Arme Jungs – Wenn die Vorbilder fehlen

Wolfgang Bergmann setzt sich in seinem Text mit den Schwierigkeiten von Jungs auseinander. Was macht es ihnen besonders schwer, groß zu werden? Und welche Unterstützung benötigen sie?

Kleine Jungs haben es schwer, die älteren übrigens auch. Allein die Zahl der Medikamente für überimpulsive, nervöse und depressive Jungen ist in den letzten zehn Jahren fast um das zehnfache gestiegen. Irgendetwas ist ganz und gar aus dem Ruder gelaufen, in der Erziehung der Jungen heute.

Nun hat sich in der pädagogischen Diskussion eine Begründung für die Probleme der Jungen herumgesprochen. Sie klingt auf den ersten Blick ganz plausibel. Sie lautet: Die männlichen Kindern treffen im Kindergarten und in den Grundschulen fast ausschließlich Frauen an. Ihnen fehlen deshalb die konkreten männlichen Vorbilder.

Das stimmt, ist aber nur die halbe Wahrheit. Das Problem liegt tiefer. Prinzipieller.

Horchen wir dem Wort einmal nach: Vor-bilder. Für die seelische Entwicklung eines Fünf- oder Zehnjährigen ist es wichtig, dass sie Männern bei ihrer Arbeit zuschauen können – und dann auch mal selber mit anpacken! Tischler, Bauern, Förster, aber auch bildende Künstler.

Männliche Autorität, freundlich aber bestimmt, handfeste Aufgaben, die den ganzen kleinen Körper und Geist in Anspruch nehmen – da strengen sich die Kleinen an, und zwar auch die allerschwierigsten, sie sind hochkonzentriert, und wollen überhaupt nicht wieder aufhören.

Was zeigt das? Zum einen belegt es, dass sich viele Lehrer in vielen Grundschulen eine Menge Ärger ersparen würden, wenn sie die kleinen Zappelphillips nicht mit Klassenkonferenzen oder sonderpädagogischen Überprüfungen überziehen würden, sondern diesen Jungen während des Unterrichts immer mal wieder eine Stunde Zeit gäben, sich seelisch zu erholen. Und zwar genau so, wie ich es eben gesagt habe: dass sie ihn zum Hausmeister schicken. Stühle reparieren, den Hof fegen – nicht als Strafe, überhaupt nicht, sondern als eine andere Art des Lernens.

Vorbilder, ganz im Sinn des Wortes, das fehlt den Jungen. Ein bisschen derb dürfen sie ruhig sein, ein bisschen brummig. In einem beschützenden Sinn autoritär. So entwickeln viele kleine Jungen einen Sinn für Ordnung, die ihnen sonst so schwer fällt.

In meiner Kindheit lernten wir dies alles auf den Bauernhöfen, auf denen wir damals noch spielen durften. In den Scheunen und auf dem Heuwagen, im Wald oder den Hinterhöfen der Städte. Dort haben wir uns das soziale Miteinander selber beigebracht. Die Welt hatte noch ihre versteckten Winkel, in der wir unsere Lust auf Toben und Kämpfen und Wieder-Versöhnen auslebten und zugleich zähmten und disziplinierten. Gerade die wilden Spiele, die Kampfspiele, hatten und haben eine große seelische Bedeutung.

Solche unkontrollierte Orte der Kindheit gibt nicht mehr. Soziales Lernen entwickelt sich nicht mehr „von selbst“. Es muss angeleitet werden.

Das passiert in den Erziehungseinrichtungen – also im Kindergarten und in den Schulen – viel zu wenig. Da herrscht oft ein merkwürdig besänftigtes Klima. Aggressionsgehemmt, könnte man psychologisch sagen. Und zwar auch dann, wenn dort Männer mitarbeiten. Da ist oft eine weiche Verständnisinnigkeit am Werk, die Kinder manchmal als beengend empfinden. Viele Pädagogen und -Innen rücken den Jungen mit ihrer Einfühlung viel zu nah auf Leib und Seele und wirken, wenn sie zurückgewiesen werden, gekränkt und kleinmütig. Was soll ein acht- oder zehnjähriger Junge mit solchen Erwachsenen anfangen, egal ob Mann oder Frau? Worin besteht eigentlich die ganze Erziehung, fragte Fröbel, der die Kindergärten erfunden hat. Ein großer Pädagoge. Seine Antwort lautete: Liebe und Vorbilder.

Wo die fehlen, da suchen sich die Jungen andere Bilder. Aber eben nicht in der Wirklichkeit, in der Schule, im Kindergarten oder zuhause, sondern in ihren Computerspielen, im Kino und auf ihren Handys. Wir müssen ja nur hinschauen, was da für Heroen und Gestalten in den Computerspiele und vielen Spielzeugabteilungen zu finden sind – martialische Gestalten, oft ohne Gesicht, gepanzert als lebten sie in einer ganz und gar feindlichen Welt. Und sie haben keine Spur von Mitgefühl. Hier suchen die kleinen und größeren Jungen heute oft die Bilder, an denen sie sich orientieren. Und stecken damit sofort in einer Klemme. Entweder sie machen den Terminator nach, dann bekommen sie kräftige Probleme in der Schule und zuhause auch. Oder sie orientieren sich an dem fortwährend milden Erziehungsklima. Aber wohin dann mit ihrer natürlichen Kraft und Wildheit?

Kleine Jungen brauchen Autorität und freies ungebundenes und wildes Spiel, mutiges Erproben des Körpers und der Seele. Wenigstens das sollten wir ihnen gönnen. So schwer ist es doch gar nicht.

Von: Wolfgang Bergmann ist einer der profiliertesten Kinder- und Familienpsychologen Deutschlands. Er ist selbst Vater von drei Kindern. Bergmann arbeitet als Kinder- und Familientherapeut mit den Schwerpunkten Legasthenie und Aufmerksamkeitsstörung (Hyperaktivität) in eigener Praxis. Er war von 1990 bis 1995 Chefredakteur der „Deutschen Lehrer Zeitung“.
Quelle: Politisches Feuilleton des Deutschlandradio Kultur