Zur Entstehung von Gewalt und Aggression

In diesem Artikel finden Sie Material zu den Ursachen für Aggressionen und Gewalt, die positiven Seiten der Aggression und die Schattenseiten dieses Affekts.
Gewalt gehört in allen Formen zum Leben dazu. In der Geschichte der Menschheit ist sie deshalb schon immer Thema von Erzählungen und Mythologien gewesen. Auch Märchen gehören in diese Branche, denn welches Kind kennt nicht die Geschichte von Hänsel und Gretel, der bösen Hexe und der Gewalt, die in dieser Erzählung vorkommt. Heute mehr denn je leben wir in einer Welt voller Gewalt. In dem Wort „Gewalt“ verstehen wir meistens etwas Bedrohliches bzw. massive Aggressionen, die auf eine Schädigung gegen Sachen oder/und zwischen Menschen abzielen.

Überall umgibt uns Aggression, und wir alle haben schon eigene Erfahrungen sowohl mit körperlichen, als auch mit seelischen Angriffen gemacht, teils von uns selbst ausgehend und teils direkt auf uns gerichtet. Massenmedien vermitteln uns tagtäglich Gewalt aus aller Welt. Kriege, Vergewaltigungen, Missbrauch und Gewalt in der Familie, Rechtsradikalismus und jede erdenkliche Art von Raubüberfällen bis hin zu Mord begleiten uns jeden Tag aufs neue, schon früh morgens, wenn das Radio uns mit neuen Terrormeldungen weckt oder wir die Zeitung aufschlagen.

Besonders emotional betroffen sind wir, wenn Kinder und Jugendliche betroffen sind, wie am Beispiel des 16 jährigen Amokschützen im Gutenberg Gymnasium in Erfurt. Gerade in Kindergärten und besonders in Schulen ist Gewalt in unterschiedlichen Formen an der Tagesordnung. Ganz klar, dass dies auch die Motivation zur Schule und die schulischen Leistungen wesentlich beeinflussen. Schulangst oder Schulverweigerung sind die Folgen.

Kennt man die Gründe zur Entstehung von Aggression und Gewalt, besitzt man eine Grundlage für den Umgang in schwierigen Situationen und deren Prävention (Vorbeugung). Kinder sollten frühzeitig den richtigen Umgang mit Gewalt und Aggression lernen. Viele Eltern versuchen oft ihren Heranwachsenden von jeder Gefahr oder Konflikten fern zu halten. Später zeigen sich diese Kinder schüchtern, sprachgehemmt, weniger selbstbewusst und wissen nicht, wie sie sich in einer Konfliktsituation verhalten sollen. Dabei sind gerade diese Kinder bereits im Kindergarten oder in der Schule Opfer von Mobbing (unfaires oder bösartiges Verhalten gegenüber einem Mitschüler/Kollegen mit dem Ziel, diesen zu verletzen).

Andererseits tragen Kinder, die sehr früh, auch schon im Säuglingsalter, Gewalt erfahren haben, ihre Konflikte mit Fäusten aus. Sie haben es meist nicht anders gelernt, weil sie dazu elterliche Vorbilder hatten oder sie waren selbst Opfer von Gewalt in der eigenen Familie. Diese Kinder scheinen im ersten Moment sehr selbstbewusst, sind oft distanzlos, auch gegenüber Erwachsenen und sie fallen ständig im Kindergarten oder in der Schule auf. Gerade diese Kinder erleben in der Schulzeit über Jahre hinweg, dass sie Störenfriede und ungewünscht sind. Klassenkonferenzen, Schulverweise, Aussprachen und als Jugendliche auch Anzeigen von anderen Eltern kennen diese Kinder nur zu genüge. So dann auch verständlich, dass diese Kinder aller Welt zeigen wollen, dass sie stark sind, sich nicht unter kriegen lassen. In ihrer Seele sind sie aber sehr empfindsam und zerbrechlich, was sie aber auf keinen Fall zeigen wollen.

Aggressionen sind natürlich auch positiv zu betrachten. Im Gegensatz zur destruktiven Aggression (z.B. Grausamkeit gegenüber einem Menschen) kann Aggression auch konstruktiv sein, wenn es der Selbstbehauptung oder dem Durchsetzungsvermögen hilft. Aggressionen können ebenfalls gezeigt werden, wenn das Kind oder der Jugendliche ein bestimmtes Ziel verfolgt, z. B. wenn ein Kind in einer neuen Situation seine Grenzen austasten will oder die Aufmerksamkeit auf sich gelenkt haben möchte.

Ob im Kindergarten oder in der Schule, das Gewaltverhalten geht in erster Linie von den Jungen aus. Mädchen sind weniger auffällig, wobei sich die Gewaltbereitschaft der Mädchen in den letzten zwei Jahrzehnten erhöht hat.  Aggressionen und Gewalt werden in der sozialen Interaktion also vor allem von Jungen agiert, ebenso sind die  Opfer vorrangig männlich. Auch an Sachbeschädigungen sind weit mehr  Jungen beteiligt. Besonders die schwerwiegenden Formen von Vandalismus erweist sich als fast männliche Angelegenheit.

Auch wenn Jungen Gewalt eher ausgesetzt sind als Mädchen, zeigt sich, dass Mädchen in der Form Opfer von eher mittelbaren und raffinierten Formen der Gewalt werden. Das heißt, Gewalt mit physischen Mitteln ist unter Jungen üblicher. Mädchen dagegen benutzen oft raffinierte und verdeckte Schikanen wie üble Nachrede und Verbreitung von Gerüchten und sind Drahtzieher in Freundschaftsbeziehungen. Insgesamt sind Jungen aber trotzdem häufiger Opfer und vor allem Täter bei Gewalttätigkeiten. Das liegt auch an der Tatsache, dass die Beziehungen unter Jungen insgesamt betrachtet eher robuster, härter und aggressiver als unter Mädchen sind, was sicher biologisch als auch gesellschaftlich bedingt ist.

Eine aktuelle Studie des Landeskriminalamtes (siehe auch Mitteldeutsche Zeitung vom 20.08.05), wo Gewalt-und Sexualstraftaten 2004 in Sachsen-Anhalt analysiert wurden, belegen, dass von insgesamt 28508 Opfern 17581wesentlich mehr männliche als 10927 weibliche Opfer waren. In dieser Analyse wurde auch festgestellt, dass in gut zwei Drittel aller Fälle Verwandte und Angehörige verdächtigt wurden.

In diesem kurzen Exkurs, wie können Aggressionen entstehen und wie zeigen sie sich uns, erinnern Sie sich bestimmt an ein Kind oder Jugendlichen, welches Sie kennen und es so ergeht. Vielleicht erinnern Sie sich aber auch an eine persönliche Geschichte.

Wie oft wird über die schulpolitische Entwicklung diskutiert und nach Schuldigen gefahndet? Dabei vergessen wir,  dass jeder selbst einen kleinen Beitrag zur Verbesserung oder Veränderung beitragen kann, in dem er z.B. Vorbild ist, Probleme anspricht und sich rechtzeitig Hilfe holt. Dabei sind alle Beteiligte gemeint, die mit unseren Heranwachsenden zu tun haben. Eine einseitige Schuldzuweisung wäre fatal und nicht konstruktiv. Im Kontext des Kindergartens und der Schule ist dabei eine hohe Verantwortung durch die Pädagogen gefragt. Durch deren Einstellung zum Kind und Haltung,  bestimmte Strukturen und Funktionen sowie der Verhaltensweisen der Lehrenden und Erziehenden sind sie an der Entstehung von Gewalt mitverantwortlich.

Die Beschäftigung mit Gewalt sollte deshalb von besonderem Interesse sein. Klar sein muss man sich darüber, dass Anlässe und Ursachen für aggressives Verhalten im Kindergarten und in der Schule vor allem im Zusammenhang mit anderen Bereichen, so z.B. mit nachlassendem Familienzusammenhang, mit Gewaltverherrlichung in den Medien, mit Auswirkungen der Arbeitslosigkeit und mit einem Mangel an Zukunftsperspektive gesehen werden muss.

Um der Gewalt und den Aggressionen entgegenzuwirken, gibt es die unterschiedlichsten Projekte und Vorgehensweisen.  Diese sollen jetzt hier nicht aufgezählt werden, aber unbedingt bedeutend ist die eigene Auseinandersetzung mit diesem Thema, ob in Form von Literaturstudium, Teilnahme an Seminaren oder Internetrecherche usw. oder in Form von Supervision o.ä., um eignes Verhalten reflektieren zu lernen. Weiterhin sind die präventive Arbeit, also die vorbeugende und aufklärende Arbeit sowie die Intervention, die Auseinandersetzung und Einmischung in das Thema  vorrangig.

Intervention bedeutet hier Aggressionsminderung und sollte im Kindergarten und in der Schule auf drei Ebenen stattfinden: Kindergarten/Schule, Gruppe/Klasse und Individuum. Das bedeutet, dass  analysiert werden muss, wie sehen die Gewaltformen insgesamt aus (z.B. physische Gewalt, sexuelle Belästigung oder verbale Gewalt)? Wie sind die Strukturen? (z.B. Wie werden Hofpausen gestaltet?) Welche Form von Hilfen gibt es in der Schule oder Kindergarten (z.B. Schülerrat)? Wie sieht der beschützende Rahmen aus? Wer kann wie helfen? Wie sind die Beziehungen untereinander? Welche Aktivitäten gibt es? Usw.

Für Kinder und Jugendliche, die Erfahrungen zum Thema haben oder sich dafür interessieren gibt es eine informative Internetseite: www.gewalt-an-schulen.de