Neuer Mann was nun?

Unterdrückte Frauen? Ein Klischee von gestern. In Wahrheit sinkt die Bedeutung der Männer rapide. Werden sie gar zu einer Belastung der Gesellschaft? Zur Rolle des „Neumanns“ lesen Sie hier mehr.
Es war einmal eine Wahrheit. Die lautete: Frauen – und nur Frauen – sind benachteiligt. Pauschal, global. Am nachdrücklichsten hat die französische Philosophin Simone de Beauvoir es vor 50 Jahren formuliert. Sie erfand jene griffige Formel, die bis heute auf Frauen gemünzt wird: „Le Deuxième Sexe“, das zweite Geschlecht.

Die Wahrheit hat Konkurrenz bekommen. Durch die Wirklichkeit, in der vor allem die Frauen der Industrienationen einen beeindruckenden Aufstieg geschafft haben. Und durch neue Erkenntnisse über den Mann. Dem es bei weitem nicht so blendend geht, wie es das Klischee vom privilegierten Patriarchen suggeriert. Im Gegenteil: In den USA sorgt man sich längst um eine grassierende „Misere des Mannes“. Experten wie Barney Brawer, Leiter des Projektes „Frauen-Psychologie, Jungen-Sozialisation und Kultur der Männlichkeit“ an der Harvard University, rufen bereits zur Revolte gegen das nunmehr herrschende feministische Paradigma auf: „Vor unseren Augen spielt sich eine ungeheure Krise von Männern und Jungen ab, ohne dass wir sie sehen. Es hat weitreichende Verschiebungen in der Plattentektonik der Geschlechter gegeben; alles, was wir für wahr gehalten haben, muss überprüft werden.“

Wie sehen die Kontinente von Mann und Frau nach dem „Geschlechterleben“ der letzten Jahrzehnte heute tatsächlich aus?

Frauen können, so die Berliner Publizistin Katharina Rutschky, „als die eigentlichen Gewinner der Modernisierung in den westlichen Industriegesellschaften gelten“. Besonders die jüngere Generation profitiert von verbesserten Lebenschancen. Etwa in der Schule. Dort haben Mädchen ihre männlichen Klassenkameraden deutlich abgehängt. Als Faustformel gilt: Je anspruchsvoller der Schultyp, desto höher der Anteil der Mädchen. Bei Jugendlichen ohne Schulabschluss, Sonderschülern, Hauptschülern stellen Jungen die große Mehrheit. Auf den Gymnasien und den Fachschulen dominieren dagegen Mädchen, bei Studienanfängern herrscht nahezu Geschlechterparität. In puncto Leistung liegen Schülerinnen ebenfalls vorn, sie bringen die besseren Noten nach Hause: Jahr für Jahr bleiben mehr als doppelt so viele Jungen wie Mädchen sitzen.

Allerdings: Nachdem das Dogma von den diskriminierten Mädchen lange die schulpädagogische Debatte beherrschte, seien heute Studien über und Förderprogramme für Jungen dringend erforderlich, moniert etwa der Berliner Erziehungswissenschaftler Ulf Preuss-Lausitz: „Schulversagen ist vor allem ein Jungenproblem. Wer sich als Geschlechterforscher darum nicht kümmert, dem muss man sagen, dass er – oder sie – sich vor der wichtigsten schulischen Thematik drückt.“

Jenseits der Klassenzimmer setzen sich die Nöte der Jungen fort. Sie sind die modernen Sorgenkinder. Sie leiden öfter unter Sprach-, Lese- und Schreibstörungen, sind häufiger geistig behindert, zeigen mehr Verhaltensauffälligkeiten. Sie sind doppelt so häufig Bettnässer wie Mädchen, stottern viermal so oft, und siebenmal wahrscheinlicher ist, dass bei einem Jungen das „Aufmerksamkeits-Defizit-Syndrom“ (ADS) diagnostiziert wird. Was unter anderem zur Folge hat, dass mehr Jungen medikamentös „ruhig gestellt“ werden. Auch die Gewalt, die sie – weit mehr als Mädchen – ausüben, stecken sie überwiegend selber ein: Jungen erleiden doppelt so oft wie gleichaltrige Mädchen Körperverletzungen und werden achtmal häufiger beraubt.

Es ist nicht leicht, heutzutage ein Mann zu werden. Und auch im Berufsleben haben Frauen ihre Position enorm verbessert. Ihr Anteil an der Erwerbstätigkeit ist in den letzten 40 Jahren in Deutschland von knapp 38 auf 43 Prozent gewachsen, in vielen anderen Ländern liegt er noch weit höher. Eine OECD-Studie prognostiziert für viele Industrienationen numerische Parität nach den nächsten 15 Jahren. Genauso viele Frauen wie Männer werden dann im Beruf stehen. Auch die Arbeitszeiten haben sich dem Bundesfamilienministerium zufolge angeglichen. Rechnet man (unbezahlte) Haus- und (bezahlte) Erwerbsarbeit zusammen, sind Männer ebenso wie Frauen hierzulande im Durchschnitt 50 Stunden pro Woche beschäftigt.

Insgesamt aber ist nach wie vor kaum etwas in modernen Gesellschaften derart nach Geschlechtern gegliedert wie die Arbeitswelt. Noch immer wählen die meisten weiblichen Lehrlinge klassische „Frauenberufe“ wie Friseuse, Arzthelferin oder Verkäuferin, Studentinnen entscheiden sich bevorzugt für „weiche“ Fächer wie Erziehungswissenschaften oder Psychologie. Und noch immer bleiben Männer bei ihren Leisten als Mechaniker, Schlosser, Elektriker und streben „harte“, vielfach technische Studienfächer an. Vor allem Männer zeigen sich halsstarrig, in für das andere Geschlecht „typische“ Berufe zu wechseln – eine unvernünftige Weigerung, denn solchen Berufen gehört die Zukunft.

Für die USA ermittelte das „Bureau of Labor“, dass die am schnellsten expandierenden Gewerbe „weiblich“ sind: Computer- und Datenverarbeitung, häusliche Pflege, Gesundheitsdienste, gewerbliche Dienstleistungen wie Kinderbetreuung. Für Deutschland hat das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung hochgerechnet, dass bis zum Jahre 2010 bis zu 1,5 Millionen männliche Arbeiter ihren Job verlieren werden – viermal so viele wie Frauen. In den Dienstleistungsberufen könnten dagegen – je nach Szenario – Frauen deutlich mehr oder nur kaum weniger als Männer hinzugewinnen.

Die einstigen Malocher der Industriegesellschaft werden nicht mehr gebraucht, weil ihre Qualitäten – vor allem: Muskelkraft – nicht mehr gefragt sind, und weil besser ausgebildete Frauen zunehmend mit ihnen konkurrieren. Folge: Der Anteil der Männer am gesamten Arbeitsmarkt sinkt stetig. Die Erwerbslosigkeit von Männern zwischen 25 und 45 Jahren hat sich in den letzten 30 Jahren in Deutschland verdreifacht; EU-weit nehmen heute 22 Prozent der Männer im Erwerbsalter nicht mehr am Arbeitsleben teil, 1968 waren es nur acht Prozent.

Die Beschäftigungskrise ist eine Krise der männlichen Identität. Männer verfügen nicht über allgemein akzeptierte Alternativen, die ihrem Leben jenseits der Erwerbsarbeit Sinn geben. Zugespitzt: Ein arbeitsloser Mann ist eine Plage, eine arbeitslose Frau ist Mutter oder Hausfrau. Joblosigkeit trifft Männer entsprechend härter, bis in körperliche Funktionen hinein, wie eine schwedische Studie zeigte: Entlassene produzieren vermehrt Cholesterin und Stresshormone, ihr Immunsystem wird offenbar geschwächt. In Frankreich entdeckten Soziologen einen deutlichen Zusammenhang zwischen Arbeitslosigkeit und wachsenden Suizidzahlen bei 15- bis 24-jährigen Männern.

Die Informations- und Servicegesellschaft erfordert Qualitäten, die Frauen aufgrund ihrer Sozialisation eher mitbringen als Männer: Talent für Kommunikation und Teamwork, Dienstleistungsbereitschaft, hohe soziale Kompetenz. Außerdem schwinden Vollzeit-Arbeitsplätze. Waren 1970 noch 83,6 Prozent aller Jobs wochenfüllend, so sind es heute nur rund 68 Prozent. Der Beruf auf Lebenszeit ist eine Sache der Vergangenheit, die Zukunft wird „Patchwork-Biografien“ gehören: diskontinuierlichen Lebensläufen, die durch verschiedenste Tätigkeiten, Ausbildungen, Babypausen, Nachschulungen, „Sabbatjahre“ gekennzeichnet sind. Auch dafür, sagen Berufsforscher, seien Frauen besser gewappnet. Rechnet man (unbezahlte) Haus- und (bezahlte) Erwerbsarbeit zusammen, sind Männer ebenso wie Frauen hierzulande im Durchschnitt 50 Stunden pro Woche beschäftigt.

Ein unaufhaltsamer Aufstieg der Frauen also? Endlich Gleichstand? Noch nicht ganz. Es halten sich hartnäckig weibliche Begrenzungen im Berufsleben, Problemzonen, die sich der Entwicklung bislang versperrt haben. Immerhin aber sind sie auf drei deutlich umrissene Felder zusammengeschrumpft: die Unvereinbarkeit von Karriere und Kind, die ungleiche Bezahlung und die mangelnde Präsenz von Frauen in Führungspositionen.

So besetzen Frauen weniger als fünf Prozent aller Chefposten in großen Unternehmen. Warum nicht mehr? Verbissenes Machogehabe in Vorständen? Weibliche Zögerlichkeit vor dem Gipfelsturm? Zum Teil. Eher aber eine Generationenfrage. Die machtbereite und gut ausgebildete Kohorte der 30- bis 45-jährigen Frauen hat noch nicht das passende Alter für den Sprung an die Spitze erreicht. Der Anteil der Frauen am mittleren Management etwa in den USA hat sich in nur 20 Jahren von vier auf 40 Prozent verzehnfacht – und es gibt kaum Grund anzunehmen, dass diese Dynamik vor den Chefetagen Halt machen wird. Denn wie Soziologen lehren, sind Funktionsträger in modernen Gesellschaften austauschbar und spielt das Geschlecht bei der Machtausübung keine Rolle: Birgit Breuel kann eine Expo ebenso schlecht organisieren wie ein Mann, Margaret Thatcher ebenso energisch Krieg führen wie Bill Clinton.

Spitzenpositionen locken junge Frauen offenbar weniger als ihre männlichen Konkurrenten: Einer Umfrage zufolge waren nur 28 Prozent der Frauen, aber 40 Prozent der Männer auf hohen sozialen Status erpicht. Für eine knappe Mehrheit der jungen deutschen Frauen, ermittelte das Institut für Demoskopie Allensbach, gilt zudem „Mutter mit Teilzeitbeschäftigung“ als die attraktivste Lebensform – und nicht der Vorstandsvorsitz.

Auch das zweite Ärgernis, der geringere Durchschnittsverdienst von Frauen, beruht nicht allein auf patriarchaler Blockadetaktik. Der Bruttostundenlohn der Frauen liegt in Westdeutschland bei 76,9 Prozent der Männer (in Ostdeutschland: 89,9 Prozent).

Gemeinhin wird daraus geschlossen, dass Frauen für die gleiche Arbeit weniger Geld bekommen. Das aber stimmt nicht, wie eine Untersuchung des Statistischen Bundesamtes ergab: Bei vergleichbarer Qualifikation, Tätigkeit und Berufserfahrung verdienen die meisten Frauen auch etwa gleich viel. Der Abstand im Durchschnittseinkommen ergibt sich vor allem daraus, dass a) Frauen eher in Branchen mit insgesamt niedrigerem Lohnniveau arbeiten, sie b) häufiger Teilzeitstellen besetzen und sie c) aufgrund von Babypausen meist weniger Berufsjahre vorweisen oder nach dem Wiedereinstieg oft viel schlechtere Beförderungschancen haben. Der schlechte Durchschnittslohn spiegelt also vor allem die Unvereinbarkeit von Kind und Karriere.

Hier hat sich nicht viel getan. Noch immer fehlen Kindergärten, noch immer bieten Arbeitgeber nur wenige familien-freundliche, flexible Arbeitsmodelle an. Zudem nehmen nur 1,5 Prozent der deutschen Männer den Erziehungsurlaub wahr, ein Wert, der sich seit 1987 zwar verdoppelt hat, aber Gleichstellungsbeauftragte immer noch verstört. Nicht allein Unlust oder Desinteresse allerdings hält viele Männer ab, sich eine Zeit lang exklusiv ihrem Baby zu widmen, sondern ein „komplexes Begründungsgebilde“, wie es in einer repräsentativen Studie der Universität Bamberg heißt. Demnach bestimmen „in erster Linie finanzielle Kalküle die Entscheidung zwischen Partnern“, Erziehungsurlaub wird zum „Rechenbeispiel“. Da meist der Mann mehr verdient, einigen sich die Partner oft auf die klassische Rollenverteilung.

In Norwegen, zum Beispiel, nehmen 80 Prozent aller Väter mindestens vier Wochen Kinderpause – weil sonst der Anspruch auf den großzügig bemessenen Erziehungsurlaub teilweise verfällt. Und da Väter nicht mehr exotisch wirken, wenn das fast alle Männer tun, nehmen 13 Prozent der Norweger dann auch eine längere Auszeit, Tendenz steigend.

Die Regelung in dem skandinavischen Land soll ausdrücklich das Recht der Väter auf Kontakt zu ihren Kindern stärken. In Deutschland aber wird die Debatte vor allem mit Blick auf die Frauen geführt, obwohl unbestritten ist, dass die Diskriminierung in beide Richtungen wirkt: Der wirtschaftliche Druck benachteiligt die Mütter in der Arbeitswelt – und die Väter in den Familien.

Die Bamberger Forscher verweisen jedoch ausdrücklich auf jenes Drittel deutscher Männer, das sich prinzipiell gegen jede Beteiligung am Erziehungsurlaub wehrt. Das sei ein Indiz für die ungebrochene Macht der Tradition, dafür, „wie stark die gesellschaftlich überkommenen Rollen von Müttern und Vätern wirken“.

Die aber richten sich keineswegs nur gegen die Frauen. Immer deutlicher wird, dass die überkommenen männlichen Rollenerwartungen vor allem einer Gruppe schadet: den Männern selbst. Erst allmählich werden die Lebensumstände von Männern in westlichen Industriestaaten systematisch erforscht. Doch je mehr bekannt wird, desto weniger privilegiert erscheinen die „Paschas“, desto weniger Neid vermögen sie zu erwecken. Einige Eckdaten der „Männerkrise“:

  • Männer leben weniger lange als Frauen – in Deutschland und den meisten anderen Industrieländern durchschnittlich um rund sieben Jahre;
  • Männer sind – alles in allem – öfter krank als Frauen;
  • Männer begehen dreimal häufiger Suizid als Frauen, im Alter von 20 bis 25 Jahren sogar mehr als viermal so oft;
  • Männer sind das Gewaltgeschlecht. Als Täter – und als Opfer. Rund 84 Prozent aller verurteilten Straftäter sind Männer. Und weil sie öfter schwerere Delikte verüben, also auch härter bestraft werden als Frauen, stellen sie 96 Prozent aller Gefängnisinsassen. Auch das Risiko, Opfer zu werden, ist bei praktisch allen Delikten für Männer weitaus höher (Ausnahme: Sexualstraftaten);
  • 83 Prozent aller Arbeitsunfälle – und fast 95 Prozent der tödlichen – treffen Männer, weil fast ausschließlich Männer in gefährlichen Jobs arbeiten;
  • Männer leiden überdurchschnittlich oft an Alkohol- oder Drogensucht;
  • schätzungsweise 70 Prozent aller Obdachlosen sind Männer.

„Mannsein ist eine hochriskante Lebensform“, kommentiert Walter Hollstein, Professor für Politische Soziologie in Berlin. Denn was einen Mann landläufig zum Mann macht, schadet ihm zugleich: gefährliche Jobs, Rauchen, Trinken, riskanter Sport, Aggressivität, Gewaltneigung – Verhaltensmuster, denen Männer sich fügen, um gesellschaftlich als „ganze Kerle“ zu gelten.

In Wirklichkeit laufen die Männer heutzutage in eine Falle: Sie eichen sich auf Erfolg, Leistung, Macht, Karriere, Konkurrenz – mit allen negativen Konsequenzen für die Lebensqualität: Entfernung von der Familie, soziale Vereinsamung, schlechte Gesundheit, Sinnkrisen.

Das wichtigste Paradigma des Feminismus war: Frauen werden nicht geboren, sondern durch ihr kulturelles Umfeld gemacht. Für Männer wäre das gleiche zu sagen. „Schließlich nehmen sie“, so Hollstein, „nicht aus angeborener Dummheit selbstzerstörerische Bilder von Männlichkeit an, sondern weil bestehende Gesellschaftsstrukturen sie dazu zwingen und diesen Zwang auch noch honorieren.“ Der amerikanische „Maskulinist“ Warren Farrell spricht daher von einer „bisexistischen Welt“: Sie diskriminiert beide Geschlechter gleichermaßen – auf unterschiedlichen Feldern und mit unterschiedlichen Mitteln.

Wie die „Produktion“ von Männern funktioniert, zeichnet sich immer deutlicher ab. Der amerikanische Anthropologe David Gilmore hat in einer weltumspannenden Studie die Konzepte von Männlichkeit in zahlreichen Gesellschaften untersucht. Gemeinsam ist allen, dass Mannsein hart erkämpft werden muss, es stets „unsicher und prekär ist, eine Auszeichnung, die man gewinnen oder erobern muss“. Zum Test der Männlichkeit unterziehen viele Kulturen ihre Jungen brutalen Initiationsriten.

Die wichtigste Lektion sei, so Gilmore, in allen Gesellschaften stets: „Um zum Mann zu werden, müssen Männer die Tatsache akzeptieren, dass sie entbehrlich sind.“ Männer werden von jeher getrimmt, ihre eigenen Bedürfnisse einzuschränken, ihr Leben gering zu achten, es notfalls für andere einzusetzen, wie es etwa das Kommando „Frauen und Kinder zuerst“ auf einem sinkenden Schiff nahe legt. Alle Erziehung zielt auf diese Selbstaufgabe, und der Katalog männlicher Imperative – Sei hart! Beiß dich durch! Weine nicht! – ist ein ins Heroische gewendeter Befehl zur eigenen Abwertung.

Darin besteht der tiefere Zusammenhang zwischen Selbstbild und Selbstzerstörung der Männer. Sie werden angehalten, ihre Existenz aufs Spiel zu setzen: im Beruf, im Krieg, um zu retten, um zu verteidigen, um zu ernähren. Männliche Rituale auf Schulhöfen, auf Sportplätzen, in der Armee dienen, vor allem dazu, die Bereitschaft zur Selbstaufopferung wach zu halten und das zugleich durch eine lärmende Unerschrockenheit zu artikulieren. Das Patriarchat mag viel zerstören – vor allem aber seine Söhne.

Wie tief diese archaische Haltung ins kollektive Unterbewusstsein gebrannt ist, zeigt sich heute noch etwa an der Bundeswehr. Denn die Wehrpflicht ausschließlich für Männer ist ein offensichtlicher Sexismus: Nur junge Männer sind gezwungen, ihren Körper dem Staat zur Verfügung zu stellen, nur sie werden auf ihre Bereitschaft hin gemustert, notfalls für die Gemeinschaft zu sterben. Weigern sie sich, sowohl beim Bund als auch beim Zivildienst zu dienen, können sie kriminalisiert und eingesperrt werden.

Die Sozialisation von Jungen zielt vor allem auf deren emotionale und soziale Einschränkung. Während die Erziehung der Mädchen auch dank feministischer Aufklärung vielfältiger geworden ist und „typisch männliche“ Verhaltensmuster zulässt und fördert, ist die Sozialisation der Jungen stehen geblieben, wie der Harvard-Psychologe William Pollack beobachtet hat: „Für den Umgang mit Jungen hat noch immer jener Verhaltenscodex Gültigkeit, der auf Vorstellungen aus dem 19. Jahrhundert zurückgeht. Seine Wurzeln reichen so tief, dass niemand gegen ihn immun ist und er unsere ganze Gesellschaft durchdringt.“

Die Mechanismen sind subtil und setzen gleich nach der Geburt ein. Weibliche Babys haben im Durchschnitt einen Reifungsvorsprung und sind kräftiger als ihre männlichen Pendants. Fragt man aber die Väter, wer ihrer Meinung nach kräftiger sei, so antworten die allermeisten: die Jungen. Weil sie es einfach von ihnen erwarten.

Entsprechend spielen Eltern gröber und härter mit ihren Jungen; Mütter reduzieren bei ihnen viel früher als bei Mädchen Körperkontakt und Zärtlichkeiten; sie sanktionieren „geschlechtsuntypisches Verhalten“ bei Jungen härter: Spielt ein Junge mit Puppen, schreiten sie meist energisch ein, spielt ein Mädchen mit Autos, gilt das als progressiv; sie sprechen mit Mädchen viel häufiger über Gefühle und zeigen ihnen ein weiteres Spektrum an Empfindungen, während sie auf die Gefühlsäußerungen ihrer Söhne auffällig wenig, bei negativen Gefühlen oft überhaupt nicht eingehen. Das Ergebnis? In den Worten von William Pollack: Ein „Halbwesen“ mit einer aufgeblasenen „heroischen Hälfte“, das zugleich gefangen ist in einer emotionalen „Zwangsjacke“.

Im Verlauf der Adoleszenz wird das männliche Grundmuster dann verfestigt: die eigene Innenwelt missachten, die Außenwelt erobern. Eltern fordern, Schulkameraden hänseln, Mädchen necken, und bei allem ist das größte Problem der Jungen, dass sie keine Probleme haben dürfen – wie es das Kultbuch der deutschen Jungenforschung, „Kleine Helden in Not“, formuliert. Meist gewinnen sie lediglich durch Aggression Respekt, und nur durch Härte Anerkennung – notfalls um jeden Preis. Auch wenn der längst zu hoch ist.

Kein Wunder, dass sich Zweifel an den Verhaltensvorgaben durch die Männerwelt frisst. 37 Prozent aller deutschen Männer erklärten sich bei einer großen Umfrage im Jahre 1999 für „unsicher“. Besonders bedrohlich erscheint, dass auch der letzte Stützpfeiler positiver männlicher Identität ins Wanken gerät: die Vaterschaft. Und das aus den unterschiedlichsten Gründen: Der Staat tritt zunehmend als Ersatz-Ehemann auf, indem er vaterlose Familien alimentiert; viele schlecht ausgebildete oder arbeitslose Männer trauen sich überhaupt nicht mehr zu, eine Familie zu ernähren; andere Väter flüchten vor der Verantwortung, wieder andere werden von ihren Frauen aus dem Haus gejagt.

Zynisch könnte man sagen, dass in den vergangenen Jahrzehnten nicht nur Frauen, sondern vor allem Männer „befreit“ wurden: von Jobs, von der Vaterschaft, von ihrem klassischen Selbstverständnis. „Das Prinzip Mann“, so stellt der Schriftsteller Peter Schneider bündig fest, „verschwindet“; der Mann, sekundiert der Anthropologe Lionel Tiger, wird zum „Auslaufmodell“.

Was an dessen Stelle treten soll, ist unklar. Vermutlich wird die maskuline Emanzipation zäher verlaufen als die feminine: Anders als Frauen bietet sich Männern kein klar definiertes Feindbild. Der Gegner sind immer auch sie selbst und ihre eigenen Verhaltensweisen. Aber eine Lösung für das männliche Identitätsproblem wird die Gesellschaft finden müssen. Sonst werden, worauf die Feministin Susan Faludi hingewiesen hat, vor allem unbeschäftigte, familienlose Männer zu einem wachsenden Problem der Gemeinschaft, weil sie zu Gewalt neigen und wenig produktiv sind.

Die veränderte Wertigkeit von Mann und Frau fließt bereits in die Familienplanung ein. Das belegt eine Studie des Rostocker Max-Planck-Instituts für demographische Forschung. Mit ihr wurde anhand der Geburtenfolge in Familien untersucht, ob sich deutsche Mütter eher Söhne oder Töchter wünschen. In der ersten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts lag die Präferenz eindeutig auf Jungen; weil diese, so vermutlich das Kalkül, als finanzielle Versorger der Eltern im Alter gebraucht wurden. Seit der Sozialstaat diese Rolle weithin übernommen hat und Frauen zudem gute Chancen auf dem Arbeitsmarkt haben, wünschen sich Mütter eher Töchter.

Nach Lage der Dinge haben Mütter den richtigen Riecher. Ein Junge, ein Mann in spe – das könnte heute in der Tat die schlechtere Wahl sein. In jedem Fall: eine schwierige.

Quelle und Volltext: GEO