Fernsehen

Weshalb ist das Fernsehen ein so attraktives Informations- und Unterhaltungsmedium und wie orientieren sich Jugendliche am Fernsehen? Der Artikel erläutert den Reiz, den die „Glotze“ ausübt, zeigt aber auch deutlich den Einfluß der Eltern auf den Umgang mit dem Fernsehen auf und gibt gute Tips.

 

Fernsehen als Unterhaltungsmedium für Kinder

„Wenn Kinder gefragt werden, warum sie fernsehen, dann steht an erster Stelle die gleiche Antwort wie bei Erwachsenen: um sich zu unterhalten. Unterhaltung ist erst einmal Sinneserregung. Die Gründe, durch Unterhaltung die Sinne zu erregen, sind jedoch, wenn man sie genauer betrachtet, sehr vielfältig.

Unterhaltung ist für Kinder zunächst angenehmer Selbstzweck, dient aber auch zur Vermeidung von Langeweile und belastenden Situationen. Das Motiv, sich zu unterhalten, ist einerseits ein Wunsch, der für sich selbst steht und keiner weiteren Begründung bedarf: Sich zu unterhalten ist angenehm. In vielen Fällen ist dieser Wunsch damit verknüpft, Langeweile zu vermeiden. Auch die Ablenkung von belastenden Situationen im Alltag gelingt mit Fernsehunterhaltung. Der Streit mit Eltern, der Stress in der Schule, der Zoff mit Freunden … das Fernsehen hilft, all das vorübergehend zu vergessen.

Unterhaltung im Fernsehen ist für Kinder mit der Freude an Action und Spannung verbunden.
Kinder, die in ihrer Bewegungsfreude und auch der Fähigkeit, alles um sich herum aufzunehmen, den Erwachsenen weit überlegen sind, brauchen eine Welt, die in Spannung und Bewegung, also in Aktion ist. Action und Spannung sind nicht für jedes Alter die gleichen, und auch Mädchen und Jungen verstehen darunter Unterschiedliches. Auf körperliche Gewalt bei Action legen Mädchen keinen Wert, sie lehnen sie explizit ab. Aber, dass etwas geschieht, dass es aufregend ist, ist den Kindern unabhängig von Alter und Geschlecht wichtig und macht einen wesentlichen Bestandteil ihrer Lust auf Unterhaltung aus.

Unterhaltung ist verknüpft mit dem Wunsch nach Angstlust und harmonischer Auflösung von bedrohlichen Situationen. Da Kinder sehr bald wahrnehmen, dass die Welt nicht ohne Gefahren ist und dass die Bewältigung einer Gefahr auch mit angenehmen Gefühlen verbunden sein kann, suchen sie in der Fernsehunterhaltung auch Angstlust oder Wonneangst, jenes körperlich spürbare Gefühl, das auftritt, wenn ein Lebewesen, mit dem man sich identifizieren kann, in eine bewältigbare Gefahr gerät. Diese Wonneangst lässt sich in Unterhaltungssendungen deshalb befriedigen, weil der dramaturgische Aufbau so gestaltet ist, dass sie ein weiteres gleichrangiges Motiv mit einschließen, dem Wusch nach Harmonie und einer zuverlässigen Lösung von Konflikten“ (Theunert/Lenssen/Schorb 1995).

Das Fernsehen als Orientierungsquelle für Heranwachsende

Kinder und Jugendliche werden im Prozess des Heranwachsens mit vielfältigen Problemen und Fragen konfrontiert: Wie kann ich mich in einer Gemeinschaft behaupten? Wie verhalte ich mich im Freundeskreis, um Anerkennung zu finden? Welche Erwartungen sind mit meiner zukünftigen Rolle als Frau oder Mann verbunden?
Zur Beantwortung dieser und ähnlicher Fragen wird auch das Fernsehen als wichtige Informations- und Orientierungsquelle herangezogen. Das Spektrum, das die Heranwachsenden nach Brauchbarem abklopfen ist groß: Es reicht von expliziten Kinder- und Jugendsendungen wie „Bravo TV“ (RTLII), „Kummerkasten“ (KI.KA) oder „Dr.MagLove“ (KI.KA) bis hin zu Sendungen des sogenannten Affektfernsehens. Darunter sind Talkshows, Reality-Soaps, Gerichtshows, Reality-TV und Ähnliches zu verstehen. Je nach Genre stehen unterschiedliche Lebensbereiche und Themen im Mittelpunkt. Reality-TV-Sendungen wie „Notruf“ (RTL) oder „Aktenzeichen XY“ (ZDF) dienen beispielsweise manchen Eltern dazu, ihren Kindern durch abschreckende Beispiele die Gefahren des Alltags in Form von Kriminalität und Unfallrisiken nahe zu bringen. Die Dramatisierung von Alltagsgefahren kann bei Heranwachsenden allerdings zu Verunsicherung und zu fragwürdigen Vorstellungen über die sie umgebende Umwelt beitragen.

Bei den Heranwachsenden selbst stehen eher Fragen des sozialen Miteinander im Zentrum ihrer Aufmerksamkeit. Besonders wenn Jugendliche oder junge Erwachsene gezeigt werden, die sich mit Alltagsthemen- und Problemen auseinander setzen, ist das Interesse von Mädchen und Jungen vor dem Bildschirm groß. Der Aspekt Liebe und Partnerschaft bewegt viele Heranwachsende ab etwa 11/12 Jahren besonders. Der 12-jährige Stefan etwa begründet seine Vorliebe für die Datingshow „Dismissed“ (MTV) mit einer konkreten Erwartungshaltung: „Weil du da was lernen kannst von den Männern und Frauen. Wie man mit Frauen umgehen kann und so.“ Dass sich Heranwachsende ausgerechnet an Sendungen wie „Dismissed“ orientieren, ist aus pädagogischer Sicht problematisch: Das Frauen- und Männerbild ist gekennzeichnet durch Oberflächlichkeit und die Reduzierung auf Äußerlichkeiten. Mit zunehmendem Alter sehen die befragten Kinder Sendungen wie „Dismissed“ allerdings distanzierter: „Was für schwachsinnige Sachen die angeben, wieso die den gut finden und den nicht. Das ist immer total unrealistisch“, kritisiert die 15-jährige Daniela.

Pädagogisch angemessen gehen Sendungen wie „Dr.MagLove“ oder „Kummerkasten“ (beide KI.KA) mit dem Themenfeld Liebe, Sex und Partnerschaft um. Eine Studie des Lehrstuhls für Medienpädagogik und Weiterbildung der Universität Leipzig zur Sendung „Kummerkasten“ zeigte, dass Kinder spezielle Beratungsangebote für ihre Zielgruppe durchaus wahrnehmen und zur Orientierungssuche aktiv nutzen. Es hat sich aber auch gezeigt, dass sie kritisch mit solchen Angeboten umgehen und hohe Qualitätsansprüche anmelden. Die Darstellungsformen solcher Sendungen müssen altersangemessen sein, die Themen ernsthaft und glaubwürdig vermittelt werden.

Reality- und Castingshows bieten Heranwachsenden eine Reihe an Identifikationsmöglichkeiten, die aber z.B. ihrem Streben nach Durchsetzungsvermögen und dem Wunsch, anerkannt und beliebt zu sein, fragwürdige Vorlagen bieten. Manche Mädchen und Jungen nehmen die in solchen Sendungen präsentierten Vorstellungen für bare Münze und die Gefahr besteht, dass sie auch in der Realität Gewicht erlangen, wenn diese Vorstellungen in ihrem sozialen Umfeld (in der Familie, Schule etc.) nicht entsprechend korrigiert werden.

Fernsehen als Informationsmedium

Kinder wollen sich zurechtfinden, wollen Bescheid wissen über die Welt, in der sie leben; hier sind auch Informationen gefragt, die über ihre eigene Erfahrungswelt hinausgehen. Danach suchen sie auch im Fernsehen. Sie wollen wissen, was an Wichtigem in der Welt passiert und sie versuchen, diese Informationen auf sich und ihr Leben zu beziehen. So überlegen sie z.B., ob die Tatsachen und Ereignisse, über die im Fernsehen berichtet werden, Auswirkungen auf ihr eigenes Leben haben könnten oder ob sie selbst schon Ähnliches erlebt haben.

Wenn Heranwachsende sich informieren wollen, spielt das Fernsehen eine wichtige Rolle. Bei den 6- bis 9-Jährigen steht das Fernsehen nach den Büchern an zweiter, bei den 10- bis 14-Jährigen an dritter Stelle. Bei Jugendlichen hat auch das Internet Vorrang. Aktuelle Nachrichtensendungen für Kinder gibt es im Fernsehen nur sehr wenige (z.B. „neuneinhalb“ in der ARD, „logo!“ im ZDF und auf KI.KA). Das liegt unter anderem daran, dass Kinder ein anspruchsvolles Nachrichtenpublikum sind. Damit Nachrichten bei ihnen ankommen, muss eine verständliche Sprache verwendet und komplizierte Sachverhalte müssen ausführlich und anschaulich erklärt werden. Doch der Aufwand lohnt sich. Ein Großteil der Kinder kennt z.B. „logo!“ und bescheinigt der Sendung einen hohen Gehalt an Wissenswertem.

Auch Wissenssendungen stehen bei Kindern hoch im Kurs. Die Zahl der entsprechenden Sendungen ist in den letzten Jahren größer geworden. Vier Fünftel der 6- bis 13-Jährigen möchten im Fernsehen Dinge erklärt bekommen und etwa ebenso viele sehen sich Wissenssendungen an. Die Wissens-Klassiker wie „Löwenzahn“ und die „Sendung mit der Maus“, die schon seit Jahrzehnten laufen, sind auch bei den Kindern am bekanntesten. Zu den persönlichen Favoriten zählen Sendungen, die Anregungen zum Ausprobieren und Mitmachen geben und Informationen bieten, die die Kinder aktiv nachvollziehen können, wie z.B. in den Sendungen „Wissen macht Ah!“ und „Finger Tips“ (Flimmo 2004).

Mit ihrem Informationsbedürfnis gehen Kinder im Prinzip auf alle Sendungen zu. Von solchen, die sie als besonders wirklichkeitsnah begreifen, erwarten sie dabei die zuverlässigsten Informationen. Allerdings sehen Kinder Information im Fernsehen mit anderen Augen als Erwachsene:

  • In vielen Bereichen fehlt Kindern Wissen, um die Bedeutung der Bilder und Texte richtig zu erfassen.
  • Es mangelt ihnen an Erfahrung, um einschätzen zu können, welche Informationen von Relevanz und welche nicht so wichtig sind, ob z.B. die Kapriolen im Leben Prominenter eine Bedeutung für unsere Gesellschaft oder das eigene Leben haben.
  • welche Informationen sie persönlich betreffen könnten und welche nicht, ob es z.B. ein Erdbeben wie in der Türkei auch in Hamburg geben kann oder eine Überschwemmung auch im eigenen Ort.
  • Den Kindern fehlt es auch an Anhaltspunkten, in welchen Sendungen sie zuverlässige Informationen finden und welche mit Vorsicht zu genießen sind, ob z.B. das, was in den nachmittäglichen Talkshows zum Besten gegeben wird, wirklich der Wahrheit oder zumindest den gängigen Normen entspricht.

Eltern können auch aktiv werden, um den weitergehenden Wissensdurst der Kinder zu stillen und ihnen gleichzeitig zu vermitteln, wie sie sich selbst schlau machen können. Ausgehend von den Fragen der Kinder können sie mit ihnen z.B. gemeinsam im Lexikon nachschlagen, in die Bibliothek gehen oder Internetquellen zu Rate ziehen.

Der Einfluss der Eltern auf die Rezeption der Kinder
Aus Untersuchungen wissen wir, dass:

  • Kinder Informationssendungen im Fernsehen meist gemeinsam mit den Eltern ansehen.
  • die Bewertung von Sendungen und Beiträgen von ihren Eltern übernehmen.
  • selbst noch als Jugendliche diejenigen Informationssendungen auswählen, die auch von den Eltern gesehen werden.

Eltern haben also einen erheblichen Einfluss darauf, welche Sendungen Kinder sehen und was sie davon halten.

Welche Konsequenzen können Eltern daraus ziehen?

  • Die eigene Auswahl von Sendungen mit Blick auf die Kinder verantwortungsbewusst treffen.
  • Gelegentlich auch problematische Sendungen mit den Kindern gemeinsam anschauen und besprechen.
  • Die Diskussion mit den Kindern über die Themen und die Machart der Sendungen gibt auch Gelegenheit, ihnen die eigenen Werthaltungen zu vermitteln.

Eltern können ihren Kindern helfen, das Gesehene und Gehörte richtig zu verarbeiten, indem sie:

  • Infosendungen mit den Kindern gemeinsam anschauen.
  • gesprächsbereit sind: auf Fragen der Kinder eingehen, (evtl. auf ein Gespräch nach der Sendung verweisen).
  • zusätzliche Informationen geben oder besprechen, wie man mehr über das Thema erfahren kann, z.B. Bibliotheken oder das Internet heranziehen.
  • Websites für Kinder wie z.B. logo! (www.kika.de/fernsehen/a_z/l/logo/index.shtml), BR-Kinderinsel (www.br-online.de/kinder), Kindernetz (www.kindernetz.de), Blinde Kuh (www.blinde-kuh.de) greifen Nachrichtengeschehen auf und erklären es kindgerecht.
  • auch eingestehen, wenn sie etwas nicht wissen, statt Fragen abzublocken mit Sätzen wie: „Das verstehst du noch nicht, dafür bist du noch zu klein.“ Solche Sätze nehmen Kindern den Drang, die Wirklichkeit zu begreifen.
  • zuwendungsbereit sein: Bei beängstigenden Bildern z.B. kuscheln oder trösten.
  • die Ängste der Kinder ernst nehmen und ihnen Sicherheit vermitteln: Beschwichtigungen bringen nicht viel, es ist hilfreicher, bedrohliche Situationen im Gespräch oder auf andere Weise durchzuspielen und auf aktive Handlungsmöglichkeiten abzuklopfen, wie z.B. „Was würde ich machen, was würdest du machen, wenn …?“ Kleinen Kindern hilft es, Situationen im Wortsinne durchzuspielen oder ein Bild dazu zu malen.
  • schwierige oder beängstigende aktuelle Themen (ob nun im Fernsehen gesehen oder nicht) im Familiengespräch nicht aussparen; so haben die Kinder die Chance, sich damit zu beschäftigen, bevor unnötige Ängste aufkommen und erfahren, dass die Eltern dafür offen sind.

Die Vorbildfunktion von Eltern

„Fernseherziehung in der Familie muss ebenso wie im Kindergarten oder in der Schule heißen: Kindern sollte ein kompetenter, selbstbestimmter und kritischer Umgang mit dem Fernsehen ermöglicht und vermittelt werden. Dabei sollte ihnen soviel selbständige Erfahrung wie möglich gestattet werden. Kontrollierend sollte dann eingeschritten werden, wenn Kinder die Folgen ihres Medienhandelns nicht überschauen können. […]

Angemessene Fernseherziehung in der Familie muss verschiedenen Bedingungen genügen. Zu diesen Bedingungen gehört, dass in der Fernseherziehung nach den gleichen Prinzipien verfahren wird, wie in allen anderen Erziehungsfragen. Dies bedeutet etwa, den Kindern im Umgang mit dem Fernsehen genauso viel Eigenständigkeit zuzutrauen, wie im Umgang mit ihrem Taschengeld. Weiterhin ist es wichtig, die Vorstellungen zur Fernseherziehung dem jeweiligen Entwicklungsstand der Kinder anzupassen. Älteren Kindern kann und muss ein kompetenterer Umgang mit dem Fernsehangebot unterstellt werden als jüngeren. Um zu wissen, was man den eigenen Kindern zutrauen kann, muss man ihre Fähigkeiten und Fertigkeiten gut kennen. So kann es sein, dass im gleichen Alter das eine Kind problemlos mit angstauslösenden Szenen im Fernsehen umgeht, indem es wegguckt oder das Fernsehen abbricht, während das andere Kind gebannt die entsprechenden Szenen verfolgt, sich nicht davon lösen, dann aber nachts vor Angst nicht schlafen kann.

[…] Medienerziehung kann wie Erziehung allgemein nicht nach Rezepten durchgeführt werden. So kann etwa die Frage, wie viel Fernsehen für Vorschulkinder vertretbar ist, nicht mit Angaben von Minuten beantwortet werden. Jede Familie muss dazu ein eigenes Maß finden, welches im Einklang mit anderen Regelungen steht. Ist das Familienklima offen und auf die Förderung von Selbstständigkeit der Kinder ausgerichtet, kann man ihnen gelegentlich auch mehr Fernsehkonsum erlauben. Weiterhin ist ein flexibler, aber nicht beliebiger Umgang mit Regeln wichtig. Die kindlichen Bedürfnisse und die familiäre Situation sollen Gewähren und Verbot von Medienangeboten bestimmen. Nicht immer muss in einer Phase intensiven Fernsehkonsums bei Kindern die Gefahr der sozialen Isolierung oder der einseitigen Beeinflussung gesehen werden. In einer Familie mit offenen Regeln wechseln diese Phasen mit Phasen intensiver Nutzung anderer Dinge ab. Erst wenn das Fernsehen zum ein und alles wird und andere Aktivitäten vernachlässigt werden, sollte eingegriffen werden. Zudem ist der Umgang der Kinder mit dem Fernsehen fast immer durch das Vorbild bestimmt, welches die Eltern ihren Kindern geben. In dieser Hinsicht ist die sinnvolle Nutzung von Medien durch die Eltern die beste Fernseherziehung in der Familie.“

Das Wichtigste zusammengefasst:

  • Fernseherziehung in der Familie soll zu einem selbstbestimmten und kritischen Umgang der Heranwachsenden mit dem Medium Fernsehen führen.
  • Dies kann nicht durch Patentrezepte erreicht werden.
  • Eine Erfolg versprechende Fernseherziehung in der Familie muss die Vorlieben und die Meinung der Kinder mit berücksichtigen.
  • Die Eltern sind auch beim Medienkonsum Vorbild für den Nachwuchs und sollten entsprechend ihre eigenen Gewohnheiten kritisch prüfen.

Linktips
www.flimmo.tv – Elternratgeber. Hier werden Sendungen mit den Augen von Kindern gesehen und Eltern Empfehlungen für diese Sendungen gegeben.
www.zappen-klicken-surfen.de – Gute und informative Seite zum Medienkonsum.