Auf Fachlichkeit im ASD beharren

von Holger Gläss und Albrecht EtzelMitarbeiterinnen in Jugendämtern und Allgemeinen Sozialen Diensten sind in besonderer Weise betroffen, wenn die Staatsanwaltschaft in Fällen von Misshandlungen oder Kindesvernachlässigungen ermittelt. Der Beitrag geht der Frage nach, was im ASD getan werden kann und muss, um Sozialarbeiterinnen vor strafrechtlichen Risiken zu schützen und fachliche Standards in der Arbeit mit Problemfamilien zu sichern, weiterzuentwickeln und in der Öffentlichkeit – vielleicht deutlicher als bisher – darzustellen.

Hintergründe

In der Vergangenheit sind Jugendämter und deren Mitarbeiterinnen sehr häufig Ziel öffentlich geäußerter Kritik geworden. Danach handeln sie entweder zu früh oder zu spät. Sieht das Jugendamt eine Kindeswohlgefährdung, informiert es das Familiengericht und kommt ein Kind im weiteren Verlauf aus seiner Familie, ist von der »Kinderwegholbehörde« oder dem »behördlichen Kinderklau« die Rede. Allerlei Arbeitskreise oder Aktionsgruppen »jugendamtsgeschädigter Eltern« treten dann auf den Plan. Andererseits (teilweise sogar gleichzeitig) müssen sich die Sozialarbeiterinnen immer wieder sagen lassen, „dass das alles nicht passiert wäre, wenn das Jugendamt früher eingeschritten wäre“.

Diese beiden Positionen kennzeichnen ein Dilemma für Sozialarbeit im Jugendamt, das so alt ist wie die Jugendhilfe selbst. Ebenso ist die Vernachlässigung und Misshandlung von Kindern, die schlimmstenfalls deren Tod zur Folge hat, bedauernswerterweise kein neues Phänomen in unserer Gesellschaft. Neu ist dagegen, dass von Seiten der Strafjustiz nicht nur die unmittelbaren Täter verfolgt werden, sondern immer häufiger auch die Frage nach einer strafrechtlichen Verantwortung der jeweils betroffenen Mitarbeiterinnen im Jugendamt oder bei freien Trägern der Jugendhilfe gestellt wird. Gerichtsverfahren in Stuttgart und Osnabrück haben ebenso wie diverse Ermittlungsverfahren der Staatsanwaltschaft gegen Sozialarbeiterinnen oder Jugendämter als Ganzes nicht nur eine bundesweite Diskussion entfacht, sondern auch für große Verunsicherung in der gesamten Profession geführt. Damit kommen zu den ohnehin hohen fachlichen und persönlichen Belastungen (häufig nicht planbare Arbeitszeiten, hohe Verantwortung, hohe Fallzahen, hoch komplexer Handlungsauftrag, immer neue fachliche Standards) auch noch erhebliche Unsicherheiten und zum Teil Ängste. Was also kann bzw. muss im ASD getan werden, um sich einerseits vor strafrechtlichen Sanktionen zu schützen und andererseits die Qualität der Arbeit zu sichern und weiterzuentwickeln?

In diesem Beitrag soll es darum gehen, entsprechende Konsequenzen für das eigene Handeln und im Hinblick auf Organisationsstrukturen im ASD zu ziehen. Die von uns vorgeschlagenen Folgerungen für die Praxis lassen sich in drei Blöcke einteilen:

  • ASD-interne Notwendigkeiten
  • Darstellung der Möglichkeiten und Grenzen der Jugendhilfe in der Öffentlichkeit
  • offensiveres Zugehen auf die Strafjustiz

Konsequenzen für die Arbeit im Allgemeinen Sozialen Dienst

Wenn es also Sozialarbeit ohne Risiko nicht gibt und der Allgemeine Soziale Dienst eines Jugendamtes alltäglich zwischen (Scheidungs-) Beratung, (Erziehungshilfe-) Vermittlung, und Krisenintervention hin und her pendeln muss, hat es jeder Einzelne grundsätzlich schwer, die notwendige Rollenklarheit in der jeweiligen Sozialarbeiterpersönlichkeit herzustellen und nach außen zu vermitteln. Unumgänglich ist dies trotzdem, da eine persönliche oder institutionelle Trennung von Hilfeaufgaben und Kontrollaufgaben keine Lösung darstellt. Geht es um den Schutz eines Kindes oder Jugendlichen, ist die Kontrollfunktion transparent zu machen und darauf hinzuweisen, dass es mit der freiwilligen Annahme eines Hilfsangebotes nicht mehr getan ist. Vielmehr geht es darum zu verdeutlichen, dass es für die Klienten nur noch um eine Wahl zwischen Kooperation und Konfrontation gehen kann, wobei die Konfrontation ihr vorläufiges Ziel in der Mitteilung an das Familiengericht nach § 5O Abs. 3 SGB VIII findet.

Um jedoch entscheiden zu können, welche Rollenübernahme jeweils fachlich geboten oder vertretbar ist, müssen im Amt selbst Rahmenbedingungen geschaffen werden, die Halt und Orientierung geben und die die Einzelnen auch dann handlungsfähig machen, wenn sie mit akuten kindeswohlgefährdenden Situationen konfrontiert sind.

Fachliche Leitung fordern

Um den Fragestellungen der Öffentlichkeit und den Herausforderungen der Arbeit offensiv begegnen zu können ist es notwendig, dass der ASD über eine eigene fachliche Leitung verfügt, die zum einen gewährleistet, dass die strukturellen und inhaltlichen Bedingungen für eine ständige Qualitätsentwicklung auch in Form von standardisierten Vorgehensweisen, kollegialer Teamberatung, Ablaufverfahren, Handlungsleitlinien, Arbeitshilfen etc. geschaffen werden.

Zum anderen muss die ASD-Leitung bereit und im Stande sein, den/die einzelne Sozialarbeiterin in schwierigen Entscheidungssituationen fachkompetent und zeitnah zu beraten, muss Präsenz zeigen, ansprechbar sein und für bestimmte Fallkonstellationen auch die Beteiligung und Abstimmung einfordern.

Teamstrukturen schaffen

ASD-Mitarbeiterinnen sind oft Einzelkämpfer, die für eine bestimmte Region, einen »Bezirk« alleine verantwortlich sind. Sie können und sollen ihren Arbeitsalltag selbst gestalten und die im Arbeitsprozess notwendigen Entscheidungen selbst treffen. Dennoch ist eine fachliche Rückbindung an ein Team gerade bei Kindeswohlgefährdungen unerlässlich. Dieses Team, das sich durch eine hohe Verbindlichkeit in punkto Terminierung und Beteiligung auszeichnen soll und in dem sich mehrere Sozialarbeiterinnen einer größeren Region treffen, erweitert den fachlichen Blickwinkel des Einzelnen, berät über die möglichen Hilfen, analysiert die jeweiligen Risiken, schätzt mögliche Folgen ab, empfiehlt die nächsten fachlichen Schritte und sichert diese durch ein »Teamvotum« ab. Wenn sich mehrere dazu entschließen, eine drogengefährdete Mutter mit einer ambulanten Sozialpädagogischen Familienhilfe bei der Versorgung und Betreuung ihres Kindes zu unterstützen, um so den drohenden Sorgerechtsentzug zu verhindern, bekennen sie sich zu dem unter fachlichen Prämissen verantwortbaren Risiko und das Gewicht der Entscheidung wird dem Einzelnen zwar nicht abgenommen, aber doch erleichtert.

Darüber hinaus können die fallverantwortlichen Sozialarbeiterinnen aus dem Team heraus Kollegen rekrutieren, die sich an eventuell notwendigen Interventionen (Krisengesprächen, Herausnahmen, Inobhutnahmen) direkt beteiligen.

Dokumentation

Mitteilungen Dritter, eigene Wahrnehmungen und die daraus gezogenen Schlussfolgerungen, die Hilfekonzepte begründen, sind später oft nur nachvollziehbar, wenn sie schriftlich dokumentiert und zeitlich einordbar sind. Nicht nur die Schilderung der Sachverhalte, sondern auch die Darstellung möglicher Hilfen sowie die Begründungen für die Auswahl gerade dieser Intervention, dieser Hilfe oder dieses Unterlassens, schaffen die Voraussetzung dafür, dass später im »Ernstfall« auch Fachfremde die Entscheidungsprozesse begreifen können. Insbesondere hilfreich sind Protokolle der Teambesprechungen, die dokumentieren, dass Entscheidungen nicht nur die Zufallsprodukte der Gedanken Einzelner, sondern die auf ein Ziel hin gerichteten Ergebnisse professioneller Abwägungen mehrerer Fachleute sind.

Eine (einheitliche) Aktenführung sollte daher als Thema im ASD ernstgenommen werden und auch unter formalen Aspekten nicht zuerst Ausdruck individueller Kreativität sein.

Weitergabe von Daten regeln

Unzweifelhaft hat der Datenschutz innerhalb des SGB VIII einen besonderen Stellenwert erreicht, will u.a. mit dem in § 65 verankerten »Besonderen Vertrauensschutz« den Beratungs- und Dienstleistungscharakter des SGB VIII stärken. Werden jedoch Hilfekonzepte oder Interventionsprozesse bei Kindeswohlgefährdungen durch Wegzug einer Familie aus dem Zuständigkeitsbereich eines Jugendamtes gefährdet oder abgebrochen, so müssen die für weitere Betreuung der Familie am zukünftigen Wohnort notwendigen Informationen dem dortigen Jugendamt übermittelt werden können.

Im Fachbereich des ASD müssen daher Regelungen erarbeitet werden, die sicherstellen, dass zunächst die Betroffenen um Zustimmung zur Weitergabe der Daten gebeten werden. Stimmen diese nicht zu, braucht es einen internen Abstimmungsprozess, in welchem Fall dennoch eine Weitergabe von Daten direkt an das künftig verantwortliche Jugendamt oder an das Familiengericht erfolgt.

Bereitschaftsdienst garantieren

ASD-Sozialarbeiterininnen sitzen nicht den ganzen Tag im Büro, oft sind sie im Außendienst, führen Hilfepiangespräche in Einrichtungen, beraten in der Sprechstunde im Bezirk. Da alle anderen KollegInnen sich natürlich in einer ähnlichen Situation befinden, ist es notwendig, im Amt tagsüber einen Bereitschaftsdienst zu installieren, der sich bezirksübergreifend um Notsituationen kümmert, klärt, vermittelt, in Obhut nimmt, so dass Hilferufe nicht ins Leere laufen. Über eine Rufbereitschaft und/oder eine enge Kooperation mit der Polizei und Jugendhilfeeinrichtungen muss dies auch nachts und an den Wochenenden bzw. Feiertagen gewährleistet werden.

In Obhut nehmen können

Die Entscheidung, ein Kind aus einer gefährdenden Lage zu befreien oder eine Jugendliche auf deren Bitte hin an einen sicheren Ort zu bringen, setzt ein beständiges Netzwerk an Einrichtungen oder Notpflegefamilien voraus. Es kann nicht angehen, dass ASD-Mitarbeiterlnnen ihre potenziellen jedoch unsicheren Inobhutnahmeoptionen bei verschiedenen Einrichtungen oder Notpflegefamilien zuerst gedanklich und dann telefonisch durchhecheln müssen, ohne tatsächlich zu wissen, ob überhaupt und wo noch freie Plätze vorhanden sind. Deshalb muss sichergestellt sein, dass klare Vereinbarungen zwischen den öffentlichen und freien Trägern der Jugendhilfe oder Bereitschaftspflegefamilien jederzeit eine Inobhutnahme gewährleisten, damit ein ASD-Sozialarbeiter in einer für ihn weder vorhersehbaren noch planbaren akuten Notlage die notwendigen Anschlusshilfen ohne Wenn und Aber zur Verfügung hat.

Vereinbarungen mit den Leistungserbringern der Erziehungshilfen abschließen

Wenn wir von den »typischen« familiären Konstellationen ausgehen, die das Jugendamt als kritischen Beobachter des Kindeswohles herausfordern, dann denken wir

  • an Eltern, die aufgrund ihrer Suchterkrankung oder ihrer psychischen Erkrankung, die Versorgung und Erziehung der Kinder nicht sicherstellen können oder wir
  • an vernachlässigende und gewalttätige Familiensysteme, bei denen die Kinder in ihren Bedürfnissen gar nicht wahrgenommen werden oder sie zum Objekt aggressiver Affekte und sexueller Übergriffe geworden sind.

Entscheiden wir uns hier für die weitere Hilfe innerhalb der Familie, so werden wir mit Anbietern von Sozialpädagogischer Familienhilfe, Erziehungsbeistandschaft teilstationärer Heimunterbringung u. a. zusammenarbeiten. Diese können ihre Aufgabe nur sinnvoll erfüllen, wenn sie über den eigentlichen Grund der Hilfe umfassend informiert sind und sich selbst als für das Kindeswohl Mitverantwortlichen wahrnehmen und verpflichtet sehen. Dazu gehören genaue Zielvereinbarungen und Absprachen über gegenseitige Information und weitere Handlungsschritte, falls in der konkreten Betreuungssituation Schwierigkeiten auftreten („was passiert, wenn die Familienhelferin, die vier Mal in der Woche in der Familie arbeitet, zum zweiten Mal vor verschlossener Tür steht und die drogengefährdete Mutter eines 2-jährigen Kindes entgegen der Vereinbarung seit einer Woche nicht mehr bei der Drogenberatung war?“).

Hilfreich kann es auch sein, mit den Institutionen, die vor allem im Rahmen ambulanter Erziehungshilfe regelmäßig Familien begleiten, in denen oben genannte Symptomatiken auftreten, Kooperationsprozesse und Arbeitsschritte schriftlich zu standardisieren und in einer gemeinsamen Konzeption als verbindlich zu erklären.

Interdisziplinäre Zusammenarbeit sicherstellen

Kinderklinik und Sozialpädiatrie, Drogenberatungsstellen, Kindergärten und Schulen, die Polizei und je nach regionalen Gegebenheiten weitere Institutionen sind, natürlich mit dem jeweiligen fachlichen Blickwinkel bzw. spezifischen Auftrag, ebenfalls mit Familien konfrontiert, die schneller und entschiedener Hilfe bedürfen. Oft entstehen am Einzelfall Schwierigkeiten, weil die eine Profession der anderen Aufträge erteilt, die diese aus fachlichen Gründen so nicht akzeptieren kann. Den ASD trifft es besonders oft, da er als der »Retter, der zum Schluss kommen muss« identifiziert wird. Der ASD kann aber nicht die Rolle des Vollstreckers fremder Entscheidungen spielen, sondern hat den Anspruch, als gleichberechtigter Partner Hilfekonzepte mit zu definieren. Es ist daher notwendig, zuerst einmal fallunabhängig in Gesprächsrunden die jeweiligen Aufgaben, gesetzlichen Hintergründe, Berufsrollen sowie die Möglichkeiten und Grenzen der praktischen Arbeit darzustellen und transparenter zu machen. Danach wird es einfacher, die Rahmenbedingungen für die Zusammenarbeit im Einzelfall festzulegen. Denn klar ist, dass es dieser Zusammenarbeit unbedingt bedarf: Angefangen bei der Frage nach der Versorgung neugeborener Kinder süchtiger Eltern, die ohne Hilfekonzept nicht aus der Kinderklinik entlassen werden dürfen, bis hin zu der Frage, wer als Ansprechpartner für die Polizei zur Verfügung steht, zu der sich eine von den Eltern misshandelte jugendliche gerettet hat, die nun in Obhut genommen werden muss.

Dabei ist es nicht nur wichtig, als ASD ein verlässlicher Ansprechpartner für diese Institutionen zu sein, sondern im Gegenzug von diesen Institutionen auch die Unterstützun und Mitverantwortung in Bezug auf die Beurteilung des augenblicklichen Zustand und die gemeinsame Gestaltung des weiteren Hilfeprozesses einzufordern. Der ASD kann innerhalb seiner inzwischen sehr differenzierten Aufgabenstellung eine hohe Kompetenz entwickeln, aber er kann nicht zur Jugendpolizei, zur Ambulanz der Kinderklinik oder zur Drogenberatungsstelle mutieren.

Mitarbeiterinnen über ihre Rechte in einem Strafverfahren aufklären und sie schützen

Ausgangspunkt der derzeitigen Diskussion sind Ermittlungs- bzw. Strafverfahren gegen SozialarbeiterInnen von Jugendämtern und freien Trägern der Jugendhilfe. Diese Verfahren waren für alle Kolleginnen unabhängig von den jeweiligen Begründungszusammenhängen dramatisch und folgenreich. Gemessen an der großen Zahl der Sozialarbeiterlnnen, die bei öffentlichen und freien Träger der Jugendhilfe Kinder, jugendliche und Familien beraten, begleiten und erziehen, sprechen wir von wenigen Einzelfällen. Dies darf uns jedoch nicht dazu verführen zu glauber irgend jemand könnte seine Arbeit so erledigen, ohne jemals in die Gefahr zu geraten mit einem Strafverfahren konfrontiert zu werden.

Daher ist es Aufgabe der fachlichen Leitung des ASD, bei der Leitung der Verwaltung der Gebietskörperschaft (Stadt, Landkreis) bzw. beim Hauptamt, beim Personalamt und auch über den Personalrat darauf hinzuwirken dass zum einen die Mitarbeiterinnen eine Beratung erhalten, wie sie sich zu verhalten haben, um sich selbst möglichst zu schützen Zum anderen sollte das Amt erklären, in welcher Weise es selbst die Bereitschaft und dis Möglichkeiten hat, sich im Ernstfall vor dis Mitarbeiterinnen zu stellen (Öffentlichkeitsar beit, anwaltliche Vertretung etc.).

Keine dieser oben genannten Handlungsempfehlungen, die im Übrigen in vielen Jugendämtern Standard sein dürften, nehmen dem/der einzelnen Sozialarbeiterin die Entscheidung ab, was im konkreten Fall bei Verdacht auf Gefährdung des Kindeswohls zu tun ist. Sie weisen jedoch darauf hin, welche Bedingungen nützlich sind, um Hilfe- oder Interventionsprozesse bei Kindeswohlgefährdungen in Gang zu bringen, sowie fachlich so abzusichern und zu dokumentieren, dass später nachvollzogen werden kann, was geplant war und wie es ausgeführt wurde.

Öffentlichkeitsarbeit

Das im SGB VIII vorgegebene Ziel der Jugendhilfe ist es, durch die Einbringung von Fachkompetenz (ins Gemeinwesen, in Planungsprozesse etc.) sowie durch Unterstützung, Beratung und Begleitung von Einzelnen, Familien und Gruppen dazu beizutragen

  • die Lebensbedingungen von Kindern, jugendlichen und Familien zu verbessern und
  • Momente die das Wohl junger Menschen gefährden, zu verändern oder zu beseitigen helfen.

Dies kann aber nur gelingen, wenn einerseits ein realistisches Bild der Möglichkeiten und Grenzen von Jugendhilfe existiert und andererseits Vertrauen in die in diesem Feld tätigen Akteure in der Gesellschaft vorhanden ist. Da dies bei vielen Menschen und Institutionen keineswegs der Fall ist, muss die Jugendhilfe der Öffentlichkeitsarbeit mehr Raum und Zeit einräumen. Damit sind keineswegs die Hochglanzprospekte und Flyer gemeint, mit denen die Angebote und Leistungen der Jugendhilfe gepriesen werden. Vielmehr geht es um die aufwendige und häufig auch mühsame Aufgabe ein realistisches Bild von Jugendhilfe gegenüber Schule, Kindergarten, Medizin (insbesondere Psychiatrie, niedergelassene Ärzte, aber auch Krankenhäuser), Therapeutinnen, Beratungsstellen, anderen Sozialen Diensten, Polizei, Drogenhilfe, wichtigen Multiplikatoren im Gemeinwesen u.v.m. zu zeichnen.
Umso wichtiger ist es, durch Öffentlichkeitsarbeit und überzeugende, fachlich qualifizierte Arbeit das Image des ASD weiter zu verbessern, damit Betroffene selbst ebenso wie Dritte sich nicht davor scheuen, Hilfe beim Jugendamt zu suchen.

Offensive Kooperation und Auseinandersetzung mit der Strafjustiz

Das Bild, das die sozialpädagogischen Fachkräfte in der Jugendhilfe von der Strafjustiz und ihren Akteuren haben, ist in der Regel von ähnlich großen Wissenslücken, Berührungsängsten und Widerständen geprägt wie es umgekehrt der Fall ist.

Während Ersteres von Polizei und Staatsanwaltschaft in Fällen von häuslicher Gewalt, sexuellem Missbrauch, Vernachlässigung der Fürsorgepflicht etc. häufig bedauert wird, ist der umgekehrte Fall für die Mitarbeiterinnen der Jugendhilfe in letzter Konsequenz eine gravierende Bedrohung. Deshalb darf der ASD nicht nur nach innen blicken und seine eigenen Standards und Vorgehensweisen verbessern, sondern muss sich auch offensiv mit der Strafjustiz auseinander setzen.

Die Strafjustiz muss verstehen und akzeptieren lernen, dass

  • die alleinige Fixierung auf die Möglichkeit einen Antrag nach § 1666 BGB zu stellen mit dem Ziel, ein Kind außerhalb der Familie unterzubringen weder fachlichen Standards noch einem sinnvoll definierten Begriff von »Kindeswohl« gerecht wird;
  • nicht einzelne Sozialarbeiter ein »Wächteramt« innehaben, sondern der Staat mit seinen vielfältigen Möglichkeiten z. B. dem Erlass von Gesetzen (Pflichten, Leistungsansprüche, Strafandrohungen) oder dem Schaffen von Institutionen und der Zurverfügungstellung von Ressourcen dieser Aufgabe nachkommen muss;
  • es keine Gratwanderung ist, wenn Sozialarbeiterinnen im ASD im Zusammenwirken mit anderen Fachkräften und den Sorgeberechtigten sowie den Jugendlichen/Kindern sich über das weitere Vorgehen im Einzelfall abstimmen, da dieser Begriff unsinniger- wie unzulässigerweise suggeriert, dass jedes kleinste Abweichen vom »richtigen (?) Weg« automatisch den Absturz zur Folge hätte;
  • eine fachliche Steuerung und nicht das Strafrecht über Verfahren und Vorgehensweise im ASD bzw. im Jugendamt bestimmen muss, also schon aus Gesichtspunkten der Gewaltenteilung das Konstrukt der Garantenstellung oder des Beschützergaranten keineswegs das »strafrechtliche Gegenstück zum SGB VIII« sein kann, wie es teilweise von juristischer Seite formuliert wurde;
  • die Unklarheit und Unsicherheit, die die völlig unterschiedlichen Urteile der Amts-, Land- und Oberlandesgerichte in Stuttgart, Osnabrück und Oldenburg, insbesondere deren jeweilige Herleitung der Garantenstellung aus dem Grundgesetz, aus § 1 SGB VIII oder aus der »tatsächlichen Schutzübernahme im Rahmen eines längerfristigen Arbeits- und Betreuungszusammenhangs«, geschaffen haben, einer intensiven Diskussion auch innerhalb der Justiz bedürfen;
  • Sozialarbeit Beziehungsarbeit ist, bei der es häufig notwendig ist, Schritte wie z.B. eine Strafanzeige oder das Anrufen des Familiengerichts sorgfältig abzuwägen, um sich bestehende Zugänge und weitere Handlungsoptionen nicht zu verbauen.

Insbesondere der letzte Punkt macht deutlich, wie wichtig es ist, dass für die Justiz durchschaubar und nachvollziehbar wird, wie der ASD arbeitet, welche fachlichen Standards ihm wichtig sind und welche Abwägungen er zu treffen hat. Dies kann sowohl über gemeinsame Fachtage und Arbeitskreise etc. wie auch durch gegenseitige Hospitation, Referate bei Dienstbesprechungen usw. transportiert werden.

Niemandem wäre schließlich gedient, wenn es zu einem Widerspruch käme zwischen einerseits jenen Handlungsweisen, die ASDMitarbeiterlnnen am besten vor strafrechtlichen Sanktionen schützen können und andererseits geeigneten Schritten zum langfristigen Schutz (besser: zum Wohle) von Kindern. Häufig ist gerade eine »Herausnahme« eines Kindes aus seiner Familie eben gerade nicht geeignet, das Kindeswohl zu gewährleisten, auch wenn dies für den ASD der scheinbar »sicherere« Weg ist, eine Auseinandersetzung mit den Strafverfolgungsbehörden zu vermeiden.

mit freundlicher Genehmigung des Hermann-Luchterhand-Verlages / Wolters-Kluwer Deutschland
aus: jugendhilfe 38, 2000, S.242-249