Konfliktbereit sein, aber nicht kompromisslos – die Gratwanderung für Pflegeeltern Jugendlicher, Interview mit Rita Aemmer

Jugendliche können Pflegeeltern an ihre Grenzen bringen. In einer Zeit, in der sich alles verändert, kommen auch neue Konflikte zum Vorschein. Offenheit und klare Gesprächskultur werden da besonders wichtig. Interview von Netz-Redaktorin Kathrin Zetti mit der Pflegemutter und Fachberaterin Rita Aemmer über die Herausforderung mit Jugendlichen.

von Kathrin Barbara Zetti,

Quelle: Netz, Zeitschrift für das Pflegekinderwesen (Schweiz) Heft 4/ 1998

Frau Aemmer, sind alle Pflegekinder aus dem Haus?

Ein Pflegesohn lebt noch bei uns bis zum Abschluss der Lehre. Wir wollten, dass die Pflegkinder hier bleiben, bis sie ihre Ausbildung abgeschlossen haben. Aber einer ging vorher, für ihn war der Familienrahmen zu eng. Es kam zu enormen Spannungen. Freunde fragten uns: “Wie haltet ihr das bloss aus?“ Wenn man drin steckt, merkt man es nicht so. Aber se sind ganze Krusten von mir abgefallen, als er gegangen war. Er ist heute froh, dass wir ihn gehen liessen. Eine unserer Pflegtöchter hingegen wollte immer weg, sie sagte ständig: „Ich bleibe nicht bei euch, das ist ja gar keine richtige Familie , ich brauche mehr Freizeit.“ Aber sie blieb. Heut ist sie froh, das wir sie nicht fortgeschickt haben. Für sie wäre es eine Fortschicken gewesen, obwohl sie ganz vehemmt gehen wollte.

Wie schaffen Pflegeltern diese schwierige Zeit?

Man muss konfliktbereit sein, aber nicht kompromisslos – und den Jugendlichen Möglichkeit zur Auseinandersetzung bieten. Man ist als Mensch voll 7und ganz gefordert, und natürlich braucht es auch professionelles Wissen. Aber in der Konfrontation ist man voll drin, angreifbar, verletzlich wie die Jugendlichen selbst auch. Es wird ihn nicht gerecht, wenn ich mich nicht auch anbiete, mit allem, was ich habe und nicht habe.

Auf was müssen sich Pflegkinder ins Jugendalter kommen?

Auf eine grosse Veränderung. Alles, was selbstverständlich war, was sich eingespielt hat, ist plötzlich nicht mehr so, wie es war. Strukturen brechen auf – Familienregeln, Verhaltensweisen, die Beziehung. Trennungstraumata werden wieder aktuell, auch wenn das jahrelang nicht spürbar war. Das ist eigentlich die Chance in einem Pflegverhältnis, hier können sich Jugendliche die Befähigung erschaffen, ihr Leben in Selbständigkeit zu bewältigen.

Das bisherige Arrangement wird völlig über den Haufen geworfen? Kann man sich darauf vorbereiten?

Viele Pflegeeltern sind zu wenig darauf gefasst. Viele lassen sich vor allem auf der Beziehungsebene verunsichern. Was in der Pubertät abläuft, gilt ja nicht nur für die Pflegekinder, sondern auch für leibliche Kinder. Aber leibliche Eltern haben eine Basis, die auch bei Schwierigkeiten nicht in Frage gestellt wird. Dass das Kind in diese Familie gehört, das ist einfach klar. Bei einem Pflegekind fragt man sich: Was hat das überhaupt gebracht, was wir alles aufgebaut haben in diesen Jahren? Das Kind will weg, macht Vorwürfe. Das kann schon sehr tief treffen. Wenn Pflegeeltern jetzt die Beziehung in Frage stellen, wird es kritisch. Denn das Pflegekind will eigentlich die Bestätigung: Ja, ich bin bereit, mit dir zu kämpfen, es ist zwar schwierig, aber wir gehen dadurch.

Es kommt in der Pubertät zu einen eigentlichen Beziehungstest?

Ja, oft. Und Pflegeeltern sind in Gefahr, ihre eigene Sicherheit in der Beziehung zu verlieren. Darauf können schon ein Stück darauf vorbereitet werden. Es ist ein Unterschied, ob sie überrumpelt werden oder ob sie schon einmal davon gehört haben, dass diese Kriese schon existentiell sein kann.

Wie begegnen Pflegeeltern ihrer eigenen Verunsicherung am besten?

Sie brauchen Begleitung. Wenn es nicht während der ganzen Zeit möglich ist, dann auf jeden Fall in der Pubertätsphase der Pflegekinder. Sie müssen sich mitteilen, sich austauschen mit anderen Pflegeeltern, sich an eine unanhängige Fachperson wenden, an einen Ort, wo es erlaubt ist, vertrauensvoll die eigenen Nöte, Verzweiflungen und Ängste auszusprechen.

Kommen Pflegeltern also an die Grenzen?

Ich erlebte es so, und es begegnet mir in meiner Arbeit. Man wird von den Jugendlichen in Frage gestellt. Es ist nötig, wirklich bereit zu sein zur Auseinandersetzung, mit dem Risiko, dass ich mal über die Bücher muss.

Die eigene Veränderungsbereitschaft als Voraussetzung?

Es geht nicht anders. Meine Rolle als Mutter oder als Pflegemutter verändert sich, ob ich will oder nicht. Plötzlich sind die Kinder den ganzen Tag weg. Es ist „lockerere Leine“, da wird meine Aufgabe auch anders. Wenn ich mich an das Vertraut klammere, werde ich den Jugendlichen nicht gerecht, denn sie kommen in eine neue Lebensphase – und ich selbst auch.

Wie verändert sich die Rolle der Pflegeeltern?

Als kürzlich Jugendliche gefragt wurden, was sie sich von den Pflegeeltern wünschen, sagten sie: „Stellt euch nicht vor uns, um uns zu schützen, sondern neben uns und flüstert uns eure Weisheiten und Erfahrungen ein. „Über weite Phasen sind wir dazu da, die Kinder zu schützen, zu leiten und zu führen, vielleicht auch den Wegzubahnen, Steine wegzuräumen. Dann kommen sie zu uns und wir müssen auf derselben Ebene miteinander umgehen.

Das machen alle Eltern mit ihren Kindern durch. Was ist das besondere mit Pflegekindern?

Bei Pflegekindern klaffen oft eigentliches Alter und Entwicklungsalter auseinander. Sie haben dieselben Bedürfnisse nach Unabhängigkeit und Freiheit wie andere Jugendliche, aber sie sind noch weniger reif.

Man hat mehr Angst um sie. Am schwierigsten scheint es mir mit Kindern, die ihre eigenen Bedürfnisse fast nicht spüren. Sie sind gefährdet, meint man jedenfalls. Und es ist sehr schwierig, das einzuschätzen. Es ist eine Gradwanderung. Sie wohlgehend gehen zu lassen und die Tür offen zu halten, ist das Beste, was Pflegeeltern tun können.

Was gewinnt man daraus für sich selbst?

Für mich ist es die Lebensschule. Wieviel ich an Erfahrungen gewonnen habe, habe ich erst später realisiert. Es ist eine Art permanente Selbsttherapie. Die Jugendlichen finden ja die heiklen Punkte mit einer traumwandlerischen Sicherheit. Sie sind da unerschrocken. Wenn Pflegeeltern da seufzen und ächzen, lächle ich manchmal und sage: Seit unsere draussen sind, finde ich die Pubertät ein geniales Alter. Ohne zu vergessen, wie schwierig es ist, wenn man drin steckt. Es muss schwierig sein, sonst wird es für die Jugendlichen irgendwie hohl. Es muss wirklich dort krachen.

Was sind das für Konflikte, ganz konkret?

Das kann sein, dass kann sein das die Turntasche mit den stinkigen Schuhen herumliegt oder dass von der Kochschokolade nur noch das Papier im Schrank liegt, wenn man einen Kuchen backen will. Dass Zeiten überhaupt nicht eingehalten werden. An solchen kleinen Widerwertigkeiten können sich grosse Konflikte sind meistens Ängste und Sorgen um ihr Wohlergehen, etwa wegen Drogen oder Spritzfahrten mit dem Auto.

Steht in der Pubertät wirklich die Beziehung auf dem Spiel?

Schwierig wird es, wenn die Kommunikation auf Vorwürfen aufbaut: Jetzt hast du schon wieder und immer machst du, anstatt das eigene Befinden auszudrücken. Eine Veränderung der Gesprächskultur kann viel bringen: aktives Zuhören, bewusste Ich-Botschaften. Die Wirkung war für mich eindrücklich. Es gibt eine andere Basis, wenn ich sage: „Ich fühle mich wie ein Abfallkübel, wenn immer all das Zeugs rumliegt.“ Wenn über längere Zeit fast keine anderen Kontakte stattgefunden haben als Bosheiten, muss ich merken: „He, was ist jetzt los?“ Es liegt an uns Pflegeeltern, die negative Entwicklung zu durchbrechen. Das ist nicht Aufgabe der Jugendlichen.

Kommt es vor, dass in der Pubertät das Pflegeverhältnis „auffliegt“?

Die Gefahr ist da. Ein Abbruch sollte vermieden werden, damit die Beziehung erhalten bleibt, auch wenn die Jugendlichen ausziehen. Wenn zum Beispiel der Rahmen der Familie zu eng wird, braucht es eine andere Lösung. Dann kommt dieser Jugendliche in eine Instituion, behält aber den Kontakt zur Pflegefamilie.

Wie findet da die Pflegefamilie da heraus?

Das kann sie nicht allein. Hier hilft nur die begleitende Fachperson, solche Tendenzen rechtzeitig zu erkennen und die Übergänge sorgfältig zu planen. Nicht das man so lange alles probiert, bis es zum grossen Knall kommt, der Jugendliche gehen muss und alle frustriert sind. Dann ist es ein Abbruch. Anders ist es lediglich eine Umfeldveränderung, die Beziehung kann weitergehen.

Müssen Pflegeltern die widersprüchlichen Signale der Pflegekinder deuten können?

Unbedingt. Weil man Teil des Beziehungsgeflechtes der Pflegekinder und Jugendlichen wird, kann man das aber nicht selbst. Pflegeeltern sind involviert in die Dynamik, die sich auf Grund früherer Beziehung abspielt. Jemand Externer mit Erfahrung und Fachwissen kann erkennen, was abläuft. Es geht auch um die Beziehung zu den leiblichen Eltern, wie sie sich jetzt entwickeln. Das muss Priorität haben, auch wenn die Ausbildung etwas leidet.

Wie thematisieren die Jugendlichen ihre Beziehung zur leiblichen Familie?

Auch wenn jahrelang Sendepause war, erwacht meistens das Interesse. Sie nehmen die Beziehung wieder auf oder die Auseinandersetzung damit: Warum bin ich dir wichtiger als meine Mutter, das kann doch nicht sein? Warum hat meine Mutter mich weggegeben und meine Schwester behalten? All die Fragen nach Selbstwert und Zukunft: Was habe ich für eine Chance? Schaffe ich den Stress am Arbeitsplatz? Eines unserer Kinder fragte: „Ist das vererblich? Kann ich ein guter Vater werden, wenn ich solche Eltern habe?“ Bei einem anderen Jugendlichen kam: „Ich bin halt so, mich hätte es nicht geben sollen.“ Er hat sich lange dahinter versteckt. Das zu revidieren ist oft eine Frage der Zeit.

Arbeiten Pflegeltern mit den Jugendlichen an solchen Fragen?

Zum Teil. Das kann aber auch extern in einer Therapie geschehen. Manchmal ist es nicht möglich in der Pflegfamilie. Wenn beispielsweise eine Konkurrenzsituation zur leiblichen Familie besteht, sind sie nicht die richtige Instanz dafür. Das muss ausserhalb bearbeitet werden. Vielfach wird von Pflegeeltern missverstanden, wenn ihre Pflegkinder wieder Interesse bekommen an ihrer Mutter oder an ihrem Vater. Die Jugendlichen idealisieren diese vielleicht auch und sagen: „Wäre ich doch bloss bei meiner Mutter geblieben, dann hätte ich nicht diesen Clinch mit euch. Wieso bloss musste ich zu euch kommen“? Da fühlen sich Pflegeltern manchmal schon verletzt.

Spielen Jugendliche Pflegeeltern und leiblichen Eltern gegeneinander aus?

Ja, und das ist heikel. Da hilft kein Argumentieren, sondern nur das Bestätigen, was die Jugendlichen gefühlsmässig erleben. „Ja, ich verstehe das du wütend bist.“ Nichts korrigieren wollen, auch wenn es im Moment einseitig ist oder ungerecht. Aber diese Gefühle sind authentisch. Versuchen wir das wegzuargumentieren, dann fühlen sich die Jugendlichen zu Recht nicht ernst genommen.

Was können Pflegeeltern sonst tun, um eine solche Zeit durchzustehen?

Wichtig ist ein soziales Netz, ein Freundeskreis, der hilft mitzutragen.Und man muss auch einen Ausgleich schaffen, sei es Malen, Reiten oder Yoga, was einen halt zusagt. In der Familie wird in den Krisenzeiten die Energie aufgebraucht, da braucht man einen Ort, um sich aufzuladen. Es gibt oft Stresssituationen. Oft fehlen die Gelegenheiten, um zusammenzusitzen, und etwas in Ruhe anzuschauen, wenn man die Jugendlichen nur fünf Minuten am Tag sieht. Heute würde ich regelmässige Familiensitzungen einrichten. Manche Familien machen das, es hat sich bewährt.

Rita Aemmer, vielen dank für das Gespräch