Kinder im Spannungsfeld zwischen Pflege- und Herkunftsfamilie

Soziologen der Uni Jena ermitteln, wie sich Sozialkompetenz bei Pflegekindern entwickelt und welche Rolle die Pflegefamilie dabei spielt

Über vier Jahre hinweg haben Soziologen der Universität Jena junge Erwachsene im Alter zwischen 25 und 32 Jahren untersucht, die in Pflegefamilien aufgewachsen sind. Alle stammten aus erheblich belasteten Familienmilieus. Sowohl was die Entwicklung der Kinder betrifft als auch die Rolle der Pflegefamilie betreffend, warten sie nun mit Ergebnissen auf, die Bewegung in die Diskussion bringen, was Pflegefamilien für den Identitätsbildungsprozess ihrer Schützlinge leisten können, aber auch was sie nicht zu leisten vermögen. Das Projekt zur Genese von sozialisatorischen Kompetenzen in der Pflegefamilie wurde von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) gefördert.

„Besonders sticht ins Auge, dass alle der von uns untersuchten Pflegekinder trotz traumatischer Erlebnisse in ihrer Herkunftsfamilie – etwa sexueller Missbrauch, Hospitalismus, Suizid und Mord bei Familienangehörigen – heute ein weitgehend selbstständiges Leben führen“, sagt Projektleiter Prof. Dr. Bruno Hildenbrand von der Universität Jena. „Angesichts dieser positiven Entwicklung, die wir nicht erwartet hatten, stellte sich für uns die Frage, welche Ressourcen in den Herkunftsfamilien, den Pflegefamilien und dem umgebenden sozialen Milieu dazu beigetragen haben.“

Nicht von ungefähr schließt der Soziologe bei seiner Betrachtung die Herkunftsfamilie ein. „Denn ungeachtet dessen, wie ,kaputt’ die eigenen Eltern sind, sie bleiben doch wichtige Bezugspersonen, mit denen sich das Kind zwangsläufig auseinandersetzt“, so Hildenbrand. Er kritisiert die in Deutschland vorherrschende Praxis, die Kinder von den leiblichen Eltern abzuschotten, damit sie ,ungestört’ in der Pflegefamilie aufwachsen können. „Das führt spätestens dann zu Konflikten, wenn die Kinder den Kontakt zu den leiblichen Eltern wünschen“, so Hildenbrand – und das sei oft der Fall. Die Jenaer Soziologen plädieren dafür, die Wünsche der Pflegekinder zu respektieren und möglichst mit der Herkunftsfamilie zu kooperieren. „Das Beziehungsdreieck zwischen Kind, Herkunfts- und Pflegefamilie eröffnet für den Identitätsbildungsprozess des Pflegekindes neue Perspektiven“, so ein Fazit der Wissenschaftler.

„Die Pflegefamilie kann die Herkunftsfamilie nicht ersetzen und das muss sie auch gar nicht“, erläutert Hildenbrand. Begreift sich die Pflegefamilie als Ersatzfamilie, setzt sie sich unter erheblichen Konkurrenzdruck. In jeder Entwicklungsphase des anvertrauten Kindes, z. B. in der Pubertät, versucht sie dann zu beweisen, dass sie besser als die echten Eltern ist. Durch ein solches Verhalten geraten die Pflegekinder ihrerseits unter Loyalitätsdruck, müssen womöglich Partei ergreifen. Konflikte zwischen Pflegeeltern und Kind sind vorprogrammiert. Um den Druck von den Pflegenden aber auch ihrem Schützling zu nehmen, schlagen Hildenbrand und seine Kollegen vor, die Pflegefamilie als eine „Familie eigener Art“ zu verstehen. „Ihre zentrale Leistung besteht darin, dem Pflegekind andere Erfahrungen zu ermöglichen, als die, die es in seiner Herkunftsfamilie gemacht hat. Es geht also nicht darum eine bessere, sondern eine andere Sozialisationspraxis zu etablieren“, erläutert der Soziologe den neuen Ansatz.

Dennoch sollten Pflegeeltern so agieren, als ob sie eine Familie wären, wohl wissend, dass dieser Zustand zeitlich begrenzt ist. „Sie fahren gut, wenn sie einen variablen Umgang mit den Familiengrenzen pflegen, die Herkunftsfamilie und das Herkunftsmilieu nicht ausblenden“, sagt Hildenbrand. So können die Kinder aufwachsen, ohne die doppelte Elternschaft leugnen zu müssen. Darüber hinaus können sie in solchen offenen „Alsob-Pflegefamilien“ neue Resilienzpotenziale entwickeln. Unter Resilienz verstehen Soziologen die Fähigkeit, gestärkt aus misslichen Situationen hervorzugehen. Eine günstige Voraussetzung dafür ist, dass auch die Pflegeeltern in ihrer Biographie Brüche erfahren haben.

In diesem Zusammenhang kann auch das umgebende soziale Milieu von Pflegefamilien erheblich zum Gelingen der Pflegebeziehung beitragen. Das ist insbesondere dann der Fall, wenn

  • Pflegefamilien in Verwandtschaftsnetze eingebunden sind,
  • sie im Vergleich zu Herkunftsfamilien andere Lebensformen praktizieren,
  • sie während der adoleszenten Lebensphase ihres Pflegekindes einen variablen Umgang mit Sozialisationsinstanzen außerhalb der Familie praktizieren.

Diesen bisher in der Wissenschaft nicht thematisierten Pflegefamilientyp nennen die Forscher „Milieupflege“.

Vor dem Hintergrund des durch die Jenaer Wissenschaftler vorgestellten neuen Konzepts „der Familie eigener Art“ ist auch das „Scheitern“ von Pflegeverhältnissen anders zu werten. Meist spricht man vom Scheitern, wenn das Verhältnis früher als im Hilfeplan vorgesehen beendet wird. „Da die Pflegefamilie aber nur eine Familie auf Zeit ist und nicht auf denselben emotionalen Grundlagen aufbauen kann, wie eine leibliche Familie“, erläutert Hildenbrand, „bedeutet Scheitern einfach nur, dass eine als ungeeignet erkannte Situation rechtzeitig beendet wird, um andernorts einen neuen Versuch zu wagen“.

Originalpublikation zum Thema:
Gehres, Walter: „Jenseits von Ersatz und Ergänzung: Die Pflegefamilie als eine andere Familie.“ Zeitschrift für Sozialpädagogik (2005), Heft 3, S. 246-71.

Kontakt:
Prof. Dr. Bruno Hildenbrand
Institut für Soziologie der Universität Jena
Carl-Zeiß-Str. 2, 07745 Jena
Tel.: 03641 / 945550
E-Mail: bruno.hildenbrand@uni-jena.de