Gesunder Egoismus führt zu guten Kompromissen in der Familie

Gesunder Egoismus macht es notwendig, dass innerhalb einer Familie zwischen den einzelnen Mitgliedern klare, erkennbare und zu respektierende Grenzen gesetzt werden meint Mag. Stefan Royer, leitender Therapeut im Bereich Kindertherapie im Institut für Kommunikationspädagogik-Wien.

Die Beziehungen innerhalb der Familie

Die Eltern-Kind-Interaktion hat immer Beziehungs- und Erziehungsqualitäten. Erziehung als die Entfaltung der kindlichen Entwicklung findet immer in einem Beziehungsrahmen statt. Das elterliche Modell hat daher eine ganz besondere Rolle in Bezug auf die kindliche Entwicklung. Über Imitationsprozesse, also Nachahmung, werden elterliche Verhaltensweisen und Sichtweisen gegenüber der Welt im Kind verinnerlicht. […]

Was hat das nun mit dem eigentlichen Thema zu tun, wenn es um gesunden Egoismus und gute Kompromisse in der Familie geht? […] Als Eltern vermitteln wir dem Kind auch, wie wir mit uns selbst und unseren Mitmenschen umgehen. Die Beschäftigung mit sich selbst wird oftmals fälschlich als Ego-Trip oder Egoismus bezeichnet. Doch wer sich nicht seine eigenen Wünsche und Bedürfnisse bewusst macht und auf diese eingeht, gibt sich immer mehr und mehr auf; als Konsequenz verliert er sich selber. Wer nur für andere und nach deren Vorstellungen lebt, wird irgendwann den Punkt erreichen, wo das Gefühl des Ausgebrannt-, und Leerseins entsteht. Die Durchsetzung der eigenen Bedürfnisse und die Verwirklichung der eigenen Person sind für die körperliche und seelische Gesundheit eines Menschen von höchster Bedeutung. Jeder Mensch hat ein grundlegendes Recht auf seine eigene Persönlichkeit und eigenen Entscheidungen. […]

Grenzen und Grenzsetzung

Für die Familie heißt das, dass es unbedingt notwendig ist, klare Grenzen zwischen den einzelnen Familienmitgliedern, den Eltern und Kindern zu ziehen. Sich abzugrenzen, sich selbst Raum zu geben, heißt nicht egoistisch im Sinne von rücksichtslos sein, sondern ist eine notwendige Gegebenheit. Hier darf eben nicht fälschlicherweise von Egoismus im negativen Sinne gesprochen werden. […] In unser aller Entwicklung werden automatisch immer wieder neue Standortbestimmungen und Grenzsetzungen gefordert. Extrem rigide Grenzen schließen einen Dritten aus. Extrem durchlässige Grenzen können zu Beziehungsverstrickungen führen.

Wenn nun innerhalb einer Familie nur freundschaftliche, harmonisierende Gefühle und Verhaltensweisen gezeigt und wahrgenommen werden und jede Andersartigkeit und Abweichung ausgeblendet wird, dann geht das auf Kosten der Differenzierung und Identität jedes einzelnen Beteiligten. Es wird somit zunehmend die gegenseitige Abgrenzung und Individuation erschwert. […] Eine wohlwollende und liebevolle erzieherische Grenzsetzung ist für die Strukturentwicklung des Kindes unbedingt notwendig. Fehlt eine solche Grenzsetzung, entstehen beim Kind unrealistische Erwartungen von Erfüllbarkeit, werden Größenphantasien genährt, und das Kind ohne Hilfe und Anleitung bis zum persönlichen Misserfolg geführt.

Gesunde Grenzen beschreiben den goldenen Mittelweg zwischen den schwer vereinbaren Ansprüchen wie Verbundenheit und Individualität, Vertrautheit und Missbrauch, flexiblen Regeln und Sicherheit. Sie sind notwendig, damit ein Kind lernen kann, ein gesundes Selbstwertgefühl zu entwickeln, eigene Stärken und Schwächen kennen zu lernen und zu erfahren, so dass es zunehmend mehr Verantwortung für sich selbst übernehmen kann. Diese Grenzen werden bei überschwänglichen, „verschlingenden“, zudringlichen Eltern ebenso verletzt wie bei Eltern, die aus einem Machtanspruch heraus die Persönlichkeit und Individualität ihrer Kinder missachten und verletzen.

Eine gesunde Grenze zeichnet sich dadurch aus, dass sie durchlässig genug ist für Anteilnahme und Intimität, ohne gleichzeitigen Selbstverlust.

Eine kranke Grenze kann entweder zu undurchlässig oder zu durchlässig sein. Im ersteren Fall findet ein emotionaler Rückzug statt, es kommt zu Verschlossenheit und mangelndem Bindungsvermögen; Im letzten Fall führt die Zudringlichkeit von außen zu Verstrickungen und/oder zu Verlust der Individualität.

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Problemlösende Fähigkeiten

Ein Mythos, der sich in vielen Familien eingeschlichen hat und sich hartnäckig hält ist der, dass es in einem gut funktionierenden Familiensystem keine konflikthaften Auseinandersetzungen und Krisen geben darf. Diese Annahme widerspricht jedoch der Realität; natürlich sind in einer lebendigen und gesunden Familie Spannungen und Krisen immer auch existent. Falsche Kompromisse nur der Harmonie wegen und um den Familienfrieden nicht zu gefährden, macht auf Dauer krank. Diese Form der Anpassung, die im Extremfall in Unterwerfung und bedingungslosen Gehorsam enden kann, ist der Entwicklung und persönlichen Entfaltung weder bei Kindern noch bei Erwachsenen dienlich.

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Durch das bewusste Durchstehen von Konflikten und Krisen innerhalb der Familie und der anschließenden gemeinsamen Lösungsfindung, erhält das Kind jene lebenswichtigen Verhaltensmuster, die es in seinem späteren Leben als erwachsener Mensch mit Rückgrat benötigt.

Zusammenfassung

Gesunder Egoismus macht es notwendig, dass innerhalb einer Familie zwischen den einzelnen Mitgliedern klare, erkennbare und zu respektierende Grenzen gesetzt werden. Grenzüberschreitungen sind in zahlreichen Entwicklungsphasen eines Menschen notwendige Erfahrungen und beispielsweise in der Trotzphase oder Pubertät für die Persönlichkeitsentwicklung von eminenter Bedeutung. Diese positiven Grenzüberschreitungen müssen jedoch von jenen unterschieden werden, die einen anderen Menschen, die Familie, verletzten oder so sehr in die Intimsphäre eingreifen, dass die individuelle Entfaltung verhindert oder blockiert wird.

Konflikte und Krisen müssen als notwendige Erfahrungen für das Kind gesehen werden, freilich immer unter dem Aspekt, dass es nicht zu einer altersmäßigen Überforderung kommt und das Kind nicht in Konflikte involviert wird, denen es nicht gewachsen ist.

Autor

Mag. Stefan Royer ist leitender Therapeut im Bereich Kindertherapie im Institut für Kommunikationspädagogik-Wien.

Institut für Kommunikationspädagogik-Wien
Univ. Prof. Dr. Karl Garnitschnig &Team
Breitenfurterstraße 360-368/3/R6
A-1230 Wien
Tel.: 01/923 75 35, Fax: 01923 62 95
E-Mail: stefan.royer@kommunikationspaedagogik.com
Website: www.kommunikationspaedagogik.com

Quelle: Wir bedanken uns für die Genehmigung der auszugsweisen Veröffenltichung bei der Redaktion des Online-. Familienhandbuches. Die Vollversion des Textes sowie weitere, interessante Texte rund um das Thema Familie und Erziehung finden Sie im  Online- Familienhandbuch