Pflegeelternschule Sachsen- Anhalt – Vorbereiten, Beraten und Begleiten

Die ganztägige Betreuung Kinder und Jugendlicher nach § 33 KJHG ist heute ein wesentlicher Bestandteil des Jugendhilfesystems. Schon mit dem Text des Gesetzes wird auf die interdependenten Zusammenhänge von Pflegefamilie, Pflegekind und Herkunftsfamilie verwiesen, wenn für die Ausgestaltung der Hilfe der Entwicklungsstand des Kindes, die persönlichen Bindungen des Kindes und die Verbesserung der Erziehungsbedingungen in der Herkunftsfamilie Beachtung finden. In diesem Beitrag wird dieses System näher beleuchtet, um daraus den Bedarf fachspezifischer Weiterbildungs- und Begleitungsangebote für Pflegeeltern abzuleiten. Daran anschließend wird an einigen Beispielen exemplarisch die Arbeit der Pflegeelternschule verdeutlicht werden.

von Adrian Einecke

Erschienen: Zeitschrift Jugendhilfe, Heft 6/ 2001

(1) Einleitung

Mit dem Anspruch auf Beratung und Unterstützung von Pflegepersonen vor der Aufnahme eines Kindes und während der Dauer der Pflege wird im § 37,2 KJHG der Vorbereitung und prozesshaften Begleitung von Pflegeeltern eine hohe Bedeutung zugewiesen.

Die Zahl der Kinder, die in Pflegefamilien leben, ist in Sachsen-Anhalt mit der Einführung des KJHG sehr schnell gestiegen und befindet sich auf einem unvermindert hohem Niveau. Um diese Form der Hilfe zur Erziehung zunehmend zu stärken und zu fördern unterstützt das Land Sachsen-Anhalt die Schulung von Pflegeeltern mit dem Projekt der landesweit tätigen Pflegeelternschule.

Die Pflegeelternschule versteht sich in ihrem konzeptionellen Ansatz als eine Dienstleistung für Jugendämter, Pflegekinderdienste und Pflegeeltern, indem es Qualifizierungsgebote für Pflegeeltern in der Vorbereitung und Begleitung ihrer Rolle gegenüber dem Pflegekind, der Herkunftsfamilie und als Teil eines professionellen Jugendhilfesystems organisiert und durchführt. Wir ergänzen damit zum einen die Tätigkeit der Pflegekinderdienste. Zum anderen begleitet die Pflegeelternschule, mittels prozessorientierter Angebote direkt die Pflegeeltern und damit auch Pflegekinder und Herkunftsfamilien. Unsere Arbeitsweise ist darauf ausgerichtet, angehenden Pflegeeltern und bestehenden Pflegefamilien möglichst viele Hilfen aus einer Hand zu geben.

(2) Wie ist die Pflegeelternschule entstanden?

Werden Pflegeeltern nach der Notwendigkeit und dem Bedarf von Weiterbildung, gegenseitigem Austausch, fachlicher Beratung und Wertschätzung ihrer Tätigkeit befragt, so lautet die Antwort fast immer, dass es ihnen immens wichtig ist kontinuierlich pädagogisch, psychologisch rechtlich und administrativ für ihr Zusammenleben mit den Pflegekindern und der Zusammenarbeit mit den Herkunftsfamilien unterstützt zu werden.

Aus anfänglich sporadischen Treffen von engagierten Pflegeeltern im Jahr 1991 im Landkreis Halberstadt entwickelte sich ein breit gefächertes Angebot mit 98 Veranstaltungen im Jahr 2000 für Pflegeeltern aus verschiedensten Pflegeformen in fast allen Landkreisen des Landes Sachsen-Anhalt. Diese werden nunmehr durch den neuen Träger der Pflegeelternschule, der landesweit tätigen Stiftung Evangelische Jugendhilfe St. Johannis Bernburg organisiert. Die Tages-, Wochenend- und Abendseminare werden immer mit den jeweils zuständigen Pflegekinderdiensten, den Pflegeeltern selbst und, wenn vorhanden, den örtlichen Pflegeelternvereinen abgestimmt. Es entwickelte sich eine intensive Zusammenarbeit mit vielen Jugendämtern und Vereinen. Mit der Zeit entstanden durch die Förderung des Landes Sachsen-Anhalt 3 Personalstellen, die sich auf vier MitarbeiterInnen unterschiedlicher Qualifikation aufteilen, um dem breiten Spektrum der Angebote und den Bedürfnissen der Pflegeeltern gerecht zu werden.

(3) Das System Pflegefamilie – Pflegekind – Herkunftsfamilie

Die Pflegefamilie befindet sich, wie Grafik 1 deutlich macht, in einem vielschichtigen Sozial- und Kommunikationssystem. Sie ist aus dreierlei Hinsicht keine „Normalfamilie“.

  • Erstens durch die von ihr erwarteten Anforderungen von Fachlichkeit in Bezug auf Aufnahme, Förderung und Erziehung eines Pflegekindes sowie auf die Gestaltung der Beziehung zur Herkunftsfamilie (Anforderungsebene).
  • Zweitens durch eine öffentliche Begleitung/ Kontrolle durch Institutionen und Einrichtungen sowie durch die Einbindung in das Jugendhilfesystem (Fachdienstebene). #
  • Drittens hat die tatsächliche Gestaltung des Alltags mit dem Pflegekind und in der Auseinandersetzung mit der Herkunftsfamilie, direkt durch Besuchskontakte oder anstehender Rückführung und indirekt durch das Erleben und Verhalten des Pflegekindes mit möglichen traumatischen Erfahrungen, Auswirkungen auf die eigene Familiendynamik (Beziehungsebene).

Pflegefamilie ist ein Teil eines sich ständig verändernden komplexen Systems, welches sich an den Lebenswelten der Beteiligten, also der eigenen, der des Pflegekindes und der der Herkunftsfamilie orientiert.

Anders als in den vielen anderen Erziehungshilfen stehen in der Vollzeitpflege mindestens zwei unterschiedliche Familiensysteme nebeneinander und treffen durch das gemeinsame Kind/ Pflegekind zusammen. Es stehen nicht nur die Lebensgeschichte, Motivation und Bedürfnisse der Hilfesuchenden im Mittelpunkt des Interesses der Fachkräfte. Die Beachtung psychosozialer Kompetenzen, räumlicher und organisatorischer Voraussetzungen, Vorstellungen und Erwartungen der aufnehmenden Familie spielen ebenso eine Rolle beim Aufbau und dem Verlauf eines gelingenden Pflegeverhältnisses.

(3.1) Beziehungsebene

Das Pflegekind verbindet direkt zwei verschiedene Lebenswelten mit all seinen Eigenarten, ausgesprochenen und unausgesprochenen Wünschen, Loyalitäten und Bindungspräferenzen. Pflegeeltern gehen auch dann eine Beziehung zur Herkunftsfamilie ein, wenn keine Kontakte bestehen. Dessen sollten sich Pflegeeltern bewusst sein. Der Pflegefamilie wird als Teil eines professionellen Hilfesystem abverlangt sich mit diesen unterschiedlichen Lebenswelten auseinandersetzen. Sie helfen den Pflegekindern nicht, wenn deren bisherige Lebenszusammenhänge als nicht lebenswert beschrieben oder ihnen gar vorenthalten werden . Dies gilt auch für beteiligte Fachkräfte.

Pflegefamilien nehmen fremde Kinder in ihren Haushalt auf. Dies wandelt ihr Beziehungs- und Kommunikationsgefüge, bisherige Rollen werden verändert wahrgenommen und müssen neu definiert werden. Ähnlich einem Mobile haben Veränderungen beteiligter Personen immer Auswirkungen für die Gesamtbalance eines Systems.

Veränderungen begleiten die Pflegefamilie im ganzen Betreuungsprozess. Von der Entscheidung ein Pflegekind aufzunehmen, über erste Gespräche und Kontakte mit dem aufzunehmenden Pflegekind und ggf. der Herkunftsfamilie bis hin zum Abschied vom Pflegekind in Rückführungssituationen. Dazwischen liegt die persönliche Entwicklung des Kindes mit all den Höhen und Tiefen, die alle Eltern kennen. Das Verhalten von Pflegekindern ist in Verkettung mit seinem Erleben und seinen Erfahrungen in der Herkunftsfamilie der Pflegefamilie zu sehen. Nienstedt/ Westermann machen in ihrer Integrationstheorie u.a. deutlich, dass traumatisierte Kinder nach einer Phase der Anpassung ihre Gefühle und Erfahrungen auf die Pflegefamilie übertragen und damit Ängste und Unverständnis hervorrufen können und Pflegeeltern möglicherweise überfordern. Sind diese darauf vorbereitet, können sie in helfender Weise auf das Kind reagieren und es in seiner Entwicklung weiter fördern.

Pflegefamilien setzen sich Anforderungen von MitarbeiterInnen des Jugendamtes, der Herkunftseltern und auch von Freunde und Nachbarn, Arbeitskollegen aus. Die Erwartungen an sie sind hoch. Pflegekinder benötigen zumeist mehr Zeitressourcen und Energie als die eigenen Kinder. Die Zusammenarbeit mit den Herkunftseltern ist oft kräftezehrend und es gibt Momente in denen man an sich und seinen Fähigkeiten zweifelt.

Pflegeeltern leisten ihre pädagogische, ja teilweise therapeutische Arbeit, immer vor dem Hintergrund eigener familiärer Entwicklung und Veränderung. Dieser Zusammenhang ist den Pflegeeltern deutlich zu machen, darauf sind sie vorzubereiten.

(3.2) Fachdienstebene

Die beiden Familiensysteme müssen in Beziehung zueinander betrachtet werden. Pflegeeltern und Herkunftseltern tragen beide Verantwortung zum Gelingen eines Pflegeverhältnisses. Dies setzt einen beiderseitigen Informationsfluss voraus. Für die Anbahnung und Begleitung eines Pflegeverhältnisses sind die zuständigen Jugendämter verantwortlich. Sie haben mit dem Hilfeplanverfahren für die Ausgestaltung des Pflegeverhältnisses ein unumgängliches rechtliches und pädagogisches Steuerungs- und Kommunikationsinstrumentarium zur Verfügung, dass auf beide Familiensysteme direkten Einfluss hat. Im Hilfeplan werden, aufgrund gebotener Transparenz, gemeinsam Ziele und Absprachen für alle Beteiligten vereinbart, um eine dem Wohl des Kindes entsprechende Erziehung zu gewährleisten.

Demzufolge ist ein Schwerpunkt in der Zusammenarbeit mit den Pflegeeltern, ihre kommunikative Fähigkeiten zu fördern und zu stärken und ihnen gleichzeitig Sicherheit in pädagogischer, psychologischer, sozialer und rechtlicher Hinsicht zu vermitteln.

Auf dieser Ebene wird deutlich, wie wichtig die Kooperation von ASD und PKD ist. Pflegefamilien geraten dann in Überforderungssituationen wenn Pflegekind und aufnehmende Familie nicht zusammenpassen, wenn der Herkunfts- und der Pflegefamilie unterschiedliche Aussagen zur zeitlichen Orientierung der Hilfe gegeben werden, wenn die Herkunftseltern ihr Kind unter anderen Bindungsvoraussetzungen in Pflege gibt als die Pflegefamilie leisten kann. Mit Hilfe eines auf Qualitätsstandards ausgerichtetem Auswahlverfahren können ASD und PKD gemeinsam aufgrund der Lebensgeschichte der hilfesuchenden Familie und der Voraussetzungen in den aufnehmenden Familien eine gelingende Pflege initiieren. Im weiteren Verlauf ist die Begleitung beider Familiensysteme, wie im KJHG § 37 festgeschrieben, eine unabdingbare Voraussetzung für ein miteinander der Familiensysteme. Die Pflegeelternschule ergänzt die vom Pflegekinderdienst geleistete Beratungs- und Unterstützungsarbeit hierbei u.a. in drei Bereichen (vgl. Kapitel 3) und bietet in Absprache mit den Beteiligten

  • Vorbereitungs- und Qualifikationskurse
  • Begleitende Weiterbildungsangebote zu spezifischen Themen
  • Fallbegleitung und Praxisberatung.

(3.3) Anforderungsebene

Alle beteiligten Personen und Institutionen beeinflussen sich wechselseitig und unterliegen gesellschaftlichen Prämissen, Normen und Werten, die auf der Anforderungsebene an sie herangetragen und in unterschiedlicher Weise, ggf. konträr, von ihnen interpretiert werden. Dazu zählt z.B. die Subjektivität von Wirklichkeitswahrnehmung in Bezug auf Bedürfnisse und Entwicklungsbedingungen in der Herkunftsfamilie des Kindes oder Jugendlichen. Durch Rückkopplungsprozesse können die Beteiligten auf der Beziehungsebene und Fachdienstebene im Alltagshandeln auf gesellschaftliche Prozesse, Vorstellungen, Normen und Werte Einfluss nehmen. Die Diskussion über die Entwicklung und Einführung von Qualitätsstandard ist ein Ergebnis dessen. Ebenso die zunehmende Akzeptanz von Vollzeitpflege als einen nicht mehr weg zu denkenden Teil der Jugendhilfe. Die Pflegeelternschule beteiligt sich, wie auch Pflegeelternvereine, an diesen fachlichen Diskussionen, um auf diese Weise Pflegefamilien in ihren rechtlichen und pädagogisch-psychologischen Erfordernissen mehr Sicherheit und Souveränität zu ermöglichen.

(4) Der Bedarf von Pflegeeltern und Inhalte von Veranstaltungen der Pflegeelternschule

(4.1) Vorbereitungskurse – Pflegeelternbewerbergruppenarbeit

Die von vielen Jugendämtern regelmäßig organisierten Vorbereitungsseminare für angehende Pflegeeltern betrachten wir als ein Kernstück unserer Arbeit. Zielsetzung ist zukünftigen Pflegeeltern, Unterstützung, Anregung und Hilfestellung in ihrem Entscheidungsprozess ein Pflegekind aufzunehmen zu geben.

Die Inhalte des Vorbereitungsseminars greifen ein möglichst großes Spektrum an Fragen und Problemlagen auf, die auf Pflegefamilien im Verlauf der Inpflegenahme zukommen. Deshalb werden sowohl rechtliche Hintergründe als auch psychologische, pädagogische und medizinische Informationen vermittelt, die einerseits kindzentriert, andererseits aber auch auf die Situation der teilnehmenden Familien gerichtet sind. Die Vielzahl von zu erwartenden Veränderungen und Belastungen wird thematisiert. Wissensvermittlung dient hier dazu, kindliches Verhalten zu verstehen und Handlungskompetenzen zu erweitern.

Der von uns angebotene Themenkatalog umfasst folgende Bereiche und Fragestellungen:

Inhalte eines Vorbereitungskurses für Pflegeelternbewerber

Auf der Fachdienstebene Auf der Beziehungsebene Auf der Anforderungsebene
·         Darstellung der verschiedenen Pflegeformen

·         Pflegefamilie als Teil des Jugendhilfesystems

·         Rechtssituation des Pflegekindes, der Pflegefamilie und der Herkunftsfamilie

·         Beratungs- und Unterstützungsmöglichkeiten

·         Veränderungen in der Familiendynamik

·         Zusammenarbeit mit der Herkunftsfamilien (Besuchsregelungen, etc.)

·         Wünsche und Erwartungen an und von den Beteiligten

·         Entwicklungsphasen von Kindern unter Berücksichtigung von Bindungsverhalten

·         Integrationstheorie nach Nienstedt/ Westermann

·         Traumatische Erfahrungen und deren Verarbeitung

·         Herausnahmegründe aus Familien

·         Trauer und Abschied

·         Trennungserleben von Kindern

·         Pflegefamilie im Blickpunkt von Öffentlichkeit (Verwandte, Freunde, Nachbarn, Einrichtungen u. Institutionen)

·         Rechte und Pflichten der Beteiligten

·         Möglichkeiten der Kompetenzerweiterung und Selbstreflexion

Neben der inhaltlichen Arbeit wird Bezug genommen auf die persönlichen Motivationen der TeilnehmerInnen. Methodisch wird in den einzelnen Veranstaltungen der Vorbereitungsseminare in Abhängigkeit vom jeweiligen Thema, vom Grad des gewachsenen Vertrauens und der Offenheit innerhalb der Gruppe unterschiedlich gearbeitet. Rein rezeptives Lernen nimmt hierbei den geringsten Raum ein. Der Erfahrungsaustausch untereinander, das Lernen an und mit kreativen Medien, durch Rollenspiele und beispielsweise Familienrekonstruktionen sowie anhand von Falldarstellungen hat einen hohen Stellenwert. Der gegenseitigen Beratung und Unterstützung wird breiter Raum gelassen. Dies bedeutet, dass die zugrundeliegende Seminarplanung zwar der Orientierungsrahmen für die praktische und theoretische inhaltliche Arbeit ist, dass aber auch immer wieder Bezug genommen werden kann auf die persönlichen Erwartungen, Befürchtungen und Wünsche der TeilnehmerInnen, die in die Gruppenabende eingebracht und lösungsorientiert bearbeitet werden können.

(4.2) Begleitende Weiterbildungsangebote zu spezifischen Themen

Diese Form der Gruppenarbeit mit bereits bestehenden Pflegefamilien versteht sich als Fortbildungsangebot . Hiermit reagiert die Pflegeelternschule auf unterschiedlichste Bedürfnisse und Interessenlagen. Dies erfordert eine langfristige Planung und detaillierte Absprachen mit den Beteiligten. Die Seminare sollen den Pflegeeltern Anreize bieten, sich mit dem Thema auseinander zusetzen und ihr Alltagshandeln zu reflektieren. Wichtig ist es den gegenseitigen Erfahrungsaustausch strukturiert zu begleiten.

Themenbereiche Pflegefamilie

  • Geschwisterbeziehungen
  • Kommunikationsformen in Pflegefamilien und in Zusammenarbeit mit anderen Beteiligten
  • Familienrituale#
  • Abschied und Trennung von Pflegekindern
  • Erziehungsstile
  • Familienkonstellationen
  • Rollen- und Generationskonflikte
  • Grenzen der Leistbarkeit von Verwandtenpflege
  • Kindheit und Pubertät heute

Themenbereich Pflegekind

  • Begleitung der Integrationsphasen
  • Pubertät und Identität von Pflegekindern
  • Traumatisierungen
  • Pflegekinder werden volljährig
  • Kompetenzen/ Fähigkeiten des Pflegekindes entdecken
  • Biografiearbeit/ Vergangenheitsbewältigung mit Pflegekindern
  • Ursachen von Verhaltensstörungen
  • Frühkindliche Entwicklung
  • Wahrnehmungsstörungen und -förderung
  • Seelische Behinderung
  • Psychische Störungs- und Krankheitsbilder
  • Behinderte Pflegekinder
  • Gewalterfahrungen von Pflegekindern, insbesondere sexueller Missbrauch
  • Prävention von Suchtverhalten bei Pflegekindern

Themenbereich Herkunftsfamilie

  • Herausnahmegründe
  • Inhaltliche Ausgestaltung von Kontakten zwischen Herkunfts- und Pflegefamilie
  • Auswirkungen und Folgen von Suchtverhalten bei Herkunftsfamilien
  • Vorbereitung auf die Rückkehr in Herkunftsfamilien

Themenbereich Recht

  • Vorbereitung, Gestaltung und Verbindlichkeiten in der Hilfeplanung
  • Neues Kindschaftsrecht
  • Rechtliche Stellung des Pflegekindes und der Pflegefamilie
  • Finanzielle Ansprüche von Pflegeeltern
  • Herausnahmeverfahren

Themenbereich Netzwerk

  • Hilfestellung bei der Gründung von Pflegeelternvereinen
  • Begleitung und Beratung von Pflegeelternvereinen
  • Beratungs- und Unterstützungsmöglichkeiten

Zu den gewählten Themen muss in anschaulicher Form Wissen vermittelt werden, damit die Pflegeeltern den alltäglichen Anforderungen aus diesem Bereich entsprechen können. Darum arbeiten wir hier mit verschiedenen Methoden, wie z.B. Vortrag, Kleingruppenarbeit, Diskussionen und verschiedensten Übungen. Die Fachseminare werden als Abendveranstaltungen oder als Tages- bzw. Wochendseminar angeboten.

(3.3) Fallberatung und Praxisbegleitung

Fallbegleitung und Praxisberatung machen einen immer größeren Anteil der Zusammenarbeit mit den Pflegeeltern aus. Viele Pflegeeltern suchen Kontakt und Möglichkeiten zum vertrauensvollen Austausch in kleineren Gruppen unter fachlicher Anleitung, um Lösungen für Schwierigkeiten und Probleme erarbeiten zu können. Hier kommen aktuelle Situationen zur Sprache, die die Betreffenden besonders bewegen. Solcherart Pflegefamiliengruppe versteht sich als Lernraum, der in einer Atmosphäre von emotionaler Wärme und Sicherheit das Gefühl des Nicht-Allein-Seins, der Solidarität und Toleranz vermittelt. Während der Gruppentreffen bieten sich verschiedene Gelegenheiten, sich intensiv mit bestimmten Situationen auseinander zu setzen, Probleme zu reflektieren, Selbstwahrnehmung und Selbstbehauptung zu trainieren. Die Gruppe ist der Ort, wo Alltagsprobleme besprochen und Lösungsansätze erarbeitet werden können. Sicherlich ist die von einer unabhängigen Person geleitete Gruppe die günstigere Form einer effektiven Zusammenarbeit. Hier bleiben z.B. störende Rollenkonflikte und daraus resultierende Hemmungen der TeilnehmerInnen aus, die bei der Leitung oder Anwesenheit durch MitarbeiterInnen des zuständigen Jugendamtes auftreten können.

Generell ist eine bezüglich des Ablaufs strukturierte, hinsichtlich der Inhalte nicht-direktive Gesprächsführung sinnvoll. Günstig ist unseres Erachtens eine Gesprächsführung, die eher durch Leitfragen, klärende Nachfragen, Spiegelungen, zirkuläre Fragetechniken und das Einholen von Anregungen erfolgt. Andere wichtige Methoden sind Genogramm- und Soziogrammarbeit, Familienaufstellungen und -rekonstrukionen, Rollenspiele sowie die Arbeit mit dem Familienbrett. Ressourcenorientiertes Vorgehen hat sich bewährt.

Die Gruppe bietet nach unserem Verständnis Pflegeeltern auch Möglichkeiten, Schmerz und Trauer über eine eventuelle Rückführung des Pflegekindes auszudrücken und zu verarbeiten. Ein weiteres Ziel dieser Praxisberatung besteht darin, schwierige Pflegesituationen rechtzeitig zu erkennen und ungewollte Abbrüche von Pflegeverhältnissen möglichst zu verhindern.

Wir betrachten die Gruppe als eine wirksame Möglichkeit, die Pflegeeltern in der Erfüllung ihrer Aufgabe zu unterstützen, um den Gesprächsbedarf der Betroffenen abzudecken.

(5) Beispiele aus unserer Praxis

Mit der Auswahl der folgenden zwei Fallbeispiele wird ein Ausschnitt der Tätigkeit der Pflegeelternschule dargestellt. Er verdeutlicht die Notwendigkeit einer prozessorientierten Begleitung von Pflegeeltern durch auf das Pflegekinderwesen spezialisierte Fachkräfte, die außerhalb des Jugendamtes angesiedelt sind.

Klarheit Offenheit und Ehrlichkeit

Herr und Frau Feldt besuchten ein Pflegeelternbewerberseminar. In der ersten Veranstaltung zu ihrer Vorstellung ihrer zukünftigen Pflegefamilie befragt äußerten sie, dass sie sich ein Kind wünschen, welches sich später einmal um ihre leibliche behinderte Tochter kümmern und als Ansprechpartner für die zu erledigenden administrativen Vorgänge fungieren könnte. Im Verlauf dieses Kurses ist ihnen deutlich geworden, dass sie nicht ein Kind bekommen, welches sich ohne weiteres in die Strukturen ihrer Familie einpassen lässt. Sie betreuen und pflegen dann ein Kind mit einer von ihnen unabhängigen Lebensgeschichte, eigenen Gewohnheiten und Loyalitäten gegenüber der Herkunftsfamilie und einem möglicherweise völlig anderem Lebensweg als vorgestellt. Wichtig ist in diesem Fall den zukünftigen Pflegeeltern keine falschen Versprechungen zu machen, sondern ihnen die eventuell aufzunehmenden Kinder und ihre Lebensgeschichte mit all den zu erwartenden schwierigen Situationen vorzustellen, um Pflegeabbrüche von vornherein zu verhindern. Dazu gehört auf der anderen Seite ebenso den Pflegeeltern die Möglichkeit zu geben, in einem konstruktiv kritischem Rahmen, ihre Motivation ein Pflegekind aufzunehmen offen und ehrlich darstellen, bearbeiten und verändern zu können.

Rechte von Pflegeeltern und Hilfeplanung

Familie Neuß hatte schon mehrer Pflegekinder aufgenommen. Beide Eltern engagieren sich im örtlichen Pflegeelternverein und haben schon einige Fortbildungsveranstaltungen zum Pflegekinderwesen besucht. Ihre neues Pflegekind, die 7-jährige Anne, ist mit ihren beiden jüngeren Geschwistern aus dem Haushalt der alleinerziehenden und alkoholabhängigen Mutter genommen worden. Anne kam nach kurzem Heimaufenthalt zur Familie Neuß, ihre Geschwister in eine Pflegefamilie aus der Nachbargemeinde. Anne zeigte viele Symptome für ein Kind, das keines mehr sein konnte. In der Herkunftsfamilie hatte sie praktisch die Versorgung der Mutter und der Geschwister übernommen und ist nach Aussagen des PKD vom zeitweiligen Lebenspartner der Mutter körperlich misshandelt worden. Anne wohnt nun seit einigen Monaten bei Familie Neuß und hat sich gut in das bestehende Geschwistergefüge eingelebt. Die Pflegeeltern beklagten sich jedoch massiv über die monatlichen Kontakte zur leiblichen Mutter, nach denen Anne verstört erscheint, unkonzentriert ist und in der Schule kaum zu bändigen wäre. Es vergehen mehrere Tage bis Annes Verhalten sich wieder „normalisiere“. Familie Neuß reagierte mit Unverständnis und Wut auf die leibliche Mutter, die in ihren Augen nicht nur erziehungsunfähig erschien, sondern die von ihnen geleistete Beziehungsarbeit durch ihr Verhalten immer wieder zerstörte.

Im Gespräch mit den Pflegeeltern während eines Seminars zur Zusammenarbeit mit den Herkunftsfamilien stellte sich heraus, dass die Pflegeeltern weder an der gerichtlichen Entscheidung zur Umgangsregelung beteiligt waren, noch mit der leiblichen Mutter gemeinsam an der Hilfeplangestaltung teilnahmen. Beide Familien traten in eine Konkurrenzsituation zu Lasten des Kindes. Die Mutter überhäufte Anne mit Geschenken und Familie Neuß ließ sich in den Hintergrund drängen. Selbst wenn die Pflegeeltern gegenüber Anne ihr Unwohlsein im Bezug zu ihrer Mutter nicht verbalisierten, schwang dieses wahrscheinlich kurz vor und nach den Besuchskontakten mit. Zudem stellte sich heraus, dass der leiblichen Mutter nicht klar war, das ihre Kinder in Dauerpflege sind, wie die Pflegeeltern annahmen. Anne ist Spielball unterschiedlicher Interessen und Erwartungen. Die Umwelt erscheint ihr ohne Sicherheit und dies spiegelt sie mit ihrem scheinbar regelmäßig chaotischem Verhalten.

Anne braucht die Zuwendung ihrer Pflegeeltern, die Gewissheit, dass ihre Mutter sie nicht einfach abschiebt, sie braucht tröstende Worte dafür, dass sie in einer anderen Familie groß werden soll. Die Kontakte zur Mutter können dabei helfen, aber nicht unter den gegebenen Voraussetzungen, der Konkurrenz zweier Familien. Hier wird deutlich, auch erfahrenere Pflegeeltern benötigen immer wieder fachliche Unterstützung, um die jeweils neuen Pflegekinder und ihr bisheriges Umfeld verstehen zu können. Pflegeeltern benötigen darüber hinaus Sicherheit im Umgang mit ihren Rechten und Pflichten. In diesem Falle an den Entscheidungen der Behörden beteiligt zu werden und eine aktive Rolle im Hilfeplanverfahren zu übernehmen.

(6) Qualitätsmanagement/ AdressatInnenbeteiligung

Es ist erforderlich, dass regelmäßig der konkrete Beratungsbedarf und die Interessenslagen von Pflegeeltern, aber auch von den Fachkräften in den Jugendämtern evaluiert werden. Nur durch eine genaue Bedarfsanalyse können die Angebote der Pflegeelternschule auch perspektivisch passgenau zugeschnitten werden, um den bestmöglichen Nutzen für die AdressatInnen zu erzielen. Adressatenbeteiligung erfolgt mit unterschiedlichen Verfahren und auf unterschiedlichen Ebenen. Regelmäßig wiederkehrende Fragebogenerhebungen, Einzelinterviews mit Pflegeeltern und Jugendamtsmitarbeitern werden ebenso eingesetzt, wie ein offenes Themenvorschlagsrecht für alle Beteiligten.

Die inhaltliche Analyse bezieht sich auf bisherige Fort- und Weiterbildungen der Pflegeeltern und der MitarbeiterInnen im Pflegekinderdienst. Es wird für die von uns durchgeführten Veranstaltungen eine Bewertung in Form strukturierter Fragebögen durchgeführt, ausgewertet und in die nächste Planung mit einbezogen. Auf diesem Wege können wir feststellen, ob unsere Veranstaltungen den Wünschen und Bedürfnissen der Adressaten entsprechen, ob die Methoden der Vermittlung richtig gewählt wurden und ob der Referent bzw. die Referentin der/die geeignete ist. Wir halten es für notwendig eine solche Zwischenbilanz zu ziehen, um unsere Angebote auf das Wissens- und Kompetenzniveau der TeilnehmerInnen und den Grad der Vertrautheit der Pflegeeltern miteinander abstimmen zu können.

(7) Weitere Schwerpunkte

Neben der reinen Seminartätigkeit hat sich die Pflegeelternschule verpflichtet ein Informationsnetz für Pflegeeltern im Land Sachsen-Anhalt aufzubauen. Mit einem vierteljährlich erscheinenden Newsletter, werden die Pflegeeltern themenorientiert über interessante pädagogische, psychologische und rechtliche Bedingungen informiert. Der Newsletter ist gleichzeitig eine Plattform für die überregionale Zusammenarbeit von Pflegeeltern durch die Veröffentlichung von Leserbriefen und landesweiten Fortbildungen im Pflegekinderwesen. Dazu wird die Pflegeelternschule im nächsten Jahr eine Homepage eröffnen.

Es gibt eine intensive Zusammenarbeit mit dem Landesverband der Pflege- und Adoptiveltern, die sich in einer gemeinsam organisierten Wochenendbildungsveranstaltung und der regelmäßigen beratenden Teilnahme an Vorstandssitzungen zeigt. Einmal jährlich findet der Tag der Pflegefamilien statt. Dieser hat zum Ziel Pflegekinder und Pflegeeltern aus dem ganzen Land zusammen zu bringen und gemeinsam mit Spaß und Freude den Alltag hinter sich zu lassen und Kraft für das weitere Zusammenleben zu schöpfen. Im letzten Jahr fand eine, in vielen Workshops vorbereitete, Zirkusaufführung statt.

(8) Fazit

Die Pflegeelternschule hat ihren festen Stand im Fortbildungsbegehren der Pflegeeltern gefunden. Nicht zuletzt durch die Förderung des Landes Sachsen-Anhalt leisten sich immer mehr Landkreise eine kontinuierliche Begleitung von Pflegeeltern und nehmen die Dienstleistungen der Pflegeelternschule in Anspruch. Aus den Erfahrungen des letzten Jahres wird in Zukunft die Fachbegleitung von Pflegeeltern einen immer größerer Platz einnehmen.

Es besteht außerdem die Notwendigkeit verstärkt überregional spezielle Weiterbildungen anzubieten, da sich zu Veranstaltungen in den einzelnen Landkreisen zuwenig Interessenten melden würden.

In der Zusammenarbeit mit den Pflegeeltern und den Pflegekinderdiensten stellt sich für die Pflegeelternschule die Notwendigkeit einer landesweit geführten Qualitätsdiskussion zur Vollzeitpflege. Während die Entwicklung von Qualitätskriterien in anderen Bereichen der Jugendhilfe seit Jahren im Gang ist, fristet die Vollzeitpflege eher ein Mauerblümchendasein. Es bedarf der Entwicklung eines einheitliches Auswahlverfahren und darin einbezogener Vorbereitung für Pflegeelternbewerber. Im Vordergrund sollte hierbei der fachliche Austausch aller Beteiligten, der Ämter und übergeordneter Behörden stehen, um für Pflegekinder, Pflegefamilien und Herkunftsfamilien eine transparente und nachvollziehbare Hilfeform zu festigen.

Mit einer veränderten Teamstruktur ist die Stiftung Evangelische Jugendhilfe bemüht die unterschiedlichen Bedürfnisse und Interessenlagen im Hinblick auf Seminartätigkeit, Zusammenarbeit mit den Jugendämtern und Öffentlichkeitswirksamkeit von Vollzeitpflege abzudecken. Wir gehen davon aus, dass mit einem erhöhten Informationsfluss zwischen den Beteiligten und in der Außenwirkung die Motivation, diese Art von Erziehungshilfe einzusetzen, steigt.

Literatur:

  • Born, Herkunftsfamilien – Verantwortung bewusst oder als Eltern versagt? in Jugendhilfe 5/2001 S. 241-246
  • Maywald, Biografiearbeit mit Kindern, in Jugendhilfe 5/2001 S. 235-240
  • Nienstedt/ Westermann, Pflegekinder – psychosoziale Beiträge zur Sozialisation von Kindern in Ersatzfamilien, Münster 1989
  • Wiemann, Ratgeber Pflegekinder, Erfahrungen, Hilfen, Perspektiven, Reinbeck 2001
  • Wiemann, Familienpflege als Hilfe zur Erziehung, in Jugendhilfe 5/2001 S. 229-234

Autor: Adrian Einecke, Diplom-Pädagoge und Systemischer Berater (DGSF)