Heilsame Bindungen für schwer traumatisierte Kinder

von Christoph Malter

Quelle: Arbeitsgemeinschaft für Sozialberatung und Psychotherapie (AGSP)

  1. Hintergründe zur Vermittlungspraxis von verhaltensauffälligen Kindern

Verhaltensgestörte ältere Kinder oder Jugendliche werden nur selten in eine Pflegefamilie vermittelt. Sozialpraktiker nennen dafür unterschiedliche Gründe. Sie seien für Familien nicht tragbar und dort kaum zu integrieren. Das Risiko des Scheiterns einer Pflegebeziehung sei erheblich. Außerdem gäbe es zu wenig geeignete Bewerberfamilien. Das sind nur einige der häufig genannten Gründe, die sich auch in der Bundesstatistik widerspiegeln: Während bei der Fremdunterbringung von Kindern bis zu einem Jahr das Verhältnis bei 2:1 zugunsten von Pflegefamilien liegt, ist es bei der Altersgruppe der 9–12-jährigen schon umgekehrt, mit steigender Tendenz. Anders ausgedrückt: Je älter ein Kind zum Zeitpunkt der Fremdunterbringung, um so größer die Wahrscheinlichkeit der Heimpflege.

 

  1. Entwicklungspsychologische Erkenntnisse über die Folgen früher Traumatisierung

Unstrittig sind heute in Fachkreisen die verheerenden Folgen von Vernachlässigung und Misshandlung in früher und frühester Kindheit, sowie die langanhaltenden Folgen von Mutterentbehrung (maternal deprivation) besonders in den ersten 5 Lebensjahren.

Die komplexen Zusammenhänge und schädigende Einflüsse während frühkindlicher Entwicklungsphasen sind in der psychoanalytischen ICH-Psychologie (inbes. Spitz) und der Bindungstheorie (insbes. Bowlby) ausführlich beschrieben. Das wichtigste Ergebnis, dass Vernachlässigung, Misshandlung und Missbrauch dauerhafte hirnorganische Beeinträchtigungen zur Folge haben, bestätigt nun die neurophysiologische Traumaforschung. (insbes. Kolk, vgl. a. Hüther u.v.a.m.).

Vernachlässigung, Misshandlung und Missbrauch haben substantielle psychische und physische Folgen. Im Gegensatz zu ignoranten Behauptungen in einschlägigen sozialpädagogischen Texten (vgl. z. B. Schone u.a., 1997) gibt es eine Fülle aussagekräftiger Forschung, die Martin Dornes folgendermaßen bilanziert:
„Es besteht Übereinstimmung darin, dass die verschiedenen Formen von Kindesmisshandlung langfristig (und kurzfristig) erhebliche negative Auswirkungen auf die weitere seelische Entwicklung haben.“ (Dornes, 1997, S.231)

 

  1. Zur Behandlung der Folgen von Misshandlung und Vernachlässigung

Der Kontroverse darüber, wie bereits geschädigte Kinder behandelt werden können (vgl. Zenz, 2000, 2001), liegt letztendlich die Frage zu Grunde, was bindungsgestörte Kinder zur Ausheilung benötigen.

Zunächst benötigen sie Schutz vor weiteren Verletzungen und Übergriffen (vgl. Stiftung „Zum Wohl des Pflegekindes“, 2001, Leitsätze, S. 18). Sie benötigen ferner viel Aufmerksamkeit und positive Zuwendung (vgl. Perry, 2001). Ersteres klingt trivial, ist aber bei Weitem nicht immer realisierbar, wenn man bedenkt, dass oftmals „…. Eltern trotz psychotherapeutischer Behandlung die Misshandlung fortsetzten. In der psychodynamisch orientierten Studie von Martin und Beezley (1976), die einen Zeitraum von viereinhalb Jahren nach dem ersten Auftreten der Misshandlung umfasste, misshandelten immerhin noch 68 % der in Psychotherapie Befindlichen ihr Kind weiter.“ (Dornes in Egle et al., 2000, S. 82)

 

Kinder, die mit Bindungen keine oder sehr schlechte Erfahrungen gemacht haben, brauchen neue Bindungserfahrungen, die liebevoll und verlässlich sind (vgl. a. Nienstedt, Westermann, 1990). Aus bitteren Erfahrungen werden vernachlässigte und traumatisierte Kinder solchen Angeboten zunächst aber ausweichen und sie sogar bekämpfen. Das ist ihre Art, sich vor weiteren Enttäuschungen zu schützen.

Katja Rauch (2000) betont: „Pflegeeltern können deshalb nur eines tun: das herausfordernde Verhalten des Kindes aushalten. Der einzige Weg dieses Verhalten mit der Zeit vielleicht zu ändern, führt über die Beziehung. Wenn das Kind die Erfahrung machen kann, dass es in der neuen Beziehung zu den Pflegeeltern voll und ganz akzeptiert ist, dass es verstanden und umsorgt wird und sich auf sie verlassen kann, wird es ihm möglich, seine mitgebrachten Überlebensstrategien aufzugeben.“ (Rauch, 2000)

Über die Erfahrungen mit Pflegefamilien im Therapeutischen Programm für Pflegekinder (TPP) der Arbeitsgemeinschaft für Sozialberatung und Psychotherapie (AGSP) soll in den folgenden Abschnitten berichtet werden.

 

  1. Die Forschung der AGSP und Konzeptentwicklung des TPP

Das Konzept betont die therapeutische Potenz von Pflegeeltern und Pflegekindern: Erst Beziehung, dann Erziehung! Kinder, die keine Liebe und keine Verlässlichkeit erlebt haben, brauchen über lange Zeit wenigstens einen Menschen, der frei von Sozialisationsaufträgen eine liebevolle Vertrauensbeziehung anbietet (vgl. Eberhard u. Eberhard, 2000). Das Aufnahmealter der im TPP aufgenommenen Kinder beträgt im Durchschnitt etwas mehr als 9 Jahre, und die meisten Kinder konnten bis zu ihrem 18ten Lebensjahr und darüber hinaus im pflegefamiliären Rahmen aufwachsen (vgl. Eberhard & Eberhard, 2000). Das Typische an den Lebensgeschichten liegt darin, dass sie zahlreiche Vernachlässigungs-, Misshandlungs- und Missbrauchserlebnisse enthalten. Für Kinder mit desorganisiertem Bindungsverhalten ist der im internationalen Recht gesetzte Akzent des „Permanency Planning“, also die Sicherung der Dauerhaftigkeit der Lebensumstände, besonders wichtig. Er findet seinen Niederschlag in der mittlerweile auch in Deutschland ratifizierten UN-Kinderechtskonvention (vgl. Maywald, 2001). Die Entwicklung heilsamer Bindungen in der Pflegefamilie ist oftmals nur dann möglich, wenn Eltern ihre Kontaktwünsche für eine gewisse, notfalls auch längere Zeit zurückstellen.

 

Trotz des hohen Aufnahmealters kann das TPP überdurchschnittlich viele dauerhafte Pflegeverhältnisse vorweisen, und hat dem am häufigsten reklamierten Mangel der Pflegeerziehung, nämlich dem hohen Abbruchrisiko erfolgreich entgegengewirkt. Über 60% der aufgenommenen Kinder verbringen mehr als 5 Jahre im TPP. Das sind mehr als doppelt so viele langfristige Pflegebeziehungen als in der Bundesstatistik. Die empirische Auswertung psychosozialer Merkmale ergab im Längsschnitt keinerlei signifikant negative Verläufe. Bei 21 von den insgesamt 78 Merkmalen – nämlich in den Merkmalsyndromen „Soziale Anpassung nach außen“, „Zugang zu eigenen Gefühlen“ und „familiäre Identität in der Pflegefamilie“ – resultierten statistisch signifikante Aufwärtstrends (vgl. Malter, Eberhard, 2001), d.h. die positive Entwicklung der Kinder in diesen Lebensbereichen ist keine zufällige.

 

Des Weiteren kann berichtet werden, dass bis heute keines der ehemaligen TPP-Pflegekinder kriminell geworden ist. Wohl aber einige ihrer Geschwister, die im dissozialen Milieu oder in der Heimpflege verblieben. Viele leben in erstaunlich stabilen Partnerschaften und halten den Kontakt zu ihren Pflegeeltern.

 

  1. Besonderheiten bei der Pflegeelternauswahl und -ausbildung

Die Pflegeeltern des TPP werden überwiegend danach ausgewählt, ob sie ihre eigenen Kinder zu liebes- und arbeitsfähigen Menschen herangebildet haben. Weil alle Pflegekinder mehr oder weniger traumatisiert sind und erhebliche Störungen des Erlebens und Verhaltens bieten, bekommen die Pflegeeltern ein sonderpädagogisches Erziehungsgeld, sowie jederzeit, d.h. auch außerhalb der Dienstzeiten sozialpädagogische und psychotherapeutische Beratung. Sie werden unabhängig von ihrer Vorbildung als professionelle Sozialpädagoginnen honoriert, bilden supervidierte Arbeitskreise und helfen einander. Ferner nehmen sie obligatorisch an der Weiterbildung und Aktionsforschung der AGSP teil (vgl. Eberhard u. Eberhard, 1996).

 

Das TPP ist nicht nur ein Modell, das sich durch nachgewiesene Wirksamkeit auszeichnet. Es arbeitet auch wesentlich ökonomischer als die traditionelle Heimerziehung. Viele von Fachkräften schon lange eingeforderte Standards für Pflegefamilien werden eingelöst, wie z. B. Beiträge zur Rentenversicherung für Pflegeeltern, kontinuierliche Qualifizierung, praktische Unterstützung u.v.a.m. Deshalb ist das TPP kostenintensiver als die herkömmliche Pflegefamilienerziehung. Wegen ihrer finanziellen und personellen Angebote hatte die AGSP aber bisher auch keine Probleme, genügend Pflegeeltern anzuwerben. Hierzu auch Salgo: „Leider werden auch nicht in allen Jugendämtern die Chancen zur fachlichen Qualifikation dieses sensiblen Bereichs mittels Beratung und Unterstützung von Zusammenschlüssen der Pflegeeltern genutzt, obwohl Jugendämter hierzu gesetzlich verpflichtet sind (§§ 37 Abs. 2 Satz 2 i.V.m. § 23 Abs. 4). Die Potentiale an Pflegefamilien sind keineswegs überall erschöpft, vielmehr verfügen Jugendämter, die in die Werbung, Beratung und Qualifikation investieren und Pflegeeltern wirklich als Partner der Jugendhilfe behandeln, nach wie vor über geeignete Pflegefamilien; ein beklagter Mangel an geeigneten Vollzeitpflegestellen ist oft Indiz für mangelnde Aktivitäten in den genannten Bereichen.“ (Salgo, 2001, S. 55)

 

Literatur:

  • Bowlby, J.: Maternal Care and Mental Health. Genf: WHO-Monogr. Ser. No. 2. 1951
  • Bowlby, J.: Attachment and loss, Vol. 1: Attachment. New York 1969
  • Bowlby, J.: Attachment and loss, Vol. 2: Separation. New York 1973
  • Dornes, M.: Die frühe Kindheit. Frankfurt/M. 1997
  • Dornes, M.: Vernachlässigung und Misshandlung aus der Sicht der Bindungstheorie. In: Egle, U., Hoffmann, O., Joraschky, P. (Hg.): Sexueller Mißbrauch, Mißhandlung, Vernachlässigung. Stuttgart 2000 (2. Aufl.)
  • Eberhard, K., Eberhard, G.: Aktionsforschung als Grundlage der Pflegeelternausbildung. In: Neue Praxis, H. 2, 1996
  • Eberhard, G., Eberhard K.: Das Intensivpädagogische Programm – ein Aktionsforschungsprojekt für psychisch traumatisierte Kinder und Jugendliche in sozialpädagogisch und psychotherapeutisch betreuten Pflegefamilien. Idstein/Wörsdorf 2000
  • Hüther, G.: Und nichts wird fortan so sein wie bisher. Die Folgen traumatischer Kindheitserfahrungen für die weitere Hirnentwicklung. In: PAN (Hg.): Traumatisierte Kinder in Pflegefamilien und Adoptivfamilien, Ratingen, 2002
  • Kolk,B., McFarlane, A., Weisaeth, L.: Traumatic Stress. Grundlagen und Behandlungsansätze. Paderborn, 2000
  • Malter, C., Eberhard, K.: Entwicklungschancen für vernachlässigte und misshandelte Kinder in sozialpädagogisch und psychotherapeutisch betreuten Pflegefamilien. In: 2. Jahrbuch des Pflegekinderwesens der Stiftung „Zum Wohl des Pflegekindes“ (Hg.), Idstein 2001
  • Martin, H. u.a.: Therapy for abusive parents: Its effect on the child. In: Martin, H. (Ed.): A multidisciplinary approach to developmental issues and treatment. Cambridge 1976
  • Maywald, J.: Konsequenzen der Bindungsforschung für die Arbeit mit Pflege- und Adoptivkindern. In Kindeswohl, H. 1, 2001
  • Nienstedt, M, Westermann, A.: Pflegekinder. Münster 1990 (2. Aufl.)
  • Perry, B.: ´Bonding´ und ´Attachment´ bei misshandelten Kindern. In: www.childtrauma.org und Forum/Artikel, www.agsp.de, (dt. Übersetzung) 2001
  • Perry, B.: Violence and Childhood. In: www.childtrauma.org und Forum/Artikel, www.agsp.de, 2000
  • Rauch, K.: Strategien zum Überleben. In: Das Netz, H. 4, 2000
  • Salgo, L.: Zielorientierung und Hilfeplanung nach dem SGB VIII (KJHG). In: 2. Jahrbuch des Pflegekinderwesens der Stiftung „Zum Wohl des Pflegekindes“ (Hg.), Idstein 2001
  • Schone, R.; Gintzel, U., Jordan, E., Kalscheuer, M., Münder, J.: Kinder in Not. Vernachlässigung im frühen Kindesalter und Perspektiven sozialer Arbeit, Münster, 1997
  • Spitz, R.: Hospitalism. Psychoanalytic Study of the child, I. New York: Int. Univ. Press 1945
  • Spitz, R.: Anaclitic Depression. Psychoanalytic Study of the child, II. New York: Int. Univ. Press 1946
  • Spitz, R.: Angeboren oder erworben? Beltz 2000
  • Statistisches Bundesamt (Hg.): Fachserie Sozialleistungen, Reihe: 4 Hilfe zur Erziehung außerhalb des Elternhauses. Wiesbaden 2000
  • Zenz, G.: Konfliktdynamik bei Kindesmißhandlung und Intervention der Jugendhilfe. In: Frühe Kindheit, H.4, 2000
  • Zenz, G.: Zur Bedeutung der Erkenntnisse von Entwicklungspsychologie und Bindungsforschung für die Arbeit mit Pflegekindern. In: 2. Jahrbuch des Pflegekinderwesens der Stiftung „Zum Wohl des Pflegekindes“ (Hg.), Idstein 2001