Die Eltern- Kind- Beziehung kann nicht demokratisch sein

Elisabeth C. Gründler plädiert in ihrem Text überzeugend dafür, dass die Beziehung zwischen Eltern und Kindern nicht von gleichem Recht, sondern von gleicher Würde geprägt sein soll.

„Ich will diiiiieeesen!!“ Der durchdringende Quengelton eines Dreijährigen läßt alle Kunden und Verkäuferinnen in der Bäckerei zusammenfahren. Das Kind greift nach einem großen Stück abgepackten Baumkuchen, ein genervter Vater versucht seinen Sohn daran zu hindern, zwölf Erwachsene tun so, als würden sie diese Erziehungsversuche nicht bemerken, und versuchen in ihrem Tun fortzufahren. „Diesen, diesen, diesen…..!“ Das Geschrei des trotzenden Kindes erfüllt den ganzen Laden.

„Nein, wir nehmen dies hier“, versucht der Vater sein Kind zu beruhigen und abzulenken, und gleichzeitig seinen Sohn daran zu hindern, die ausgestellten Baumkuchen zu demolieren. Es misslingt. Das Geschrei wird lauter. Alle übrigen Erwachsenen, müssen ebenfalls die Stimme erheben, um sich weiter verständigen zu können. Der Vater ist an der Reihe. Er versucht, gleichzeitig, seinen Einkauf zu tätigen und seinen Sohn zu beruhigen. „Wir nehmen diesen hier, schau doch mal“ und schwenkt ein kleines abgepacktes Stück Baumkuchen vor der Nase seines Sohnes. Vergeblich. Das Geschrei intensiviert sich. Die Peinlichkeit steigt. Der Vater versucht nun, seinen Einkauf so schnell wie möglich hinter sich zu bringen, um die Szene verlassen zu können, was vier Minuten später auch gelingt. 3,50 Euro hat er ausgegeben, zusätzlich zum Wocheneinkauf in der Bäckerei, für ein Stück Baumkuchen, was er nicht braucht und auch nicht haben wollte. Der Sohn heult weiter, läßt sich nicht beruhigen, der Vater hat das Gefühl, versagt zu haben.

Was ist schief gelaufen?

In dieser Szene werden zwei grundlegende Missverständnisse unserer Erziehungskultur deutlich: Im Zuge der Demokratisierung aller Lebensbereiche gehen Eltern und Erzieher davon aus, dass nun auch die Eltern-Kind-Beziehung demokratisch, d.h. gleichberechtigt sein müsse. Das ist falsch. Der dänische Familientherapeut Jesper Juul bringt es auf den Begriff: Nicht gleichberechtigt sind Eltern und Kinder, sondern sie verfügen als Menschen über gleiche Würde. Erwachsene müssen sich jederzeit so verhalten, dass sie die Würde des Kindes nicht verletzen. Aber gleichberechtigt ist das Kind deswegen nicht.

Gleichberechtigung ist ein abstrakter, politisch-juristischer Begriff, der die rechtliche Gleichheit aller Bürger beschreibt. […]

Gleichberechtigt bedeutet auch, gleichermaßen Pflichten und Verantwortung übernehmen. Und hier wird sofort deutlich, warum ein Kind nicht gleichberechtigt sein kann. Ein Dreijähriger ist – ebenso wie ein fünf-, zehn-, oder fünfzehnjähriger – überfordert, die gleiche Verantwortung zu übernehmen wie ein erwachsener Mensch.

In diesem konkreten Fall hat der Vater dem Dreijährigen eine Entscheidung über das Familienbudget zugemutet. Statt ein großes Stück Baumkuchen zu kaufen, sollte der Dreijährige einsehen, dass ein kleines Stück zu 3,50 EURO genügt. Eine Entscheidung, die überhaupt nicht die Verantwortung eines Dreijährigen sein kann. Der Kauf von Baumkuchen war auch nicht sein Thema. Das Kind ist drei Jahre alt. Es entdeckt und erprobt seinen Willen. […] Dem Kind wurde etwas aufgebürdet, eine Entscheidung über den Einkauf, was überhaupt noch nicht seine Verantwortung sein kann.

„Gleiche Würde bedeutet die Anerkennung und Würdigung jedes Einzelnen in seinem konkreten Sein“, sagt Jesper Juul, „innerhalb eines Beziehungsgeflechts, z.B. in der Familie. Gleiche Würde heißt, jede Person in ihrer Verschiedenartigkeit anzuerkennen. Mit der gleichen Würde, beziehe ich mich immer auf den konkreten Fall. Es geht immer darum, in der konkreten Situation eine befriedigende Beziehung herzustellen. Es geht nicht um die Durchsetzung eines abstrakten Prinzips“.

Das zweite Missverständnis liegt in dem Glauben von Eltern und Erziehern an verbale Strategien. Moderne Eltern werden nicht mehr handgreiflich, sondern reden auf die Kinder ein. Der Vater versuchte seinen Dreijährigen davon zu überzeugen, dass es unvernünftig sei, heute ein großes Stück Baumkuchen zu kaufen ? aus welchen Gründen auch immer: weil es das Budget zu sehr belastet, weil es nicht gebraucht wird, usw. Auch wenn der Sohn gerade nicht einen heftigen Trotzanfall hätte, und er in der Lage wäre, dem Vater zuzuhören, hätte er noch keinerlei Möglichkeiten, die Argumente zu verstehen, zu verarbeiten und darauf angemessen zu antworten. Dieser übermäßige Einsatz von Argumenten läßt außer Acht, dass Kinder Verhalten überwiegend durch Nachahmung lernen. […]

Wo finden sich Lösungshinweise?

Die Anerkennung der gleichen Würde zwischen Kindern und Erwachsenen bedeutet: in der konkreten Situation die Bedürfnisse des Kindes anzuerkennen und eine befriedigende Beziehung herzustellen. Für die Qualität der Beziehung, trägt immer der Erwachsene die Verantwortung, nicht das Kind. […]

Der Dreijährige konnte nicht sagen: „Ich bin müde, ich will jetzt nicht einkaufen gehen. Ich möchte mir Dir kuscheln, Papa und eine Geschichte hören.“

Es ist an den Eltern, dies zu erkennen und auszusprechen. „Ja, Du bist müde und wir gehen jetzt nach Hause. Aber vorher müssen wir noch Brot einkaufen“. Ein Dreijähriger muss seinen Willen entdecken und erproben. Das ist ein wichtiger Entwicklungsschritt. Es gibt viele Situationen, in denen das Kind jetzt etwas anderes will, als seine Eltern. Hier genügt ein klares, möglichst freundliches und entspanntes „Nein, das geht jetzt nicht!“, ohne Begründung. In der Wiederholung der Situation im Alltag kann das Kind lernen, dass es nicht alles bekommen kann beim Einkaufen, worauf es mit dem Finger zeigt. […] Dass ein Dreijähriger heult und schreit und quengelt, wenn er nicht seinen Willen bekommt, ist eine normale und gesunde Reaktion.

Wie der Vater nun die oben beschriebene Situation klären kann, dafür gibt es kein allgemeines Rezept. Doch Eltern, die ihr Kind nicht mit falscher Verantwortung belasten, werden die für sie und ihr Kind richtige und angemessene Lösung durch „Vortasten“ und ausprobieren herausfinden.

  • Vielleicht reagiert das Kind auf Berührung, sucht sogar den Körperkontakt und läßt sich beruhigen, wenn der Vater das Einkaufen unterbricht, sich ganz dem Sohn zuwendet und ihn in den Arm nimmt.
  • Vielleicht weiß der Vater aus Erfahrung, dass sein Sohn auf Körperkontakt jetzt unwillig reagiert und sich nur weiter in seinen Trotz steigert. Er könnte um Verständnis werben bei den übrigen Erwachsenen, dass sein Sohn jetzt wütend ist, weil er seinen Willen nicht durchsetzen kann und außerdem müde ist.
  • Vielleicht werden einige Erwachsene sich an eigene Varianten dieser so alltäglichen Situation erinnern, verständnisvoll reagieren und dem jungen Vater den Vortritt lassen, damit er seinen Einkauf tätigen kann.

Gleichberechtigung und gleiche Würde sind zwei grundlegend verschiedene Qualitäten. Gleiche Würde kann es geben zwischen Menschen, die von ihrer Lebenssituation her nicht gleich sind. Der Versuche, die gleiche Würde in der konkreten Situation herzustellen, trägt immer zur Verbesserung der Qualität der Beziehung bei. […] „Die Praxis der gleichen Würde zwischen Erwachsenen und Kindern heißt nicht, dass diese alles entscheiden müssen. Das hat nichts mit Demokratie zu tun. Die kann es innerhalb der Familie nicht geben, denn Kinder sind vollständig von den Eltern abhängig. Wir können unsere Kinder auf die Demokratie vorbereiten, aber die Beziehung zwischen Eltern und Kindern kann nicht demokratisch sein.“ (Jesper Juul)

Autorin

Elisabeth C. Gründler
Freie Journalistin
Am Listholze 3
30177 Hannover
Quelle: Wir bedanken uns für die Genehmigung der auszugsweisen Veröffenltichung bei der Redaktion des Online-. Familienhandbuches. Diesen, sowie weitere Texte zum Thema Erziehung und Familie finden Sie im Online- Familienhandbuch