Aggressionen bei Kindern und Jugendlichen

In einer grundsätzlichen Einführung werden hier die Urachen und Formen von Aggressionen beschrieben.

1. Definition und Einführung

Das Wort „Aggression“ (lat. aggredi) bedeutet soviel wie Angriff. Man bezeichnet denjenigen als aggressiv, der einen anderen Menschen direkt (durch Körperverletzung: beißen, schlagen, treten etc.) oder indirekt (durch seelische Kränkung: beleidigen, herabsetzen, entwerten ) beschädigen möchte (Merz 1965). Aber auch ein Zerstören von Gegenständen mit Absicht fällt hierunter. Aggressionen können sich laut einiger Aggressionsforscher auch gegen die eigene Person richten, wenn sie durch äußere Widerstände unterdrückt bzw. zum Zwecke des sozialen Anpassens verdrängt werden (Selbstschädigung, Selbsthaß, Selbstmord, Masochismus). Viele Kinder sind auch sich selbst gegenüber aggressiv. Dieses meist in Form von starkem Nägelbeißen und Ausreißen von Haaren. Teilweise schlagen sie mit dem Kopf gegen die Wand. Diese Verhaltensformen machen deutlich, daß sich Aggressionen im Kind aufgestaut haben. Bei Kindern findet man auch das Verweigern der Nahrungsaufnahme = invertierte Aggression (Lückert, 1972).

1.1. Aggression als Form kindlicher Verhaltensauffälligkeit

Ein Verhalten kann dann als aggressiv bezeichnet werden, wenn es darauf abzielt eine andere Person oder einen Gegenstand zu schädigen oder die grundlegenden Rechte eines anderen zu verletzen. Die Absicht der Schädigung muss hier im Vordergrund stehen, wobei in diesem Zusammenhang schwer nachvollzogen werden kann, wann ein problematisches Verhalten absichtlich oder ohne Vorsatz gezeigt wurde (Petermann, Jugert, Tänzer & Verbeek, 1997, S.12).

In der Literatur wird zwischen verschiedenen Formen der Aggression unterschieden. Die Aggression kann offen (Schlagen, Treten etc.) gezeigt oder verdeckt (Diebstahl, Lügen etc.) ausgeführt werden. Sie kann körperlich (andere stoßen, treten oder schlagen) oder verbal statt finden (jemanden beschimpfen, bedrohen, kränken) (Cierpka, 1999, S.15). Aggression kann sich nach außen (gegen andere Personen, Gegenstände) oder nach innen richten (gegen die eigene Person). Sie kann sich direkt oder indirekt (boshafte Gerüchte verbreiten) äußern (Petermann & Warschburger, 1998). Zusammenfassend lässt sich sagen, dass sich aggressive Verhaltensweisen als sehr heterogen erweisen können.

Die Intensität und Stabilität des negativen Verhaltens erweisen sich als bedeutsam für die Beurteilung, ob es sich um aggressives Verhalten im Sinne einer Verhaltensauffälligkeit handelt. Einzubeziehen ist auch der Entwicklungsstand des Kindes: die negativen Verhaltensweisen müssen signifikant häufiger auftreten als bei Personen in einem vergleichbaren Alter (Petermann & Warschburger, 1998, S.127).

1.2. Angeboren oder erlernt?

Diese Frage ist wohl immer noch nicht eindeutig geklärt. Manche Wissenschaftler vertreten die Auffassung, dass ein Kind schon mit einem Aggressionstrieb geboren wird (dem Menschen wohnt ein Aggressionstrieb inne, der ähnliche Merkmale aufweist wie der Sexualtrieb und periodisch abreagiert werden möchte). Freud, Lorenz und andere Verhaltensforscher vertreten diese Trieb-oder Instinkttheorie im engeren Sinne der Psychoanalyse oder Ethologie. Die anderen behaupten, dass dem nicht so sei, und alle Aggressionen erlernt werden. Durch Nachahmung der Menschen, die dem Kind nahe sind, kommt es mit Aggressionen in Berührung. Es lernt, wann aggressives Verhalten vorteilhaft ist. Hans Zulliger drückt das so aus: „Wer sein Kind schlägt, lehrt es schlagen.“ Die meisten Psychologen und Völkerkundler vertreten die Lerntheorie (Bandura und Walters). Andere Wissenschaftler sehen es noch anders: durch vorausgegangene Frustration (etwas, was man sehr gerne wollte, wird einem verwehrt) entwickelt sich eine Aggression (die Frustrations-Aggressions-Hypothese nach Dollard,1939). Bei Nichterfüllen eines wichtigen Wunsches kann Aggressivität entstehen. Beispiele für Wünsche: nach Liebe und Anerkennung, nach Zuwendung, nach Erfolg etc.

Bekommt ein Kind nur Ermahnungen und Tadel zu hören, so sind oft Zerstörungswut und Trotz
die Folgen. Frustration kann Aggressionen entstehen lassen. Ob eine aggressive Reaktion eintritt oder nicht ist aber eher davon abhängig, welche diesbezüglichen Lernprozesse in der Vergangenheit abgelaufen sind, d.h. die Erziehungsmethoden der Eltern besitzen eine herausragende Funktion hinsichtlich des Erwerbens aggressiver Verhaltensweisen.

Aggression ist ein Gemisch aus sozialen und kulturellen Einflüssen, frühkindlichen Situationen, gegenwärtigen Frustrationen und biologisch vorgegebenen Reaktionsnormen. Die Ursache für aggressives Verhalten liegt meist in dem Beschädigen des Selbstwertgefühls.

2. Formen/Facetten von Aggressionen

Es gibt sowohl offene, verdeckte sowie stellvertretende Aggressionen.

Bei Erwachsenen tauchen mehr versteckte Aggressionen auf, bei Kindern und Jugendlichen dagegen mehr offene Aggressionen. Dies bedeutet für Kinder und Jugendliche einen Nachteil, da ihre offenen Aggressionen sofort auffallen, deswegen bestraft und öffentlich geächtet werden. Dies geschieht, obwohl die Aggressionen der Erwachsenen gegenüber den Kindern wohl kaum weniger aggressiv sind, nur eben verdeckter und damit weniger angreifbar. Offene Aggression bezeichnet den direkten Angriff auf den Bestand und Wert einer Person oder Sache. Die Drohung, Beschimpfung fällt in die offene Aggression, wohingegen das Bewitzeln, Sticheln, Kritisieren und Heruntersetzen zu den verdeckten Aggressionen gehört (Lückert, 1972). „Eine stellvertretende Aggression erkennt man, wenn der Vater, der Ärger im Büro hatte, diesen dann zuhause abreagiert” (Lückert, 1972).

Weitere Differenzierungen haben sich bezüglich der Erscheinungsformen von Aggression herausgebildet: Expressive Aggression, angstmotivierte Aggression, Ärger-Aggression und instrumentelle Aggression, direkte und indirekte Aggression, individuelle und kollektive Aggression und Autoaggression.

Die expressive Aggression

Die expressive Aggression wird durch negative Emotionen oder Erregungszustände hervorgerufen. Es handelt sich um ein unkontrolliertes, impulsives Verhalten. Sie dient der Reduktion von Spannungen und Ängsten und das Individuum erfährt zumindest kurzfristig Erleichterung. Die Folgen einer solchen Handlung werden meist nicht überblickt, da sie sich explosionsartig und rasant vollziehen. Aggression ist hier Ausdruck eines Kontrollverlustes (Dutschmann, 1995 zit. in Cierpka, 1999, S.17).

Die angstmotivierte Aggression

Eine Form von Aggression, die man im besonderen bei Kindern vorfindet, ist die angstmotivierte Aggression. Sie dient in erster Linie der Abwehr von empfundener Bedrohung (Hartung, 2000, S.133). Diese Form ist eher emotional bedingt und äußert sich beispielsweise in Wutausbrüchen und Zorn. Sie ist meist begleitet von Unsicherheit aus einer Abwehrhaltung heraus. Die eigene manchmal auch objektiv unbegründete Angst wird präventiv durch Aggression zu reduzieren versucht (Petermann & Petermann, 1993a, S.8). Die angstmotivierte Aggression ist meist ein Zeichen von mangelnder sozialer Kompetenz. Es liegen keine oder zu wenig erfolgreich erprobte Bewältigungsstrategien vor, um mit einer angstauslösenden Situation fertig zu werden, und so wird der Versuch unternommen, mittels einer aggressiven Handlung das Gefühl der Angst zu bekämpfen, was kurzfristig sicherlich den gewünschten Erfolg erzielt. Lernpsychologisch ist dieses Erleben als ein Prozess der negativen Verstärkung zu bewerten. Durch das Verschwinden der negativen Emotionen wird die Person darin bestärkt das entsprechende Verhalten bei Angst zu zeigen (Hartung, 2000, S.133). Das soziale Umfeld akzeptiert Aggression jedoch meist nicht, was dazu führt, dass die nun auftretenden verstärkten Sanktionen der sozialen Umwelt dem Individuum in immer höherem Maße ein Gefühl der Angst vermitteln. Die Folge darauf ist ein Kreislauf, der bewirkt, dass eine Person auf verstärkte Angst diejenige Bewältigungsstrategie anwendet, die das Gefühl der Angst am effektivsten zu beseitigen vermag. In diesem Fall wäre das die Aggression, was den Kreis schließt und ein Ausbrechen sehr erschwert (Varbelow, 2000, S.58ff.).

Ärger-Aggression und instrumentelle Aggression

Ärger-Aggression ist eine expressive und reaktive Aggressionsform, die in gerichteter und ungerichteter Form auftreten kann. In gerichteter Form stellt sie eine Vergeltungshandlung gegen einen Provokateur dar und erreicht ihre Befriedigung durch dessen Schädigung. In ungerichteter Form richtet sie sich nicht gegen den Provokateur, sondern äußert sich in allgemeinen Aggressionshandlungen wie beispielsweise Fluchen. Dabei ist die Anwesenheit einer anderen Person nicht zwingend, sondern die Aggression kann sich als reiner Selbstzweck äußern (Fluchen wenn bzw. obwohl man allein ist, etwas sucht und nicht findet). Die instrumentelle Aggression dient dazu ein bestimmtes Ziel zu erreichen oder ein Problem zu lösen (Nolting 1998, 148ff.). Dem Handelnden kommt es nicht in erster Linie auf die Schädigung an, er nimmt sie aber bewusst in Kauf, um eigene Interessen durchzusetzen. Die instrumentelle Aggression wird nicht unbedingt durch negative Emotionen (Gefühle wie Ärger oder Hass) begleitet (Hartung, 2000, S.133). Sie kann zur Durchsetzung der unterschiedlichsten Zwecke eingesetzt werden:

  • zum Zwecke der Abwehr von empfundener Bedrohung
  • Durchsetzung und Gewinn
  • Beachtung und Anerkennung
  • positive Selbstbewertung (vgl. Nolting, 1981)

Viele Aggressionsformen beinhalten sowohl Aspekte von Ärger-als auch instrumenteller Aggression. Sie sind daher nicht eindeutig voneinander zu trennen.

Direkte und indirekte Aggression

Aggressionen können sich direkt oder indirekt gegen Personen oder Sachen richten. Während die direkte Form von Aggression offensichtlich ist, werden die indirekten Aggressionen entweder versteckt gegen die Zielperson gerichtet oder auf ein Ersatzobjekt verschoben.

Individuelle und kollektive Aggression

Kollektive Aggression bedeutet, dass mindestens zwei Personen eine gleich gerichtete (wenn auch nicht zwangsmäßig gleichartige) aggressive Handlung auf eine oder mehrere Personen bzw. Dinge ausüben. Die Beteiligten handeln bei kollektiver Aggression als Mitglied der Gruppe und nicht als Person. Das bedeutet, der Konflikt wird zwischen den Gruppen als solchen und nicht zwischen den Einzelpersonen, aus denen die Gruppen bestehen, ausgetragen. Durch eine Gruppe können Aggressionshemmungen herabgesetzt werden und Aggressionsmotivationen herbeigeführt werden, die der individuellen Aggression fehlen. Beispiele sind die Bestrafung oder Missbilligung, wenn an einer aggressiven Handlung nicht teilgenommen wird, und andererseits Belohnungen für die Teilnahme.

Autoaggression

Während bei den bisher genannten Fremdaggressionen die schädigende Verhaltensweise nach außen projiziert wird, ist die Autoaggression gegen die eigene Person gerichtet. Dies hat viele verschiedene Gründe und Auswirkungen. Mögliche, oft auch verbundene Gründe sind:

  1. ein Hilferuf an andere,
  2. indirekte Anklage von anderen,
  3. Aufmerksamkeit auf sich lenken,
  4. eine Kompensation von fehlender Liebe und Zuwendung und/oder
  5. ein negatives Bild der Umwelt von sich selbst verinnerlicht und übernommen zu haben.

Diese Gründe führen zwar häufig zu Verhaltensweisen, die gegen die Person selbst gerichtet sind, müssen aber als soziale Handlung gesehen werden, da sie sich indirekt an andere Personen richten. Die aus den oben genannten Gründen resultierenden Auswirkungen können sich u.a. wie folgt äußern:

  1. Esssucht, Magersucht, Bulimie;
  2. Allergien, Neurodermitis, Stottern, Asthma, Nägelkauen, nervöse Ticks;
  3. selbst herbeigeführte Verletzungen, z.B. Einritzen der Haut mit Rasierklingen;
  4. Depressionen, Schuldgefühle;
  5. Schmerzen, z.B. Kopf-, Rücken-, Magenschmerzen;
  6. Missbrauch von Sucht-und Rauschmitteln, z.B. Alkohol, Drogen, Zigaretten, Tabletten;
  7. Suizid(versuch/e).

Um auf die Bedürfnisse und Probleme von Kindern eingehen zu können, ist das Erkennen dieser autoaggressiven Formen von besonderer Wichtigkeit.

Quelle: Weymann-Reichardt, Beate: Online-Familienhandbuch. Aggressionen bei Kindern -wie kann ich helfen?

Link: http://www.gewalt-online.de/aggressionstheorien.php