Hörmedien

Wie nutzen Kinder Radio und Hörspiele? Was macht den Reiz aus und welche Vorteile haben diese Medien? In diesem Artikel finden Sie viele Fragen zu Hörmedien beantwortet (inkl. Hörtips im Radio)

 

Hörmedien in einer sich wandelnden Zeit

Mit Hörmedien sind traditionellerweise Radio, Schallplatten, Hörkassetten und CDs gemeint. Dazu gehören die technischen Verbreitungs- und Abspielgeräte, wie z.B. Walk-, Diskman oder Radioplayer. In unserer wandelnden Zeit haben sich natürlich Geräte, wie tragbare MP3-Player und Handys etabliert. Auch wenn das Handy eigentlich ein Kommunikationsmittel ist, kann man heute mehr damit anstellen als nur telefonieren. Das Handy steht dabei in der Beliebtheitsskala bei den Kindern und Jugendlichen auf Platz 1 und das nicht immer zur Freude der Eltern.
Hörmedien stehen aber, und das zu Unrecht, im Schatten des Fernsehens. Dabei gelten Hörmedien als zentrale elektronische Leitmedien nicht nur bei Jugendlichen, sondern bereits bei Kindern im Vor- und Grundschulalter. Darum sind Antworten auf Fragen nach dem Gebrauch von Hörmedien und deren Bedeutung im Leben von Kindern und Jugendlichen wichtig.

Die Sinne sinnvoll anregen

Eltern, Lehrer und Erzieher sind darauf bedacht, ihre Kinder auf allen Sinneskanälen anzusprechen bzw. die verschiedenen Sinne der Kinder anzuregen, damit sie z.B. beim Lernen in der Schule gut zu Recht kommen. Erinnern Sie sich daran, wie Sie ein Gedicht gelernt haben? Der eine liest das Gedicht leise durch, indem er die Zeilen visualisiert und ein anderer muss die Zeilen laut vorlesen oder sich vorlesen lassen, damit er das Gedicht lernen kann. Gerade bei Kindern helfen dann auch noch Bilder beim Lernen. Was aber, wenn jemand keine Bilder sieht, so nach dem Motto: „Wenn ich meine Augen schließe, ist es einfach nur dunkel. Ich kann nichts sehen/ visualisieren.“ Muss dieser Mensch dann auf dieses so wirkungsvolle Instrument verzichten? Die Antwort heißt nein. Das Geheimnis ist, dass jeder Mensch seine Sinneskanäle mit unterschiedlicher Gewichtung einsetzt. Das bedeutet, die Kinder so früh wie möglich auf allen Sinneskanälen anzusprechen und zu fördern sowie die Sinne sinnvoll zu nutzen.

Grob gesagt kann man zwischen drei Typen unterscheiden:
Dem visuell Orientierten:
Er nimmt stark über die Augen wahr und kann meistens auch gut innere Bilder sehen. Wenn ihm ein Vorschlag gemacht wird, verwendet er auch Worte, wie z.B. „…das sieht gut aus…“, „…davon kann ich mir ein Bild machen“
Dem auditiv Orientierten:
Er nimmt stark über die Ohren wahr, und hört und versteht eher, was der Lehrer vermittelt. Er benötigt weniger Bilder, um zu verstehen. Seine verwendeten Worte: „…das hört sich gut an“, „…das klingt gut“
Dem kinästhetisch Orientierten:
Er nimmt eher über das Fühlen und Bewegen wahr. Wenn er „visualisiert“, spürt er, was es für ein Gefühl ist, wenn im Gedicht von der duftenden Wiese gesprochen wird. Die verwendeten Worte u.a. „…da fühle ich mich gut dabei“, „…gibt mir ein gutes Gefühl“

Mit Hörmedien kann man also bewusst einem auditiv Orientierten ansprechen oder bei Defiziten die auditive Sinneswahrnehmung üben und fördern.

Medien im Alltag von 6 bis 13- jährigen Kindern

Neben dem Fernsehen sind die Hörmedien Kassette, CD und Radio selbstverständliche Begleiter im kindlichen Alltag. So hat das Radio im Vergleich zu 1990 zwar bei der täglichen Nutzung verloren, dennoch ist es das am zweitmeisten täglich genutzte Medium, und zwar geschlechtsunabhängig und mit steigendem Alter zunehmend: Während nur 26 Prozent der Sechs- bis Siebenjährigen nahezu täglich Radio hören, sind es 38 Prozent der Zwölf- bis 13-Jährigen. Bezieht man die mindestens wöchentliche Nutzung ein, stellt sich das Radio für zwei Drittel der älteren Kinder als wichtig heraus. Dabei ist im Altersverlauf wie beim Fernsehen eine Zunahme der Autonomie zu beobachten. Während noch zwei Drittel der Sechs- bis Siebenjährigen meistens bei anderen mithören, entscheiden sich knapp zwei Drittel der Zwölf- bis 13-Jährigen eigenständig für ein Radioprogramm

Da die Hälfte der Sechs- bis 13- Jährigen über ein eigenes Radio im Kinderzimmer verfügt, wählen sie oftmals selber das Programm aus. Kinder, die viel fernsehen, nutzen auch das Radio intensiver, sodass beide Medien offenbar auch bei Kindern nicht miteinander konkurrieren. Für 17 Prozent der Kinder spielt das Radio überhaupt keine Rolle, sie geben an, nie Radio zu hören.

Wie Radio hören wird auch Musik hören von Tonträgern wie CD, Kassette und MP3 im Altersverlauf wichtiger, und zwar erfolgt die Zunahme ebenfalls bei der täglichen Nutzung (vgl. Tabelle 3). Im Gegensatz zum Radio zeigt sich jedoch eine stärkere Relevanz von Musik für Mädchen, von denen 72 Prozent angeben, mindestens wöchentlich Musik zu hören, während es bei Jungen 65 Prozent sind (vgl. Tabelle 2). Sowohl Musik hören als auch die Nutzung von Hörspielen ist bei Kindern in den alten Bundesländern verbreiteter, obwohl die Geräteausstattung bei Kindern in Ostdeutschland in diesem Fall besser ist.

Hörspiele sind mit 39 Prozent zwar insgesamt weniger relevant als Radio und Musik, jedoch erweisen sie sich klar als Medium für jüngere Kinder. Erst mit zunehmendem Alter setzt eine Verschiebung in Richtung Musik hören ein. Mehr als die Hälfte der Sechs- bis Siebenjährigen gibt an, dass Benjamin Blümchen und andere Hörspielfiguren für sie zu einer normalen Woche gehören. Dagegen spielen Hörspiele nur noch für 27 Prozent der Zwölf- bis 13-Jährigen im Alltag eine nennenswerte Rolle

Ganz Ohr – wo und wie hören Kinder zu?

Im Vorschulalter sind Geschichten auf Tonbandkassetten von besonderer Attraktivität. Je
älter die Kinder werden, umso wichtiger wird das Radio – vor allem als Musikmedium. Die
konzentrierte Mediennutzung nimmt ab: das Radiohören wird mehr denn je zur Nebentätigkeit. Es läuft im Hintergrund als „Klangtapete“ – auch beim Lernen und bei Hausaufgaben. Die begleitende Musik kann stimulierend wirken, insgesamt sind jedoch Vorbehalte anzumelden. Schwierige Aufgaben bedürfen der vollen Konzentration ohne Ablenkung durch Begleitgeräusche.

Warum sind Hörspielkassetten bei Kindern so beliebt?

Hörspielkassetten sind das zentrale Hörmedium für Vorschulkinder bzw. jüngere Schulkinder. Wichtig für die Kinder ist der eigene Besitz von Gerät und Kassetten, an die nicht selten sogar eine gefühlsmäßige Bindung entsteht. Sie ermöglichen eine ständige Verfügbarkeit und Wiederholbarkeit des Gehörten. Tipp: Beim Kauf von Hörspielkassetten unbedingt auf Qualität achten. Suchen Sie nach phantasie- und humorvollen Produktionen,
die den berechtigten Bedürfnissen der Kinder nach Spannung und Entspannung nachkommen. Der Fachhandel berät gerne.

Vielhörer – was passiert, wenn Kinder nur noch Kassetten hören?

Vielhören kann nicht allein dadurch bestimmt werden, wie viel und wie lange ein Kind Kassetten hören, sondern es bedarf in erster Linie einer genaueren Betrachtung dessen, was im einzelnen Fall konkret vor sich geht: Die ausgiebige Nutzung von Hörmedien kann Ersatz für Freunde oder fehlende alternative Freizeitaktivitäten, Signal der Einsamkeit und Ausdruck einer Art Alltagsflucht sein. Tipp: In so einem Fall sollte es als Appell des
Kindes verstanden werden, auf sich und seine Problemsituation aufmerksam zu machen.

Voll auf die Ohren – ist (Musik-)Hören schädlich?

Ja, wenn Musik zu laut gehört wird. Bei einem Rockkonzert, in der Disco, aber auch unter dem Kopfhörer erreicht die Lautstärke schnell gesundheitsschädliche Ausmaße. Tipp: Kinder über Lärmwirkungen aufklären und Walk-/Discman mit Automatischem Lautstärkenbegrenzungssystem (AVLS) anschaffen.

Gute Laune mit Musik?

Hörmedien schaffen einen Rahmen für das Ausleben von Stimmungen und Gefühlen. In der Gruppe und alleine, bei guter wie bei schlechter Laune beschäftigen sich Kinder und Jugendliche mit Hörmedien, die dann dem „Stimmungschaffen“ dienen (Bewegung und Tanz, Entspannung, Besinnung auf sich selbst, wieder in Stimmung kommen, Tagtraum, Unterhaltung u.v.m.).

Nur Hits für Kids im Radio?

Größere Kinder und Jugendliche hören im Radio am liebsten Programme mit viel Pop und Rockmusik. Die Moderationen sollen „jung“, „trendy“ und „lebendig“ sein. Sketche und Witze sind gewünschter Unterhaltungsstoff. Schlusslichter der „Programmhits“ sind Nachrichten und spezielle gekennzeichnete Sendungen für Jungen und Mädchen (Stichwort Kinderfunk). Für jüngere Kinder gilt weiterhin: Jungen hören mehr Sport im Radio, Mädchen dagegen mehr Märchensendungen. Tipp: www.nachrichten-fuer-kinder.de oder www.tagesschau.de/kinder

Radioprogramm für jüngere Kinder – gibt’s das noch?

Ja, auch heute im Zeitalter des „easy listening“ bietet der Hörfunk noch anspruchsvolle Funkerzählungen, Literaturlesungen, Kurzhörspiele und Reportagen für Kinder – und dies gar nicht so selten, nur wer weiß das schon? Tipp: Mit den Kindern zusammen einmal eine Programmzeitschrift durchsehen und Kindersendungen auswählen, gemeinsam anhören und solche „Schnuppersendungen“ zusammen besprechen. Gute Kindersendungen sind beispielsweise der Kakadu von DeutschlandradioKultur (in Magdeburg: UKW 97,4, www.kakadu.de) oder Fiagarino von MDR FIGARO (in Magdeburg: UKW 107,4, www.figarino.de)

Können Kinder und Jugendliche auch selbst Radio machen?

Ja, in vielen Städten gibt es inzwischen Radioinitiativen, die sich zum Ziel gesetzt haben, das Programmspektrum des Radios für Kinder um das Radio der Kinder zu erweitern (Adressen über Jugendämter, Rundfunk- und Landesmedienanstalten). Alle Kinder und Jugendliche sind hier eingeladen, selbst  adioprogramm zu machen!

Hörmedien und ihr Markt – mehr als nur Musik?

Das Angebot der Hörmedien wird heute in Serie und mit vielen Vermarktungsmöglichkeiten hergestellt. Mediensymbole, Trick- und Star-Figuren sind überall zu finden: auf dem Tonträger, in der Musikzeitschrift, auf dem T-Shirt und dem Joghurtbecher. Kinder und Jugendliche akzeptieren den Medien- und Konsummarkt und versuchen, sich in diesem möglichst selbständig zu bewegen. Vor allem die Gleichaltrigengruppe, aber auch
das Musikfernsehen mit seinen „Szene-Infos“ hilft, „in“ zu sein. Solche Gespräche und Informationen helfen bei der Suche und Entwicklung der eigenen Identität. Die Vorlieben der Kinder für bestimmte Programme und Medienstars sollten deshalb unbedingt ernst genommen werden.

Dieser Text entstammt dem Infoset „Medienkompetenz und Medienpädagogik in einer sich wandelnden Welt“ des Medienpädagogischen Forschungsverbundes Südwest.
Text: Prof. Dr. Klaus Neumann-Braun / Forschungsschwerpunkt Familien-, Jugend- und
Kommunikationssoziologie an der Universität Koblenz-Landau