Jugendliche in Pflegefamilien platzieren? – Manchmal ist eine Pflegefamilie auch für Jugendliche der beste Platz

Ist es sinnvoll, Jugendlichen in einer Familie zu platzieren, obwohl sie doch in der Ablösephase sind? Können Jugendliche von einer Pflegefamilie profitieren? Was erwartet Pflegeeltern, wenn sie jugendliche „Pflegekinder“ aufnehmen? Netz zeigt auf, dass Jugendliche und Pflegefamilien durchaus eine erfolgreiche Kombination sein können.

von Kathrin Babare Zatti

Quelle: Netz, Zeitschrift für das Pflegekinderwesen (Schweiz) Heft 4/ 1998

Zu hause geht gar nichts mehr. Nachdem Dagmar und ihr Bruder einige Jahre in einem Heim gelebt haben, holt die Mutter die beiden zu sich nach Hause. Mit fünf war das Mädchen verwahrlost im Heim untergebracht worden. Mit 14 wieder zur Mutter, das funktioniert nicht. Der ältere Bruder flippt aus und kehrt ins Heim zurück. Dagmar hält es nicht viel länger aus, Dann nimmt sie Tabletten. Im Spital äusserte sie den Wunsch, in eine Pflegefamilie zu kommen. So vermittelt sie der Sozialdienst in eine Familie auf den Land, die schon mehr Jugendliche betreut hat. „Wenn man jugendliche aufnimmt, weiss man nie genau, wie sich das entwickelt“, sagt die Pflegemutter.

Oder Petra: sie lebt nach der Scheidung der Eltern beim Vater, doch mit dessen neuer Partnerin gibt es nichts als Krach. Petra reisst aus und flüchtet zu ihrer leiblichen Mutter. Doch dort kann sie nicht bleiben und so nimmt sie die Familie einer Schulfreundin auf. Sie passt „gerade in die Lücke“ der leiblichen Kinder. Seit drei Jahren lebt Petra dort. „Wir kommen zurecht“, sagt die Pflegemutter. Typische Platzierung für Jugendliche in Pflegefamilien? Statistiken gibt es auch hier keine: Man kann nur vermuten, dass zunehmend mehr Jugendliche ihren Weg in die Erwachsenwelt nicht gerade gradlinig gehen können. Unlösbare Probleme mit der leiblichen Familie, in der Schule oder am Ausbildungsplatz machen eine Intervention nötig. Allerdings melden nicht alle versorgenden Stellen eine Zunahme bei der Platzierung von Jugendlichen. „Immer mehr Familien“, stellt hingegen eine Fachfrau fest, „kommen an den Rand. Und haben nicht mehr die Kraft für die Auseinandersetzung mit den Jugendlichen.“

Pflegefamilie oder Heim?

Welche Möglichkeiten gibt es für sie ? Hier unterscheiden sich verschiedene Regionen oder Kantone: Manche wie zum Beispiel die meisten Bezirke im Kanton Zürich, verfügen über ein gut ausgebautes, knapp genügendes Netz an Institutionen, vom Lehrlingsheim bis hin zu abenteuerpädagogischen Einrichtungen. Hier kann in der Regel für alle eine passende, auf die Situation und die Jugendlichen zugeschnittene Lösung gefunden werden. Dem gegenüber gibt es beispielsweise im Nachbarkanton Thurgau erst seit kurzen eine Jugendwohnung mit sechs Plätzen. Bisher blieb nur eine teure ausserkantonale Platzierung – oder dann wartet man so lange, bis eine Einweisung in die psychiatrische Klinik nötig wird oder die Jugendanwaltschaft eingeschalten werden muss, weil dann nicht mehr die Gemeinden finanzieren müssen.

Während sich Jugendliche in der Ablösungsphase von Familie befinden, scheint es auf den ersten Blick wenig sinnvoll, sie in eine Familie zu platzieren. Versorger wie Amtvormundschaften oder Durchgangsheime, sehen denn auch fast grundsätzlich davon ab.

Allerdings landen bei Ihnen auch die jenigen Jugendlichen, deren Probleme schon gravierend geworden sind. Wird doch einmal in einer Familie platziert, sind die Erfahrungen meistens schlecht. Hauptsächlich wegen Überforderung der Pflegefamilien, nicht weil die ihren Job schlecht machen, sondern weil das System Pflegefamilie allein nicht tragfähig ist. Bei jüngeren Jugendlichen, das heisst an 12 bis 13 Jahren, solange sie noch schulpflichtig sind, sind die Chancen für die Familienplatzierung größer – während Jugendliche ab 16,17 Jahren selbst nicht mehr eine Familie in Betracht ziehen. Sie bevorzugen begleitetes Wohnen oder ähnliche Formen. Pflegfamilien sind aber nicht a priori von der Platzierung Jugendlicher auszuschliessen. Unter bestimmten Voraussetzungen sind die guten Erfahrungen vielversprechend. Wenn etwa Jugendliche selbst eine Familie als ihren neuen Lebensort wünschen. Sinnvoll ist auch für Jugendliche mit „ softeren“ Problemen, wo es zu Hause nicht mehr geht, aber ohne Verhaltensauffälligkeiten, Delikte oder Drogenabhängigkeit. „Auch jungen Frauen mit nicht zu krassen sexuellen Missbrauch sind in einer Pflegefamilie gut aufgehoben“, hat ein Fachmann erfahren. In allen Fällen, wo die Situation mit leiblichen Familie blockiert ist, Jugendliche aber sonst keine Probleme haben, ist eine Pflegefamilie gut. Gerade dann, wenn dadurch das Umfeld – Schule, Gleichaltriger, Clubs usw – erhalten bleibt. Manche Jugendliche mit Defiziten können in der Geborgenheit einer Familie noch „nachgenähert“ werden.

Für solche Jugendliche bringt eine Pflegefamilie dieselben Vorteile wie für Kinder: Das Lebensfeld ist überschaubar, die Beziehung bleiben konstant, ermöglichen Nähe und Intimität, das Engagement im 24-Stunden-Betrieb bringt eine Qualität., wie sie in einer Institution kaum hergestellt werden kann. Da sich alles privatem Lebensraum abspielt, sind Pflegeeltern 100 Prozent authentisch und bieten sich den Jugendlichen auch nach dem Ende des Pflegeverhältnisses als Ansprechpartner und Rückzugsmöglichkeit an.

Erziehung nicht mehr gefragt

Natürlich ist die Rolle mit Jugendlichen eine andere. Erziehung ist nicht mehr gefragt. Es geht auch nicht darum, die Jugendlichen in die Familie zu integrieren. Die Auseinandersetzung mit den leiblichen Eltern offen mehr Raum ein. Es ist eine wesentliche Aufgabe und Chance für die Jugendlichen, sich mit Beziehungen zu Mutter, Vater, Geschwistern und Verwandten zu konfrontieren. Wenn sie zugleich andere Erwachsene als verlässlich, liebevoll und auch Schwierigkeiten auf ihrer Seite stehend erfahren, können sie zum Trauma und Verletzung heilen. Eine Platzierung in einer Familie kann sogar für Kinder, die lange im Heim oder sogar in mehreren verschiedenen Heimen lebten, eine Chance sein. Allerdings geht es dann oft nur noch darum, diesen J7ugendlichen einen Einblick in „Familienleben“ zu ermöglichen, damit sie erfahren, was Familie sein kann, oder dass eine Fammilie ganz anders funktionieren kann als ihre leibliche.

Abschieben recht sich

Damit Pflegeeltern ihre Aufgaben mit Jugendlichen erfüllen können, sind bestimmte Voraussetzungen nötig. Die Stärken eine Pflegefamilie sind zugleich auch ihre Schwächen. Ohne Entlastung 365 Tage eine 1:1 Betreuung zu gewährleisten, damit ist auf Dauer auch die stärkste Familie überfordert. Mit Jugendlichen rächt es sich sehr schnell, wenn sie sozusagen in einer Familie „abgeschoben“ werden, dass heisst, wenn die Pflegefamilie nicht als Teil eines ganzen professionellen Systemsbegriffen und entschädigt wird. Sie müssen als echte Partner geschätzt und nicht als „Entsorgungsanstalt“ für überforderte Versorger missbraucht werden, was immer wieder vorkommt. „ Man hat sie uns vor die Tür gestellt“, schildert eine Pflegevater die Vermittlung einer Jugendlichen. Pflegefamilien brauchen eine kompetente Begleitung, Supervision, Austausch mit anderen Pflegeeltern.

Es gibt kaum Pflegefamilien, die von sich aus Jugendliche aufnehmen wollen. Die meisten Familien interessieren sich für Kinder bis höchsten zehn Jahre. Immer wieder gibt es aber Pflegfamilien , die Freude und den Mut aufbringen, sich auf so ein Abenteuer einzulassen. Manche kenne die Jugendlichen, etwa aus der Nachbarschaft.

Erfahrungen in Grossbritannien, wo es zu wenig Institutionen für Jugendliche gibt, haben gezeigt, dass Pflegefamilien viel für Jugendliche leisten können, auch für solche, die als ungeeignet für Familie betrachtet werden. Dass es möglich ist, aus der Not neue Möglichkeiten zu schaffen, zeigen auch die Erfahrungen in der Region Schweiz, wo kein genügendes institutionelles Angebot für Jugendliche vorhanden ist. Aber es ist nicht ganz gratis zu haben: „Der Aufwand für die platzierende Stelle ist enorm“, weiss eine Sozialarbeiterin aus ihrer Praxis.