Wieder zu den Eltern – Über die Herausnahme von Kindern aus der Dauerpflege

von Ernst EllZunehmend stehen Jugendämter (JÄ) und Vormundschaftsgerichte (VMG) vor den Fragen: Sollen Kinder – müssen Kinder – können Kinder wieder aus den Pflegefamilien herausgenommen und den leiblichen Eltern zurückgegeben werden? Das Problem stellt sich besonders bei Kindern, welche in Dauer- oder Adoptionspflege untergebracht sind.

Die Zunahme erklärt sich einmal aus der starken Betonung des Elternrechts im Grundgesetz (GG) und in den geltenden Gesetzen. Ferner auch daraus, daß die JÄ in den letzten Jahren in familiären Notlagen die Kinder eher in Pflegefamilien als in Heime gegeben haben; aus der Erkenntnis, daß eine familiäre Hilfe dem Kind besser tut als eine institutionelle (die als heilpädagogische oder therapeutische Einrichtung bei seelisch schwer gestörten Kindern ihre Aufgabe hat).

Die Zunahme dieser Aufgaben hat noch tiefere Gründe. Durch die Forschungen der Entwicklungspsychologie, der Kinderpsychiatrie, der Verhaltensbiologie und anderer Disziplinen, die dem Kind gelten, kennt man heute die Grundbedürfnisse der Kinder besser als in früheren Zeiten. Auch das Kind „lebt nicht vom Brot allein“. Es genügt nicht mehr, daß es ernährt, gekleidet, gesundheitlich gepflegt wird und eine eigene Bettstatt hat. Die psychische Dimension im Wesen des Kindes wurde immer deutlicher erkannt, und dies nicht nur von Fachleuten, sondern mehr und mehr auch von den Eltern, aber auch von den Pflegeeltern.

Aus diesen Erkenntnissen ergab sich ein gesteigertes Verantwortungsbewußtsein der Pflegeeltern für „ihre“ Kinder. Sie wollen daher-wie gute leibliche Eltern-dem ihnen anvertrauten Kind alles geben, was Kinder brauchen. Die Dauer- und Adoptivpflegeeltern wollen nicht mehr nur flickenartig ein marodes Elternhaus da und dort „ergänzen“, sondern wollen es notfalls durch günstigere äußere und innere Verhältnisse „ersetzen“ Sie wollen dem Kind die Möglichkeit geben, seine emotionalen Bindungsbedürfnisse zu den Pflegeeltern hin zu entwickeln, als Grundlage späterer Bindungs- und damit Liebesfähigkeit. Sie verspüren mehr und mehr eine ganzmenschliche Verantwortung für das ihnen anvertraute Kind, und zwar nicht nur für dessen Gegenwart, sondern ebenso auch für dessen Zukunft.

Aus der vertieften Erkenntnis über das Wesen des Kindes und seiner Bedürfnisse und aus dem gesteigerten Verantwortungsbewußtsein für das Kind ergab sich auch ein gesteigertes Selbstbewußtsein der Pflegeeltern. Sie begnügen sich nicht mehr mit der bescheidenen Rolle, Gehilfe des JAs zu sein und sich nach dessen Weisungen und Anweisungen kritiklos zu richten. Sie empfinden es zunehmend als unwürdig, daß man ihnen zwar das höchste Gut, das eine Gesellschaft hat, nämlich das Kind, anvertraut, aber keine Rechte zu eigenen Entscheidungen gibt.

Dieses neue Selbstbewußtsein zeigen vor allem die Dauer- und Adoptivpflegeeltern. Sie haben meist „ihr“ Kind in ihren Lebensbereich integriert; haben ihr persönliches Leben auf dieses Kind hin neu organisiert; wollen dem Kind eine dauerhafte Heimat geben; wollen ihm vollwertige Eltern sein und verlangen daher zum Wohl des Kindes auch elterliche Rechte.

Aus solcher Verantwortung für das ihnen anvertraute Kind nehmen diese Pflegeeltern ein Herausgabeverlangen der leiblichen Eltern und auch eine Herausgabeanordnung der JÄ und Erstgerichte nicht mehr gottergeben hin; sie wehren sich dagegen und schöpfen alle rechtlichen Möglichkeiten aus, um ihrem Kind die neue Heimat zu erhalten und es zu schützen gegen eine Rückkehr in Verhältnisse, aus denen es vordem herausgenommen werden mußte.

Der Kampf um den Verbleib des anvertrauten Kindes erklärt sich nicht nur aus der Verantwortung für das Kind, sondern auch – der Mensch handelt immer aus einem ganzen Motivbündel – dadurch, daß gerade in den besten Pflegeeltern durch die Arbeit für das Kind im Alltag auch eigene Bindungen an das Kind in ihnen entstanden sind, so daß sie eine persönliche Not erleiden, wenn sie „ihr“ Kind verlieren sollen.

Würde in unserer Gesetzgebung „das Recht des Kindes“ ernster genommen, als dies tatsächlich der Fall ist, dann dürften die Überlegungen nicht vom Recht der leiblichen Eltern, auch nicht von einem Recht der Pflegeeltern ausgehen, sondern vom „Wohl des Kindes“ als dem höchsten Kriterium bei allen Entscheidungen, die das Kind betreffen.

Es gibt keinen Sinn, wenn der Sozialarbeiter oder der psychologische Gutachter dem Gericht psychologisch idealtypische Vorschläge macht, die aber nicht rechtspraktikabel sind. Sozialarbeiter und Gutachter müssen daher sowohl die rechtlichen Grundlagen wie auch die psychologischen Kriterien bei ihren Vorschlägen über die Möglichkeit bzw. Unmöglichkeit der Herausnahme von Kindern aus der Dauer- oder Adoptionpflegefamilie beachten.

Die rechtlichen Grundlagen

Aus Raumgründen können die rechtlichen Grundlagen nur kurz zusammengestellt werden. Sie bedürften an sich einer eingehenderen Behandlung und auch einer kritischen Würdigung unter den Aspekten „Recht des Kindes“ und „Wohl des Kindes“; denn es gibt zahlreiche Widersprüche zwischen Gesetzlichkeit einerseits und Gerechtigkeit andererseits.

Die grundgesetzlichen Grundlagen Art. 1 (1) „Die Würde des Menschen ist unantastbar.“

Art. 2 (1): „Jeder hat das Recht auf freie Entfaltung seiner Persönlichkeit, soweit er nicht die Rechte anderer verletzt und nicht gegen die verfassungsmäßige Ordnung oder das Sittengesetz (! wer bestimmt dies?) verstößt.“ Art. 6 (2): „Pflege und Erziehung der Kinder sind das natürliche Recht der Eltern und die zuvörderst ihnen obliegende Pflicht“.

Art. 6 (3): „Gegen den Willen der Erziehungsberechtigten dürfen Kinder nur auf Grund eines Gesetzes von der Familie getrennt werden, wenn die Erziehungsberechtigten versagen oder wenn die Kinder aus anderen Gründen zu verwahrlosen drohen.“

Die gesetzlichen Bestimmungen

  • 1626 (1) BGB: „Der Vater und die Mutter haben das Recht und die Pflicht, für das minderjährige Kind zu sorgen. Die Elterliche Sorge (ES) umfaßt die Sorge für die Person des Kindes (Personensorge) und das Vermögen des Kindes (Vermögenssorge).“
  • 1631 (1) BGB: „Die Personensorge umfaßt insbesondere das Recht und die Pflicht, das Kind zu pflegen, zu erziehen, zu beaufsichtigen und seinen Aufenthalt zu bestimmen“. – (2): „Entwürdigende Erziehungsmaßnahmen sind unzulässig“.
  • 1632 (1) BGB: „Die Personensorge umfaßt das Recht, die Herausgabe des Kindes von jedem zu verlangen, der es den Eltern oder einem Elternteil widerrechtlich vorenthält“ – (4): „Lebt das Kind seit längerer Zeit in Familienpflege und wollen die Eltern das Kind von den Pflegeeltern wegnehmen, so kann das Vormundschaftsgericht von Amts wegen oder auf Antrag der Pflegeperson anordnen, daß das Kind bei der Pflegeperson verbleibt, wenn und solange für eine solche Anordnung die Voraussetzungen des § 1666 Abs. 1, Satz 1 insbesondere im Hinblick auf Anlaß und Dauer der Familienpflege gegeben sind.“
  • 1666 (1) BGB: „Wird das körperliche, geistige oder seelische Wohl des Kindes durch mißbräuchliche Ausübung der elterlichen Sorge, durch Vernachlässigung des Kindes, durch unverschuldetes Versagen der Eltern oder durch das Verhalten eines Dritten gefährdet, so hat das Vormundschaftsgericht, wenn die Eltern nicht gewillt oder nicht in der Lage sind, die Gefahr abzuwenden, die zur Abwendung der Gefahr erforderlichen Maßnahmen zu treffen. Das Gericht kann auch Maßnahmen mit Wirkung gegen einen Dritten treffen“ – (2): „Das Gericht kann Erklärungen der Eltern oder eines Elternteiles ersetzen.“
  • 1666 a (1) BGB: „Maßnahmen, mit denen eine Trennung des Kindes von der elterlichen Familie verbunden ist, sind nur zulässig, wenn der Gefahr nicht auf andere Weise, auch nicht durch öffentliche Hilfen, begegnet werden kann.“ – (2): „Die gesamte Personensorge darf nur entzogen werden, wenn andere Maßnahmen erfolglos geblieben sind oder wenn anzunehmen ist, daß sie zur Abwendung der Gefahr nicht ausreichen.“
  • 1671 (2) BGB: „Das Gericht trifft (bezüglich der ES) die Regelung, die dem Wohl des Kindes am besten entspricht; hierbei sind auch die Bindungen des Kindes, insbesondere an seine Eltern und Geschwister, zu berücksichtigen.“
  • 28 JWG: „Wer ein Pflegekind aufnimmt (Pflegeperson), bedarf dazu der vorherigen Erlaubnis des Jugendamtes. Kann in Eilfällen die Erlaubnis nicht vorher erwirkt werden, so ist sie unverzüglich nachträglich zu beantragen. Wer mit einem Pflegekind in den Bezirk eines Jugendamtes zuzieht, hat die Erlaubnis zur Fortsetzung der Pflege unverzüglich einzuholen. Die Erlaubnis kann befristet oder unter einer Bedingung erteilt oder mit Auflagen versehen werden.“
  • 29 (1) JWG: „Die Erlaubnis darf nur erteilt werden, wenn in der Pflegestelle das leibliche, geistige und seelische Wohl des Pflegekindes gewährleistet ist.“ – (2): Die Pflegeerlaubnis kann widerrufen werden, wenn das Wohl des Pflegekindes es erfordert.“
  • 1741 (1) BGB: „Die Annahme als Kind ist zulässig, wenn sie dem Wohl des Kindes dient und zu erwarten ist, daß zwischen dem Annehmendem und dem Kind ein ElternKind-Verhältnis entsteht.“
  • 1744 BGB: „Die Annahme soll in der Regel erst ausgesprochen werden, wenn der Annehmende das Kind eine angemessene Zeit in Pflege gehabt hat.“
  • 1747 (1) BGB: „Zur Annahme eines ehelichen Kindes ist die Einwilligung der Eltern erforderlich.“ – (2): „Zur Annahme eines nichtehelichen Kindes ist die Einwilligung der Mutter erforderlich. Die Annahme eines nichtehelichen Kindes durch Dritte ist nicht auszusprechen, wenn der Vater die Ehelicherklärung oder die Annahme des Kindes beantragt hat.“
  • 1748 (1) BGB: „Das Vormundschaftsgericht hat auf Antrag des Kindes die Einwilligung eines Elternteiles zu ersetzen, wenn dieser seine Pflichten gegenüber dem Kind anhaltend gröblich verletzt hat oder durch sein Verhalten gezeigt hat, daß ihm das Kind gleichgültig ist, und wenn das Unterbleiben der Annahme dem Kind zu einem unverhältnismäßigen Nachteil gereichen würde. Die Einwilligung kann auch ersetzt werden, wenn die Pflichtverletzung zwar nicht anhaltend, aber besonders schwer ist und das Kind voraussichtlich nicht mehr der Obhut des Elternteiles anvertraut werden kann.“- (2): „Wegen Gleichgültigkeit, die nicht zugleich eine anhaltend gröbliche Pflichtverletzung ist, darf die Einwilligung nicht ersetzt werden, bevor der Elternteil vom Jugendamt über die Möglichkeit ihrer Ersetzung belehrt und nach § 51 a Abs. 1 des Gesetzes für Jugendwohlfahrt beraten worden ist und seit der Belehrung wenigstens drei Monate verstrichen sind; in der Belehrung ist auf die Frist hinzuweisen. Der Belehrung bedarf es nicht, wenn der Elternteil seinen Aufenthaltsort ohne Hinterlassung seiner neuen Anschrift gewechselt hat und der Aufenthaltsort vom Jugendamt während eines Zeitraumes von drei Monaten trotz angemessener Nachforschungen nicht ermittelt werden konnte; in diesem Falle beginnt die Frist mit der ersten auf die Belehrung und Beratung oder auf die Ermittlung des Aufenthaltsortes gerichteten Handlung des Jugendamtes. Die Fristen laufen frühestens fünf Monate nach der Geburt des Kindes ab.“ – (3): „Die Einwilligung eines Elternteiles kann ferner ersetzt werden, wenn er wegen besonders schwerer geistiger Gebrechen zur Pflege und Erziehung des Kindes dauernd unfähig ist und wenn das Kind bei Unterbleiben der Annahme nicht in einer Familie aufwachsen könnte und dadurch in seiner Entwicklung schwer gefährdet wäre.“

Die höchstrichterlichen Urteile

Das Bundesverfassungsgericht (BVerfG) -1 BvR 349/80 – am 5. 11. 1980: „Wenn sich geschiedene Ehegatten nicht über die Wahrnehmung der ihnen auch nach der Scheidung den gemeinsamen Kindern gegenüber obliegenden Elternverantwortung einigen können, ist der Staat berufen, durch die Gerichte über die widerstreitenden Interessen der Eltern zu entscheiden. Diese Verpflichtung ergibt sich zum einen aus der Aufgabe, die Rechtsordnung und den Rechtsfrieden zu wahren; zum anderen aus dem ihm durch Art. 6 Abs. 2 Satz 2 GG übertragenen Wächteramt. Hierbei ist das Kind als ein Wesen mit eigener Menschenwürde und dem eigenen Recht auf freie Entfaltung der Persönlichkeit unter den besonderen Schutz des Staates gestellt.“

BVerfG am 3. 11. 1982: „Die verfassungsrechtliche Gewährleistung des Elternrechts gilt in erster Linie dem Schutz des Kindes. Sie beruht auf dem Grundgedanken, daß in aller Regel Eltern das Wohl des Kindes mehr am Herzen liegt als irgendeiner anderen Person oder Institution. Das Elternrecht ist Freiheitsrecht im Verhältnis zum Staat, derin das Erziehungsrecht der Eltern grundsätzlich nur eingreifen darf, wenn das ihm nach Art. 6 Abs. 2 Satz 2 GG zukommende Wächteramt dies gebietet. In der Beziehung zum Kind muß dessen Wohl die oberste Richtschnur der elterlichen Pflege und Erziehung sein.“Stetigkeit: „Dieser kommt – wie in der Jugendpsychiatrie und -psychologie anerkannt ist – erhebliche Bedeutung zu. Pechstein: Es entspreche den Erkenntnissen in allen kinderkundlichen Wissenschaftsbereichen, daß die Dauerhaftigkeit familiärer Sozialbeziehungen heute als entscheidende Grundlage für eine stabile und gesunde psychosoziale Entwicklung des heranwachsenden Menschen angesehen wird.“ – „Bei einem etwaigen Widerstreit zwischen den Interessen der Eltern und dem Wohl des Kindes muß dem Kind der Vorrang zukommen. „-„Im Spannungsfeld zwischen Elternrecht und Kindeswohl geht das Wohl des Kindes vor“ (Diese Sätze müssen auch für das Pflegekind Geltung haben).

BVerfG am 17. 10. 1984: „Ist zwischen dem Kind und seinen Pflegeeltern als Folge eines länger andauernden Pflegeverhältnisses eine gewachsene Bindung entstanden, so ist auch die aus dem Kind und den Pflegeeltern bestehende Pflegefamilie durch Art. 6 Abs. 1 GG geschützt („Ehe und Familie stehen unter dem besonderen Schutz der staatlichen Ordnung“), so daß Art. 6 Abs. 3 GG („Gegen den Willen der Erziehungsberechtigten dürfen Kinder nur auf Grund eines Gesetzes von der Familie getrennt werden, wenn – – -„) bei der Entscheidung über die Herausnahme des Kindes aus seiner „sozialen“ Familie auch auf seiten der Pflegeeltern nicht gänzlich außer acht bleiben darf“ -„Es ist mit dem Grundgesetz vereinbar, daß ohne Vorliegen der Voraussetzungen des § 1666 Satz 1 BGB bei der Weggabe des Kindes in Familienpflege allein die Dauer des Pflegeverhältnisses zu einer Verbleibensanordnung nach § 1632 IV BGB führen kann, wenn eine schwere und nachhaltige Schädigung des körperlichen oder seelischen Wohlbefindens des Kindes bei seiner Herausnahme aus der Pflegefamilie zu erwarten ist.“

BVerfG -1 BvR 332/86 – vom 14. 4.1987.: „§ 1632 Abs. 4 BGB ist verfassungskonformdahin auszulegen, daß dem Herausgabeverlangen der Eltern oder eines Elternteiles, mit dem nicht die Zusammenführung der Familie, sondern ein Wechsel der Pflegeeltern bezweckt ist, nur stattzugeben ist, wenn mit hinreichender Sicherheit eine Gefährdung des körperlichen, geistigen und seelischen Wohls des Kindes ausgeschlossen werden kann.“

BVerfG-1 BvR 818/88-vom 12.10.1988: „1. Ein Kind darf aus einer Pflegefamilie herausgenommen und in eine vorgesehene Adoptivfamilie übergeführt werden (Adoptionspflege), auch wenn psychische Beeinträchtigungen des Kindes als Folge der Trennung nicht schlechthin ausgeschlossen werden können. – 2. Gehen die Gerichte in einem solchen Falle davon aus, daß die Trennung des Kindes von den Pflegeeltern zu psychischen Beeinträchtigungen führen werde, so müssen sie überprüfen, ob die vorgesehenen Adoptiveltern in der Lage sind, das Kind ohne dauerhafte Schädigungen in ihre Familie zu integrieren.“

Die psychologischen Kriterien

Den Abs. 4 des § 1632 BGB finden wir heute wie selbstverständlich, und doch ist er erst seit dem 1. 1. 1980 geltendes Recht. Zuvor galt weitgehend die Theorie von der „leichten Umgewöhnung der Kinder, wenn sie in neue familiäre Situationen geraten. So konnte früher den Pflegekindern großes Unrecht angetan werden, mit einem guten Gewissen: gedeckt durch eine Theorie (wie ihnen heute wieder Schaden zugefügt werden soll durch die Theorie von den „günstigen Rahmenbedingungen“ in der neuen Familie; als ob gewachsene Bindungen mühelos und schmerzlos einfach gekappt werden könnten!).

Es besteht kein Zweifel, daß es zwischen Kindern und Eltern, wie auch zwischen Pflegekindern und Pflegeeltern emotionale Beziehungen geben kann von einer solchen Stärke, daß man mit Recht im alltagssprachlichen Sinne von einer „Bindung“ sprechen kann und diese wieder ist nach Bernhard Hassenstein ein „prägungsähnliches“ Geschehnis.

Eine Bindung als prägungsähnlicher Vorgang muß aber nicht schon allein durch eine längere Dauer des Pflegeverhältnisses entstehen. Wenn Kind und Pflegeeltern nicht innerlich zusammenfinden, entsteht unter Umständen lediglich eine Gewöhnung aneinander. Eine solche ist relativ leicht aufzulösen, und das Kind braucht keine Schädigungen zu erleiden, zumal dann nicht, wenn die „Rahmenbedingungen“ in der neuen Familie günstig sind. Ist aber eine „Bindung“ im eigentlichen Sinne dieses Wortes entstanden, dann muß mit größter Wahrscheinlichkeit mit körperlichen und/oder seelischen Schädigungen gerechnet werden, selbst dann, wenn die „Rahmenbedingungen“ in der neuen Familie günstig sein sollten. Ob solche Bindungen entstanden sind, darf nicht einfach mit Verweis auf die Dauer des Pflegeverhältnisses behauptet werden; es muß bewiesen werden durch „die Diagnostik der emotionalen Beziehungen“: durch die Analyse des seitherigen Lebenslaufes + die Testung + die Exploration + die Verhaltensbeobachtung.‘

Trennungsängste

Pflegekinder ahnen oder auch erkennen aus Mimik und Gestik, aus dem Tonfall und überhaupt aus dem veränderten Verhalten der Pflegeeltern, daß Trennungsgefahr besteht. Es entstehen daher schon lange vor der tatsächlichen Herausnahme in den Kindern Trennungsängste. Nach den gemachten Erfahrungen äußern sich diese auf verschiedenen Ebenen:

Auf der sozialen Ebene:. Die Kinder klammern sich an die Pflegeperson; wollen überallhin mitgenommen werden; weigern sich, in den Kindergarten zu gehen; wollen ohne Pflegeperson nicht mehr auf den Spielplatz; wollen nicht mehr allein in ihrem Zimmer, sondern bei den Pflegeeltern schlafen; haben Einschlafschwierigkeiten.

Auf der affektiven Ebene: Das psychisch unbelastete Kind hat eine heitere Grundstimmung. Wenn es sich einmal ärgern mußte, kehrt es danach bald wieder zu seiner Heiterkeit zurück. Lebt ein Kind in Trennungsängsten, dann kann sich die Heiterkeit steigern zu hemmungsloser Lustigkeit und im Gegenschlag dazu erfaßt die Kinder eine apathische Gleichgültigkeit. Die Kinder verlangen gierig nach Liebkosung und können „als Dank“ dann wieder bösartig bis aggressiv gegen die Pflegeeltern sein. Durch ihre Unausstehlichkeit prüfen sie, ob die Pflegeeltern tatsächlich zu ihrer elterlichen Arbeit und Liebe stehen.

AufderLeistungsebene: Psychisch unbelastete Kinder sind eifrige Erforscher, Erkunder, Spieler, Nachahmer, Erfinder, Erzähler usw. Kindern mit Trennungsängsten jedoch werden „die Flügel lahm“; sie „hängen herum“; sie werden antriebsarm; in der Schule zeigen sie nur noch wenig Eifer. Pflegekinder mit Trennungsängsten zeigen die gleichen Symptome wie die Scheidungskinder, wenn diese merken, daß die Eltern nicht mehr beieinander bleiben wollen.

Auf derpsychosomatischen Ebene: Kinder mit Trennungsängsten erkranken öfters, weil sie weniger Widerstandskräfte und weniger Vitalität entwickeln. Die psychische Not schlägt ihnen besonders auf die Körperorgane, die an sich auf psychische Belastungen empfindsam reagieren: auf Magen und Darm und auf die oberen Luftwege.

Momentaner Trennungsschmerz

Beim Vorliegen von faktischer Elternschaft als personal-emotionaler Bindung ist diese eine existentielle Liebesbindung des Kindes und gehört somit in den Kernbereich der menschlichen Persönlichkeit. Bei der Wegnahme selbst empfindet das Kind große Trennungsangst und nach erfolgter Trennung großen Trennungsschmerz. Wenn das Kind die Gründe der Trennung erfährt, ergeben sich durch die Trennung nur Trauerreaktionen, die sich aber, wenn es die Gründe nicht anerkennen kann, steigern können zu einem Angst- und B edrohungsgefühl. Das Kind würde die schlimme Erfahrung machen, daß auch enge und emotional wichtige Bindungen nicht von Bestand sind und plötzlich abgebrochen werden können. Diese Erfahrung muß eine Verunsicherung der Beziehungen des Kindes zu seiner personalen Umgebung bewirken. Das Weinen der Kinder in der Trennungssituation ist ein ganz anderes, als wenn es sonst geschimpft oder auch geschlagen wurde: es kann dabei den Zusammenhang zwischen dem eigenen Bössein und der Strafe erfassen. Das Weinen bei der Wegnahme ist ein existentielles Weinen. Das Kind fällt aus dem Urvertrauen heraus. Das ist für das ganze Leben eine schwere Schädigung.

Reaktionen nach der Trennung Nach vollzogener Trennung gehen die psychischen Prozesse im Kind weiter. Nach Rutter gibt es in der Zeit nach der Trennung folgende Phasen:

Die Protestphase: In ihr reagieren die Kinder mit heftigem Weinen oder mit Aggressionen gegen die neuen Erzieher; soweit die Kinder altersmäßig in der Lage sind, reagieren sie auch durch Davonlaufen, in der Hoffnung, die seither geliebten Menschen wieder zu finden.

Die Verzweiflungsphase: In ihr werden die Kinder traurig und apathisch, weil sie keine Möglichkeit sehen, die früheren Verhältnisse wieder zu erlangen.

Die Resignationsphase: In ihr beginnen die Kinder, sich mit ihrer unabänderlichen Situation abzufinden und das Interesse an den früheren Pflegeeltern zu verlieren. „Resignation“ ist aber keine „Lösung“ des existentiellen Problems. Resignation prägt in schädlicher Weise den Charakter des Kindes.

Frühschäden

Als solche werden in der Fachliteratur genannt: Körperliche und geistige Entwicklungsrückstände – Hospitalismus-Syndrom wie rhythmisches Schlagen des Kopfes an die Wand, Körperpendeln-Regression in kleinkindhaftes Verhalten wie Anklammern, Babysprache, Sprachverlust, motorische Unruhe, Masturbation, Daumenlutschen, Armbeissen, Nägelkauen, Haaredrehen um den Finger, Haareausreißen – erhöhte Angstbereitschaft – Nachtangst – depressives oder aggressives Verhalten. Natürlich zeigt ein Kind nicht alle diese Symptome. Es wählt entsprechend seiner körperlichen und/oder seelischen Konstitution sich „seine“ Symptome aus.

Psychosomatische Schäden

Dazu gehören: der Rückfall in Einnässen und Einkoten bzw. eine stark verspätete Erreichung der Sauberkeit – die Neigung zu Fieberanfällen – öfters Erbrechen – Schlafstörungen, seien es Einschlaf- oder Durchschlafstörungen – erhöhte Leidensinsuffizienz – schnelle Erkrankungsneigungen, besonders bei psychischen Belastungen.

Dauerschäden

In der Fachliteratur werden aufgezählt: Apathie – Antriebslosigkeit – Arbeitsunlust – Haltlosigkeit – Verwahrlosung – Lernstörung – depressive Verstimmungen – hypermaskulines Gebaren.

Persönlichkeitsschäden

Dazu gehören die psychischen Schädigungen, welche den Menschen als Folge der Trennung in der Kindheit an der vollen Entfaltung seiner Persönlichkeit hindern:

Der Verlust des Urvertrauens: Die Enttäuschung über die „Treulosigkeit“ der faktischen Eltern und über deren Vertrauensunwürdigkeit ist mit dem Vollzug der Trennung nicht erledigt. Wer eine solche Enttäuschung in einer sensiblen Lebensphase erlitten hat, wird sich schwer tun, jemals noch einem Menschen ein unbeschwertes Vertrauen schenken zu können.

Die Schwächung der Bindungsfähigkeit:

Diese kann bis zum totalen Verlust der Bindungsfähigkeit gehen. Weil eine Bindung an die faktischen Eltern eine existentielle Liebesbindung ist, bereiten Verletzungen in diesem so intimen Bereich psychische Wunden, die lange nicht und manchmal überhaupt nicht heilen. Diese Menschen versuchen später ihre Bindungsschwäche bzw. -losigkeit zu überspielen, indem sie nacheinander viele Beziehungen eingehen, aber diese nicht lange durchhalten können.

Schwächung der Glücksfähigkeit: Der Verlust des Urvertrauens und die Schädigung der Bindungsfähigkeit verursachen eine Schwächung der Liebesfähigkeit und in der Folge auch der Glücksfähigkeit. Diese ist das Ziel jeder Arbeit nicht nur am Kind, sondern am Menschen überhaupt; denn was nützt einem Menschen seine ganze Tüchtigkeit, wenn er sich nicht an sich selbst, an seinem Wesen und Leben erfreuen kann? Die Glücksfähigkeit besteht in einem Minimum an innerseelischen Komplexen, einem Minimum an zwischenmenschlichen Konflikten und an einem Minimum an Lebenskrisen oder gar Lebenskatastrophen. Vor allem besteht sie – positiv gewendet – in der Fähigkeit, Freude an sich selbst, an seinem Wesen, an seinem Leben, an seinem Schaffen empfinden zu können.

Zum Schluß

Bei der „Pflege auf Zeit“ soll das Kind nur solange in einer Pflegefamilie bleiben, bis der familiäre Notstand beendet ist. Diese Pflegeeltern dürfen die leiblichen Eltern nur „ergänzen“, aber nicht „ersetzen“. Sie müssen bereit sein, das Kind zurückzugeben. Sie sollen das Kind zwar lieben, aber sollen keine „Bindungen“ fördern. Die primäre Liebe des Kindes soll weiter seinen Eltern gehören und sie muß gefördert werden durch einen dichten persönlichen Umgang mit ihnen. Die JÄ müssen den aufnehmenden Pflegeeltern klar sagen, daß nur an eine Pflege „auf Zeit“ gedacht ist. Die leiblichen Eltern müssen die Gewißheit haben, nach Ende des familiären Notfalles ihr Kind wieder zurückzubekommen; denn das Mißtrauen führt dazu, daß die Eltern das Kind immer wieder, damit keine „längere Zeit“ entsteht, in andere Pflegefamilien oder auch lieber in Heime geben.

„Der Kampf ums Kind“ entbrennt öfters bei den Kindern in Dauer- und Adoptionspflege. Einmal, weil in der Regel leibliche Eltern ein Kind nicht auf Dauer weggeben; ferner weil, wenn die Voraussetzungen günstig sind, sowohl in den Kindern wie in den Pflegeeltern die psychischen Prozesse der gegenseitigen Bindung ablaufen, so daß die Kinder nicht mehr zu den leiblichen Eltern zurück und die Pflegeeltern sie auch nicht mehr hergeben wollen. Sind die Pflegeeltern durch die Bindungsprozesse die faktischen Eltern für das Kind geworden, dann muß durch die Herausnahme bei den Kindern mit körperlichen und/oder seelischen Schädigungen gerechnet werden. Darum muß das Wohl des Kindes „die oberste Richtschnur“ sein und darum muß gelten, was das BVerfG geurteilt hat: „Im Spannungsfeld zwischen Elternrecht und Kindeswohl geht das Wohl des Kindes vor.“

Anmerkungen

  1. ErnstEll: Wieder zu den Eltern?- Über die Herausnahme von Kindern aus der Dauerpflege. Deutscher StudienVerlag, Weinheim 1990
  2. Ernst Ell: Ethische Fundierung der Sozialarbeit? Zentralblatt für Jugendrecht (ZfR), Heft 12/1989
  3. Ernst Ell: Psychologische Kriterien bei der Sorgerechtsregelung und die Diagnostik der emotionalen Beziehungen. Deutscher-Studien-Verlag, Weinheim 1990
  4. Michael Rutter: Bindung und Trennung in der frühen Kindheit. München 1978

mit freundlicher Genehmigung des Ernst-Reinhardt-Verlages
aus: Unsere Jugend 43, 1991, S.105-112