern.)

Für die Vermittlung und den Verlauf eines Pflegeverhältnisses ist es unabdingbar Informationen über die momentane Familiensituation und Lebensplanung bezüglich Partnerschaft und Berufstätigkeit offen zu legen. Unter anderem können folgende Fragen eine Rolle spielen.

Beachtung der berufliche Einbindung:

  • Wie konkret ist das Arbeitsverhältnis gestaltet?
  • Ist es möglich in bestimmten Situationen mehr Zeit für die Familie aufzuwenden?
  • Welcher Partner ist der Ansprechpartner für das Pflegekind, den Pflegekinderdienst?
  • Inwieweit bestehen bei beruflicher Verhinderung anderweitige

Betreuungsmöglichkeiten?

  • Gibt es regelmäßige Arbeitszeiten?
  • Können mit dem Arbeitgeber individuelle Absprachen getroffen werden. (z.B. bei häufigeren Krankheiten des Pflegekindes)
  • Welche berufliche Entwicklung kann anstehen? Inwieweit wirkt sich diese verändernd auf die Familie aus?

Beachtung der Partnerschaft:

  • Wie sieht die weitere Lebensplanung bezüglich der Partnerschaft aus? Von welcher Qualität ist die Partnerschaft?
  • Inwieweit ist der Lebenspartner in den Erziehungsalltag eingebunden? Von wem geht die Motivation zur Pflege aus? In welcher Weise akzeptieren beide Partner die Pflege?

Beachtung der Familienstruktur:

  • Anzahl und Geschlecht der vorhandenen, noch zu betreuenden eigenen Kinder
  • Welche Bedürfnisse haben diese?
  • Welche Koalitionen und Subsysteme gibt es in der Familie?
  • Welche Position ist dem zukünftigen Pflegekind zugedacht?
  • Gibt es andere Personen, die einer Pflege durch die BewerberInnen bedürfen (z.B. kranke Eltern, Großeltern)
  • Welche anderen Personen aus dem familiären, nachbarschaftlichen Umfeld sind in die Erziehung eingebunden?

Pflegepersonen sind grundsätzlich in der Lage und bereit ihr eigenes Handeln im Bezug zum Pflegeverhältnis zu reflektieren. Pflegepersonen beteiligen sich aktiv an Vorbereitungs- und Qualifizierungskursen. Sie sind in der Lage nicht nur bei Problemen und Krisen Beratungs- und Unterstützungsangebote wahrzunehmen. Sie sind darüber hinaus bereit, auch das Handeln anderer beteiligter Familienangehöriger reflexiv zu betrachten, offen und ehrlich Familiensituationen zu beschreiben und ggf. Veränderungen anzustreben.

Pflegepersonen zeigen die Bereitschaft zur Teilnahme an Qualifizierungsmaßnahmen in Vorbereitung und Begleitung auf ein Pflegeverhältnis. Sie nehmen aktiv an Vorbereitungskursen, Fortbildungsveranstaltungen und Fachtagungen teil. Darüber hinaus sind sie bereit an Beratungen zum Pflegeverhältnis teilzunehmen und/ oder Supervisionen zu nutzen.

Pflegeeltern bringen in Bezug zur Mobilität entsprechende Flexibilität mit, um die verschiedensten Termine mit den Pflegekindern wahrnehmen zu können. (Beispielsweise, Fahrten zu bestimmten Arztterminen, Aufrechterhalten von Besuchkontakten)

Pflegepersonen arbeiten aktiv mit den zuständigen Fachdiensten des Jugendamtes und anderer sozialer Dienste zusammen. Insbesondere ist ihre Mitarbeit an der Gestaltung von Perspektiven für das Pflegekind im Rahmen des Hilfeplanverfahrens gefordert.

Die Pflegefamilie ist u.a. durch seine soziale Einbindung und Sichtweisen auf Familiensystem in folgenden Bereichen gekennzeichnet:

  • Pflegefamilie im Großfamilienverbund, mit den ausgesprochenen und unausgesprochenen Wünschen, Erwartungen, Befürchtungen und Ängsten.
  • Wie eigenständig und autonom kann die Kern(Pflege-)-familie agieren.
  • Pflegefamilie ist in seinem sozialem Umfeld akzeptiert und bringt sich vor Ort in das soziale Geschehen ein.
  • Welche Rückzugsmöglichkeiten haben die Pflegepersonen? Wer unterstützt sie bei der Regenerierung ihre Kräfte?
  • Welches Verständnis wird den Pflegepersonen aus ihrem Umfeld und ihrer Familie entgegengebracht?

Pflegepersonen und Pflegefamilien sind in der Lage durch Hobbys, Freizeitgestaltung und Arbeit den eigenen und den Pflegekindern unterschiedliche Anregungsbedingungen zu bieten, die die individuelle Persönlichkeit fördern und stärken. Die Wohnverhältnisse der Pflegefamilie müssen:

  • eine kindgerechte (alters- und entwicklungsabhängig) Einrichtung vorweisen.
  • den Pflegekindern räumliche Rückzugs- und Gestaltungsmöglichkeiten bieten.
  • alters- und entwicklungsentsprechende Beschäftigungsmöglichkeiten im sozialen Umfeld bieten.

Der Altersunterschied zwischen Pflegeperson und Pflegekind (Bei verwandten Pflegepersonen, insbesondere bei Großeltern, ist von einer ausschließlichen Altersgrenze abzusehen.) sollte dem natürlichen Eltern-Kind-Verhältnis entsprechen. Voraussetzung ist jedoch die Volljährigkeit und die Geschäftsfähigkeit. Ähnlich wie bei der Annahme als Kind sollte mindestens ein Elternteil das 25. Lebensjahr vollendet haben und der Partner mindestens 21 Jahre alt sein. Bezüglich des Höchstalters soll gelten, dass bei Volljährigkeit des Pflegekindes die Pflegepersonen das 63. Lebensjahr nicht überschritten haben sollte. Beim Alter kann es sich jedoch nur um Richtwerte handeln. Auch hier gilt, dass das Kindeswohl höchste Priorität besitzt.

Die finanzielle Situation der zukünftigen Pflegepersonen sollte gesichert sein. Das heißt, dass die Pflegefamilie in der Lage sein muss aus dem eigenen finanziellen Einkommen eine Familie problemlos zu versorgen zu können, den Lebensunterhalt gesichert bestreitet. Dazu zählt auch eine vertretbare Verschuldung (Beispielsweise durch Hausbau) und vorhersehbare Tilgung dieser. Alle PflegeelternbewerberInnen müssen dem Kostenträger eine Verdienstbescheinigung und einen Schuldennachweis vorlegen.

PflegeelternbewerberInnen haben dem zuständigen Jugendamt ein polizeiliches Führungszeugnis vorzulegen. Insofern Vorstrafen nicht im Zusammenhang mit Delikten gegen das Kindeswohl (Körperverletzung, Misshandlung, Missbrauch etc.) stehen, sind diese nicht per se ein Hinderungsgrund.

Quelle: Qualitätsmerkmale im Pflegekinderwesen Sachsen-Anhalt

Die eben beschriebenen Qualitätsmerkmale sind ein Teil eines umfassenden Handbuchs, das wahrscheinlich im ersten Quartal 2004 erscheinen wird. Die folgenden Inhalte sind das Arbeitsergebnis einer Tagesveranstaltung und stehen den Beteiligten zur Korrektur, Kritik und Ergänzung zur Verfügung.