Pflegekinder in der Pubertät

Eine schwierige Zeit!?

von Adrian Einecke

Erschienen: im Newsletter 03/2002 der Pflegeelternschule

„Pubertät ist, wenn die Eltern den Kindern Probleme machen“, so eine 14jährige. Wenn man dies liest, sollte man ruhig zweimal hinsehen. Ist es nicht anders? Die Jugendlichen machen doch die Probleme. Oder vielleicht nicht? Mal ehrlich, warum soll diese Entwicklungsphase vom Kind zum Jugendlichen eigentlich so schwer zu verstehen sein, haben nicht alle Erwachsenen und damit auch alle Eltern nicht selbst diese Zeit erlebt? Wie haben Sie die körperlichen und geistig-seelischen Veränderungen erlebt? Erinnern Sie sich an Konflikte mit Ihren Eltern, Lehrern und anderen Erwachsenen? Wer waren zu dieser Zeit Ihre Idole? Welche Poster hatten Sie an der Wand? Wo haben Sie sich mit gleichaltrigen Freunden getroffen? Welche besonderen Erlebnisse verbinden Sie mit der Zeit zwischen 14 und 18? Erinnern Sie sich?

Die Entwicklungspsychologie beschreibt die Pubertät unter zwei wesentlichen Gesichtspunkten. Zum einen der körperlichen Entwicklung. Die zunehmende Geschlechtsreife ist geprägt von ungleichmäßigem Wachstum, massiven körperlichen Veränderungen und dem Aufkommen sexueller Bedürfnisse. Damit verbunden ist ein sehr ambivalentes Verhalten der Kinder. Neben dem Gefühl endlich Erwachsen zu werden gehen Angst und Unsicherheit einher: Was passiert hier eigentlich mit mir? Geht es den anderen auch so? Wie weit bin ich im Vergleich mit den anderen? Will ich das eigentlich? Werde ich so wie die Erwachsenen? Dies spiegelt sich zu meist im Verhalten nieder. Jugendliche verheimlichen etwas, sie vernachlässigen die Körperpflege, sie machen unflätige und schlüpfrige Witze und reagieren oftmals sexuell überspitzt. Man kann sich als Erwachsener oftmals dem Eindruck nicht erwehren, dass Geist und körperliche Entwicklung in einem Ungleichgewicht sind.

Zum zweiten sind die Kinder auf der Suche nach ihrer Identität. Sie suchen Idole, machen sich Gedanken über das Leben, beginnen Tagebuch zu schreiben, Fragen nach dem Woher und Wohin, Machen sich Gedanken über Beruf und Familie, zeigen Interesse für Politik und Gesellschaft. Gleichzeitig scheinen sie jedoch an gesellschaftlichen Normen und Regeln desinteressiert, sie stellen ihre Bedürfnisse und Gefühle in den Mittelpunkt, haben Null-Bock auf Familie und Schule und überhaupt scheinen sie gegen alles was von den Erwachsenen kommt zu revoltieren. Nicht selten erleben Eltern diese Kinder auch immer wieder in Situationen, wo sie den Kontakt zu den Eltern, körperlich wie auch geistig suchen, sie kuscheln sich an und suchen das Gespräch.

Wie ist dieses ambivalente Verhalten von Opposition und Anschmiegen zu verstehen? Kinder und Jugendliche auf dem Weg in das Erwachsenenalter müssen sich, wollen sie eine eigenständige Identität entwickeln, von den Erwachsenen, insbesondere ihren Eltern abgrenzen, sie müssen eigene Erfahrungen machen, das Leben und die Gesellschaft entdecken. Dies tun sie, indem sie sich mit der bestehenden Kultur, den bestehenden Normen und Regeln auseinandersetzen und diese kritisieren. Wenn man sich jedoch von etwas abgrenzen will, muss man wissen wovon und sich der Liebe und Zuneigung der Eltern sicher sein. Woher komme ich? Wer sind meine Eltern? Warum verhalten sich Erwachsene so? Pubertierende entwickeln ein enormes kritisches Potential. Sie wollen die Welt verändern, koste es was es wolle. Sie sind motiviert Veränderungen zu tragen und zeigen dies nicht selten in auffälligem Verhalten.

Pflegekinder erleben Pubertät, Ablösung und Identitätsfindung aus einer noch anderen Perspektive. Erstens gibt es irgendwie zwei mal Eltern, die sich auch noch deutlich voneinander in Lebensinhalten und Lebensstandard unterscheiden. Die Frage nach dem Woher und damit dem Wohin ist komplexer und beziehungsreicher. Die Pflegekinder gehen oft durch Fragen und verstärkte Besuchswünsche auf die Suche nach ihren leiblichen Eltern, Großeltern, anderen Verwandten und Familiengeschichten. Trotzdem bleiben ja die Pflegeeltern und Pflegefamilien. Es müssen also mehr Abgrenzungen getätigt werden.

In der Praxis stellen Pubertierende demzufolge nicht nur die Beziehung zu den leiblichen Eltern, sondern auch die zu den Pflegeeltern in Frage. Provokationen, Beziehungsstress, Androhungen von Flucht können von den Pflegeeltern, durch die besondere Beziehung, als Bedrohung ihrer Erziehungsfähigkeit gedeutet werden. Sie können den Pflegekindern Undankbarkeit und Untreue vorwerfen und sich vorschnell zurückziehen. Für Pflegeeltern ist die Drohung des Kindes im Konflikt zu den leiblichen Eltern zu gehen, bei denen sowieso alles besser war, ja ein tatsächlich realisierbares Verhalten der Kinder.

Pflegeeltern müssen Pflegekinder jedoch in ihrem doppelten Beziehungssystem betrachten. Pflegekinder haben in ihrem bisherigen Leben zu meist mehr Unsicherheiten erlebt, als andere. Pflegekinder meinen von sich, keine gesicherte Rückzugsbasis zu haben, um neue Wege gehen zu können. Der ständige Zustand nirgendwo so richtig zu Hause zu sein, kann in krisenhaften Situationen der wichtigen Halt der Pflegefamilien nicht wettmachen. Pflegekinder können sich doppelt verlassen fühlen und dies kann zu Verdrängung, Ausweichen und Angst führen. Schlimmstenfalls zu Suizidgedanken und –versuchen. Schwierig für Pflegekinder in diesem Zusammenhang kann die offene Ablehnung oder Verdrängung der Besonderheiten des Pflegekindes durch die Pflegeeltern sein, nämlich andere „Wurzeln“ zu haben.

Pflegekinder mit Erfahrungen von Missbrauch und Misshandlung haben zudem ein wahrscheinlich noch komplizierteres Verhältnis zu ihrem Körper und der körperlichen Entwicklung. Sie können Angst vor sexuellen Trieben haben und Angst vor Wiederholung traumatischer Erfahrungen. Sie lehnen wahrscheinlich ihren Körper mehr ab, haben Ekel und verstummen, was diese Dinge betrifft oder, jedoch seltener, erzählen allen und jedem davon.

Der Wiederspruch von körperlicher und geistiger Entwicklung kann bei Pflegekindern unter Umständen intensiver ausfallen. Pflegekinder mit sozialen und geistigen Entwicklungsrückständen haben diese zu meist nicht bis zur Pubertät aufholen können und unterliegen damit einer größeren Unsicherheit im Umgang mit der körperlichen Entwicklung.

Der Umgang, die Kommunikation mit pubertierenden Pflegekindern unterscheidet sich vor allem vor dem Hintergrund eines zweifachen Beziehungssystems, den unterschiedlichen Erwartungen und den Erfahrungen des Pflegekindes in seiner Herkunftsfamilie. Letztendlich hat auch der Umgang der Pflegeeltern mit den leiblichen Eltern Auswirkungen auf die Identitätsentwicklung der Pflegekinder.

Abschließend sollen einige Kommunikationsregeln mit Jugendlichen genannt sein.

  • Vermeiden Sie unnötige Phrasen im Gespräch mit Kindern und Jugendlichen!
  • Setzen Sie voraus, dass Pubertierende einige verborgene Anliegen haben, die niemals zuvor entsprechend verstanden oder bearbeitet wurde!
  • Gehen Sie davon aus, dass das Kind/ der Jugendliche in seinem seelischem und körperlichen Befinden verletzt wurde!
  • Fragen Sie sich selbst, wie sie in der Situation des Pubertierenden gehandelt hätten!
  • Entwickeln Sie andere, spezielle Methoden in der Kommunikation mit dem Kind/ dem Jugendlichen!
  • Denken Sie daran, dass Sie für den Pubertierenden eine vorhersehbare und zuverlässige Person im Erleben des Kindes sind!
  • Die Erfahrungen eines jeden sind einzigartig!
  • Helfen Sie dem Kind seine „offizielle“ Geschichte zu entwickeln!
  • Bemühen Sie sich das Kind aus unterschiedlichen Blickwinkeln zu betrachten!