Kinder können Schwieriges verarbeiten

mit Irmela Wiemann sprach Kathrin Barbara Zatti
aus Netz, Zeitschrift für das Pflegekinderwesen (Schweiz) Heft 2/ 2002

Was ist das Charakteristische in der Lebensgeschichte von Pflegekindern?

Das Besondere ist, dass Pflegekinder zwei Familien haben, eine, in der sie leben – und eine andere, aus der sie kommen. Zudem weist ihr Leben schwere Brüche auf, sie sind von Abschied, Schmerz und Trennung geprägt.

Das ist etwas ausserordentlich Schwieriges und Kompliziertes. Es existiert kein Modell, dass Kinder zwei Familien haben. Pflegekinder haben innerlich keine Klarheit, dass beide Familien zu ihrem Leben gehören. Sie müssen lernen, damit umzugehen: Das ist das Schwere, das Pflegkinder leisten müssen.

Wie kann man Kinder dabei unterstützen?

Das Entscheidende ist die innere Haltung der Bezugspersonen. Wenn die Pflegeeltern den Herkunftseltern des Kindes emotional – innerhalb des Lebensraums – einen Platz geben, dann können Kinder auch besser mit ihrer Ausnahmesituation aufwachsen.

So früh wie möglich sollten Pflegeeltern den Kindern sagen, dass sie von ihrer Mama und ihrem Papa abstammen. Sie können einem Kind auch beispielsweise sagen: „Dass du so gut bist im Rechnen, das hast du vielleicht von deiner Mutter, denn sie konnte womöglich auch gut rechnen. Dass du im Sport so gut bist, hast du wohl von deinem Vater.“ Das Kind braucht eine Wertschätzung seiner Herkunft. Es geht darum, dass die Eltern im Leben des Kindes präsent bleiben dürfen.

Dabei reicht es nicht, den Kindern zu erzählen, dass sie im Bauch „einer andern Frau“ gewachsen sind. Diese Formulierung ist zu distanziert. Es sollte dem Kind gesagt werden: „Deine erste Mutter“ oder so ähnlich. Es geht darum, die Präsenz herzustellen und die Eltern ein Stückchen im Alltag mitleben zu lassen. Das ist auch möglich bei Babys oder auch bei Kindern mit einer geistigen Behinderung. Man kann ihnen immer wieder erzählen, woher sie kommen. Und allmählich können sie es einordnen.

Und wie sagt man den Kindern, weshalb sie nicht mehr bei ihren Eltern leben?

Die Kinder haben grosse Mühe, damit leben zu lernen, dass die Eltern ja etwas Wichtiges nicht konnten: Sie konnten nicht jeden Tag für das Kind sorgen, sonst wäre das Kind nicht in der Pflegefamilie. Hier ist wichtig, dem Kind zu vermitteln, dass die Eltern dadurch gut für das Kind gesorgt haben, dass es jetzt in der Pflegefamilie leben kann.

Wenn Eltern emotional der Platzierung nicht zugestimmt haben, wird es schwieriger. Dann brauchen Pflegeeltern weitere Kompetenzen, um eine Balance herzustellen. Sie müssen ertragen lernen, dass die andere Seite sie nicht wertschätzt, sie vielleicht sogar bekämpft. Damit die Kinder in solchen Konflikten nicht vollends zerrissen werden, brauchen sie Bezugspersonen, die sagen können: „Ich würde vielleicht an der Stelle deiner Mutter oder an der Stelle deines Vaters ähnlich handeln, ich würde vielleicht auch immer kämpfen. Ich kann das verstehen, und ich bin ihnen deswegen nicht böse.“ Wenn sie das signalisieren können, kann ein Kind sogar mit einem solch schweren Konflikt aufwachsen.

Das A und O sind also die Haltungen der Bezugspersonen, das ist die Grundlage für alles, was dann die Biografiearbeit ausmacht. Ich kenne Pflegeeltern, die haben – als das Kind zu ihnen kam, direkt aus der Herkunftsfamilie – sogleich die Kleider, die die Kinder trugen, in den Abfall geworfen. Damit haben sie die Herkunft des Kindes entwertet.

Hilfreich ist es hingegen, wenn Pflegeltern das, was das Kind mitbringt, zum Beispiel, was es in seiner Tasche hatte, aufbewahren. Sie können die Sachen in eine Erinnerungskiste tun und damit dem Kind vermitteln: „Was bisher war, ist wichtig.“ Wenn die leiblichen Eltern noch so Schwerwiegendes falsch gemacht haben, sie hatten es einmal besser vor. Das Kind kann sich selbst nur wertvoll fühlen, wenn seine Eltern auch gute Seiten haben dürfen.

Wie können Pflegeeltern eine solche Haltung entwickeln?

Wenn die Eltern keine schweren Fehler gemacht hätten, wenn sie nicht in schweren sozialen, psychischen, ökonomischen Krisen gesteckt hätten, wäre das Kind nicht bei den Pflegeeltern. Da ist es auch hilfreich, wenn wir uns die Lebensgeschichten dieser Herkunftseltern anschauen. So können Pflegeeltern begreifen lernen, dass diese Menschen häufig schlechte Startbedingungen hatten, selten lernen konnten, wie man die Elternrolle übernimmt.

Pflegeeltern zu sein, bedeutet nicht nur, stellvertretend die Elternrolle für die Kinder zu übernehmen. Sie haben einen zweiten Auftrag, nämlich den Kindern Hilfestellung zu geben bei der Bewältigung ihrer besonderen Geschichte, ihrer Herkunft. Sie müssen sich qualifizieren dafür, sich zum Beispiel damit auseinander setzen, was bedeutet, drogenabhängig zu sein, sie müssen sich dann zu ExpertInnen der Drogenpolitik machen. Es reicht nicht, nur eine neue Familie anzubieten.

Wie können Pflegeeltern damit umgehen, wenn ein Kind schwer traumatisiert ist?

Ein schwer traumatisiertes Kind hat alles Schlimme in sich gespeichert. Im Umgang damit gehen Pflegeeltern durch verschiedene Phasen. Eine erste Phase besteht oft im Durchleben von Wut, Hass, Trauer, Verzweiflung gegenüber den Menschen, die das Schlimme getan haben. Ein zweiter Schritt besteht darin, Ja dazu zu sagen, dass das, was geschehen ist, nie mehr rückgängig und ungeschehen gemacht werden kann. Darauf kann der dritte Schritt folgen: diese furchtbare und bittere Geschichte zu akzeptieren.

Oft bedeutet das, bereit zu sein, mit schmerzlichen und negativen Anteilen in sich selbst in Berührung zu kommen und sich selber zu fragen, wo Sie in Ihrem Leben Fehler gemacht haben, die Sie am liebsten rückgängig gemacht hätten. Dann ist es leichter, anderen Menschen zuzugestehen, dass sie so Entsetzliches getan haben. Dazu gehört auch, sich bewusst zu machen, wie furchtbar es für die betroffenen Herkunftseltern ist, mit so einer Tat weiterzuleben und zu verstehen, dass da manchmal nur der Weg der Verleugnung bleibt. Und im letzten Schritt geht es dann darum, dem Kind zu ermöglichen, alle diese schrecklichen und Angst machenden Erlebnisse wieder zu berühren.

Wie können Pflegeeltern das machen?

Ich habe mit einer Pflegefamilie gearbeitet, deren Pflegekind von seinem Vater aus dem Fenster geworfen wurde, als es zweieinhalbjährig war. Es kann schwer verletzt ins Spital. Da haben die Pflegeeltern für das Kind eine Bilderbuch angelegt, mit Zeichnungen all der Situationen: wie Papa und Mama einander anschreien, wie Papa das Kind verprügelt, wie er es aus dem Fenster wirft , das Kind im Spital. Sie haben dem Kind dieses Buch immer wieder gezeigt, als es fünf war. Dieses Kind hat angefangen zu sprudeln und konnte alle diese Geschehnisse benennen. Seit das Kind in Berührung gekommen ist mit diesem furchtbaren Schmerz, war es wie ausgewechselt.

Wer das Schreckliche abspaltet, wird nicht dadurch unbelastet leben können. Wer aber mit einem Gegenüber, welches das Schreckliche aushält, darüber sprechen kann, kann es integrieren. Das gilt auch für Kinder. Je mehr wir ihm kindgerechte Angebote machen, desto mehr kann das Kind seelisch ein vollständiger Mensch werden. Kinder können Schwieriges verarbeiten, und wir sollten ihn das zutrauen.

Das können sie aber nicht alleine. Was für Hilfen und Unterstützung brauchen sie?

Jedes Kind hat zwei widerstreitende Bedürfnisse: Einerseits würde es dem Schmerz gerne ausweichen, und auf der andern Seite spürt es, wie wichtig es ist, mit diesem Schmerz in Berührung zu kommen. Es gibt Phasen, wo Kinder zu einer Konfrontation mehr Bereitschaft haben. Dazwischen brauchen sie auch Erholungsphasen. Kinder sind hochgradig davon abhängig, was für Signale ihnen die Bezugspersonen geben, sie spüren in der Regel sehr deutlich, ob Pflegeeltern das Schwere aushalten.

Es ist wichtig, dass Pflegeeltern lernen, die Signale des Kindes zu verstehen. So fragt ein Kind beispielsweise während einer Autofahrt, bei der die Pflegemutter sich auf den Verkehr konzentrieren muss, warum der Vater es damals immer verhauen hat. Wenn die Mutter nicht bei der nächsten Gelegenheit anhält oder die Frage später aufnimmt, wird das Kind entmutigt sein. Auch wenn es auf eine Frage nur die Antwort „das weiss ich nicht genau“ bekommt. Dann fragt es vielleicht nie mehr. Pflegeeltern müssen als sehr feinfühlig und hellhörig sein und auf die Zeichen der Kinder eingehen.

Was können Pflegeeltern machen, wenn ein Kind von sich aus nicht von seiner Vergangenheit und seiner Familie sprechen will?

Sehr hilfreich sind konkrete Dokumente, die immer wieder gezeigt werden können. Wir können dann diese Dokumente hervornehmen und sagen: „Ich würde das gerne mit dir anschauen.“ Wenn man das Kind fragt, ob es will, schiebt man die Verantwortung auf das Kind. Die Verantwortung liegt bei den Erwachsenen! Lehnt ein Kind ab, dann muss man das natürlich respektieren.

Kinder können aber meistens darauf eingehen – wenn nicht, hängt das oft auch damit zusammen, dass sie unsicher sind, ob die Pflegeeltern auch damit umgehen können, ob sie den Schmerz, das Schreckliche aushalten. Für Pflegeeltern bedeutet das, anzunehmen, dass das Leben auch schmerzhafte und schwierige Seiten hat. Was die Lebensgeschichte eines Pflegekindes betrifft, so können die Pflegeeltern dem Kind seine Geschichte aufschreiben. Aber auch die Vermittlungsdienste, die Fachleute und die leiblichen Eltern haben eine Verantwortung. Sie können dem Kind viel mitgeben, Fotos, Erinnerungen, Briefe.

Wichtig ist auch, dass die Fachleute die Pflegeeltern offen und umfassend informieren. Ich kenne sogar Herkunftseltern, die bereit waren, ihren Kindern Fotoalben zusammenzustellen, die Abschiedsbriefe geschrieben haben und den Kindern auch aufgeschrieben haben, wieso sie nicht mit ihnen zusammenleben. Das ist natürlich besonders wertvoll für die Kinder.

Die Fachleute könnten für das Kind das Auftragsverhältnis an die Pflegefamilie formulieren, zum Beispiel: „Deine Pflegeeltern sind für deine Eltern eingesprungen, sie helfen deinen Eltern, indem sie für dich da sind.“ So wird den Kindern viel klarer, was ihre Rolle in der Pflegefamilie ist.

Viele Pflegekinder haben Lücken in ihrer Lebensgeschichte. Was bedeutet dies für ein Leben, und wie kann man damit umgehen?

Hier sind Pflegeeltern manchmal verzweifelt. Viele bemühen sich ja um Recherchen und um möglichst viel Informationen und sind dann enttäuscht, wenn nichts oder nur wenig herauszufinden ist. Dann geht es darum, die Lücke als dazugehörig anzunehmen. Das ist immer ein Prozess von Trauer und Schmerz. Es geht darum, der Trauer Platz zu geben im Leben. Auch hier lässt sich nicht etwas konfliktfrei und rund machen, was irgendwann dramatisch und konfliktfreich begonnen hat.

Ein Riss im Leben hat zur Folge, dass es später Schmerzen gibt und dass es zum Leben gehört, dass da etwas fehlt: Dazu Ja zu sagen, ist der einzige Weg. Auch hier brauchen die Kinder wieder ein Modell in den Erwachsenen – Menschen, die zu ihnen sagen: „Wenn ich das alles nicht wüsste, dann wäre das für mich bitter.“ Man kann auch mit Ritualen arbeiten und so zum Beispiel abwesende Eltern für das Kind präsent machen. Etwa: „Heute hast du Geburtstag: Wir wollen uns ein Bild malen, wie wir uns deine Eltern vorstellen, die dir das Leben gegeben haben.“
Irmela Wiemann ist Psychologin und Familientherapeutin mit vielfältiger Erfahrung mit Pflegekindern, sowohl als Pflegemutter wie auch in der Beratung und Begleitung von Pflege- und Adoptivkindern, Pflegeeltern, Adoptiveltern, Fachleuten und Herkunftseltern. Als Kursleiterin ist Irmela Wiemann in Deutschland und auch hin und wieder in der Schweiz tätig. Von Irmela Wiemann sind im rororo Verlag vier Bücher erschienen:

  • Pflege- und Adoptivkinder, Familienbeispiele, Informationen, Konfliktlösungen, sechste Auflage 2000
  • Ratgeber Adoptivkinder, Erfahrungen, Hilfen, Perspektiven, vierte Auflage 2001
  • Ratgeber Pflegekinder, Erfahrungen, Hilfen, Perspektiven, vierte Auflage 2001
  • Wie viel Wahrheit braucht mein Kind? Von kleinen Lügen, grossen Lasten und dem Mut zur Aufrichtigkeit in der Familie, 2001

Weitere Informationen finden Sie bei http://www.IrmelaWiemann.de