Traumatisierte (Pflege)Kinder und ihre (Herkunfts)Eltern

Die Autorin Alice Ebel (Dipl. Psychologin und Pflegemutter) hat in diesem Artikel, ausgehend von der Beschreibung psychischer Störungen und der Definition von Traumatischen Erfahrungen zusammengetragen warum sich Kinder mit traumatischen Erfahrungen so und nicht anders verhalten. Sie beschreibt wie Pflegekinder in der Pflegefamilie ankommen, leben und sich integrieren. Sie beschreibt mit welchen Schwierigkeiten die Pflegeeltern rechnen können und erhalten an zwei Beispielen Hinweise auf den Umgang mit traumatisierten Kindern. Ein sehr lesenswerter Text, der die gängige Forschung auch durch nachvollziehbare Hilfestellungen darstellt.

von Alice Ebel

Quelle: Arbeitsgemeinschaft für Sozialberatung und Psychotherapie (AGSP)

Erziehungsunfähige Eltern sind zu 95% selbst traumatisierte Kinder gewesen, die keine Hilfe erhalten haben. Daraus sind z.T. schwere Persönlichkeitsstörungen entstanden. Im Rahmen einer 6-stufigen Schwere-Skala von psychischen Problemen/Störungen liegen die schweren Persönlichkeitsstörungen auf Platz 4. Manche erziehungsunfähige Eltern haben aber auch „nur“ einfache Persönlichkeitsstörungen (3. Platz) oder aber sogar psychotische Störungen (Platz 5) bis hin zu hirnorganischen Syndromen (Platz 6). Die Skala beinhaltet:

1. Neurosen:

Die Betroffenen haben einen vollkommenen Realitätsbezug und nur ein isoliertes Einzelproblem (z.B. Angst vor beruflichem Misserfolg, Phobien, eine reaktive Depression, sind in bestimmten Situationen konfliktscheu etc.). Neurotiker sind wir vermutlich alle irgendwie.

2. Psychosomatische Störungen:

Wenn eine (schwere) neurotische Störung in körperliche Prozesse überschlägt und z.B. Essstörungen, Asthma, Migräne, Herz-Kreislaufprobleme, Lähmungserscheinungen u.ä. hervorbringt.

3. Persönlichkeitsstörungen:

Die gesamte Persönlichkeit ist von dem (neurotischen) Problem erfasst, d.h. jemand hat nicht nur Angst beruflich zu versagen, sondern ist insgesamt sehr ängstlich und misserfolgsorientiert, oder reagiert auf jede kleine Schwierigkeit immer depressiv, oder ist total geltungssüchtig oder reagiert ständig aggressiv etc. Auch Suchtverhalten gehört hierzu. Diese Persönlichkeitsstörungen werden unterteilt in:

  1. a) schizoide (sie leben stark in der eigenen inneren Welt, z.B. sozial scheue Eigenbrötler),
  2. b) hysterische (leben stark nach außen orientiert, z.B. extrem geltungssüchtige oder aggressive Menschen) und
  3. c) narzisstische (drehen sich selbstverliebt um sich selbst und möchten von allen geliebt werden).

4. Schwere Persönlichkeitsstörungen:

Das sind die „typischen“ erziehungsunfähigen Eltern. Sie haben einige gemeinsame Merkmale, die bei allen Untertypen zu beobachten sind:

  • Primitives Beziehungserleben, das schnell zwischen z.T. gewalttätigem Streit und unreflektierter „Versöhnung“
  • schwankt (gestern hat der Mann die Frau verprügelt und heute sitzen sie zusammen am Tisch und reden, als sei nichts gewesen, und finden das ganz normal);
  • impulsiv, primitives gewalttätiges Verhalten; fehlende Reaktion auf unhaltbare Zustände (z.B. sexueller Missbrauch von Kindern wird als „ganz normal“ empfunden);
  • unreflektiert gegenüber dem eigenem Verhalten, den eigenen Fähigkeiten, z.B. Größenphantasien bei stark eingeschränkten Fähigkeiten, der eigenen Geschichte (z.B. Idealisierung des misshandelnden Vaters); keine Schuldgefühle bei Fehlverhalten (z.B. Gewaltausübung).

Häufige Merkmale solcher Familien sind:

  • Vermüllung,
  • Verwahrlosung,
  • bizarre Haushaltsführungstechniken,
  • ständige Fehlzeiten in Kindergarten und Schule,
  • extreme Tierhaltung (z.B. mehrere Kampfhunde oder bissige Ratten oder Giftschlagen o.ä.), mangelnde ärztliche Versorgung,
  • selbstverletzendes Verhalten etc.

All das wird als „normal“ wahrgenommen.

Die Untertypen unterscheiden sich folgendermaßen:

  1. a) Borderline-Störungen: Diese Leute pendeln ständig zwischen zwei individuellen Polen, die aber relativ stabil sind (d.h., sie überschreiten ihre Pole nicht und fallen z.B. nicht in eine Psychose). Sie sind gekennzeichnet durch:
  • Schwarz-Weiß-Denken,
  • Gut-Böse-Denken (jemand ist entweder gut oder böse, es gibt keine Abstufungen),
  • wechseln zwischen Idealisieren und Verteufeln von Beziehungen/Beziehungspartnern,
  • starke Stimmungsschwankungen ohne äußeren Anlass (die dann oft an den Kindern ausgelassen werden, auch im Sinne von „Du bist mein Engel – Du bist ein Teufel“). Sie wirken in guten Momenten sehr charmant, sind in schlechten Momenten aber gewalttätig, sehen oft die Zusammenhänge ihres Verhaltens nicht realistisch, d.h. z.B. sie schlagen das Kind, und wenn es weint fragen sie „Was hast du denn?“
  1. b) schwere narzisstische Störungen: Diese kommen häufiger bei Männern vor, und haben ihre Ursache in schweren Kränkungen in der Kindheit.
  • Diese Leute kehren die fehlenden Liebeserfahrungen in der Kindheit in pathologische Selbstliebe und Größenphantasien um.
  • Sie sind beziehungsunfähig. Alle ihre Beziehungen sind kalt und entleert. Nach außen wirken sie manchmal durchaus großartig, aber innen herrscht Beziehungslosigkeit (z.B. der Lehrer, der seine eigenen Kinder misshandelt und drillt, aber in der Schule als toller Pädagoge gilt). Meist können sie ihre Beziehungspartner gar nicht beschreiben, haben kein inneres Bild von ihnen.
  • Sie sind gefühllos (oft auch körperlich) und können auch die Gefühle anderer nicht wahrnehmen (z.B. die Angst und den Schmerz ihres misshandelten Kindes).
  • Sie können sehr gewalttätig sein, weil sie sich mit dem Aggressor ihrer Kindheit identifiziert haben und das Opfer-Sein total abgespalten haben. Das Gute in ihnen ist zerstört, und sie wollen auch das Gute in ihren Kindern zerstören, weil es sie an ihren eigenen Schmerz erinnert. „Wenn ich nie wieder schwach bin, kann mir keiner mehr was tun“ (und vielleicht auch „Wenn ich dich solange schlage, bis du so wirst wie ich, dann kann auch dir keiner mehr was tun“?.
  1. c) Infantile Störungen: Kommen vermehrt bei Frauen vor. Diese wirken unreif und kindlich (bei normaler Intelligenz), versagen meist schulisch und beruflich. Diese Frauen neigen dazu, sich gewalttätige Partner auszusuchen und verharren dann in der Position des geschundenen, hilflosen Kindes. Sie übernehmen keine Verantwortung für sich und ihre Kinder, und sehen in ihren Kindern eher Gleichaltrige. Sie können zwar sagen, was Kinder brauchen, aber es nicht umsetzen und geben.

5. Psychosen:

Menschen mit psychotischen Störungen haben keinen Realitätsbezug mehr. Sie haben wahnhafte Ideen, z.B. denken sie, dass ihre Gedanken von fremden Mächten gesteuert werden oder dass alles, was in der Welt so vor sich geht, nur wegen ihnen geschieht, oder dass sie verfolgt werden, oder dass sie Napoleon oder sonst wer sind, oder dass ihre Kinder ‚Aliens’ sind o.ä. Manche haben auch optische und/oder akustische und/oder taktile Halluzinationen. Sie lassen sich durch Argumente nicht erreichen, und verarbeiten alle Informationen entsprechend ihrem jeweiligen Wahnsystem. Sie können gewalttätig sein. Gewalttätigkeit ist aber kein Leitsymptom.

6. Hirnorganische Syndrome und schwere geistige Behinderungen:

Solche Eltern sind aufgrund ihrer mangelnden geistigen Fähigkeiten bzw. fehlender Handlungsmöglichkeiten (z.B. Zustand nach schwerem Schlaganfall) nicht (mehr) in der Lage, ihre Kinder selber zu erziehen. Diese Leute haben nicht unbedingt selbst traumatische Erfahrungen in ihrer Kindheit gemacht, sind aber aufgrund ihres Zustandes erziehungsunfähig.

Beim Lesen lassen sich die Herkunftseltern von traumatisierten Pflegekindern leicht im Geiste einer „Kategorie“ zuordnen. Es ist ganz interessant, eine solche Typologie zu haben. Herkunftseltern passen oftmals zu den Mustern. Aber zur genauen Diagnostik von Erziehungsunfähigkeit braucht es erfahrene Gutachter, da die Übergänge zwischen den Typen und Untertypen fließend sind.

Wie wird Trauma definiert und was genau ist darunter zu verstehen, wenn Eltern ihr Kind traumatisieren?

Erstens: Nach Nienstedt & Westermann

“Von traumatischen Erfahrungen sprechen wir dann, wenn von Eltern die elementaren Grundbedürfnisse des Kindes nicht wahrgenommen und respektiert werden und wenn das Kind von seinen Eltern überwältigt wird und sie dadurch als Schutzobjekt verliert.“

Zweitens: Nach Scheuerer-Englisch

“Es handelt sich um eine einmalige oder fortdauernde Erfahrung,

  • die zu einer psychischen Verletzung führt und
  • die für das Kind überwältigend und mit seinen physischen und psychischen Möglichkeiten nicht kontrollierbar ist und
  • die Todesangst und Angst vor Vernichtung des physischen Selbst auslöst und
  • bei der das Kind in der Situation auf niemanden zurückgreifen kann, bei dem es Schutz oder Hilfe erfährt.“

Das heißt, als Trauma werden nur solche Erfahrungen bezeichnet, die alle Merkmale erfüllen. Erfahrungen, bei denen ein oder mehrere Merkmale fehlen, sind zwar schreckliche oder schlimme Erlebnisse, die sicher auch ihre Spuren hinterlassen können, sie wirken aber nicht im eigentlichen Wortsinn traumatisierend.

Deutlich wird dies auch in der Definition von

Drittens: Fischer & Riedesser:

„Ein psychisches Trauma ist ein vitales Diskrepanzerleben zwischen bedrohlichen Situationsfaktoren und den individuellen Bewältigungsmöglichkeiten, das mit Gefühlen von Hilflosigkeit und schutzloser Preisgabe einhergeht und so eine DAUERHAFTE Erschütterung von Selbst- und Weltverständnis bewirkt.“

Welche Erfahrungen können dann als Trauma bezeichnet werden?

  • nichts zu essen und /oder zu trinken bekommen, hungern und/oder dursten müssen
  • bei großen Ängsten nicht beruhigt werden (z.B. wenn dass angstvoll weinende Kleinkind in ein Zimmer gesperrt wird und dort völlig allein seinen Ängsten ausgeliefert ist und von ihnen überwältigt wird)
  • wenn auf Angstäußerungen des Kindes mit körperlicher Gewalt reagiert wird
  • wenn Babys/Kleinkinder ohne Beziehungsaufnahme rein mechanisch versorgt werden
  • völlig allein gelassen werden, eingesperrt werden
  • das Erleben von Gewalt zwischen den Eltern (gilt rechtlich als Kindesmisshandlung!)
  • Sexuelle Misshandlung, Missbrauch
  • Gewalttätige Übergriffe, Misshandlung
  • wenn das Kind als Erwachsener gesehen wird (z.B. als Partnerersatz) und damit überfordert wird
  • wenn das Kind das Agieren der Eltern unter Alkohol- bzw. Drogeneinfluss bzw. im Entzug erlebt und seine eigenen Bedürfnisse dabei übersehen werden
  • Wenn das Kind in den Wahnwelten von psychotischen Eltern leben muss
  • wenn bedrohliche Tiere im Haushalt leben, z.B. bissige Kampfhunde, vor denen das Kind nicht von den Eltern geschützt wird

Was sind die Folgen von Traumatisierung?

  • Bindungsstörungen (Bindung ist die Beziehung des Kindes zur erwachsenen Bezugsperson, wenn es sich geschützt fühlt! Sie ist die Folge einer (positiven) Abhängigkeit. Den Bezug zu allen anderen, z.B. zu den Geschwistern, Großeltern o.ä., aber auch von Erwachsenen untereinander und auch von der Bezugsperson/Mutter/Vater zum Kind nennt man „Beziehung“, nicht Bindung!)
  • Beziehungsstörungen
  • Kontaktstörungen
  • Sprachstörungen
  • nicht bewältigbare/ überwältigende Ängste
  • Depression, Apathie
  • diverse Abwehrmechanismen

Abwehrmechanismen sind Überlebensstrategien traumatisierter Kinder. Traumata lösen immer schreckliche Ängste aus, die beständige Begleiter des Kindes bleiben.

Da kein Mensch (über-)leben kann, wenn er ständig voller schrecklicher Angst ist, müssen die Kinder ihre Ängste abwehren. Sie entwickeln unbewusste Abwehrmechanismen, die dann als „auffälliges Verhalten“ beobachtet werden können. Folgende können besonders häufig beobachtet werden:

  • Pseudo-Autonomie (Kinder die schon früh für sich selber oder sogar Geschwister sorgen, sich für unabhängig und quasi erwachsen halten und keine Bindung (!) mehr eingehen wollen, d.h. nie wieder abhängig sein wollen)
  • übermäßige Bewegung/ Hyperaktivität (diese Kinder sind ständig „auf der Flucht“ vor ihren Ängsten und versuchen diese durch Zappeligkeit und ständige „Action“ zu betäuben)
  • Überanpassung (diese Kinder hoffen, durch übermäßiges Brav-Sein, durch blinden, ggf. vorauseilenden Gehorsam die stets als bedrohlich erlebten Erwachsenen zu beschwichtigen und so ihre Ängste zu reduzieren)
  • Totstell-Reflex (völliges Erstarren, nicht mehr Mucksen, beim kleinsten Anflug von Gefahr. Erscheint oft bei sexuellem Missbrauch. Oft haben diese Kinder ihre Körperwahrnehmung völlig abgespalten.
  • sich selber schlecht machen (Dies ist der Versuch der Kinder, eine letzte Übereinstimmung mit den Eltern herzustellen, indem sie ihnen Recht geben und die Schuld / Schlechtigkeit auf sich nehmen, in der Hoffnung, durch diese Zustimmung verschont zu bleiben)
  • sexualisiertes Verhalten (z.B. Lolita-Verhalten. Dies ist der Versuch des Kindes, die Kontrolle über die erwartete Missbrauchssituation zu behalten „Wenn ich selber aktiv anfange, dann habe ICH mehr Kontrolle, als wenn ich es passiv ertragen muss“)
  • Identifikation mit dem Aggressor (diese Kinder sind sehr aggressiv und zerstörerisch. Sie versuchen durch „Rambo-Gehabe“ abzuschrecken und stark zu erscheinen, in der Hoffnung, dass sich keiner mehr an sie heranwagt, um sie zu misshandeln. „Wenn ich nie wieder schwach bin, kann mir keiner mehr was tun“)
  • Verleugnung/ Verdrängung (diese Kinder versuchen so zu tun, als sei nichts gewesen und unterdrücken bzw. spalten ihre Angst ab. Z.T. idealisieren sie sogar ihre Erfahrungen bzw. Eltern, um sich selber (und andere) davon zu überzeugen, dass doch gar nichts Schlimmes passiert ist. Oft bahnen sich die Gefühle dann andere Wege, z.B. über psychosomatische Krankheiten, Phobien, Alpträume etc.)

Die Abwehrmechanismen sind zum einen der Versuch, die Ängste abzuwehren, zu kontrollieren und zu reduzieren, aber auch ein Signal. Sie zeigen uns, was mit dem Kind passiert ist. So zeigt z.B. ein pseudo-autonomes Kind, dass es keine Gelegenheit hatte, eine Bindung einzugehen und positive Abhängigkeit zu erfahren.

Ein destruktives Kind zeigt durch seine Zerstörungswut, wie sehr es selbst zerstört wurde. Ein verleugnendes Kind zeigt, dass seine Ängste und Nöte nie wahrgenommen und immer geleugnet wurden, ein sexualisiertes Kind, dass es viel zu früh mit Sexualität überwältigt wurde etc.

Das Erkennen der Abwehrmechanismen hilft, mit dem Kind an dem Trauma zu arbeiten, denn wenn es gelingt, dem Kind in einfühlsamen Dialogen den Zusammenhang zwischen Trauma und Verhalten (Abwehrmechanismen) deutlich zu machen, kann es beginnen von seinen Erlebnissen Abstand zu nehmen und seine Abwehr aufzugeben.

Dies ist ein langer und schmerzvollen Weg, denn das Kind gehen muss, um im Verlauf dieses Prozesses Zugang zu seinen Ängsten (und zu der damit zusammenhängenden Wut auf die Eltern!) zu finden, diese zuzulassen, lernen darüber zu sprechen bzw. zu spielen und den Zusammenhang zwischen seinem heutigen ‚So-Sein’ und seinen Erfahrungen herzustellen. Dann kann es gelingen, dass es genug Distanz zu seinen Traumata herstellen und seine Abwehrmechanismen aufgeben kann und eines Tages sagen kann „Es war wie es war“. Dies ist das Optimum, das erreicht werden kann!

Wie kann diagnostiziert werden, ob ein Kind traumatisiert wurde?

  1. Verhaltensbeobachtung (zeigt sich auffälliges Verhalten? Welches?)
  2. Gibt es Entwicklungsverzögerungen (häufig bei traumatisierten Kindern, vermutlich weil sie soviel Energie fürs Überleben verwenden müssen, dass sie kaum Kraft für eine normale Entwicklung haben)
  3. Beobachten der Mutter-Kind-/ Vater-Kind-Interaktion
  4. Ist das Kind hyperaktiv und desorganisiert?
  5. Nach Abwehrmechanismen Ausschau halten
  6. Das Spiel des Kindes beobachten und ggf. fragend begleiten
  7. Zeigt das Kind Ängste?
  8. Hat das Kind aggressive bzw. Tötungsphantasien?
  9. Äußert es Unterstellungen gegen die Pflegeeltern (Bekomme nichts zu essen o.ä.)
  10. Allein mit dem Kind sprechen („Ich glaube / habe gehört, es geht dir manchmal nicht so gut…“)
  11. Mit Kindergarten und Schule sprechen
  12. Befragung der Eltern mit einem sog. strukturellen Interview

Das können Pflegeeltern natürlich nicht alles selber machen, aber auf einige Punkte können sie als „Laien“ ihr Augenmerk richten, und versuchen zu erfassen, was das Kind zeigen will.

Die typischen Entwicklungsphasen eines Pflegeverhältnisses.

Da traumatisierte Kinder verschiedenste Abwehrmechanismen einsetzen, um ihre Ängste zu mildern bzw. zu kontrollieren und im Alltag halbwegs „normal“ leben zu können, stellen sich zwei Fragen:

  • Wann werden die Pflegeeltern mit diesen Mechanismen, die sich ja in auffälligem Verhalten ausdrücken, konfrontiert?
  • Wie sollte darauf reagiert werden?

Um die erste Frage zu beantworten, berichte ich zunächst über die typische Entwicklung von Pflegeverhältnissen: Es gibt drei Phasen, die unterschiedlich lang sind.

Die erste Phase ist die Anpassungsphase:

Nach der Aufnahme in eine Pflegestelle und Tage, Wochen bis Monate später befindet sich das Kind in der Anpassungsphase. Hier **„checkt“ es zunächst ab**, wo es hingeraten ist, wie die Menschen sind, ob es vor ihnen Angst haben muss, ob es sich sicher fühlen kann, wie die Regeln sind, wer ihm welche Beziehung anbietet, etc.

In dieser Phase ist es meist brav und angepasst und geht kein Risiko ein. Oft lassen sich schon die Abwehrmechanismus-Muster erkennen (z.B. will ein pseudo-autonomes Kind alles alleine machen, oder ein Kind mit Totstell-Reflex fällt in scheinbar bedrohlichen Situationen in eine Starre, oder ein „flüchtendes“ Kind zappelt und hampelt ständig u.ä.). Aber das Kind ist offensichtlich bemüht nicht anzuecken und versucht sich gut in die Familie einzufügen.

Wenn es beginnt sich sicherer zu fühlen, Vertrauen zu fassen und erste Beziehungen einzugehen, beginnt die zweite Phase.

Die Übertragungsphase:

Dies ist die schwierigste Phase für alle Beteiligten, denn nun beginnt das Kind seine alten (traumatischen) Erfahrungen, seine (negativen) Erwartungen und Ängste auf die neuen Bezugspersonen zu übertragen. D.h. es „verwechselt“ die neuen Eltern mit den alten und benimmt sich so, als ob es auch in der Pflegestelle mit Misshandlung, Missbrauch, Mangelversorgung etc. rechnen muss.

Nun kommen die Abwehrmechanismen voll zur „Anwendung“. Das Kind unterstellt den Pflegeeltern (z.T. unbewusst, z.T. aber auch verbal bewusst) das Verhalten der leiblichen Eltern und (re)agiert z.T. sehr heftig auf die vermeintliche Wiederholung seiner traumatischen Erfahrungen.

Die Verwechslung mit den leiblichen Eltern kann so überwältigend sein, dass dem Kind (in seiner Wahrnehmung) tatsächlich nicht die neuen, sondern die leiblichen Eltern gegenüber stehen.

Das Verhalten des Kindes scheint darauf abzuzielen, die alten Erfahrungen zu wiederholen, d.h. die Pflegeeltern dazu zu bringen, sich wie die leiblichen Eltern zu verhalten. So kann

  • ein sexuell missbrauchtes Kind beginnen, den Pflegevater mehr oder weniger direkt zu sexuellen Handlungen aufzufordern,
  • ein schwer misshandeltes Kind, das schreckliche Angst hat, die Pflegeeltern extrem reizen und provozieren, weil es sich wie ein „Monster“ aufführt,
  • ein verwahrlostes, unterversorgtes Kind Nahrungsmittel horten oder angebotenes Essen angewidert zurückweisen und den Pflegeeltern vorwerfen, sie würden es immer hungern lassen,
  • ein Kind, dass viel Verantwortung tragen musste, das „Management“ der Familie an sich reißen wollen, sich nichts sagen lassen und um die Mutterrolle kämpfen,
  • ein verlassenes Kind sich ständig an die Pflegeeltern klammern, um ihre vermeintliche Absicht fortzugehen, zu verhindern oder den Pflegeeltern vorwerfen, sie würden es ständig allein lassen oder schreiend jede Umarmung abwehren, weil ihm diese Nähe Angst macht, u.s.f.

Oft erscheint das Verhalten des Kindes unangemessen und fehl am Platze, weil es ja nicht auf die realen, sondern auf (z.T. unbewusst) erinnerte Situationen reagiert.

Solche Übertragungen lösen im Gegenüber, d.h. i.d.R. bei den Pflegeeltern eine emotionale Reaktion aus, die Gegenübertragung genannt wird. Diese emotionale Reaktion kann zum einen, wenn sie nicht reflektiert wird, tatsächlich dazu führen, dass es das Kind „schafft“ die Pflegeeltern dazu zu bringen, ähnlich wie die leiblichen Eltern zu reagieren (z.B. das provozierende Kind tatsächlich zu schlagen, das klammernde Kind tatsächlich fortzustoßen und Distanz zu ihm zu suchen, dem um Verantwortung kämpfenden Kind tatsächlich zuviel Verantwortung zu überlassen, fatalerweise auch das missbrauchte Kind mit Lolita-Verhalten erneut zu missbrauchen, weil es dies ja scheinbar so will etc.).

So entsteht eine Reinszenierung der Erfahrungen des Kindes und damit eine Retraumatisierung. Die Ängste und damit die Abwehrmechanismen werden verfestigt, die Gefahr, dass sich das daraus resultierende auffällige Verhalten chronifiziert ist groß.

Die Gegenübertragung kann zum anderen aber auch Emotionen auslösen, die nicht denen der leiblichen Eltern ähneln, sondern den Gefühlen des Kindes. Hier überträgt das Kind durch sein Verhalten seine eigenen Gefühle auf sein Gegenüber. So kann

  • ein aggressives „Monster-Kind“ (das sich als King-Kong aufspielt, um so stark zu erscheinen, dass sich keiner mehr an es heran traut und so versucht, seine Angst zu beherrschen) in den Pflegeeltern Angst auslösen,
  • ein missbrauchtes Kind kann Ekel auslösen,
  • ein pseudo-autonomes Kind Überforderungsgefühle,
  • ein verlassenes Kind Gefühle der Trauer und Einsamkeit etc.

Wird dies nicht erkannt und reflektiert und erleben die Pflegeeltern diese unangenehmen Emotionen als ihre ureigenen, die aber durch das Kind verursacht werden (weil es sich so oder so verhält), kann es passieren, dass die Pflegeeltern ihrerseits Abwehrmechanismen mobilisieren, um diesen Gefühlen nicht länger ausgesetzt zu sein und so die Emotionen und sogar das „verursachende“ Kind abwehren oder ablehnen.

Dies hat natürlich zur Folge, dass sich das Verhalten des Kindes verstärkt, denn es versucht nun mit „noch mehr von dem Gleichen“ (es hat ja aufgrund seiner inneren Struktur nicht viele Wahlmöglichkeiten) sein eigentliches Ziel zu erreichen. Dies kann sich in einem Kreislauf so verstärken, dass die Pflegeeltern in ihrer Hilflosigkeit und Abwehr letztlich doch reagieren wie traumatisiernde leibliche Eltern und das Kind schlagen, „verstoßen“, vernachlässigen oder verwahrlosen lassen.

Warum tun die Kinder das? Was ist ihr „eigentliches Ziel“ dabei? Wollen sie wirklich alles immer wieder erleben?

NEIN! Sie wollen nicht die reale Erfahrung wiedererleben, sie wollen:

  • mit ihren Gefühlen, die mit ihren Erlebnissen zusammenhängen, in Kontakt kommen und in der neuen Lebenssituation bestätigt bekommen, dass ihre Gefühle den schlimmen Erfahrungen angemessen waren und sie nicht verrückt oder schlecht sind
  • zeigen, was ihnen zugestoßen ist (und was sie (noch) nicht in Worte kleiden können)
  • korrigierende Erfahrungen machen, denn sie hoffen insgeheim, dass die Pflegeeltern ihre indirekten Botschaften verstehen und eben nicht so (re)agieren, wie die leiblichen Eltern.

Mit ihrem Verhalten erzählen uns die Kinder von sich, und unsere emotionalen Reaktionen darauf (Gegenübertragung) können eine sehr wertvolle Informationsquelle sein. Sie lassen uns spüren, wie das Kind die leiblichen Eltern erlebt hat (wenn es in uns Gefühle aktiviert, die denen der leiblichen Eltern ähneln) und wie sich das Kind gefühlt hat (wenn wir in der Gegenübertragung in seiner Gefühlswelt „versinken“).

Wenn es uns gelingt, in dieser Phase (die leider jahrelang dauern kann.) so reflektiert zu bleiben, dass wir zum einen das Verhalten des Kindes als Botschaft verstehen und zum anderen soviel Distanz zu unseren eigenen Gefühlen herstellen können, dass wir sie als Auswirkungen der Gegenübertragung entlarven und ihnen so ihren Informationsgehalt entlocken können, dann sind wir gut dran. Dann können wir dem Kind wirklich helfen sein Trauma zu verarbeiten, ohne dabei selber „traumatisiert“ zu werden.

Aber, wie wir alle wissen, ist es unglaublich schwer, im Alltag ständig eine so reflektierte Haltung einzunehmen, und immer ausreichend Distanz zu den eigenen Gefühlen zu wahren, in der es uns möglich wäre, echte eigene Gefühle von Gegenübertragungen zu unterscheiden (dummerweise fühlen sich beide absolut authentisch an).

Hier ist der Austausch mit anderen versierten Pflegeeltern oder gute Supervision gefragt, um sich wenigstens zwischendurch immer wieder diese Mechanismen in Erinnerung zu rufen, das Geschehen in der Familie (und im eigenen Inneren.) daraufhin zu beleuchten und das eigene Verhalten ggf. zu korrigieren.

Der Umgang mit Übertragungs- und Gegenübertragungsprozessen ist eine unserer schwierigsten Aufgaben. Wenn es gelingt, diese von Grundgedanken her als positive und informative Prozesse zu betrachten, dann ist sehr viel gewonnen. Leider erleben wir diese aber oft als belastend (was sie auch unbestreitbar sind) und als Merkmal einer Fehlentwicklung. Hier ist es wichtig, sich immer wieder klar zu machen, dass

  • der Beginn dieser Phase ein Vertrauensbeweis des Kindes ist (denn ohne Vertrauen entsteht keine Übertragung),
  • dass uns das Kind auf diese Weise etwas mitteilen möchte (auch wenn wir oft nicht auf Anhieb verstehen, was das ist),
  • dass unsere gefühlsmäßigen Reaktionen darauf ebenfalls Botschaften sind, die uns etwas mitteilen können (auch wenn sie sich so unangenehm anfühlen, dass wir sie an liebsten abschalten würden)
  • dass diese Phase enden wird, und zwar um so schneller, je besser wir die Botschaften verstehen und übersetzen, und so dem Kind helfen, sein Trauma zu bearbeiten, damit es mit seinen Übertragungen aufhören kann, weil es verstanden wurde.

Wenn es uns dann gelungen ist, dem Kind (und uns) durch diese schwierige Zeit hindurch zu helfen, es zu verstehen und ihm trotz allem genug Sicherheit zu vermitteln, dann kann es nun eine echte Beziehung zu uns aufbauen. Hiermit beginnt die dritte Phase.

Die Regressionsphase:

Nachdem wir nun dachten, es sei überstanden und das Kind würde sich nun prima entwickeln, beginnt es erneut mit merkwürdigem, meist nicht altersangemessenem Verhalten. Diesmal hat es den Anschein, als ob das Kind Rückschritte machen würde, plötzlich in seiner Entwicklung auf frühe Stadien zurückfallen würde. Dies nennt man Regression.

Diese Phase dauert meist nicht so lange und hat zum Inhalt, dass das Kind mit uns eine neue, gelungene Variante seiner frühen Kindheit durchspielen möchte. Es will ganz Kind dieser Familie werden, wenigstens symbolisch erleben, wie es wäre, wenn es hier Baby, Kleinkind (gewesen) wäre.

In dieser Phase lieben es viele Kinder unter den Pullover der Pflegemutter zu kriechen und „Geburt“ zu spielen, Fläschchen zu trinken (oder sogar an der Brust zu nuckeln), sich herum schleppen zu lassen, mit der Mutter in enge Höhlen zu kriechen und ganz viel Nähe zu tanken. Manche Kinder verfallen in Baby- oder Kleinkindsprache, beginnen wieder in die Hose zu machen oder mit Essen herumzuschmieren etc.

Wenn die Übertragungsphase zu diesem Zeitpunkt erfolgreich abgeschlossen ist, kann dies eine sehr schöne, nahe Zeit sein, wenn sich die Pflegeeltern darauf einlassen und sich bewusst sind, dass auch diese Phase vorbei geht und das Kind anschließend an seinen bereits erworbenen Entwicklungsstand anknüpfen wird, um dann rasante Fortschritte zu machen.

Verläuft diese Phase positiv, dann verinnerlicht das Kind die Werte und Normen der Pflegefamilie und wird „psychologisches“ Kind der Familie.

Schwierig ist diese Zeit, wenn die Übertragungsphase (noch) nicht erfolgreich abgeschlossen wurde und alle (noch) in dem Gefühlschaos, dem Versuch zu verstehen und dem Kampf mit den unangenehmen Emotionen stehen.

Nicht alle Kinder durchlaufen diese Phasen ordentlich hintereinander. Bei manchen treten sie auch parallel auf, sodass das Kind im einen Moment das provzierende „Monster“ ist, im nächsten Moment als nähesuchende Baby unter den Pullover kriechen möchte. Dies ist dann eine ganz besondere Herausforderung für die Pflegeeltern.) Was fangen wir nun an mit diesem Wissen? Wie können wir mit einem Kind, das auf uns all seine negativen Erfahrungen überträgt und ein ziemliches Gefühlswirrwarr in uns auslöst, umgehen? Wie helfen wir ihm (und uns), diese Zeit möglichst gut (und schnell) zu überstehen und gleichzeitig seine Traumata zu bearbeiten?

Ich hatte ja schon erwähnt, dass das Kind mit der Übertragung und auch mit den Abwehrmechanismen aufhören kann, wenn es sicher ist, dass

  • wir verstanden haben
  • es den Zusammenhang zwischen seinem Verhalten / seinen Gefühlen und den Erfahrungen mit den leiblichen Eltern in Verbindung bringen kann und so selber verstehen kann, weshalb es ist, wie es ist bzw. tut was es tut
  • es glaubwürdig rückgemeldet bekommt (und für sich angenommen hat), dass es selbst, seine Gefühle und seine Reaktionen in Ordnung (den schlimmen Erfahrungen angemessen) waren und es so erkennt, dass nicht es selbst „verrückt“ ist, sondern dass die Welt, in der es damals lebte „verrückt“ war (z.B. weil es selbstverständlich war, dass Kinder verprügelt werden, missbraucht werden, die kleinen Geschwister versorgen, das Geld statt für Kindernahrung für Alkohol ausgegeben wird etc.).

Dies bedeutet, dass es wichtig ist, die Botschaften des Kindes zu verstehen, zu entschlüsseln, ihm dies zurückzuspiegeln und so dem Kind die Möglichkeit zu geben, einen Zusammenhang zwischen seinen jetzigen So-Sein und seiner Vergangenheit herzustellen.

Außerdem ist es wichtig, dabei immer auf der Seite des Kindes zu stehen, das heißt, dem Kind immer zu vermitteln, dass seine Art, mit der schrecklichen Situation umzugehen, verständlich und angemessen war und dass es einen wirklich guten Grund hat(te), sich so zu verhalten bzw. so zu fühlen.

Das „Konzept des guten Grundes“ besagt, dass jedes auffällige Verhalten, insbesondere das von traumatisierten Kindern, einen guten Grund hat.

Kein Kind verhält sich unangepasst, um z.B. die Pflegeeltern zu ärgern, sondern es will mit seinem Verhalten etwas über sich und seine Geschichte mitteilen. Da es seine Erlebnisse meist nicht in Worte kleiden kann, teilt es sich durch sein Verhalten mit.

  • So könnte ein verwahrlostes Kind, das oft mangelernährt war, das Essen der Pflegemutter zurückweisen oder heimlich horten oder überall herumerzählen, dass es bei den Pflegeeltern nichts zu essen bekomme und auf diese Weise „erzählen“, dass es früher hungern musste.
  • Oder ein misshandeltes Kind reagiert auf schnelle Handbewegungen mit Schreianfällen oder quält den Hund oder verprügelt andere Kinder oder erzählt herum, es würde von den Pflegeeltern geschlagen. So versucht es mitzuteilen, dass es früher misshandelt wurde und noch heute Angst davor hat, wieder geschlagen zu werden.
  • Oder ein Kind ist ständig extrem zappelig und nicht zur Ruhe zu bringen. Dies Kind möchte vielleicht zeigen, dass seine Gefühle und Erinnerungen so quälend sind, dass es sich ständig ablenken muss, um nicht davon überwältigt zu werden.
  • Oder ein Kind schwärmt von seinen leiblichen Eltern, obwohl bekannt ist, dass es von ihnen schwer traumatisiert wurde und möchte auf diesem Weg mitteilen, dass seine Erlebnisse so schrecklich waren, dass es sie überhaupt nicht zugeben darf, weil es unter der Last der (realistischen) Erinnerungen zusammenbrechen würde.
  • Oder ein Kind, das dazu neigt, sich selber schlecht zu machen und stets ein sehr negatives Selbstbild zeigt, „sagt“ auf diese Weise, dass sein Weg zu überleben war, den leiblichen Eltern in ihrer Meinung über das „missratene“ Kind zuzustimmen und alle Schuld auf sich zu nehmen und das es große Angst vor den Folgen hat, wenn es diese Strategie jetzt aufgibt.
  • Oder ein Kind zerstört ständig Sachen oder schmeißt sie achtlos in die Ecke und „erzählt“ so, wie sehr es selbst zerstört wurde und wie achtlos mit ihm umgegangen wurde.

Diese Beispiele ließen sich noch weiter fortsetzen, aber der Grundgedanke ist vermutlich klar geworden. Erleben wir nun solches Verhalten, dann ist es sehr hilfreich für die Traumaverarbeitung, wenn es uns gelingt, dem Kind bei der „Übersetzung“ seines Verhaltens zu helfen. Das Kind verhält sich ja nicht berechnend, d.h. es denkt sich ja nicht „Nun verhalte ich mich mal so und so und teile damit dies und das mit. Mal sehen, ob die kapieren, was ich meine…“

Nein, das Kind weiß i.d.R. selber nicht, weshalb es dieses Verhalten zeigt und was sich dadurch ausdrückt. Gelingt es nun, gemeinsam mit dem Kind herauszufinden, welche Erfahrungen hinter dem Verhalten stehen und was es antreibt, sich so unangemessen zu benehmen, dann bekommt das Kind die Chance, sich selber zu verstehen, sich von seinem Verhalten zu distanzieren, es einzuordnen und dann aufzugeben.

Wird sein Verhalten nur sanktioniert und damit (bestenfalls) unterdrückt, wird es selber niemals verstehen, weshalb es solche Impulse hat (die es ggf. lernt nicht auszuleben, die aber deshalb nicht verschwunden sind) und kann sie dementsprechend auch nicht einordnen und danach aufgeben.

Sie kommen dann mit großer Wahrscheinlichkeit auf andere Art oder/und zu anderer Zeit wieder zum Vorschein und bringen neue Verhaltensauffälligkeiten mit sich.

Wie können wir nun dem Kind helfen, sein Verhalten zu „übersetzen“? Hier ist vor allem der verständnisvolle Dialog angesagt. In solch einem Dialog ist es wichtig, dem Kind zunächst mitzuteilen, dass man davon ausgeht, dass es einen guten Grund für sein Verhalten hat und man nicht böse auf das Kind ist, sondern Verständnis aufbringt.

Gelingt es tatsächlich, solch eine Grundhaltung einzunehmen, ist es auch für die Pflegeeltern viel einfacher, sich von auffälligem Verhalten nicht angegriffen zu fühlen, sondern selber Abstand zu nehmen und gelassen zu reagieren.

Dann ist der zweite Schritt, einen für das Kind nachvollziehbaren Zusammenhang zwischen seinem heutigen Verhalten und seinen traumatischen Erfahrungen herzustellen, damit es erkennen kann, weshalb es so agiert und im Laufe der Zeit Abstand davon nehmen kann.

Denn erst wenn das Kind Zugang zu seinen Ängsten/Emotionen findet, darüber sprechen bzw. spielen (Rollen- bzw. Puppenspiele o.ä.) kann und so den Zusammenhang mit dem Erlebten nachvollziehen kann, wird es ihm gelingen, seine Abwehrmechanismen und damit sein auffälliges Verhalten aufzugeben.

Für Pflegeeltern ist es schwierig, stets mit solch einer Grundhaltung zu reagieren, aber es wird etwas leichter, wenn sie sich vergegenwärtigen, dass das Kind zurecht total wütend auf Erwachsene ist, dass seine Abwehrmechanismen eine sinnvolle, ja z.T. überlebensnotwenige Reaktion auf „verrückte“ Lebensumstände waren und dass seine Ängste und scheinbar „verrückten“ Verhaltensweisen eine völlig angemessene und verständliche Folge seiner Erfahrungen sind.

Gestehen wir dies dem Kind aus tiefstem Herzen zu, dann ist es ein bisschen einfacher, sich nicht persönlich angegriffen zu fühlen und selber mit Abwehr, Aggression u.ä. (Gegenübertragung) zu reagieren, wenn das Kind mal wieder versucht, uns durch auffälliges Verhalten etwas über sich zu erzählen.

Nehmen wir mal an, es gelingt, einen verständnisvollen Dialog mit dieser Grundhaltung zu führen. Wie könnte der aussehen? Nehmen wir als Beispiel mal die Situation, dass ein Kind total ausrastet, rumschreit, beleidigend wird, vielleicht sogar schlägt/beißt/tritt, weil ihm etwas versagt wurde, z.B. die Schokolade vor dem Mittagessen: Kind: Wo ist die Schokolade?

Pflegemutter (PM): Es gibt jetzt keine Schokolade. Das Essen ist gleich fertig.

Kind: Ich will aber !!!!

PM: Nein, jetzt nicht. Wenn du dein Mittagessen aufgegessen hast, dann darfst du ein Stück. Kind: Ich will aber JETZT !!!!

PM: Nein, nachher….

Kind (schon deutlich lauter): Du blöde Kuh! Nie bekomme ich was von dir ! Du bist sooooooo gemein! (Tritt gegen den Küchenschrank)

PM (auch schon etwas lauter): Also, mein Lieber… so schon gar nicht! Erst nach dem Essen. Basta !!!

Kind (tickt allmählich aus): Kreisch!!!!! Ich will aber jetzt!!!!!! Gib mir die Schokolade, du blöde Ziege!!! (Schlägt nach der PM und guckt hasserfüllt)

PM (bemerkt allmählich, dass beim Kind mordsmäßig was hochkommt und schaltet -grade noch rechtzeitig um… spricht jetzt in ruhigem, freundlichen Ton): Wenn ich sehe, wie sehr es dich aufregt, jetzt keine Schokolade zu bekommen, dann frage ich mich, was wohl der Grund dafür ist… Ich bin sicher, du hast einen wirklich guten Grund, so wütend zu werden…

Kind (immer noch laut, aber etwas verblüfft): Weil du mir keine Schokolade gibst!!!!

PM: Ja, deshalb bist du jetzt so wütend, und ich denke, du bist auch früher schon oft ganz doll wütend gewesen, wenn du nichts zu essen bekommen hast…

Kind (schon leiser, etwas schnippisch abwehrend): Na und…?

PM: Ich wäre auch sehr wütend, wenn ich Hunger hätte und bekäme nichts zu essen. Das muß ganz schön schlimm sein…. Kind (überrascht, ein bisschen kläglich): Jaaa….

PM: Ich finde, wenn eine Mutter ihrem Kind gar nicht das gibt, was es zum Leben braucht, dann ist das Kind zurecht wütend…

Kind: Wirklich???

PM: Ja! Was ein Kind zum Leben braucht, das muss es bekommen, sonst bekommt es ja ganz dolle Angst und denkt vielleicht sogar, dass es gar nicht weiterleben kann. Das ist ja schrecklich für das Kind, und dass es dann ganz dolle wütend wird, das kann ich gut verstehen….

Kind (guckt erstaunt, nachdenklich): …Dann hättest du auch Angst? Und wärst auch wütend? ….wie ich….?

PM: Ja, das wäre ich wohl auch. . .

Kind (wirft einen prüfenden, aber milden Blick zur PM): …das wärst du wohl…

PM: Was hältst du davon, wenn du mir hilfst den Tisch zu decken, damit wir jetzt was Leckeres zu Mittag essen können und danach bekommst du dein großes Stück Schokolade…

Kind (versöhnlich): Na gut, aber dann bekomme ich ein gaaanz großes Stück !

PM (nimmt Kind in den Arm): Jaaa! Ein gaaaaanz großes Stück.

Hätte die Pflegemutter nicht schnell reagiert und umgeschaltet, wäre die Situation eskaliert, es wäre vermutlich zu Sanktionen gekommen, beide wären wütend auseinander gegangen und keiner hätte was gelernt. So aber hat das Kind die Chance bekommen, sich selber ein bisschen besser zu verstehen und zu erkennen, dass es selber gar nicht so „verrückt“ ist, wenn es auf die früheren Versagenssituationen mit Angst und Aggression reagiert, und es hatte so die Möglichkeit die (korrigierende) Erfahrung zu machen, dass ihm mit Verständnis begegnet wird und es darauf vertrauen kann, dass es in der Pflegefamilie bekommt, was es braucht (aber nicht unbedingt alles was es will).

Dies ist ein fiktives Beispiel eines verständnisvollen Dialogs. Solche Dialoge in Realita zu führen, ist gar nicht so einfach, vor allem, wenn sich die Situation, wie in meinem Beispiel, schon ein bisschen aufgeheizt hat. Aber es lohnt sich, darüber nachzudenken, wie es einem selber gelingen kann, zumindest gelegentlich auf solch eine Weise zu reagieren.

Wir können aber noch mehr tun, um den Kindern zu helfen, mit ihren Gefühlen und Erlebnissen in Kontakt zu kommen und diese zu verarbeiten. Eine weitere Möglichkeit sind Kampf- und Rollenspiele. Viele Kinder begeben sich gern in die Rolle des Täters und agieren spielerisch ihre Aggressionen aus. Auch wenn uns die zugewiesene Opferrolle unangenehm sein sollte, ist sie eine Chance, dem Opfer (d.h. dem Kind in seiner damaligen Situation) eine Stimme zu geben und für das Kind zu sprechen. Ein Beispiel:

Pflegevater (PV) und Kind rangeln und toben. Es wird gelacht und gerauft. Plötzlich beginnt das Kind hart zuzuschlagen und nimmt den PV in den Würgegriff….

PV: Hui, wer bist du denn jetzt?

Kind (in despotischem Tonfall): Ich bin viel stärker als Du!! Ich mach dich jetzt tot!!!

PV: Ach, du bist jetzt wohl ein böser Mann…dann bin ich jetzt wohl mal das Kind… (in ängstlichem Tonfall) Hilfe!!! Ich hab Angst!!! Warum hilft mir denn keiner?

Kind: Ha, dir wird keiner helfen! Ich kann mit dir machen was ich will!

PV: Hilfe! Hilfe! Der will mir weh tun!!! Bitte tu mir nicht weh….!

Kind: Doch! (haut auf den PV ein)

PV: Aua!!!! Nein!!! Ich will das nicht!! Das ist ganz gemein und böse, wenn die Großen Kindern weh tun…..Hör auf!!!

Kind: Nein! (holt ein Band und fesselt den PV)

PV: Nein! Nicht!!! Helft mir doch!!! Der Mann ist ganz böse zu mir! Ich hab ganz dolle Angst !!

Kind: Ha, Haaaa!! Ich bin böööööse!!!

PV: Ja, du bist ein ganz böser Mann ! So was darf man nicht machen!!! Das macht Kindern schreckliche Angst und es macht sie gaaaanz doll wütend (jetzt beginnt sich der PV zu wehren)!!!!

Kind: Waaaas??? Du wehrst dich? Na warte….(will zuschlagen)

Da greift die PM ein und beschützt das Kind (PV) vor dem „bösen Mann“.

PM: Das ist ja schrecklich, was der Große da mit dem Kind gemacht hat. Das arme Kind!!! (bindet den PV los) Das hatte bestimmt ganz schreckliche Angst. Wenn Erwachsene Kindern so weh tun, dann ist das ganz schlimm. Die Kinder können sich ja gar nicht richtig wehren, auch nicht, wenn sie ganz doll wütend werden. Die Kinder haben dann bestimmt noch oft ganz lange später Angst oder sind ganz wütend auf alle Erwachsenen.

PV (steigt aus seiner Rolle aus und steht auf): Oh ja, das hab ich jetzt auch gespürt, wie das Angst macht und wie wütend einen so was macht. Ich denke auch, dass Kinder sich noch lange so schrecklich fühlen, wenn sie so was erlebt haben. (holt das Kind aus seiner Rolle als „böser Mann“, indem er es auf den Arm nimmt oder sich vor es hinhockt und sagt) Für dich war das damals bestimmt auch ganz schlimm, mein kleiner Schatz (sanfte Berührung). Ich werde ganz wütend, wenn ich daran denke, dass dir jemand so wehgetan hat. Da kann ich wirklich gut verstehen, wenn du manchmal jetzt noch traurig oder wütend bist oder Angst hast. Wenn Dir oder den anderen Kindern jemals jemand weh tun wollte, dann werde ich euch davor beschützen, versprochen!

PM: Ja, ich auch! So was wird unseren Kindern nie wieder passieren! Da passen wir gut auf! (Beide nehmen das Kind in den Arm)

So ähnlich könnte ein Spiel ablaufen. Wichtig ist, am Anfang klarzustellen, dass nun ein Rollenspiel beginnt (…du bist jetzt wohl….und ich bin dann jetzt…) und ebenso das Ende klar zu kennzeichnen (durch Änderung der Körperhaltung, der Stimmlage, der Position im Raum oder direkt per Ansage „Ich bin jetzt wieder ich“), damit keine Verwirrung beim Kind auftritt. Wichtig ist auch, dafür Sorge zu tragen, dass das Kind wieder aus seiner Rolle aussteigt, wenn das Spiel zuende ist.

Eine weitere Möglichkeit ist das Selbstgespräch bzw. das Gespräch zwischen den Pflegeeltern, in dem Gedanken geäußert werden, was wohl der gute Grund des Kindes für sein Verhalten sein könnte. Dann braucht das Kind nicht direkt zu reagieren, hört aber sehr wohl, dass die Pflegeeltern Verständnis haben und sich über das Kind Gedanken machen und es kann vielleicht sogar den einen oder anderen Gedanken aufschnappen und für sich weiter denken.