Rituale für Lebenskrisen

Wozu sind Rituale gut, was können sie bewirken und wie sind sie aufgebaut? Erste Informationen finden Sie hier.

Die fünf Schritte des Rituals

Rituale sind bei der Bewältigung von schwierigen Lebenssituationen so wirksam, weil sie fünf Schritte wiederspiegeln. Es gibt eine Regel: Je komplizierter der Übergang, desto genauer sollten die ihn begleitenden Rituale auf diese Schritte abgestimmt sein.

  • Loslassen und neue Kräfte: Diese Aspekte des Übergangs besteht darin, dass man sich bewusst entschließt, einen alten Zustand oder eine alte Bindung loslassen, während man gleichzeitig die Bereitschaft wachsen lässt, eine neue Eigenschaft, die auf Entfaltung wartet zu akzeptieren.
  • Wanderung: Die Wanderung ist eine Art Fegefeuer, eine Periode der Wirrnis. Sie sind noch orientierungslos und haben keine Vorstellung von dem vor ihnen liegenden Weg.
  • Polarität: Polaritäten sind gegensätzliche Triebe oder Gefühle. Die Empfindung, man werde in verschiedene Richtungen auf einmal gezogen, ist natürlich frustrierend. Aber es ist ganz normal, dass in einer entscheidenden Krise widerstreitende Gefühle auftreten. Einer der Hauptzwecke der Rituale ist es, zur Lösung dieser Konflikte beizutragen.
  • Neubeginn: Irgendwann und irgendwo im Chaos der Veränderung wird Ihnen ein rettender Einfall kommen – eine neue, letztlich befriedigendere Einstellung zur Umwelt.
  • Verankerung: Dies ist das freudige „JA“ des Rituals, der Prozess, durch den sie Ihre Vision von einem Neubeginn im Alltag verankern.

Wozu das?:

Unser Denken verläuft leider eingleisig, deshalb fällt es uns schwer, zu begreifen, dass eine Veränderung auf verschiedenen Ebenen gleichzeitig stattfindet.

Ein Ritual ist deshalb so wirksam, weil es unsere Fähigkeit freisetzt, die Grenzen des linearen Denkens zu überschreiten. Es trägt dazu bei, die umfassende, tiefer liegende Bedeutung einer Krise zu erfassen, die dem logischen Verstand entweder zu kompliziert oder widersprüchlich erscheint.

Beachten Sie:

Die Phasen einer Veränderung treten nicht zwingend eine nach der anderen auf, wie eine Reihe fallender Dominosteine.

Die Ritualisierung der eigenen „Häutungen“ ist ein guter Katalysator der inneren Wandlungsprozesse aber keine Geistheilung. Die Auseinandersetzung mit unseren Schmerzen ist das Notwendigste, um sie zu überwinden müssen wir hindurch. Das kann durch Rituale markiert werden.

Dadurch wird Geschafftes, gelebtes Leben sichtbar gemacht. Früher sagte man oft: „Was habe ich durchgemacht!“ Dieser Satz bezeichnet das Durchleben schwerer und schmerzlicher Lebensabschnitte. Oft wird dies erzählt, um die Schwere anderen und auch sich selbst immer wieder vor Augen zu führen, aber die Wertschätzung der Lebensleistung bleibt meist aus oder bleibt von uns ungehört Dieses Reden geschieht meist unbewusst und der Mensch kommt in die Rolle des Vielerzählers, des Jammernden.

Wendet man sich aber bewusst der Beschäftigung mit dem Unangenehmen zu, dann wird es verwandelt. Die Wertschätzung muß ersteinmal aus uns selber kommen, zu der Überzeugung müssen wir gelangen, indem wir kritisch prüfen, was uns unsere durchlebten Gefühle wert sind. Dabei sind Rituale unerlässlich.

Zum Beispiel sind Aufgaben, vor denen wir fliehen, irgendwann Ungeheuer, die uns verfolgen. Gehen wir hindurch, setzen wir uns durch Rituale mit unseren Abwehrgefühlen auseinander, dann kann sich Furcht in Mut verwandeln und Haß in Liebe und Unwissenheit in Wissen. Ein siegreicher Kampf mit einer Krisensituation wird unsere Selbstachtung steigern und die Fähigkeit zur Liebe.

Rituale müssen flexibel und dynamisch sein und sich der Lebenssituation anpassen in der wir uns gerade befinden. Das befremdet vielleicht, weil wir Rituale in unserer Kultur inzwischen nur noch mit Stagnation und Routine verbinden. Aber ein Ritual muss lebendig sein, mit uns und unserem Leben etwas zu tun haben und uns im Innern berühren.

In Anlehnung an: Rituale für Lebenkrisen, Kathleen Wall, Gary Ferguson, Heyne Verlag, 1999