Das neue Bild vom Vater

Familienforscher haben herausgefunden: Die Wichtigkeit der Mutter bei der Kindererziehung wird reichlich überschätzt. Ohne Väter ist kein Nachwuchs richtig fit fürs Leben
Ein Psychologenteam um Karin Grossmann und Heinz Kindler von der Universität Regensburg hat wissenschaftliche Aufzeichnungen ausgewertet, die den Umgang verschiedener Väter mit ihren Kindern über viele Jahre hinweg dokumentieren. Die bisherigen Erkenntnisse der Forscher: Die Feinfühligkeit des Vaters beim Spiel, etwa mit Zweijährigen, korreliert extrem stark und eindeutig mit dem Bindungsverhalten der Kinder noch im Alter von 16 und 22 Jahren. Je sensibler der Vater das Kleinkind behandelt, desto sicherer geht der junge Erwachsene mit emotionalen Bindungen um.

Mehr noch: Als Erwachsene reproduzieren die Kinder in ihren Beziehungen ziemlich genau jenes Verhalten, das die Väter ihnen gegenüber im Spiel gezeigt haben. Ist der Papa dem Kind gegenüber geduldig, aufmerksam und zugewandt, so sind es 22-Jährige ihren Partnern gegenüber auch; sie vertrauen ihnen mehr, sind offener, emotional erfüllter und wenden sich öfter an Mitmenschen um Hilfe und Zuspruch. Kinder von unsensiblen Vätern haben dagegen weit mehr Probleme in Partnerschaften, sind zugeknöpfter, misstrauischer. Und noch ein Ergebnis: Die Spiel-Feinfühligkeit der Mutter spielt nur eine untergeordnete Rolle.

Die Suche nach der Wahrheit über das Wesen des Vaters ist schwer. Zu viele Vorurteile verstellen den Blick: vom angeblich abwesenden, faulen, säumigen, gewalttätigen Vater, vom Versager-Vater, vom Zerfall der Familie, vom Ende der Elternschaft…

Wie sieht sie nun also aus, die Wahrheit über Väter?

Die Biologie

Die Vater-Kind-Bindung ist seit Menschengedenken dort schwach, wo strikte Arbeitsteilung zwischen den Geschlechtern, hoher Überlebensdruck und/oder häufig Krieg herrschen. Und sie ist ausgeprägt, wo Frauen gleichermaßen zum Unterhalt der Familie beitragen wie Männer – etwa in Jäger- und Sammlergesellschaften. Entsprechend forciert die steigende weibliche Erwerbstätigkeit die zunehmende Väterbeteiligung im 21. Jahrhundert: Je mehr Frau arbeitet, desto stärker muss Mann ran.

Aber kann er das?, wird traditionell gefragt. Mangelt es ihm für die Kinderaufzucht nicht an biologischer Sensibilität, sind Mütter nicht von Natur aus besser darauf vorbereitet?

Die hormonelle Achterbahnfahrt, die eine Frau während der Schwangerschaft durchmacht, galt lange Zeit gleichsam als biochemische Aufwärmphase für die ganz spezielle Mutter-Kind-Bindung. Seit kurzem aber weiß man, dass werdende Väter ganz ähnliche Hormonausschläge erleben, nur mit geringerer Amplitude. Auch ihr Hormonspiegel schwankt erheblich und folgt dabei ziemlich genau dem Muster der Schwangeren.

Das neue Bild vom Vater

Familienforscher haben herausgefunden: Die Wichtigkeit der Mutter bei der Kindererziehung wird reichlich überschätzt. Ohne Väter ist kein Nachwuchs richtig fit fürs Leben

Verschiedene Studien zeigten zudem, dass bis zu 65 Prozent aller werdenden Erstväter deutliche Schwangerschaftssymptome erleben: Müdigkeit, Appetitschübe, Stimmungswechsel, Kopfschmerzen. Viele erfahren psychische Wechselbäder, fallen in Depression – was auch damit zusammenhängen mag, dass sich Männer während der Schwangerschaft mindestens ebenso große Zukunftssorgen machen wie Frauen.

Ist das Kind auf der Welt, knüpft im Normalfall der Vater zu ihm gleich starke emotionale Bindungen wie die Mutter und ist im Umgang mit ihm genauso kompetent. Ross Parke, ein führender Vaterforscher an der Universität von Kalifornien, hat Väter mit Neugeborenen eingehend in Laborsituationen und zu Hause beobachtet: Sie sprechen genauso viel mit ihren Babys, küssen sie genauso oft, spielen mit ihnen genauso lange wie Mütter. Nur lachen sie ihr Kind weniger häufig an – aber Frauen, das ist gut belegt, lachen ohnehin im gesamten Leben mehr als Männer.

Mehr noch und besonders ruinös für die Position der Biologisten: In Reaktion auf ein schreiendes Kind steigen sowohl bei Frauen wie bei Männern Herzschlag, Blutdruck und Hauttemperatur, während sie bei einem lächelnden Baby unverändert bleiben. Auch bei Parametern also, die noch am ehesten als „naturgegeben“ gelten mögen, lassen sich keine Geschlechtsdifferenzen finden.

Mütter reden mehr, sind didaktischer, folgen eher konventionellen Spielen (Hoppe-Hoppe-Reiter); Väter erfinden neue Spiele, sind anregender, anstrengender. In einer Untersuchung mit Zweieinhalbjährigen bevorzugten zwei Drittel den Vater als Spielkameraden. Möglicherweise spüren Kinder intuitiv, wie wichtig diese Art der Stimulation für ihr Fortkommen ist.

Aus all dem folgern Wissenschaftler, dass Väter und Mütter unterschiedliche Aspekte der kindlichen Entwicklung beeinflussen – und so einander gut ergänzen. Diverse Studien haben ergeben, dass Frauen vor allem die innere Gefühlswelt der Kinder regulieren, dass etwa ihr Umgang mit den negativen Emotionen des Kindes (Traurigkeit, Angst) hoch relevant für dessen zukünftiges Sozialverhalten ist. Männer steuern dagegen eher den „explorativen“ Aspekt der Entwicklung, den „Weltbezug“, also all das, was Kinder fit macht, mit den Anforderungen der Umwelt zurechtzukommen.

Väter sind gewiefte Experten darin, eben diese Neugier und den Durchhaltewillen ihrer Kinder zu fördern. Sie ermutigen sie eher als Mütter, Ungewohntes auszuprobieren, muten ihnen mehr zu. Väter heben ein Kind wieder auf ein Fahrrad, nachdem es gestürzt ist; sie benutzen bei Kleinkindern längere Sätze, kompliziertere Worte und weniger rhythmische Satzmelodien (während sie mit Babys genauso „angepasst“ und simpel sprechen wie Mütter). Sie lehren die Kleinen hartnäckiger, Frustrationen beim Lernen auszuhalten.

Die Beteiligung des Vaters

Die Vorfreude eines Mannes auf Kind und Vaterschaft, sein Wille zur Windel, ja sogar sein ausdrücklicher Wunsch nach mehr Engagement – das alles spielt nur bedingt eine Rolle für seinen tatsächlichen Einsatz. Entscheidender ist vielmehr die Einstellung der Frau.

Wenn sie ihrem Mann die Kompetenz abspricht, die Kinder angemessen betreuen zu können, dann rührt der Mann kaum einen Finger. Er kann von seinem eigenen Geschick noch so überzeugt sein – ist seine Frau davon nicht angetan, kommt er nicht zum Zuge. Der US-Experte Ross Parke pointiert: „Väter sind exakt so weit involviert, wie die Frau es zulässt.“

Väter von Neugeborenen arbeiten in der Regel mehr im Büro und in der Fabrik als vor der Geburt, sind also seltener zu Hause. Das tun sie überwiegend nicht, um vor der neuen Familiensituation zu flüchten, wie oft geargwöhnt wird. Sondern meist, um den Einkommensverlust nach der Geburt auszugleichen oder um ihren Job zu sichern, wie eine repräsentative Studie des Bamberger Familienforschungs-Instituts ergab.

Zudem hat das Institut festgestellt, dass Väter von Kleinkindern im Schnitt mehr als neun Stunden pro Tag beruflich unterwegs sind – dass sich eine große Mehrheit danach aber noch mindestens eineinhalb Stunden um die Kinder kümmert. Am Wochenende beschäftigen sich die meisten Männer länger mit dem Nachwuchs als Frauen.

Trotzdem hält sich in der Gesellschaft das Klischee, Männer würden sich vor ihren Familienpflichten drücken. Der amerikanische Psychologe Ross Parke fragt in diesem Zusammenhang: Wie konnte es passieren, „dass väterliche Erwerbsarbeit weniger als Ausdruck von Liebe für die Familie gewertet wird, sondern allein als Versuch der Männer, ihre Frauen zu dominieren?“ Die Frage gewinnt auch dadurch rapide an Brisanz, dass immer mehr Mütter berufstätig sind – müßte man nicht auch ihnen nun „Kindesvernachlässigung“ vorwerfen?

„Neue Väter“?

Tiefgreifender, als es die An- und Abrechnung von Anwesenheitsminuten eines Elternteiles erfassen könnte, ändert sich das Geschlechterverhalten im emotionalem Sektor. Männer leisten sich im Verhältnis zu ihrem Nachwuchs heute „Gefühlsoffenheit, Weichheit, Zärtlichkeit, Fürsorglichkeit, ja sogar Schwäche“, wie die Soziologinnen Ute Gonser und Ingrid Hellbrecht-Jordan beobachtet haben.

Der aktive, partnerschaftliche Vater ist zumindest bei den unter 45-Jährigen längst die Norm. Väter bevölkern Spielplätze, kennen Kinderkleidergrößen und die wichtigsten Pokémon-Figuren, machen mit beim „Mutter-und-Kind-Turnen“ und wechseln Windeln in Frauentoiletten, weil Wickeltische in Herrenklos Seltenheitswert besitzen.

90 von 100 Vätern sind heute bei der Geburt anwesend (in den siebziger Jahren war das in den meisten Krankenhäusern gar nicht erwünscht); bei Familienentscheidungen herrscht meist Gleichheit zwischen Vater und Mutter – ja nicht einmal an der Disziplinierung finden moderne Väter noch Gefallen: „Das kulturelle Stereotyp, dass Väter mehr strafen als Mütter, ist ohne empirischen Beweis“, so der Psychologe Ulrich Schmidt-Denter.

Im Gegenteil: Meist führen Männer ein weniger striktes Regiment als Mütter, wie Vergleiche zwischen Hausfrauen und Hausmännern ergaben. Mütter, gewöhnt an die Macht im Heim und besorgt, sie nicht zu verlieren, delegieren weniger an Mann und Kinder und halten die Fäden rigider in der Hand – sie errichten so genannte „mütter-zentrierte“, hierarchische Systeme mit der Folge, dass sie viele Arbeiten selber übernehmen, auch wenn das ihre Stressbelastung erhöht. Väter als Hausmänner schaffen eher „familien-zentrierte“ Gemeinschaften, in denen alle mithelfen müssen nach dem Motto: „Ich bin doch nicht eure Glucke.“ Auch verfechten sie meist großzügigere Ordnungs- und Reinlichkeitsstandards, sind also – je nach Interpretation – lockerer oder nachlässiger, wenn es ans Aufräumen geht.

Der vielbeschworene „Neue Mann“, der Softie-Papa, der „Mapi ohne Brüste“, wie Illustrierte in den Achtzigern visionierten – er reift unter den neuen Verhältnissen allerdings nur als Minderheitenfigur heran, als eine von vielen neuen Ausformungen des Vaterseins.

Denn während Politik und Recht sich noch weitgehend an der klassischen Kleinfamilie orientieren, entsteht am Rande der Gesellschaft (genauer: in liberalen, großstädtischen Milieus) allmählich eine neue, bunte Welt des Väterlichen, die immer weniger in angestammte Denkkategorien passt – späte Väter, schwule Väter, Stiefväter in allen Varianten, Adoptivväter, Pflegeväter, Pendelväter, living-apart-together-Väter, Ein-Drittel-, Zwei-Drittel-, Fifty-fifty-Väter, Hausmänner, Samenspender-Väter, Tagesväter, Opapis. Alleinerziehende Väter sind die am schnellsten wachsende Familienform in Deutschland. Zuwachs in den vergangenen 40 Jahren: rund 250 Prozent – ein doppelt so starker Anstieg wie bei Frauen.

Was und wie ein Vater ist, diese scheinbar simple Frage erweist sich als immer vertrackter. Fest steht: Biologische Vaterschaft verliert, soziale Vaterschaft gewinnt an Bedeutung. Noch sind die Größenordnungen überschaubar, aber stetig mehr Männer werden nicht zu einem Kind kommen, indem sie es zeugen, sondern indem sie es übernehmen von einem anderen Mann, der eine neue Familie gründet oder sich seinerseits einer bereits vorhandenen Mutter-Kind-Gemeinschaft anschließt.

Kinder werden vermehrt mit multiplen Vätern (und Müttern) aufwachsen; möglicherweise finden sich regelrechte „Lebensabschnitts-Eltern“. Das muss nicht von Nachteil sein: Gute Stiefväter können genauso liebevoll sein wie leibliche Väter, jedenfalls bewirken sie ähnlich positive psychologische Effekte auf Kinder, wie Paul Amato von der Universität von Pennsylvania in einer aufwendigen Studie nachgewiesen hat.

Auch Kyle Pruett von der Universität Yale sieht noch erhebliches Potenzial: Väter bildeten eine gigantische emotionale Reserve innerhalb der Gesellschaft, und diese Ressource könne und müsse man noch erheblich stärker anzapfen. Schädliche Nebenwirkungen seien nicht zu erwarten, schreibt der Psychologe. Schließlich sei die Ressource „natürlich, erneuerbar und weitgehend ungiftig“.

Quelle und Volltext: GEO