Geschichte einer Mutter

Diese Fallgeschichte ist ein Beispiel für das Eingreifen eines Jugendamtes, über das man zumindest streiten kann. Hier geht es nicht um Misshandlung oder gar Missbrauch, sondern um eine „ganz normale“ Fremdplatzierung, Unterbringung eines Kindes in einer Pflegefamilie – und um die Frage der Rückführung.

„Ich war ja verheiratet und hatte sehr viele Probleme und Schwierigkeiten mit meinem alkoholabhängigen Mann; er ist übrigens nicht der Vater meiner Tochter. Ich hatte mit ihm zusammen zeitweise zwei Kinder zu Hause und zu versorgen; das ist mir alles über den Kopf gewachsen und ich hatte mich scheiden lassen wollen. Es gab unzählige Versöhnungsversuche und mir ist bei allem nicht aufgefallen, dass meine Tochter ziemlich zu kurz gekommen ist. Sie musste in dieser Zeit oftmals von meiner Mutter betreut werden; in dieser Zeit ist auch mein Vater gestorben. Da kam P. erstmals in Bereitschaftspflege. Da war von vornherein die Rückführung nach Hause vorgesehen, hat ja auch nur dreieinhalb Monate gedauert. Obwohl: diese dreieinhalb Monate waren natürlich auch eine lange Zeit, wegen des Todes meines Vaters und für P. ja sowieso.

Nachdem P. aus der zweiten Bereitschaftspflege wieder nach Hause gekommen war, war das Thema Jugendamt für mich erst einmal erledigt. Zehn Tage darauf erfolgte die endgültige Trennung von meinem Mann; ich musste jetzt erst versuchen, alleine zurecht zu kommen. Das hat mir sehr zu schaffen gemacht – auch wenn am mein Ex-Mann für mich keine Hilfe gewesen war, fiel es mir doch ganz schön schwer, so ganz alleine alles zu bewältigen. Ich habe mich dann erneut an das Jugendamt gewandt mit der Bitte um Hilfe: P. war noch zu klein für einen Kindergarten, die einzige Krabbelgruppe war voll belegt und konnte sie nicht aufnehmen und so wollte ich, dass sie in eine Betreuung bei einer Tagesmutter kommt, damit ich arbeiten gehen kann. Das hat aber finanziell nicht geklappt: eine Tagesmutter und kostete damals so um die fünf bis sechs Mark; das Jugendamt wollte aber nur zwei Mark für die Stunde zahlen. Dazu wäre dann noch das Verpflegungsgeld in Höhe von etwa DM 150,- gekommen;das alles zusammen konnte ich beim besten Willen nicht bezahlen. So musste ich also zu Hause bleiben, hatte keinen Ausgleich für mich und der Alltag wurde für dich und die P. immer trister.

Im Januar kam dann die Scheidung und ich bin dann erst einmal in ein tiefes Loch gefallen. Mir ging es sehr schlecht und P. war dann erst einmal wieder für zehn Tage bei meiner Mutter. Meine Mutter hat dann beim Jugendamt um ein Beratungsgespräch gebeten. Ich war bei dem Gespräch dabei und hatte das Gefühl, man will uns da in eine bestimmte Ecke drängen. Und es war dann auch so, dass mir die Sachbearbeiterin ein Ultimatum gestellt hat, ich müsse innerhalb von drei Stunden die Entscheidung treffen, P. wieder zu mir zu holen oder sie, die Sozialarbeiterin, werde sie abholen. Bei mir lagen zu diesem Zeitpunkt die Nerven blank und ich kannte mich auch noch nicht so gut aus wie heute. Als sie mich dann wieder anrief und meine Entscheidung forderte, habe ich kapituliert und ihr gesagt: „Machen Sie doch, was Sie wollen.“ Hätte ich damals auch nur geahnt, was dann auf P. und mich zukommen würde, hätte ich das bestimmt nicht gesagt.

Das, was man sonst so oft hört, dass die Sachbearbeiter ständig wechseln, war bei mir bis heute nicht der Fall: es war die dieselbe Sachbearbeiterin wie die bei der ersten Bereitschaftspflege. Ich habe eher das Problem, dass es immer dieselbe ist, dass sie mir von Anfang an an den Fersen hängt und dass ich sie trotz Dienstaufsichtsbeschwerde nicht los werde. Wir können uns, glaube ich, beide nicht ausstehen, weder sie mich noch ich sie. Sie will aber auch meinen Fall nicht abgeben, sie tue schließlich nur ihre Arbeit, sagt sie.

Alle anderen Gespräche, z.B. mit der sozialpädagogischen Einrichtung, in in der P. jetzt lebt, laufen eigentlich ganz gut; sobald das Jugendamt dazu kommt, sei es bei Hilfeplangesprächen oder auch bei anderen, kippt die Sache sofort wieder. Sobald ich irgendwelche Argumente ins Gespräch einbringe, sagt das Jugendamt: „So geht das nicht“ – ich habe da gar keine Chance.

Alle Besuchsregelungen werde in den Hilfeplangesprächen abgesprochen. Wenn es irgendwelche Änderungen gibt, z.B. wegen Krankheit bei mir, bei P. oder in der Pflegefamilie, dann spreche ich das direkt mit dem Pflegeeltern telefonisch ab. Wenn es aber um Änderungen grundsätzlicherer Art geht, schaltet sich sofort das Jugendamt ein. Spontane Verabredungen sind überhaupt nicht drin.

Beim letzten Hilfeplangespräch im Februar habe ich mal angemerkt, dass es für P. doch ganz schön stressig ist, an einem Tag 600 Kilometer hin und zurück zu fahren (die Einrichtung ist 300 Kilometer vom Wohnort der Mutter entfernt) und ich habe darauf gedrungen, dass es doch auch einmal möglich sein muss, dass das Kind bei seiner Mutter übernachtet. Es ist dann auch entschieden worden, dass sie mal eine Nacht hier bleiben darf und das ist auch sehr gut gelaufen. Und jetzt wurde uns gleich ein paar Nächte genehmigt: sie war jetzt schon zweimal zwei Nächte hier und an in dem 1.Mai-Wochenende darf ich Sie am 2. Mai abholen und muss sie erst am 5. Mai zurückbringen. Da hat mich die Leitung der Einrichtung gut unterstützt und das freut mich auch, wenn ich die so auf meiner Seite habe.

Wir geraten auch immer mal wieder aneinander. Ich darf zum Beispiel überhaupt nicht meine Familie, zum Beispiel meine Mutter ins Spiel bringen: P. habe ihren Lebensmittelpunkt dort und nicht bei mir. Auch auf Rückführung darf ich Sie nicht ansprechen; da lassen die überhaupt nicht mit sich reden. Sie berufen sich auf das Jugendamt und auf das Gericht und daran seien sie gebunden.

Das Gutachten, das damals auf Veranlassung des Gerichts gemacht wurde, ist sehr widersprüchlich: einerseits wird mir darin die Erziehungsfähigkeit abgesprochen, andererseits wird darin betont, dass P. ausgesprochen in gut bis überdurchschnittlich entwickelt sei in ihrer sozialen Kompetenz, in ihren sprachlichen Fähigkeiten und so weiter. Und da sage ich mir, eine ganz so schlechte Mutter kann ich ja wohl auch nicht sein. Wenn das Kind so gut geraten ist. In in dem Gutachten stehen Sachen drin, die gar nicht stimmen können. Da hat sich der Gutachter was zusammen phantasiert.

Ich bin überhaupt nie beraten worden vom Jugendamt. Die ganzen 14 Monate, die P. in der (zweiten) Bereitschaftspflege war, hat mich kein einziges Mal jemand gefragt, wie es mir ginge, ob sich meine Situation verändert habe und so weiter. Im März (2002) bekam ich dann einen Anruf vom Jugendamt, P. ziehe jetzt um in die Dauerpflegestelle und ich könne mich am nächsten Tag noch von ihr verabschieden und für den Rest des Jahres dürfe ich sie nicht mehr sehen. Ich habe auf den Kalender gesehen und gedacht: das kann doch wohl nicht wahr sein. Es war aber so. Mir wurde gesagt, ich könne ihr ja noch etwas zum Abschied schenken. Da es schon spät nachmittags war, bin ich noch schnell zum Juwelier und habe hier eine Kette mit einem kleinen Herzen gekauft. Und am nächsten Tag musste ich ihr dann erklären, warum ich ihr das schenke und dass wir uns sehr, sehr lange nicht mehr sehen werden. Einem Kind im Alter von vier, fünf Jahren erklären, was neun Monate sind und dass sie so lange ihre Mama nicht sehen darf! Das war für P. und mich ein sehr schlimmer Unglückstag und P. hat ganz viel geheult.
Ein Hilfeplangespräch hat auch nicht stattgefunden, obwohl ich da ja schon wieder das Sorgerecht hatte. Auch während der 14 Monate Bereitschaftspflege hat es kein einziges Hilfeplangespräch gegeben. Das erste hat dann im September stattgefunden, als P. schon sechs Monate in der Dauerpflegestelle war. Schriftlich habe ich auch nie etwas bekommen; alles lief immer per Telefon.

Was ein Hilfeplan und ein Hilfeplangespräch überhaupt ist, habe ich erst vom „Netzwerk Herkunftseltern“ erfahren. Im ersten Hilfeplan, den ich zu sehen bekommen habe, steht einfach nur drin, dass eine Rückführung nicht in Frage komme. Ich bin dazu gar nicht gefragt worden. Im zweiten Hilfeplangespräch war ich dann besser informiert und habe meine Fragen und Argumente schriftlich mitgebracht. Zur Frage der Rückführung hieß es dann nur, dass man darüber gar nicht rede, so lange das Gericht das nicht beschließe. Aber das ist ja Unsinn: schließlich könnte das Jugendamt ja mit mir an der Rückführung arbeiten und klären, ob die Voraussetzungen dafür gegeben sind. Davon habe ich aber noch nie etwas gemerkt; das Jugendamt geht nicht von seiner Meinung ab, dass P. die nächsten 14 Jahre nicht zu ihrer Mutter zurückkehren dürfe. Die Sozialarbeiterin hat mir einmal auf dem Flur gesagt: „Schaffen Sie sich doch mit Ihren 28 oder 29 Jahren ein neues Kind an, aber lassen Sie P. jetzt in Ruhe“! Da ist mir dann auch nichts mehr eingefallen. Wegen solcher Sachen nehme ich jetzt zu allen Hilfeplangesprächen jemanden als Zeugen mit. Meine Mutter wurde nicht mehr akzeptiert, weil sie befangen sei. Jetzt nehme ich Frau S. vom Netzwerk Herkunftseltern mit; da laufen dann die Gespräche auch ganz anders!

Ich habe das Gefühl, dass die Sozialarbeiterin ganz gezielt meine Schwächen und meine wunden Punkte sucht und darin herum pult. Und wenn sie die dann erfolgreich wieder bloß gelegt hat, ist das wieder ein Beweis für meine Labilität. So hat sie mich zum Beispiel mal mitten im Gespräch auf den Tod meines Vaters angesprochen. Und sie weiß genau, dass ich meinen Vater tot in der Wohnung aufgefunden habe und dass mich das immer noch traurig macht. Und wenn ich dann im Gespräch aus der Spur gerate, hat sie wieder einen Beweis.

Die Sozialarbeiterin ist nicht von ihrer Meinung abzubringen, ich müsse eine stationäre Psychotherapie machen. Sie sagt, ohne eine stationäre Therapie bekäme ich mein Kind nie zurück. Dabei weiß sie ganz genau, dass ich seit über einem Jahr eine ambulante Psychotherapie mache. Mit der Therapeutin habe ich mich sehr gut verstanden, und die Therapie hat mir sehr viel gebracht. Die Sozialarbeiterin hat aber noch kein einziges Mal gefragt, wie es mir damit geht. Selbst mein Angebot, in eine Tagesklinik zu gehen, war ihr nicht genug. Dabei müsste ich doch selbst wissen, was für mich das Beste ist. Das sieht sie aber ganz anders. Ihre Forderung nach einer stationären Therapie gibt sie mir auch nicht schriftlich. Das sagt sie mir immer nur am Telefon oder „zwischen Tür und Angel“.

An den Besuchswochenenden ist das eine ganz blöde Situation: ich bin da irgendwie Mutter auf Zeit. Wenn P. hier ist, will und muss ich mich ihr natürlich voll und ganz widmen. Das heißt aber, dass ich mein „normales Leben“ dann vollkommen ausklammern muss. Und einerseits sagt man mir, ich solle mein eigenes Leben leben und P. dass ihre lassen und andererseits erwartet man von mir – und ich will das ich ja auch – dass ich in der wenigen Zeit, die P. und ich zusammen haben, voll und ganz für Sie da bin. Ich weiß nicht, wie man so etwas lösen kann. Ich habe immer das Gefühl, wenn ich P. bei ihren Besuchen eine ganz normale kleine Familie und einen ganz normalen Lebenszusammenhang bieten will, z.B. Freunde besuchen, dass ich dann in in den Augen des Jugendamtes etwas illegales tue. Dabei kann P. sehr gut sagen, was sie will und was nicht und wenn ihr etwas zu viel wird. Ich weiß zum Beispiel überhaupt nicht, wie ich in das mit meinem Lebensgefährten „handeln“ soll; der gehört schließlich auch irgendwie zu mir, darf aber an den Besuchswochenenden nicht dabei sein. Ich kann darüber mit niemandem reden; hier hilft mir auch niemand. Auch in in der Einrichtung findet da keine Beratung statt, auch wenn ich mich mit denen ja ganz gut verstehe.

Ich möchte ja meine Tochter so bald wie möglich wieder bei mir haben. Aber ich weiß natürlich auch, dass das nicht einfach für P. sein wird und dass eine Rückführung sehr sorgsam geplant werden muss. Schließlich fühlt sie sich in der Pflegefamilie dort wohl und das ist ja auch gut so; da bin ich froh drüber. Ich will aber auf keinen Fall, dass das wieder eine plötzliche und schmerzhafte Trennung für sie wird. P. hat sich auch gut an das ruhige Landleben dort gewöhnt und es wird für sie bestimmt nicht ganz leicht, sich wieder hier in der Großstadt einzuleben. Das wird für mich eine große Herausforderung sein; ich fühle mich jetzt aber stabil genug dafür.“

Das Gespräch führte Dieter Reuter-Spanier

e 38, 2000, S.242-249