Rituale im Zusammenleben mit Pflegekindern

Was sind Rituale? Es lohnt sich, darüber auch einmal bewusst nachzudenken, was da mit uns passiert, was wir in bestimmten Lebenslagen aus uns heraus machen, weil das bei „uns so Brauch und Sitte ist“ und wie flexibel wir ggf. im „Ernstfall“ damit umgehen können.

Rituale, die man auch landläufig als Sitten und Bräuche bezeichnet, gehören zu unserem Leben wie Essen und Schlafen. Oft sind es immer wiederkehrende, unbewusst ausgeübte „Geschichten“, die nur auffallen, wenn sie ausfallen. Es handelt sich um liebgewordene, nicht mehr wegzudenkende Lebensgewohnheiten, die jedes Kind mit der „Muttermilch“ einsaugt und im weiteren Leben in seiner Familie mitlebt und mitgestaltet.

Zum einen gehören die ganz privaten Bräuche, die in nur dieser Familie so und nicht anders gelebt werden dazu. Es gibt aber auch noch die Volksbräuche, die in einer bestimmten Region zum Leben gehören.

Jeder Mensch (er)lebt Rituale und gestaltet sie auf seine Weise mit. Der eine ist sehr aktiv, z.B. im Karnevalsverein, die andere putzt nach alter Tradition den Weihnachtsbaum zu einer ganz bestimmten Zeit und nach einem, über Generationen „vererbten“, Muster. Im Hintergrund spielt immer der alte Plattenspieler seit Jahren schon die angekratzte Schallplatte, die über die Stelle des schönen Weihnachtsliedes „Süßer die Glocken nie nie nie nie …“ allein nicht weiterkommt. Warum nimmt die Frau nicht die neue CD mit dem gleichen Lied? Weil diese olle Schallplatte für sie ein Teil des familiären Rituals ist.

Es gibt Menschen, da werden Rituale streng eingehalten. Andere sind tolerant, da gibt es Abweichungen, also Entwicklung. Da wäre der Plattenspieler längst ausgemustert und durch einen High Tech CD-Player ersetzt.

Sicher lebt es sich leichter, wenn man alles nicht ganz so eng sieht, offen für Neues ist und sich anpassen kann. Es gibt Situationen, da kann ein Mensch in der ursprünglichen Lebensform nicht weiterleben. Er muss dann im Zusammenleben mit anderen Menschen auch andere Rituale kennen lernen, diese sogar mitleben, wenn er dazu gehören will.

Damit ist nicht gemeint, dass der Mensch in ein anderes Land, z.B. nach Afrika oder zu den Eskimos, auswandern muss. Nein, so weit muss es nicht sein. Wir bleiben im Land. Wir denken dabei an Kinder, die aufgrund schwerwiegender Probleme nicht bei ihren leiblichen Eltern verbleiben können, wo sie auch bestimmtre Rituale mitgelebt haben.

Für ein Pflegekind bedeutet die Herausnahme aus dem bisherigen familiären Umfeld meist eine totale Entwurzelung. Plötzlich ist alles ganz anders. In der neuen Familie sind nicht nur andere Personen, andere Zimmer, andere Gerüche und und und.
Es herrschen auch ganz andere „Bräuche“vor. Für das Kind ist es ungeheuer anstrengend, sich darauf einzulassen. Das kostet viel Aufmerksamkeit. Das Kind fühlt sich, als „wäre es im falschen Film“.

Liebe Pflegeeltern,
„Das ist bei uns so Brauch, das ist bei uns so Sitte …“ Das darf kein Dogma sein!
Wenn Sie, liebe Pflegeeltern, ganz am Anfang ihres Zusammenlebens mit einem Pflegekind stehen, dann bedenken sie beim Leben ihrer Bräuche, dass Sie das Kind auch sensibel an diese Rituale heranführen müssen. Sagen Sie dem Kind, was bei ihnen Brauch und Sitte ist und wie jeder einzelne darin verwoben ist. Es sind „Regeln“ ihrer Familie, die das Kind so nicht kennen gelernt hat und die es plötzlich mitleben soll, wenn es dazugehören will.

Gerade jetzt beginnt die Zeit, in der die Familie wieder enger im Haus zusammen ist und bestimmte Bräuche intensiver, als z.B. im Sommer, gepflegt werden. Nutzen Sie diese Nähe und fragen Sie, was das Kind davon hält, wie es bei ihnen mit den Bräuchen ist und was das Kind diesbezüglich selbst, in seiner bisherigen Familie, erlebt hat.
Manchmal sprechen die Kinder darüber und sind mit Recht stolz, weil es für jeden Menschen  wichtig ist, einen Beitrag für das Dazugehören geleistet zu haben.

Liebe erfahrene Pflegeeltern,
wenn Sie ihre Erfahrungen anderen Pflegeeltern mitteilen wollen, wie es ihnen gelungen ist, das Pflegekind in die Bräuche ihrer Familie zu integrieren, dann teilen Sie es uns bitte mit.