Sorgen bei der Nutzung moderner Medien

Moderne Medien machen Eltern oft Angst. Der intensive Umgang der Kinder mit ihnen weckt Befürchtungen, dass sie die Entwicklung der Kinder und Jugendlichen stören könnten, sie gar „vom rechten Pfad“ abbringen könnten, zumal die „Kids“ den Eltern oft bei der Nutzung dieser Medien überlegen sind. Auf einige dieser Befürchtungen soll hier eingegangen werden, um Vorurteile von berechtigten Befürchtungen unterscheiden zu können.

Medien machen Eltern oft Angst. Der intensive Umgang der Kinder mit ihnen weckt Befürchtungen, dass sie die Entwicklung der Kinder und Jugendlichen stören könnten, sie gar „vom rechten Pfad“ abbringen könnten. Auf einige dieser Befürchtungen soll hier eingegangen werden.

  1. Medien machen aggressiv

Die Befürchtung, dass Heranwachsende aggressiv werden, wenn sie sich gewalthaltigen Fernsehsendungen, Kinofilmen oder Computerspielen zuwenden, ist weit verbreitet. Als Beleg gilt z.B. das medienbezogene Spielverhalten von Kindern. Dazu stellt Barthelmes fest: „Medienbezogene Spiele der Kinder werden aus Sicht der Erwachsenen meist als ,aggressiv‘ und ,gewalttätig‘ bezeichnet. […] Doch in den medienbezogenen Abenteuer- und Actionspielen ist die Aggression in der Regel ,gespielt‘.“ Aggressives Spielverhalten kann nicht einfach gleichgesetzt werden mit aggressiven Dispositionen, die in der Realität ausgelebt werden.

Aggressionen, ob sie nun körperlicher oder verbaler Art sind, werden vorwiegend durch soziale Konflikte ausgelöst, z.B. wenn ein Kind von einem Spiel ausgeschlossen wird oder ein Jugendlicher sich ungerecht behandelt fühlt. Die Ursachen für aggressives Verhalten liegen im Normalfall in den sozialen Bedingungen, unter denen Kinder bzw. Jugendliche aufwachsen. Medien sind in den wenigsten Fällen Auslöser.

Aber: Medien können als Verstärker fungieren und darin liegt ihr entscheidendes Wirkungspotential. Die Verstärkungsfunktion von Medien ist besorgniserregend, gerade wenn es um Gewalt geht. Dies gilt umso mehr, wenn Gewalt als probates Lösungsmittel für Konflikte oder als Möglichkeit, Macht zu erlangen, in verschiedenen medialen Kontexten propagiert wird, sei es im Kino-Action-Film, in der Fernsehserie, dem PC-Spiel, dem Comic oder in Videoclips.

Fragen werfen insbesondere auch gewalthaltige Angebote auf, in die Kinder und Jugendliche sich mit aktivem Handeln involvieren können, wie z.B. PC-Spiele in On- und Offline Varianten. Denn hier wird Gewalthandeln nicht nur betrachtet sondern selbst vollzogen, freilich im virtuellen Raum und nicht real – ein Unterschied, den man nicht vernachlässigen kann.

Der Umgang mit Gewalt in Medien hängt im wesentlichen davon ab, welches Gewaltverständnis Kinder und Jugendliche haben, wie sie selbst mit Gewalt umgehen und wie sie die Medien in ihren Alltag einbetten.

Kinder und Jugendliche haben ein breites Gewaltverständnis
Was Kinder und Jugendliche unter medialer Gewalt verstehen, ist sehr unterschiedlich und hängt mit ihrem realen Gewaltverständnis zusammen, ihrem Alter und Geschlecht und dem sozialen Anregungsmilieu:
Ausgangspunkt für ihr mediales Gewaltverständnis ist ihr realer Gewaltbegriff, der mit den eigenen Gewalterfahrungen verbunden ist. Mit zunehmendem Alter der Mädchen und Jungen entwickeln sich ihre medienbezogenen Verstehensfähigkeiten und damit wird auch ihr Verständnis von medialer Gewalt differenzierter. Geschlechtstypische Auffälligkeiten bleiben jedoch über lange Zeit erhalten. So werden diffizilere Gewaltformen wie z.B. psychische Gewalt von Mädchen früher erkannt als von Jungen und negativ bewertet. Mit Beginn des Jugendalters reagieren aber auch Jungen zunehmend sensibel auf diese Form von Gewalt.

Was Kinder unter Gewalt verstehen, reicht von physischer Gewaltanwendung mit Körperkraft und Waffen bis hin zu psychischer Gewalt. Die Unterschiede können jedoch beachtlich sein, wie die Zitate zeigen. Während für die einen der „Ausländerhass“ zweifellos Gewalt ist, ist es für andere lediglich „Halbgewalt“, wenn bei einer kämpferischen Auseinandersetzung niemand getötet wird.

Was aber bei allen Kindern beobachtet werden kann, ist der Blick auf die Opfer der Gewaltanwendung: Wenn jemandem „weh getan wird“, wenn jemand Schaden erleidet, dann verbinden Kinder das mit Gewalt.

Das Problem mit der „guten“ Gewalt in Medien
Bestimmte Gewaltformen sind vor allem für jüngere Kinder schwer zu entschlüsseln. Eine dieser Gewaltformen ist die so genannte gerechtfertigte Gewalt, wie sie vor allem in Actionangeboten im Kino und im Fernsehen häufig anzutreffen ist, aber auch in Computerspielen. Mit „gerechtfertigter Gewalt“ ist solches Gewalthandeln gemeint, das in der Regel von den „Guten“ ausgeht und einen „guten Zweck“ verfolgt. Die Konfliktlösung durch Gewaltanwendung wird nicht in Frage gestellt, es wird vielmehr vermittelt, dass diese notwendig ist.

Werden Kinder immer wieder in verschiedenen inhaltlichen Kontexten und in unterschiedlichen Medien wie Fernsehen und PC-Spielen mit diesem Muster von Gewalthandeln konfrontiert, kann dies dazu führen, dass sie ihre ethischen Vorstellungen daran orientieren und Gewalt auch im Alltag für richtig halten.

Um dem entgegenzuwirken, ist es notwendig, den Medienkonsum der Heranwachsenden zu begleiten und den einseitigen Medienvorgaben an der Wirklichkeit ausgerichtete Korrektive entgegenzusetzen, denn in der Wirklichkeit ist Gewalt immer ein Problem.

Die Gewaltschwelle
Je nach kognitivem, emotionalem und moralischem Entwicklungsstand sowie den realen Gewalterfahrungen eines Mädchens oder Jungen auf der einen Seite und der Art der dargestellten Gewalt auf der anderen Seite kann Gewalt in medialen Kontexten belasten und verunsichern. Wie Kinder oder Jugendliche sich zu medialer Gewalt stellen, hängt mit ihrer persönlichen „Gewaltschwelle“ zusammen. Diese ist so etwas wie ein individueller Maßstab dafür, welche Gewaltdarstellungen toleriert werden und welche für die Heranwachsenden unerträglich oder ängstigend sind.

Angst ist vor allem bei jüngeren Kindern zu finden, und zwar besonders dann, wenn sie den Kontext drastischer Gewalt nicht verstehen können oder wenn mystische Zusammenhänge eine Rolle spielen. Mit zunehmendem Alter werden mediale Inhalte und auch mediale Gewalt besser eingeordnet. So haben die meisten Mädchen und Jungen im Jugendalter z.B. keine Schwierigkeiten mehr, mit Mysteryserien umzugehen. Diese rufen keine diffusen Ängste mehr hervor, wie das bei jüngeren Kindern der Fall ist. Belastend aber bleibt Gewalt auch bei älteren Kindern, wenn sie drastisch ist oder der Wirklichkeit nahe kommt.

Die Gewaltschwelle moderierende Faktoren: Geschlecht, Alter, Erfahrung, soziales Anregungsmilieu

Wie Heranwachsende mit medialer Gewalt umgehen ist abhängig:

  • vom Geschlecht: Mädchen reagieren schon auf weniger drastische Gewaltformen.
  • vom Alter: Je älter die Heranwachsenden sind, desto ausgeprägter sind ihre Verstehensfähigkeiten, desto besser können sie mediale Gewalt einordnen und desto leichter gelingt es ihnen, sich zu distanzieren.
  • von den realen Gewalterfahrungen: Was Heranwachsende unter Gewalt verstehen und wie sie mediale Gewalterfahrungen bewerten, steht in engem Zusammenhang mit ihren realen Gewalterfahrungen.
  • vom sozialen Anregungsmilieu: Welche Anregungen Kinder und Jugendliche aus ihrem Umfeld erhalten und was ihnen hier vorgelebt wird, hat einen Einfluss auf ihre Auseinandersetzung mit realen und medialen Gewalterfahrungen.

Mediale Darstellungen von Gewalt
Nicht nur personenbezogene Aspekte tragen dazu bei, wie Heranwachsende mit medialen Gewaltdarstellungen zurechtkommen. Auch die Art der Darstellung und die Kontexte haben Bedeutung dafür, wie Kinder und jüngere Jugendliche mit medialer Gewalt umgehen. Vier Formen überschreiten die Schwelle der meisten Kinder. Die Konfrontation führt zu Ablehnung, Verunsicherung und oft zu Angst. Es sind dies:

  • Gewalthandlungen, die mit drastischen, sichtbaren Folgen verbunden sind..
  • Gewalthandlungen, die in mysteriöse Zusammenhänge eingebettet sind, die zumindest für jüngere Kinder unbegreiflich sind
  • Gewaltdarstellungen in realitätsnahen Kontexten, wie sie in Krimis, in Serien aber auch in PC-Spielen mit realitätsnahem Kriegsszenario vorkommen.
  • Gewaltdarstellungen in realen Kontexten, z.B. in Nachrichten oder in Boulevardmagazinen, tangieren Heranwachsende ebenfalls besonders dann, wenn die eigene Generation involviert ist oder wenn das Geschehen ihrer Lebenswelt nahe kommt.

Im Umgang mit solchen Medieninhalten brauchen die Mädchen und Jungen Unterstützung und Begleitung. Sie brauchen einen Ansprechpartner, der auf ihre Fragen eingeht oder ihnen emotionale Zuwendung gibt und ihnen so hilft, das Gesehene richtig einzuordnen oder sich davon zu distanzieren. In Bezug auf manche Internetangebote helfen allerdings nur noch konsequente Vermeidungsstrategien.

Gewalt im Spiel = (k)ein Kinderspiel
Beim Thema Action und Gewalt scheiden sich nicht nur die Geister sondern auch – und vor allem – die Geschlechter. Während sich viele männliche Heranwachsende für alle Arten von gewalthaltigen Actionspielen begeistern können, machen diese Spiele bei den Mädchen wenig Eindruck. Das Gefühl, das Spiel bzw. die Gegner im Griff zu haben und zu beherrschen, hat dabei große Bedeutung. Der Wunsch, Ereignisse und Situationen zu kontrollieren und Macht auszuüben, ist anscheinend den männlichen Heranwachsenden in unserer Gesellschaft auf den Leib geschrieben. Für einige Jungs ist es außerdem ein Anreiz, die Erwachsenen mit den eigenen „krassen“ Medienvorlieben zu schockieren. „Männlichkeit“ demonstriert derjenige, der etwas aushalten.

Wenn Gewalt im Spiel ist, sind die Befürchtungen von Eltern und anderen Erwachsenen besonders groß. Machen diese Spiele die Kinder und Jugendlichen aggressiv, verhaltensgestört oder gar zu Amokläufern? Gewalt in Spielen ist etwas anderes als zum Beispiel in einem Film. Die Spieler werden nicht – wie in einer Filmgeschichte – emotional mit hineingezogen, fühlen nicht mit den Helden, aber auch nicht mit den Opfern. Mitgefühl würde den erfolgreichen Spielablauf einfach nur stören. Das heißt aber nicht, dass die Spielenden automatisch abstumpfen oder gar Mitleidsfähigkeit in der Realität verlieren. Spiel und Realität sind zwei unterschiedliche Welten und das ist den allermeisten Spielenden bewusst. Verschwimmen jedoch diese Grenzen, kann ein problematisches Gewaltverständnis gefördert werden. Risiken sind vor allem dann zu befürchten, wenn die Spielenden ständigem Druck ausgesetzt sind, weil sie wie bei den „Ego-Shootern“ im Sekundentakt drastische Gewalt ausführen müssen, um sich das Bleiberecht im Spiel zu erkämpfen. Läuft das Spiel vor einem realitätsnahen Szenario (z.B. Terrorbekämpfung oder Vietnamkrieg) ab und ist die Darstellung von filmähnlicher Qualität und realistisch, sind solche Effekte umso wahrscheinlicher. Dann kann es auch vorkommen, dass die Begeisterung für Spielelemente, wie zum Beispiel für Waffen, Kriegsgerät, militaristische Strategien in der Realität ihre Früchte trägt.

2 Medien zerstören Kreativität und Fantasie

Medien sind Geschichtenerzähler und Gefühlsproduzenten, Informanten und Meinungsmacher und v.a. liefern sie Bilder von der Welt: Bilder von Menschen, von fremden Ländern, von anderen Planeten … Da bleibt – so wird vielfach und insbesondere für Heranwachsende befürchtet – kein Raum mehr, um sich selbst etwas vorzustellen, auszumalen oder zu Ende zu denken.

Heranwachsende sind dabei, sich die Welt zu erschließen und dazu ziehen sie Anregungen aus ihrer realen Umwelt ebenso heran wie aus den Medien. Ihre Eindrücke bzw. das, was sie für wichtig und brauchbar halten, setzen jüngere Kinder häufig spielerisch um. Im Spiel modeln sie die Vorgaben aus der Realität oder den Medien ihren Bedürfnissen entsprechend und mit viel Kreativität um. Entsprechendes gilt auch für ältere Kinder und Jugendliche, die die Medienvorgaben benutzen, um ihre eigenen Vorstellungen abzugleichen und ihre aktuellen Fragen daran abzuprüfen.

Die Wechselspiele zwischen der Realität und den Medienvorgaben sind kreative Akte, die Heranwachsende von klein auf vollführen und bei denen sie sich von ihren Entwicklungsaufgaben und aktuellen Problemlagen leiten lassen. Mit den Medienvorgaben und -bildern gehen viele dabei recht respektlos um. Allerdings gilt das nicht für alle und Bedenken sind angebracht, wenn Kinder und Jugendliche den Medien blind folgen, alles für bare Münze nehmen, was ihnen dort geboten wird oder gar den Medienvorgaben nachzueifern suchen. Dann nämlich ordnen sie sich den Medien unter und die eigene Fantasie und Kreativität finden keine Ansatzpunkte, um sich zu entfalten. Demgegenüber stehen die Möglichkeiten von Medien, der eigenen Fantasie Ausdruck zu verleihen: Sei es mit multimedialen Anwendungen von Zeichenprogrammen über Fotostorys bis hin zur eigenen Gestaltung von eigenen Websites.

3 Medien machen dumm

Schlechte Schulnoten, ungenügende Allgemeinbildung, fehlende Disziplin … dumm und dümmer wird angeblich die nachwachsende Generation. Schuld – so eine verbreitete Mutmaßung – sind die Medien, die den Kindern und Jugendlichen Zeit stehlen, ihre Konzentrationsfähigkeit zerstören und ihnen die Hirne mit Angeboten auf niedrigstem Niveau verkleistern.

Ganz so einfach aber ist es nicht. Es gibt Heranwachsende, die schlecht in der Schule sind, obwohl sie nicht viel Zeit mit Medien verbringen, und es gibt umgekehrt Heranwachsende, die ausgiebige Mediennutzer und trotzdem gut in der Schule sind. Entscheidend für schulische Leistung ist das soziale Umfeld, die intellektuelle Anregung und Förderung, die Kinder und Jugendliche von Eltern oder anderen Bezugspersonen erfahren. Allerdings gibt es ein fatales Zusammenspiel zwischen sozialem Umfeld und Medienverhalten: In bildungsbenachteiligten Sozialmilieus, in denen Kinder weniger intellektuelle Anregung erfahren, ist zugleich ein zeitlich ausuferndes und inhaltlich problematisches Medienverhalten von Eltern und Kindern häufiger zu beobachten als in besser gebildeten Sozialmilieus. Diese Allianz von Bildungsbenachteiligung und problematischem Medienverhalten in den Herkunftsmilieus von Heranwachsenden ist in Erwägung zu ziehen, bevor vorschnell nur die Medien für Schulschwierigkeiten oder persönliche und gesellschaftliche Bildungsdefizite verantwortlich gemacht werden.

Denn, was nicht vergessen werden darf, Medien können auch einen positiven Einfluss auf das Wissen von Heranwachsenden haben, z.B. kann durch das Fernsehen:

  • das (Allgemein-)Wissen bereichert werden.
  • die Entwicklung der sprachlichen Fähigkeiten gefördert werden.
  • der Horizont eigener Erfahrungen erweitert werden. Wir können mittels Fernsehen ferne Länder und fremde Kulturen kennen lernen, in die wir niemals real kommen werden.

Natürlich bieten auch Hörmedien (Radio, Hörbücher) die Möglichkeit, sich in fremde Welten zu begeben und somit dazuzulernen. Computermedien sind als Lernwelten besonders prädestiniert, weil die eigenen Aktivität nachhaltiges Lernen befördern kann.

Um das, was sie aus den Medien erfahren, in ihren Wissensfundus integrieren zu können, brauchen Heranwachsende v.a. wenn sie noch jünger sind, die Unterstützung Erwachsener. Dies gilt v.a. für das Internet. Dessen Struktur ist jüngeren Kindern nur schwer zugänglich und eine Gewinn bringende Nutzung als Informationsmedium setzt insgesamt die Fähigkeit voraus, Relevantes von Irrelevantem zu trennen. Die Gleichwertigkeit, mit der Inhalte im Netz präsentiert werden, macht diese Unterscheidung nicht eben leicht.

4 Medien machen einsam

Manche Heranwachsende räumen den Medien einen so hohen Stellenwert in ihrem Leben ein, dass sie darüber ihre sozialen Kontakte und Aufgaben vernachlässigen. Dieses Abtauchen in mediale Welten führt – so wird befürchtet – zu sozialer Isolation und zum Verlust des Realitätsbezugs.

Normalerweise sind Medien für Heranwachsende eine von vielen Beschäftigungen und sie werden auch nicht nur zur individuellen Beschäftigung genutzt. Kinder sehen im Gegenteil gern mit anderen gemeinsam fern oder sitzen zusammen vor dem Computer, Jugendliche treffen sich, um im Freundeskreis einen Videofilm anzuschauen, Musik dient ihnen oftmals dazu, ihre Zugehörigkeit zu einer bestimmten Gruppe zu demonstrieren, der Austausch über ein neues Computerspiel oder über Neuigkeiten aus der Lieblingsserie gehört zu den Standardgesprächen. Viele Heranwachsende äußern den Wunsch, häufiger Medienerlebnisse mit Gleichaltrigen zu teilen. Computerspiele, die vernetzt gespielt werden können (Online oder im LAN), sind deshalb bei älteren Kinder und Jugendlichen auch besonders beliebt.

Wenn sich Kinder oder Jugendliche jedoch in die Welt der Medien zurückziehen und von ihrer sozialen Umwelt nichts mehr wissen wollen, geschieht das oft, weil sie ihre Realität als unbefriedigend oder belastend erleben. Die Medienwelt erscheint dann als die „bessere“ Alternative: Spannendes und Unterhaltsames sorgen für Ablenkung von Sorgen und Problemen, im Gegensatz zum Alltagsleben bewirkt das Geschehen auf dem Bildschirm weder Leistungsdruck noch Versagensängste. Die Gründe für diese Realitätsflucht sind allerdings im Lebensumfeld der Kinder und Jugendlichen und nicht in den Medien zu suchen. Wenn also Eskapismus und sozialer Rückzug beobachtet werden, dann sind dies in aller Regel Indizien für Schwierigkeiten und Belastungen im wirklichen Leben. An diesen muss angesetzt und bei der Bewältigung geholfen werden.

5 Medien machen süchtig

Medien faszinieren, und gerade Kinder und Jugendliche entdecken immer wieder Neues und Aufregendes in den vielfältigen Medienwelten, zu denen sie heute Zugang haben. Manchmal sind sie davon so begeistert, dass sie gar nicht mehr von diesen Medienwelten lassen wollen. Die Rede von der „Mediensucht“ ist dann schnell parat – vorschnell oftmals. Denn der Begriff Sucht meint ja Abhängigkeit, Kontrollverlust, Verlust der Sozialeinbindung und ähnlich Weitreichendes.

Es gibt Phasen, in denen Heranwachsende besonders fasziniert sind von den Medienangeboten. Diese Phasen intensiver Mediennutzung sind allerdings meist nicht von Dauer. Dominiert intensiver Medienkonsum über einen längeren Zeitraum über andere Beschäftigungen, kann das mit aktuellen Problemen im richtigen Leben zusammenhängen. Dies kommt häufig in der schwierigen Phase der Pubertät vor oder auch am Anfang bzw. Ende eines bestimmten Lebensabschnitts. Ursachen können auch aktuelle Konflikte in der Familie oder in der Gleichaltrigengruppe, Versagensängste o.ä. sein.

Wenn die Mädchen und Jungen die Medienangebote über einen längeren Zeitraum der realen Welt vorziehen, wenn sie in der Flucht in die Medienwelt die einzige Möglichkeit sehen, ihr Leben zu ertragen oder Teile ihres Lebens in mediale Kultwelten (z.B. „Star Wars“) oder in virtuelle Welten (Spiele, Chats) verlagern, dann hat der Begriff Mediensucht seine Berechtigung und die Heranwachsenden brauchen dringend Hilfe von außen.

  1. Medien beeinflussen durch Werbung

Kinder und Jugendliche sind geschätzte Konsumenten, die sowohl über eigenes Geld verfügen als auch die Kaufentscheidungen der Erwachsenen beeinflussen. Sie stellen ein attraktives Marktsegment dar, für das systematisch produziert und das planvoll umworben wird. Dabei bemüht sich die Werbewirtschaft nicht nur darum, den Heranwachsenden Erzeugnisse für deren eigenen Bedarf schmackhaft zu machen, sondern sie versucht auch, Kinder und Jugendliche frühzeitig an Markenprodukte für Erwachsene zu binden.

Eine Besonderheit des Werbemarktes für Kinder ist das so genannte Merchandising. Darunter versteht man die weitergehende Vermarktung von Kino- und Fernsehfiguren in anderen Medien (etwa Zeitschrift, Hörkassette, CD, Buch oder Video), als Spielzeug oder als Konsumartikel. So verzieren z.B. „die Maus“ und „der Elefant“ die Kinderzimmertapete, das gelb-schwarze „Tigerenten-Muster“ das Kinderfahrrad, während „Käpt’n Blaubär“ als Plüschtier zu haben ist. Kindern sind diese Artikel wichtigund sie umgeben sich gern mit diesen Produkten, weil sie ihre Heldinnen und Helden in greifbare Nähe bringen. Damit geht die Werbestrategie voll auf.

Erwachsene erkennen Werbung und wissen, dass sie dazu dient, den Verkauf von Produkten anzukurbeln, dass sie Waren bekannt machen, anpreisen und mit positiven Werten verbinden soll, dass sie Wünsche wecken und deren Befriedigung durch Produkte in Aussicht stellen will. Dieses Wissen bzw. diese Werbekompetenz fehlt Vorschulkindern noch weitgehend, wird mit zunehmendem Alter jedoch größer.

Viele Kinder wissen, dass Werbung auch bei ihnen Wünsche nach bestimmten Produkten weckt. Sie erkennen die Wirkung von Werbung an sich selbst. Ob sie diesen Wünschen widerstehen können, steht auf einem anderen Blatt. Ab ca. 11 Jahren erkennen die Kinder zuverlässig auch verstecktere Werbeformen. Sie verstehen, was das Ziel von Werbung ist, und sind skeptisch in Bezug auf ihre Glaubwürdigkeit. Trotz des kritischen Verständnisses können sie sich der Wirkung von Werbung nicht vollkommen.

Werbung für Kinder kann man im Fernsehprogramm meiden, indem werbefreie Kinderprogramme eingeschaltet werden. Dies lässt sich jedoch als dauerhafte Strategie kaum realisieren: Kinder bevorzugen besonders kommerzielle Sender, die auf Werbung nicht verzichten; darüber hinaus werden sie nicht nur im Fernsehen mit Werbung konfrontiert, sondern in Zeitschriften, im Internet usw.

Es bleibt als weitere Strategie, Heranwachsende für den Umgang mit Werbung zu rüsten, indem ihre Werbekompetenz gefördert wird, also das Erkennen der unterschiedlichen Formen von Werbung und ihrer Absichten und die Auseinandersetzung mit ihrer Wirkung auf das eigene Fühlen und Handeln.

An erster Stelle können Eltern die Werbekompetenz ihres Nachwuchses steigern, indem sie – und das ist wichtig: ohne die Wünsche der Heranwachsenden zu diskriminieren oder schlecht zu machen oder die begehrten Produkte zu verteufeln – ihnen helfen, die Mittel und Absichten der Werbung zu durchschauen. Dabei darf man Werbung auch ruhig einmal lustig oder gut gemacht finden.

Werbekompetenz allein reicht aber nicht aus, um unerwünschter Werbewirkung zu entgehen. Ob Heranwachsende ihr Taschengeld für das nächstbeste attraktiv beworbene Produkt ausgeben, hängt auch davon ab, was ihnen in der Familie in Bezug auf Konsumverhalten und Kaufentscheidung vorgelebt und vermittelt wird.

  1. Mediale beeinflussen das Schönheitsideal

Medien sind voll von schönen Menschen: Schauspielerinnen und Fernsehgrößen, Models, Musikstars etc. In Zeitschriften, in der Werbung, im Fernsehen, im Kino, im Internet … der Allgegenwart von Menschen mit ebenmäßigen Gesichtszügen, perfekten Körpern und schickem Outfit ist kaum zu entkommen. Kein Wunder, wenn Frauen und Männer dieses Menschenbild zunehmend verinnerlichen. Dass dieser Trend Besorgnis erregende Züge annimmt, zeigen Studien zum Schönheits- und Körperkonzept von Frauen und Männern.

„Nicht nur übergewichtige Frauen, sondern teilweise auch normal- und untergewichtige Frauen sind mit ihrer Figur und ihrem Gewicht unzufrieden. Hier zeigt sich nicht nur eine Verzerrung der Selbstwahrnehmung, sondern auch das verzweifelte, aber vergebliche Streben nach einem Körper, der dem hochgesteckten Schönheitsideal entspricht. […]

Dem normal- und übergewichtigen, durchschnittlich aussehenden Anteil der Bevölkerung gehört der größte Teil von Männern und Frauen an. Durch die große Medienpräsenz untergewichtiger Menschen mit ebenmäßigen Gesichtszügen und Proportionen wird dieses äußere Erscheinungsbild von vielen Personen als Schönheitsideal verinnerlicht. Da ein solches Aussehen für die meisten unerreichbar bleibt, baut sich – insbesondere bei Frauen – Unzufriedenheit mit dem eigenen Aussehen auf. Diese Unzufriedenheit kann zu Verhaltensweisen wie verstärkter Gewichtskontrolle und -reduzierung führen, die über das Maß der Gesunderhaltung des Körpers hinausgehen. Das Phänomen, dass immer mehr Frauen zu Essstörungen und Magersucht neigen, ist nicht nur in der Bundesrepublik Deutschland beobachtbar. In anderen Ländern, z.B. in Spanien und Schweden, haben die Medien inzwischen die Auflage, weniger untergewichtige und mehr normalgewichtige Models zu zeigen, um ein überspanntes Schönheitsideal zu entschärfen, das unter jungen Frauen zu Gewichtsreduzierungen und Gesundheitsstörungen in erschreckenden Ausmaßen geführt hat. […]“

Dass nicht nur Erwachsene diesem Schönheitswahn verfallen, sondern zunehmend auch junge und sehr junge Menschen, stimmt besonders bedenklich: Wenn heute schon 10-jährige Mädchen für ihre „Traumfigur“ hungern oder pubertierende Jungen ihre Muskeln und Gelenke beim Bodybuilding überstrapazieren, muss dringend gegengesteuert werden. Die Auseinandersetzung über die Schönheitsideale, die in Medien dargeboten werden, gehört ebenso dazu wie Gegenentwürfe in der Realität, in denen Schönheit und Schlanksein nicht den Wert eines Menschen bestimmen.

8. Die Vermischung von Realität und Fiktion macht Heranwachsenden zu schaffen
In den letzten Jahren hat sich die Programmlandschaft im Fernsehen stark verändert. Neue Formate wie Reality-Soaps („Die Abschlussklasse“, Pro7), Psycho-Shows („Zwei bei Kallwass“, Sat1.), Gerichtsshows („Das Jugendgericht“, RTL) Doku-Shows („Frauentausch“ RTL2) usw. haben sich – neben rein fiktionalen Angeboten wie Spielfilme, Serien usw. – etabliert. Diesen Sendungen ist gemeinsam, dass sie „qua Konzept nicht fiktional sind, d.h. sie erheben den Anspruch Realität abzubilden“. Die vorgebliche Authentizität wird durch subjektive Kamera, nachgespielten Szenen usw. hergestellt.

Heranwachsenden fällt es schwer, diese Art der Inszenierung zu durchschauen und es besteht das Risiko, dass sie der vermeintlichen medialen Realität auf den Leim gehen. Entscheidend ist dabei, inwieweit die Mädchen und Jungen gelernt haben, sich von der medialen Wirklichkeit und deren Manipulationsmöglichkeiten zu distanzieren. Dabei spielt das Alter ebenso eine Rolle wie bisherige Medienerfahrungen und die Auseinandersetzung mit dem Thema Medienwirklichkeit.

  1. Wenn Medien krank machen

Heranwachsende sitzen oft stundenlang nahezu unbeweglich vor dem Fernsehapparat oder Computer und starren gebannt auf den Bildschirm … Kinder- und Jugendärzte stellen schon früh Haltungsschäden fest … Junge Mädchen erliegen durch Vorbilder in den Medien dem Schlankheitswahn oder verfallen in Depression, wenn sie dem Schönheitsideal der Medien nicht entsprechen.

Besorgte Eltern vermuten, dass Haltungsschäden oder psychosomatische Erscheinungen wie Magersucht heute mehr denn je auf den problematischen Medienkonsum der Heranwachsenden zurückzuführen sind. Die Sorgen sind nicht unberechtigt. Besonders Heranwachsende, die mit wenig Anregung durch Familie, Freunde usw. aufwachsen, versuchen die Defizite mit den Medien auszugleichen. Da die Rezeption audiovisueller Medienangebote (Fernsehsendungen, Computerspiele, Internet …) keine verschiedenen Bewegungsabläufe erforderlich macht, werden körperliche Schäden durch einseitige Belastungen begünstigt. Außerdem können mediale Botschaften (etwa problematische Schönheitsideale) umso entscheidenderen Einfluss auf Heranwachsende nehmen, je weniger Korrektive die reale Umwelt (Familie, Freunde, Schule) bietet. Vor allem folgende Schädigungen können bei einseitiger Belastung auftreten:

  • Haltungsschäden durch zu langes oder „falsches“ Sitzen
  • Übergewicht durch Verbindung von Medien- und Nahrungskonsum
  • Muskelerkrankungen durch einseitige Belastungen bei der Bedienung des Computers
  • Hörschädigungen durch zu lautes Hören
  • Aufmerksamkeitsstörungen durch zu spannende Geschichten

 

  1. Die Vorbildfunktion von Eltern

Medienerziehung kann wie Erziehung allgemein nicht nach Rezepten durchgeführt werden. So kann etwa die Frage, wie viel Fernsehen für Vorschulkinder vertretbar ist, nicht mit Angaben von Minuten beantwortet werden. Jede Familie muss dazu ein eigenes Maß finden, welches im Einklang mit anderen Regelungen steht. Ist das Familienklima offen und auf die Förderung von Selbstständigkeit der Kinder ausgerichtet, kann man ihnen gelegentlich auch mehr Fernsehkonsum erlauben. Weiterhin ist ein flexibler, aber nicht beliebiger Umgang mit Regeln wichtig. Die kindlichen Bedürfnisse und die familiäre Situation sollen Gewähren und Verbot von Medienangeboten bestimmen. In einer Familie mit offenen Regeln wechseln diese Phasen mit Phasen intensiver Nutzung anderer Dinge ab. Erst wenn Medien zum ein und alles wird und andere Aktivitäten vernachlässigt werden, sollte eingegriffen werden. Zudem ist der Umgang der Kinder mit dem Fernsehen fast immer durch das Vorbild bestimmt, welches die Eltern ihren Kindern geben. In dieser Hinsicht ist die sinnvolle Nutzung von Medien durch die Eltern die beste Medienerziehung in der Familie.“
Medienerziehung in der Familie soll zu einem selbstbestimmten und kritischen Umgang der Heranwachsenden mit modernen Medien führen.
Dies kann nicht durch Patentrezepte erreicht werden.
Eine Erfolg versprechende Erziehung in der Familie muss die Vorlieben und die Meinung der Kinder mit berücksichtigen.
Die Eltern sind auch beim Medienkonsum Vorbild für den Nachwuchs und sollten entsprechend ihre eigenen Gewohnheiten kritisch prüfen.

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