Besuchskontakte in Pflegefamilien – Eine empirische Untersuchung

Es wird eine Studie vorgestellt, die an 51 Pflegefamilien den Einfluss von Besuchskontakten auf die erweiterte Pflegefamilie untersucht. Zur Erhebung der Variablen wurde das Pflegeelterninterview, das Fragebogeninventar „Family Assessment Measure“ sowie die Beobachtungsmethode „Home Observation for Measurement of the Environment“ eingesetzt. Der Vergleich von Pflegefamilien mit laufenden, mit abgebrochenen sowie ohne Besuchskontakte zeigte, dass ein Erhalt der Beziehung des Pflegekindes zu seinen Herkunftseltern nur über Besuche möglich ist. Die meisten Pflegeeltern hatten jedoch die Vorstellung einer quasileiblichen Familie, empfanden Besuchskontakte als zusätzliche chronische Belastung und lehnten sie ab. Abbrüche der Besuchskontakte minimierten die Chance einer Auseinandersetzung des Pflegekindes mit den eigenen Wurzeln. Aus den Ergebnissen werden einige Auswahlkriterien fuer Pflegefamilien abgeleitet, in denen Besuchskontakte geplant sind. Es sollte jeweils in einer einzelfallbezogenen Diagnostik darüber entschieden werden, welche Lösung (mit oder ohne Besuchskontakte) für das Pflegekind, die Pflegeeltern und die Herkunftseltern am besten geeignet erscheint.

Besuchskontakte in Pflegefamilien

Eine empirische Untersuchung zur Dynamik im Beziehungsdreieck „Pflegeeltern – Pflegekind – Herkunftseltern“

Sabine Kötter (Lehrstuhl Klinische Psychologie und Psychosomatik,Fachbereich Sondererziehung und Rehabilitation der Universität Dortmund, Schwerpunkt Familientherapie)

und Manfred Cierpka (Abteilung Psychosomatik und Psychotherapie der Universität Göttingen)

Zusammenfassung: Im Zuge der kontrovers geführten und wenig wissenschaftlich fundierten Debatte über das Verständnis der Pflegefamilie als Ersatz- oder Ergänzungsfamilie sind Besuchskontakte zwischen Pflegekind und seinen Herkunftseltern umstritten. Auf diesem Hintergrund wird eine Studie vorgestellt, die an 51 Pflegefamilien den Einfluß von Besuchskontakten auf die erweiterte Pflegefamilie untersucht. Der Vergleich von Pflegefamilien mit laufenden, mit abgebrochenen sowie ohne Besuchskontakte zeigt, daß ein Erhalt der Beziehung des Pflegekindes zu seinen Herkunftseltern nur über Besuche möglich ist. Die meisten Pflegeeltern haben jedoch die Vorstellung einer quasileiblichen Familie, empfinden Besuchskontakten als zusätzliche chronische Belastung und lehnen sie ab. Abbrüche der Besuchskontakte minimieren die Chance einer Auseinandersetzung des Pflegekindes mit den eigenen Wurzeln. Aus den Ergebnissen werden einige Auswahlkriterien für Pflegefamilien abgeleitet, in denen Besuchskontakte geplant sind. Es sollte jeweils in einer einzelfallbezogenen Diagnostik darüber entschieden werden, welche Lösung (mit oder ohne Besuchskontakte) für das Pflegekind, die Pflegeeltern und die Herkunftseltern am besten geeignet erscheint.

Seit den 70er Jahren sind Dauerpflegekinder und Dauerpflegefamilien, d.h. langfristig angelegte Pflegeverhältnisse, ein Thema von verstärktem öffentlichen und wissenschaftlichen Interesse. Dabei haben sich in den letzten Jahren in Abgrenzung voneinander zwei Argumentation srichtungen entwickelt, die – polarisierend – etwa so dargestellt werden können: Die Vertreter der einen Seite, v.a. Nienstedt u. Westermann (1989), orientieren sich vorwiegend am Wohl des Pflegekindes und beziehen sich dabei auf entwicklungspsychologische Konzepte, d.h. auf die Bindungstheorie und die psychoanalytische Objektbeziehungstheorie. Die andere Seite, in erster Linie das Deutsche Jugendinstitut (1987), stellt auf dem Hintergrund familientherapeutisch-systemischer Konzepte die gesamte Pflegefamilie einschließlich der Herkunftseltern des Pflegekindes in den Mittelpunkt ihrer Theorienbildung.

Zwischen diesen beiden Richtungen hat sich eine polarisierte Auseinandersetzung entwickelt, deren Kristallisationspunkt die Auffassung der Pflegefamilie als Ersatz- oder als Ergänzungsfamilie ist und die sich in der Praxis v.a. in der Ablehnung oder Befürwortung von Besuchskontakten zwischen dem Pflegekind und Mitgliedern seiner Herkunftsfamilie während des Pflegeverhältnisses manifestiert. Nienstedt u. Westermann (1989) fordern als Vertreter des Ersatzfamilienkonzeptes in der Mehrheit der Fälle einen weitgehenden Ausschluß der Herkunftseltern aus dem Pflegeverhältnis, da sie davon ausgehen, daß ein Großteil der Pflegekinder traumatische Erfahrungen in der Herkunftsfamilie gemacht hat und kaum funktionale Objektbeziehungen zu ihren Herkunftseltern aufbauen konnte. Eine Kontinuität der angstbesetzten und dysfunktionalen Herkunftseltern-Pflegekind-Beziehungen würde verhindern, daß das Kind sich in der Pflegefamilie auf neue Beziehungen einlassen kann. Für das Deutsche Jugendinstitut, Hauptbefürworter des Ergänzungsfamilienkonzeptes, ist dagegen die Beziehung zwischen Pflegekind und Herkunftseltern unabhängig von ihrer Qualität identitätsfördernd und damit erhaltenswert. Dieser Ansatz favorisiert die Integration von Pflegeeltern und Herkunftseltern in eine Art „Doppel-Elternsubsystem“, das die Zusammenarbeit zwischen Pflegeeltern und Herkunftseltern und regelmässige Besuchskontakte zwischen Pflegekind und Herkunftseltern einschließt. Die Besuchskontakte sollen dabei der realistischen Auseinandersetzung des Kindes mit seiner komplexen Situation und der Erarbeitung klarer Beziehungsstrukturen dienen.

Da die Diskussion bisher nicht auf spezifische empirische Untersuchungen zum Einfluß von Besuchskontakten auf die Entwicklung des Pflegekindes und der gesamten Pflegefamilie zurückgreifen kann, führt die theoretisch-wissenschaftliche Polarisierung auch in der Praxis des Pflegekinderwesens zu unterschiedlichen Positionen bei den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern der Jugendämter, zu einer unterschiedlichen Vermittlungs- und Beratungspraxis in und zwischen den Jugendämtern sowie zu einer Verunsicherung der Fachkräfte und vieler Pflegeeltern.

Empirische Untersuchungen

Die bisherigen Forschungsergebnisse zu Besuchskontakten (ein ausführlicher Überblick bei Kötter 1994) sind meist älteren Datums und beziehen sich bis auf einige wenige Ausnahmen (z.B. Leitner 1978; Kumer et al. 1988) fast nur auf angloamerikanische Untersuchungen, wobei jedoch in diesen die oben angesprochene Kontroverse kaum Thema ist. Die vorhandenen Untersuchungen beschäftigen sich v.a. mit der Quantität und Qualität der Besuchskontakte, sparen die Auswirkungen von Besuchskontakten auf die pflegefamiliale Dynamik weitgehend aus und berücksichtigen überwiegend Zusammenhänge zwischen der Frequenz von Besuchskontakten, der Einstellungen der beteiligten Subsysteme und der Wahrscheinlichkeit einer Rückführung des Pflegekindes in die Herkunftsfamilie bzw. seiner Integration in die Pflegefamilie (z.B. Fanshel u. Shinn 1978; Leitner 1978; Proch u. Howard 1986). So sprechen die Untersuchungsergebnisse dafür, daß sich Besuchskontakte kurzfristig positiv (Fanshel u. Shinn 1978), langfristig aber eher negativ auf die Entwicklung des Pflegekindes in der Pflegefamilie auswirken. Dies wird als Folge der wachsenden Bindung des Pflegekindes an die Pflegefamilie und seiner dadurch zunehmenden Loyalitätskonflikte hinsichtlich der beiden Elternpaare betrachtet (Poulin 1985). Dabei hängt das Entstehen von Loyalitätskonflikten beim Pflegekind auch von der Klarheit der Zukunftsperspektive und von der Einstellung der Pflegeeltern gegenüber den Besuchskontakten ab:. Je positiver die Einstellung der Pflegeeltern zu den Besuchskontakten ist, desto unkomplizierter sind die Besuche für das Kind (Gean et al. 1985). Dabei zeigen Pflegeeltern jedoch die Tendenz, die Herkunftseltern real und gedanklich aus dem Pflegeverhältnis auszuschließen (Leitner 1978; Kumer et al. 1988) und die Kontakte als Belastung zu empfinden (White 1980). Demgegenüber wünschen sich die meisten Herkunftseltern intensivere Besuchskontakte, erhoffen eine Rückkehr des Kindes und fühlen sich aus dem Pflegeverhältnis eher ausgeschlossen (Johnson 1986). Langfristig kommt es bei regelmäßigen Besuchen eher zu einer Identifikation des Pflegekindes mit den Herkunftseltern, bei fehlenden Besuchen zur Identifikation mit den Pflegeeltern. Trotzdem bindet sich auch im Fall von regelmäßigen Besuchskontakten ein nicht unerheblicher Anteil der Pflegekinder an die Pflegeeltern. Anscheinend stellen Besuchskontakte eine zwar notwenige, aber nicht hinreichende Bedingung für die weitere Bindung an die Herkunftseltern dar (Dean 1989). Die Pflegekinder reagieren in vielen Fällen nach den Besuchskontakten mit einem Anstieg aggressiven, verstörten und ängstlichen Verhaltens (z.B. White 1980). Ob dies eher als Folge einer Rivalität zwischen den Elternpaaren oder einer Wiederbelebung traumatischer Erfahrungen und Angstbindungen oder als normale Reaktion auf die schwierige Situation der Doppelelternschaft aufgefaßt werden muß, ist noch ungeklärt.

Ziel der vorliegenden Studie

Die bisherigen an Einzelaspekten des Problems orientierte empirische Forschung wird der Komplexität der Zusammenhänge zwischen Besuchskontakten und der Dynamik im Beziehungsdreieck Pflegefamilie nicht gerecht. Außerdem ist ein unkontrolliertes Übertragen der US-amerikanischen Ergebnisse auf den deutschsprachigen Raum problematisch. Insgesamt fehlen eine Integration der einzelnen empirischen Ergebnisse sowie – will man die aktuelle Diskussion entschärfen – theoretisch und empirisch abgesicherte Kriterien, die bei einer Entscheidung für oder gegen Besuchskontakte wegweisend sein könnten. Hierzu will die vorliegende Studie einen Beitrag leisten. Dabei bilden folgende Aspekte den Schwerpunkte der Betrachtung:

  • die Verarbeitung von Besuchskontakten durch die beteiligten Subsysteme;
  • die Belastung durch die Aufnahme des Pflegekindes, ihre Bewältigung und Qualität des pflegefamilialen/pflegeelterlichen Bewältigungspotentials;
  • die Integration des Pflegekindes in die Pflegefamilie sowie
  • die Außengrenzen der Pflegefamilie, insbesondere zur Herkunftsfamilie des Pflegekindes, und das pflegefamiliale Selbstverständnis.

Zum anderen ist zu prüfen, inwieweit sich aus den Ausgangsbedingungen der Pflegeverhältnisse Prädiktoren für die langfristige Kontinuität von Besuchskontakten ableiten lassen.

Methodik

Stichprobe

In der Studie (Eine ausführliche Darstellung der Konzeption und der Ergebnisse der vorliegenden Studie findet sich bei Kötter, 1994) wurden 51 über die Pflegekinderdienste der Städte Herzen und Essen (NRW) vermittelte Pflegefamilien untersucht. Als Auswahlkriterien galten die Konzeption der Pflegefamilie als Dauerpflegefamilie, das Vorhandensein von Pflegevater und Pflegemutter in der Pflegefamilie, eine Dauer des Pflegeverhältnisses von mindestens 2 Jahren sowie ein Alter des Pflegekindes unter 14 Jahren, um den Einfluß von Adoleszenzkonflikten auszuschließen. Dabei wurde die Stichprobe in drei Vergleichsgruppen von jeweils 17 Pflegefamilien aufgeteilt: Familien, in denen im Laufe des Pflegeverhältnisses zu keinem Zeitpunkt Besuchskontakte zwischen Pflegekind und Herkunftseltern bestanden, Familien, in denen anfängliche Besuchskontakte abgebrochen wurden, und Familien, in denen kontinuierlich Besuchskontakte zwischen Pflegekindern und ihren Herkunftseltern stattfanden. Im Vergleich zu anderen deutschsprachigen Untersuchungen kann die Stichprobe als repräsentativ betrachtet werden (vgl. z.B. Blandow 1980).

Operationalisierung der untersuchten Variablen

Als Untersuchungsmethoden wurden im Sinne eines Multi-trait-multi-method-Ansatzes (Fisher 1976) drei verschiedene Forschungsinstrumente miteinander kombiniert: das von der Autorin für diese Untersuchung entwickelte Pflegeelterninterview (PFI; vollständige Fassung bei Kötter 1994) sowie zwei gut eingeführte Verfahren, zum einen Teile der dritten Version des Fragebogeninventars Family Assessment Measure (FAM III) in seiner deutschen Übersetzung von Cierpka et al. (1987), zum anderen Teile der Beobachtungsmethode Home Observation for Measurement of the Environment (HOME, Bradley u. Caldwell 1976).

Das teilstandardisierte PFI erhebt auf der Basis von Aussagen der Pflegeeltern und über 30 Interviewerratings Demographie und Sozialstatistik, pflegefamiliale Entwicklungsprozesse und innerfamiliale Dynamik sowie die Außenbeziehungen der Pflegefamilie zum sozialen Netzwerk unter besonderer Berücksichtigung der Beziehung zu den Herkunftseltern des Pflegekindes und Besuchskontakten. Das Interview dauert im Durchschnitt etwa 1,5 h. Die deutsche Fassung des FAM III, ein komplexes Fragenbogeninventar, erhebt die Qualität der familialen Aufgabenbewältigung über sieben Dimensionen (Aufgabenbewältigung, Rollenverhalten, Kommunikation, Kontrolle, Emotionalität, affektive Beziehungsaufnahme, Werte und Normen) auf den verschiedenen Ebenen der Familie (Individuum, Dyade, Gesamtfamilie). In dieser Untersuchung schätzten die Pflegeeltern die Pflegefamilie auf dem 50 Items umfassenden Familienbogen sowie alle pflegefamilialen Zweierbeziehungen auf dem 42 Items umfassenden Zweierbeziehungsbogen ein. Das dritte Verfahren, einige Interviewerratings der HOMESkalen, diente dazu, die Beziehung der Pflegeeltern zur Interviewerin und die Qualität der emotionalen Beziehungen zwischen Pflegeeltern und Pflegekind einzuschätzen.

Auswertungsmethoden

Die Gruppenvergleiche erfolgten mit Verfahren aus dem SPSS, je nach Art der Daten und Zahl der miteinander zu vergleichenden Gruppen mittels x2-Test, Mann-Whitney-UTest, t-Test sowie einfaktorieller Varianzanalyse und Rangvarianzanalyse. Die Interraterreliabilitäten der Interviewerratings für das PFI und die HOME-Skalen wurden -je nach Datenqualität – mittels Kendalls Tau B oder Phi-Koeffizient errechnet. Sie sind für den PFI mit 0,85 und für die HOME-Skalen mit 0,76 sehr gut.

Ergebnisse

Ausgangsvariablen für die Etablierung von Besuchskontakten

Die Vergleichsgruppen unterscheiden sich hinsichtlich mehrerer Ausgangsvariablen. Das Alter der Pflegemütter ist bei Aufnahme des Pflegekindes in Familien ohne Kontakte mit 31,8 Jahren niedriger als in Familien mit laufenden Kontakten (35,8 Jahre; P:<= 0,10) und mit abgebrochenen Kontakten (33,3 Jahren). Auch unterscheiden sich die Gruppen signifikant in der Frage, in wieviel Familien überhaupt leibliche Kinder leben (P <= 0,05). So haben in der Gruppe der Pflegefamilien ohne Kontakte mehr als 50% der Pflegeeltern keine leiblichen Kinder, während es in den Familien mit laufenden Kontakten nur 30% und in den Familien mit abgebrochenen Kontakten lediglich 12% sind. Weiterhin haben Pflegekinder ohne Kontakte vor ihrer Aufnahme in die Pflegefamilie an mehr unterschiedlichen Aufenthaltsorten (4,4 Orte) gelebt als Pflegekinder mit laufenden Kontakten (2,5 Orte; P <= 0,05) und mit abgebrochenen Kontakten (3,0 Orte; P <= 0,10). Gleichzeitig unterscheiden sich das Durchschnittsalter der Pflegekinder mit abgebrochenen Kontakten (2,2 Jahre) zum Zeitpunkt der Aufnahme deutlich von dem der Kinder mit laufenden Kontakten (3,7 Jahre; P <= 0,10) und ohne Kontakte (4,1 Jahre; P <= 0,05).

Bei der Frage nach der Konzeption des Pflegeverhältnisses durch Pflegeeltern und Jugendamt zu Beginn der Inpflegnahme zeigen sich zwar keine Unterschiede bezüglich einer Rückkehroption auf seiten des Jugendamtes – in 80% der Fälle gingen die Pflegeeltern von einem Verbleib des Pflegekindes in der Pflegefamilie aus -, jedoch bezüglich der Aufnahmemotive der Pflegeeltern. So geben Pflegeeltern der Familien mit laufenden Kontakten in mehr Fällen (ca. 48%) karitative Aufnahmemotive an als die Pflegeeltern der Familien ohne Kontakte (24%) und mit abgebrochenen Kontakten (12%, P <= 0,05).

Verarbeitung der Besuchskontakte

Die Qualität der Besuchskontakte wird bei Kötter (1994) differenziert dargestellt. An dieser Stelle soll lediglich die Verarbeitung der Besuchskontakte durch die Mitglieder des Beziehungsdreiecks betrachtet werden. Insgesamt werden die Besuchskontakte von Pflegeeltern und Pflegekindern der Familien mit abgebrochenen und mit laufenden Kontakten (n = 34) eher negativ, z.T. sogar sehr negativ verarbeitet. Sie werden dabei in den Familien mit abgebrochenen Besuchskontakten leicht negativer verarbeitet als in den Familien mit laufenden Besuchskontakten. Am positivsten scheinen die Herkunftseltern die Besuchskontakte zu bewerten; wenn diese unzufrieden sind, dann eher über ein Zuwenig an Besuchskontakten. Auch messen die meisten Pflegeeltern den Besuchskontakten keine Bedeutung für das Pflegekind bei und sprechen sich gegen die Weiterführung oder Wiederaufnahme der Kontakte aus.

Entwicklung der pflegeelterlichen Belastung im Laufe des Pflegeverhältnisses und ihre Bewältigung

Besuchskontakte haben deutliche Auswirkungen auf die Entwicklung der pflegeelterlichen Belastung im Verlauf des Pflegeverhältnisses. Zu Beginn des Pflegeverhältnisses berichten alle Pflegeeltern eine ähnlich hohe, d.h. leichte bis deutliche Belastung. Die Entwicklung der pflegeelterlichen Belastung verläuft jedoch in den Vergleichsgruppen im Laufe des Pflegeverhältnisses unterschiedlich. Während sie bei den Pflegeeltern der Familien mit laufenden Kontakten deutlich ansteigt, sinkt sie in den beiden anderen Gruppen, am deutlichsten in den Familien mit abgebrochenen Kontakten. So empfinden die Pflegeeltern der Familien mit laufenden Kontakten zum Zeitpunkt der Untersuchung eine signifikant höhere Belastung durch das Pflegeverhältnis als die Pflegeeltern der beiden anderen Gruppen (P <= 0,05), deren aktuelle Belastung nahezu übereinstimmt. Dabei erleben diese Pflegeeltern die Herkunftsfamilie des Pflegekindes in zwei Drittel der Fälle als ihre größte Belastung, während Pflegeeltern aus Familien mit früheren Kontakten (31,3%; P <= 0,001) und aus Familien ohne Kontakte (5,9%; P <= 0,05) die Herkunftsfamilie des Pflegekindes seltener als ihre größte Belastung ansehen. Auffällig ist, daß – trotz der unterschiedlichen Belastungsstärken – die Qualität der pflegefamilialen/pflegeelterlichen Belastungsbewältigung (im PFI und FAM III), die Integration des Pflegekindes in die Pflegefamilie und die emotionalen Beziehungen zwischen den Mitgliedern der Pflegefamilie und dem Pflegekind von allen Vergleichsgruppen – bis auf leichte Einschränkungen – positiv und funktional eingeschätzt werden.

Außengrenzen der Pflegefamilie

Die Außengrenzen zu Freunden, Verwandten und Bekannten der Pflegefamilien mit laufenden Kontakten sind tendenziell offener als die der Pflegefamilien ohne Kontakte und mit abgebrochenen Kontakten (P <= 0,10). Dazu kommt, daß Pflegefamilien mit laufenden Kontakten häufiger in Verbindung mit den Sozialarbeiterinnen und anderen Pflegefamilien stehen als Pflegefamilien ohne Kontakte (P <= 0,10).

Ähnlich verhält es sich auch bei den Grenzen zur Herkunftsfamilie des Pflegekindes. Eine Folge kontinuierlicher Besuchskontakte ist die Öffnung der Grenzen der Pflegefamilie zur Herkunftsfamilie. In der Gruppe ohne Besuchskontakte und noch stärker in der Gruppe mit abgebrochenen Kontakten tendieren sie mehr in Richtung Geschlossenheit, in der Gruppe mit kontinuierlichen Besuchskontakten eher in Richtung Offenheit (P <= 0,01). Im einzelnen unterstützen Besuchskontakte den Aufbau einer Beziehung (P <= 0,001) und die Kontinuität der Kommunikation zwischen Herkunftseltern und Pflegeeltern (P <= 0,001), und sie erhöhen das Wissen der Pflegeeltern über die Herkunftseltern und ihr Verständnis für sie (P <= 0,001). Trotzdem entwickeln – bis auf zwei Fälle (6%) – alle Pflegeeltern, auch in den Familien mit Besuchskontakten ein Ersatzfamilienkonzept, also die Vorstellung von der Pflegefamilie als quasi-leiblicher Familie.

Zwischen dem Pflegekind und seinen Herkunftseltern bleibt bei kontinuierlichen Besuchskontakten zwar eine engere Beziehung zu den Herkunftseltern erhalten als in den beiden anderen Gruppen (P <= 0,001), gleichzeitig erleben die Pflegekinder dieser Gruppe jedoch vermehrt Loyalitätskonflikte (P <= 0,01).

Dies innere und äußere Abgrenzung von der Herkunftsfamilie ist bei Pflegefamilien mit abgebrochenen Besuchskontakten besonders ausgeprägt, was sich auch in einer im Vergleich mit den anderen Gruppen negativeren Einstellung der Pflegeeltern (P <= 0,01) und des Pflegekindes (P <= 0,10) zu den Herkunftseltern und der Herkunftseltern zu den Pflegeeltern (P <= 0,01) zeigt. Daneben werden die Herkunftseltern als Thema in der Pflegefamilie seltener als in den beiden anderen Gruppen angesprochen (P <= 0,05).

Diskussion

Offenbar stellen die Besuchskontakte eine komplexe Problematik dar, die alle Ebenen der Pflegefamilie beeinflußt und eindimensional nicht zu erfassen ist. Was den Einfluß von Kontakten auf die Beziehung des Pflegekindes zu seinen Herkunftseltern betrifft, zeigen sich in dieser Untersuchung deutliche Ergebnisse. So bleibt nur bei kontinuierlichen Kontakten eine wenn auch eher lockere Beziehung zwischen Pflegekind und Herkunftseltern erhalten. Gleichzeitig werden durch Kontakte aber auch Loyalitätskonflikte des Pflegekindes im Beziehungsdreieck ausgelöst, die sich in Verhaltensstörungen ausdrücken können. Auch spricht der fehlende Unterschied bezüglich der Thematisierung der Herkunftsfamilie in Pflegefamilien ohne Kontakte und mit laufenden Kontakten dafür, daß Kontakte – auch wenn sie das Wissen der Pflegeeltern über die Herkunftsfamilie erhöhen – nicht unbedingt notwendig sind, um die Herkunftsfamilie in der Pflegefamilie zu thematisieren. Beide Ergebnisse stehen im Widerspruch zu den Hypothesen des Deutschen Jugendinstituts, die davon ausgehen, daß gerade Kontakte Loyalitätskonflikte verhindern und für die Thematisierung der Herkunftsfamilie in der Pflegefamilie erforderlich sind. Ein Abbruch von zunächst bestehenden Kontakten scheint dagegen das Risiko einer Tabuisierung der Herkunftsfamilie in der Pflegefamilie und einer unzureichenden Verarbeitung der pflegekindlichen Geschichte in der Pflegefamilie zu erhöhen.

Des weiteren bestätigt die Untersuchung die gegensätzlichen Interessen von Herkunftseltern und Pflegeeltern. Diese zeigen sich v.a. darin, daß erstere eher über zuwenig Kontakt klagen, obwohl sie mit ihren Kindern während der Kontakte oft nichts anfangen können, während die letzteren den Kontakten wenig abgewinnen können. Das würde für die Argumentation von Nienstedt u. Westermann (1989) sprechen, wonach Besuchskontakte lediglich der Aufrechterhaltung der Illusion funktionaler Eltern-Kind-Beziehungen und der psychischen Stabilisierung der Herkunftseltern dienen.

Für die Ebene der Pflegeeltern läßt sich als wesentliches Ergebnis herausstellen, daß auch die Pflegeelternpaare, deren Kinder kontinuierliche Kontakte zu ihren Herkunftseltern unterhalten, trotz verstärkt karitativer Motive zu Beginn des Pflegeverhältnisses nicht ein Ergänzungsfamilienkonzept, sondern wie die Pflegeeltern der Vergleichsgruppen ein Ersatzfamilienkonzept entwickeln. Dabei wird deutlich, daß das Ergänzungsfamilienkonzept, das von einer Vorstellung der Pflegefamilie als quasi-leiblicher Familie abweicht, bisher – von einigen Ausnahmen abgesehen – lediglich in den Vorstellungen einer Gruppe von Wissenschaftlerinnen und Mitarbeitern von Jugendämtern existiert, dem Selbstverständnis der Pflegeeltern jedoch bisher kaum entspricht. Deshalb finden vermutlich Besuchskontakte meist nicht im Interesse der Pflegeeltern statt und werden von ihnen als zusätzliche chronische Belastung empfunden sowie negativ verarbeitet. Dabei entwickeln die Familien mit Kontakten ob der größeren Belastung zwar eine andere Bewältigungsstrategie als die Familien ohne oder mit abgebrochenen Kontakten, und zwar die verstärkte Erschließung von extrafamilialen Ressourcen im sozialen Netzwerk, jedoch ist aufgrund der negativen Verarbeitung der Kontakte zu befürchten, daß diese Offenheit eher erzwungen ist und nicht den eigentlichen Bedürfnissen der Pflegeeltern entspricht. Interessant wäre in diesem Zusammenhang zu untersuchen, inwieweit die Mehrbelastung und die negative Einstellung zu Besuchskontakten mit dafür verantwortlich ist, daß sich immer weniger Pflegefamilien bereiterklären, ein Pflegekind aufzunehmen, und ob sie langfristig zu den hohen Abbruchquoten von Pflegeverhältnissen in der Pubertät beitragen.

Ob man nun eine Entscheidung für oder gegen Besuchskontakte fällt, sie wird – auch aufgrund des vorprogrammierten Interessenskonfliktes zwischen den beteiligten Parteien – in Teilen immer unbefriedigend sein. Eines wird jedoch deutlich: Wenn man den Erhalt der Beziehungen des Pflegekindes zu seinen Herkunftseltern und ggf. eine Rückkehr des Pflegekindes in die Herkunftsfamilie plant, kann dies nur über kontinuierliche Besuchskontakte geschehen. Wenn man sich also für Besuchskontakte entscheidet, dann sollte die Auswahl der Pflegeeltern nach theoretisch und empirisch abgesicherten Kriterien erfolgen.

Einige mögliche Auswahlkriterien, die die Chance für eine positive Bewältigung von Besuchskontakten erhöhen, lassen sich bereits aus den Ergebnissen dieser Untersuchung ableiten. Sinnvoll erscheint die Unterbringung in Pflegefamilien:

  • mit älteren Pflegemüttern,
  • mit leiblichen Kindern,
  • mit karitativen Aufnahmemotiven der Pflegeeltern,
  • mit einem pflegeelterlichen Ergänzungsfamilienkonzept,
  • mit einer hohen Belastbarkeit der Pflegeeltern sowie
  • mit einem funktionalen, unterstützenden sozialen Netzwerk.

Allerdings sollten diese in weiteren Studien auf ihre Relevanz hin überprüft und ggf. um zusätzliche Kriterien ergänzt werden.

Fazit für die Praxis

Die Forschung zu Besuchskontakten in Pflegefamilien steht erst am Anfang ihrer Entwicklung; diese Studie ist eine der ersten, die sich differenzierter mit dem Einfluß von Besuchskontakten auf das Beziehungsdreieck „Pflegefamilie“ auseinandersetzt. Ziel der zukünftigen Forschung sollte deshalb sein, insbesondere auch in Langzeitstudien zu prüfen, ob sich die Kontinuität von Kontakten für die Subsysteme der Pflegefamilie langfristig „lohnt“, um so fundierte Entscheidungen für und gegen Kontakte zu ermöglichen.

Für die Praxis des Pflegekinderwesens kann man aus dieser Studie drei Konsequenzen ziehen: Erstens ist es in Zukunft von größter Wichtigkeit, daß die Unsicherheit und der stellenweise zu beobachtende Eklektizismus der Jugendämter von einer theoretisch fundierten, empirisch abgesicherten und kriterienbezogenen Arbeit abgelöst wird. Dabei ist es wünschenswert, daß Wissenschaftler und Praktikerinnen stärker als bisher die Bedürfnisse, Ängste und Belastungen der Pflegeeltern berücksichtigen; denn eine Überforderung der Pflegeeltern erhöht die Gefahr des Scheiterns eines Pflegeverhältnisses. Deshalb sollte zweitens vor Beginn des Pflegeverhältnisses in jedem Einzelfall auf der Basis einer ausführlichen auf alle Ebenen des Beziehungsdreiecks Pflegefamilie bezogenen psychologischen und familiendynamischen Diagnostik das vorrangige Ziel der Inpflegnahme bestimmt werden, um klare Zielperspektiven für Pflegekind und seine beiden Familien zu schaffen. Wenn daraufhin eine Entscheidung für Besuchskontakte fällt, dann sollte die Auswahl der Pflegeeltern auf der Basis der entsprechenden Kriterien erfolgen. Drittens ist – nach einer Entscheidung für die Aufnahme von Kontakten – im weiteren Verlauf des Pflegeverhältnisses eine intensive und kontinuierliche Unterstützung beider Elternpaare – Pflegeeltern und Herkunftseltern – notwendig, um Abbrüche der Kontakte und im Extremfall auch des Pflegeverhältnisses zu verhindern. Da man jedoch, v.a. aufgrund der angespannten Finanzlage der staatlichen Institutionen, kaum mit einem Personalaufbau in den sozialen Diensten rechnen kann, sind Supervision sowie systemische und psychodynamische Weiterbildung derFachkräfte als vorrangige Ziele zu betrachten.

Zum Schluß noch eine Überlegung zu der weiten Verbreitung des Ersatzfamilienkonzeptes auch unter Pfegeeltern mit kontinuierlichen Kontakten. Vielleicht sollte mehr als bisher erwogen werden, ob bei einer Entscheidung für den Erhalt derKontakte zur Herkunftsfamilie statt einer Familienunterbringung eine andere Unterbringungsform (Kleinstheim etc.) sinnvoller wäre, um die Interessenskonflikte zwischen Pflegeeltern und Herkunftseltern nicht zu chronifizieren.

Für ihre Unterstützung und intensive Mitarbeit sei den Pflegekinderdiensten der Städte Herzen und Essen sowie allen Pflegefamilien noch einmal herzlich gedankt.

Literatur

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flegekinderhilfe des DJI und des DIJuF